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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-21 · Heft 8 (21.2.1902) · p. Seite 92

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 8 (21.2.1902)
Date
1902-02-21
Page
Seite 92 (sequence 10)
Language
German
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92 Er verfolgt die „Flut und Ebbe" des jüdischen Einflusses bis zur „Kommune 1871, welche voll Anfang an allen Einsichtigen eine jüdisch-napoleonistische Machination dünkte". Da wäre es gar nicht wunderbar, wenn er auch den Sturz Bismarcks als jüdische Machination bezeichnete. „Dle Juden haben einen großen und historisch verderblichen Einfluß ausgeübt. (Seite 336.) Kaiser Tiberius, der tüchtigste Herrscher- Roms, erkannte in den Inden eine nationale Gefahr. Der Hohenstanfe Friedrich N., der Beschützer hebräischer Gelehrter, wies, sie von allen öffentlichen Aemtern ausschließend, warnend darauf hin, daß, wo man den Juden zur Gewalt znlasse, erste mißbrauche. Genair dasselbe lehrte der andere große Friedrich!!., der Hohenzoller, der jede Freiheit gewährte, nur nicht .die der Juden; nicht unähnlich hat sich Bismarek geäußert (1887) Herder und Goethe halten die Inden für eine Gefahr unserer Kultur." (!) - Das ist eine kleine Blumenlese aus dem wellerschütternden Buche Band! des „Künstlers" Houston Chamberlain, der die Wissenschaft perhorreszirt und die Geschichte nach seinem subjektiven Gefühle ummodelt. Mit dem Jahre t, das heißt dem Eintritt der Germanen in die Geschichte, beginnt erst die Weltgeschichte, das Mittelalter erkennt er nicht an, die neuere Zeit beginnt mit dem Jahre 1215 durch die englische Habeaskorpus- Akte und der Städtebildung. Die Reformation oder Kirchenspaltung hat für die Entwickelung der anglo-germanischen Kulturträger keinen Werth; das IN. Jahrhundert ist das der Rasse als nothwendige Folge der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Denkens. Die stärkste germanische Rasse sind die Engländer. Die Hohenzollern sind für ihn die tonangebenden Demokraten unseres Jahrhunderts durch die voll ihnen gepflegte Methodik der Arm- und Beinbewegungen, der Millenserziehung, des Gehorsams, der Pflicht, der Verantwortlichkeit. Der Germane ist der einzige auserwählte Kulturträger, das vermag er durch seine Rasse, gepaart mit dem Christenthum. (S. 44) „Ich bin nicht gekommen, den Frieden, sondern das Schwert zu senden," sagt schon Christus. „Die christliche Idee ist in einem gewissen Sinne eine antisoziale, der Christ will nicht mehr das ruhige Glück, des Glückes der Bienen und Ameisen theilhaftig sein. Bezeichnet man das Christenthnm kurzweg als die Religion der Liebe, so hat mall seine Bedeutung für die Geschichte der Menschheit nur oberflächlich gestreift. Das Leben ist tragisch geworden; der Germane bringt mit dem Schwert in der Hand überall, wo er hinkommt, „die Hefe des Zwistes", den Untergang oder die Kultur." So hat in einfachster Weise Chamberlain die Theilung Asiens und Afrikas als berechtigt und gerechtfertigt erklärt, so muß also alles das vergehen und untergehen, was sich nicht dem christlichen Germanenthnm Europas — von Amerika wird nicht gesprochen — unterwirft; dazu gehört natürlich auch die von Chamberlain entdeckte neue Weltmacht des emanzipirten Judenthnms. Dieses gegen das Germanenthum! Das Ende ist dann die ans das 24. Jahrhundert etwa allsgerechnete Anglo- Germanisirung der ganzeil Erde nach dem geheimen Wunsche des Herrn Houston Stewart Chamberlain; denrr da die festländischen Germanen durch ihre Mischung ihren Rassenadel vermindern, bleibt der des Jnselreiches England der stärkste und reinste und demnach der alleinherrschende. Unglaublich — aber auch unwahr. Ist der in Bezug auf die zukünftige Lage der Inden herrschende Pessimismus gerechtfertigt oder nicht? Bo» Joseph Baum i» Wiesbaden. I. ie Geschichte der Menschheit bietet uns das Bild einer fortwährenden Kampfes, eines ewigen Ringens, nich nur in den blutigen Kriegen, die mit Feuer und Schwer geführt wurden, sondern auch in den Epochen äußeren Frie dens, in denen der Streit der Ideen und der Geister wogt. Eine solche Zeit der inneren Kämpfe ist die jetzige. Auf allen Gebieten, aus wirthschaftlichem, sozialem, religiösem, Politischem — überall klaffen schroffe Gegensätze, die sich aufs Heftigste befehden. Von allen Fragen aber, die zur Zeit die Kultnrmenschheit bewegen, geht uns naturgemäß keine näher als die Judenfrage, und nichts beschäftigt uns mehr als der Gedanke: Wie wird sich unsere Lage in Zukunft gestalten? Wie oft wird dieses Thema erörtert; vergeht doch auch kaum ein Tag, an dem uns nicht irgend ein Vorkommnis; daran mahnt, daß wir uns mitten in der Brandung einer feindlichen Bewegung befinden, daß gegen uns eine gewaltige Strömung fluthet. Soweit ich nun blicke, fast überall finde ich in Wort und Schrift eine überaus trübe Beurtheilung unserer Lage und unserer Zukunft. Die vorherrschende Anschauung scheint die zu sei», daß wir den uns umtobenden Antisemitismus als etwas Dauerndes zu betrachten hätten, und für die Zukunft fürchten Viele nicht nur ein weiteres Anwachsen desselben, sondern auch die schlimmsten Wirklingen in Bezug ans unsere Stellung lind aus unsere Rechte. Ja, Manche sehen sogar schon in Gedanken in unserem engeren Vaterland den Fundamentalgrundsatz der Verfassung: „Ein jeder Preuße ist vor dem Gesetze gleich" auch formell außer Geltung gesetzt. Gewisse Erscheinungen der letzten Jahre, die Behandlung der Notariatsfrage im preußischen Landtage, die grundsätzliche Fernhaltung der Juden von der Verwaltungslaufbahn und dem OffizierSstande, die Beifallsstürme die ein Graf Pückler-Tschirne durch Erregung der rohesten Instinkte der Bevölkerung ungestraft entfesseln durfte - die Dreysusaffäre in Frankreich, die in dem Lande der Freiheit und Gleichheit, in dem man jeden Judenhaß seit Menschenalter erloschen wähnte, einen wüthenden Antisemitismus erzeugte — das traurige Schauspiel der Verhetzung in Oesterreich — das Elend in Rußland und Rumänien — vor allem aber die unglaublichen Vorgänge in Polna und Könitz, alles dies scheint ja dem schwärzesten Pessimisinns Recht zu geben. Insbesondere dann, wenn man die heutigen Zustände vergleicht mit jenen, die vor 28 bis 30 Jahren obwalteten. Wer hätte zu dieser Zeit, also anfangs der 70 er Jahre, in Deutschland an eine antisemitische Bewegung überhaupt nur gedacht geschweige denn diese für möglich gehalten! Der Begriff Anti semitismus war ebenso unbekannt, wie die Strömung selbst An der schönen blauen Donau, wo heute Zustände herrsche» die jeder Beschreibung spotten, blühte damals in allen Zweigen der Verwaltung und des öffentlichen Lebens ein thatkräftiger Liberalismus, im private» Verkehr jene spezifisch österreichische Gemütlichkeit und Herzlichkeit, die keinen Mißton aufkommen ließ.

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