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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-02-07 · Heft 6 (7.2.1902) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 6 (7.2.1902)
Date
1902-02-07
Page
Seite 62 (sequence 4)
Language
German
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62 > obliegenden Aufgaben kommt aber noch eine große Menge von registratorischen Arbeiten hinzu. So erscheint schon vom büreankratischen Standpunkt die Zahl 14016 Mark Religionsunterrichtszuschüsse in einem anderen Licht. Die Hauptsache bleibt daß durch die Beihilfen, so klein sie erscheinen mögen, alle betheiligten Instanzen, die Gemeinden selbst und die provinziellen Vereinigungen angeregt werden, das äußerste ihnen Mögliche zu leisten, und in diesem Sinne darf die Kommission auf ihre schwierige Arbeit wohl mit Genngthuung blicken. Allerdings ist mit einer noch so gewissenhaften büreankratischen Bearbeitung der Fragebogen und Jnspektionsberichte nicht die Gewähr gegeben, daß der Religiousunterricht den Intentionen der Kommission gemäß gehandhabt wird. Es handelt sich dabei nicht um den religiösen Standpunkt, denn in dieser Beziehung ist die Kommission selbstverständlich unparteiisch, sondern um gewisse Pädagogische Fragen, über die eigentlich nur die mit dem Standpunkt der Kommission genau bekannten Inspektoren genügende Auskunft geben können. Der Gemeindeunterstützungskommission liegt aber auch die Erledigung der seitens kleiner Gemeinden eingereichten Gesuche um Beihilfe zu nothwendigen Bauten vor. Und hier wäre unserer Ansicht nach eine Erweiterung ihres Arbeitsfeldes von großem Segen. Jeder, der im Gemeindeleben steht, kennt die Kollekten und Ausrufe, zn denen die kleinen Gemeinden ihre Zuflucht zu nehmen gezwungen sind, sobald ihnen von der Behörde die Verpflichtung zu größeren Reparaturen oder gar zu Neubauten des Gotteshauses oder der Schule auferlegt wird. Bei keinem anderer: Ansgabetitel tritt die Unzulänglichkeit der Mittel so deutlich zu Tage; nur die allerdringendsten Fülle können berücksichtigt werden, und auch hier stehen der Kommission kaum so viele hundert Mark zur Verfügung als tausende mit Recht von ihr verlangt werden. Gerade darum, weil aber die Zuschüsse nothgedruugen so knapp bemessen sind, gelangen sie öfters gar nicht zur Auszahlung, denn die zweijährige Geltungsfrist der Bewilligungen läuft öfters ab, bevor es den Gemeinden gelingt, den noch fehlenden Rest der Bausumme anderweitig zu beschaffen. Selbstverständlich werden die erneuten Gesuche berücksichtigt. Die für Bauzwecke verausgabten Summen betrugen im Geschäftsjahr 1898/99 500 Mark, im Geschäftsjahr 1899,1900 700 Mark. 1900/1901 1090 Mark. Im laufenden Geschäftsjahr sind bis jetzt 450 Mark verausgabt worden, es sind aber noch weitere 900 Mark bewilligt. Das ist eine beschämend kleine Ziffer, wenn man an den permanenten Nothstand denkt, in den so viele kleine Gemeinden jetzt durch den Wegzug so vieler steuerkräftiger Mitglieder versetzt sind. Es ist das eine der wichtigsten Angelegenheiten der Jndenheit in Preußen, eine brennende Frage, die dringend der Lösung harrt. Gerade die Gemeindeunterstützungskommission des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes wäre aber vor allem in der Lage, diese Lösung innerhalb der gegebenen Grenzen herbeiznführeu, wenn ihr die hierfür nöthigen Mittel zur Verfügung ständen. Wir möchten daher die Aufmerksamkeit des Eemeindetages ganz besonders ans diesen Uebelstand lenken, der schon seit einigen Jahren Allen, die die einschlägigen Verhältnisse genauer kennen, große Sorge bereitet. Hier vor allem muß Abhilfe geschaffen werden. Die Woche Berlin, 5. Februar 1902. er Toleranz an trag des Centrmns ist am 29. v.M. auf der Tagesordnung des Reichstags gewesen und zwar als Gesetzentwurf betreffend die Freiheit der Religions- Übung. Wir haben schon vor einem Jahre darauf hingewiesen welche Bedeutung dieser Gesetzentwurf auch für uns hat. Be kanntlich zerfiel der Antrag ursprünglich in zwei wesentlich von einander verschiedene Theile. Der erstere handelte von der Religionsfreiheit der Neichsangehörigen und der zweite von der Freiheit der Religionsgemeinschaften. Der Schwerpunkt liegt in der kirchenpolitischen Forderung des zweiten Theils, in dein den „anerkannten Religionsgemeinschaften", aber nnr diesen, die freie und öffentliche Ausübung des Kultus zugesichert und die Befngniß ertheilt werden sollte, überall ohne staatliche oder kommunale Genehmigung Gottesdienst abzuhalten, Kirchengebäude zu erbauen u. s. w. Diese Forderung stieß am vielfachen Widerspruch; das Centrum sah sich daher genöthigt den ganzen zweiten Theil seines Antrags einstweilen zurückzuziehen. Die Vorschläge, die nunmehr dem Reichstage Vorlagen, wurden voll fast allen Seiten als eine Verbesserung des heutigen Rechtszustandes anerkannt. Auch für uns; denn wir haben schon s. Z. ausgeführt, daß in einzelnen deutschen Bundesstaaten die voll der Verfassung gewährleistete Freiheit der Religionsübung den Juden nicht in allen Dingen gestattet sei, namentlich in Sachsen. Gerade Sachsen aber hat in der Reichstagssitzung vom Freitag nicht die beruhigende Erklärung abgegeben, die Mecklenburg und Braunschweig dem Antrag des Centrums folgen ließen. Die Berathuug wurde abgebrochen und wird wohl in der nächsten Woche fortgesetzt werden Aber man darf schon heute als sicher annehmen, daß der Toleranzantrag in der jetzigen Fassung vom Reichstage mn großer Mehrheit angenommen wird. Nach Beendigung der Debatten dürste sich noch reichliche Gelegenheit bieten, des Näheren zn erörtern, welche Bedeutung der Antrag für unsere Gemeinschaft hat. 4 Dem konservativen Abgeordneten v. Mass o w, der in der vorigen Woche im Reichstag eine Pückleriade losgelassen, ff in der Presse und im Parlament gebührend heimgeleuchte worden. Die „Königsberger Hartungsche Zeitung" wußte u. a Folgendes zu erzählen: „Herr v. Massow war nicht immer Volksvertreter, er hat nich immer so schöne Reden wie am Sonnabend gehalten. Er war ancl einmal Rittmeister bei den Wrangel-Kürassiren in Königsberg. Damals verkehrte er, wie uns versichert wird, viel und gern in wohlhabenden Kauf mannsfamilien — und zwar ohne Rücksicht auf d i e K o n fe ss i o n Ja, er bewarb sich sogar um die Hand der Tochter eines sehr reichen jü'dischell Großkansmanns, und es soll nicht an ihm gelegen haben, daß er sie nicht erhalten hat." Noch schärfer gingen die von Herrn v. Massow ja ebenfall recht unsanft allgegriffenen Sozialdemokraten ins Zeug. In der Sitzung des Reichstags vom 30. v. M. antworteten ihm die Abgeordneten Bebel und Pöus auch auf seine Angriff gegen die Juden. Ersterer führte u. a. aus: „Der Abgeordnete v. Massow ist neulich auf einer antisemitischen Mähre angeritten gekommen, lind der Erfolg war eine ungeheuer Heiterkeit. iHeiterkeit.) Wenn er Lust habe, mit der Sozialdemokrat! anzubinden, so hätte er mehr Geschmack haben müssen, als mit den Grafen Pückler konkurriren zu wollen. <Sehr gut! Heiterkeit.) Da : imponirt uns nicht. Er hat eine schlechte Probe des Bildungsniveau 'in es 1 wo dl mehr feinen saß d llbgest nlf Fi Reprä ans d Volk. 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