Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-27 · Heft 52 (27.12.1901) · p. Seite 614

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 614 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228472--58223-3294655
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

614 lauten, selbst wenn man die Arnien. welche keine öffentliche Armenunterstützung in Anspruch genommen haben, hinzuzählen wollte. Gegenüber der an Umfang und Tiefe zunehmenden fremdenfeindlichen Bewegung, die in mehrfachen Resolutionen der Konservativen und Konstitutionellen zum Ausdruck gekommen ist und bereits zur Gründung einer „Gesellschaft der britischen Brüder" geführt hat, welche sich die Bekämpfung dieser Einwanderung znm Ziele setzt, haben sich die englischen Juden erfreulicherweise schleunigst in der Gestalt eines ..Bundes der jüdischen Shnagogengemeinden Englands" zusannnengeschlossen, um dem anrückenden Antisemitismus einen kräftigen Damm entgegenzusetzen und alle Klagen über ungesetzliche oder ungleichmäßige Behandlung von Juden zur Erörterung zu bringen und eine Abstellung derselben in die Wege zu leiten. In Frankreich scheint sich die Lage der Inden wesentlich gebessert zu haben, dank der Energie, welche die Regierung gegen die klerikalen Antisemiten entfaltet, und mit der sie alle konfessionellen Unterschiede, die sie, wie der Präsident Loubet treffend ausführte, nur als einen „thatsächlichen Rest von Barbarei" betrachtet, streng zurückweist. Das Umsichgreifen der antisemitischen Bewegung, welche in der französischen Armee in greller Weise — wir erinnern nur an den Fall jCobleutz — zu Tage trat, ist vom Kriegsminister mit kräftiger Hand uiedergehalten worden. Der Einfluß, den einst der brave Drumont besessen, steht ihm bei Weitem nicht mehr zu Gebote. Auch in Algier ist die Regierung bestrebt, endgiltige Ordnung zu schaffen, und die Nolle des früheren Bürgermeisters Mar Rögis ist in der Stadt Algier längst ansgespielt. Dagegen hat in Belgien, das den Ruhm der Toleranz gegenüber allen Bekenntnissen früher stets für sich in Anspruch nehmen durfte, der Antisemitismus sein Haupt erhoben, und zwar so drohend, daß sich bereits nichtjüdische Bürger des Landes zu kräftiger Abwehr zusammengethan haben. Ueberaus traurig ist die Lage der Juden in Rußland, da sie sich besonders durch die Anstellung des zum Kultusminister ernannten antisemitischen Generals Wannowski wesentlich verschlechtert hat. War er es doch, der die Zahl der jüdischen Ghmnasiasten und Studenten der Technik nur zu zwei, bieder Universitätsstudenten zu drei Prozent der Gesammtfrequenz der Institute als zulässig erklärte. Als nothwendige Folge ergiebt sich aus dieser grausamen Bestimmung, daß die größere Masse der jüdischen Kinder ohne jeglichen Unterricht aufwachsen muß. Was nützt es, daß in hervorragenden Stellungen befindliche Personen eine Petition wegen Freigebung des religiösen Bekenntnisses stellen und selbst ein Geistlicher der Staatskirche gebieterisch nach der Verwirklichung der Gewissensfreiheit als eines elementaren Rechtes und einer elementaren Pflicht des wahren Christen verlangt! Die Macht der Finsterlinge, die aus der Unterdrückung ihrer jüdischen Mitbürger nur Nutzen ziehen, ist noch sehr groß und dürfte sobald nicht ihr Ende erreichen. In Rumänien ist es in dem verflossenen Jahre merkwürdigerweise ziemlich ruhig gewesen, trotzdem das Ministerium Carp, von welchem die Juden Hilfe und Rettung erwarteten, bereits im März demissioniren mußte. Ja, man will sich sogar dort schon zu der Höhe des Fortschritts aufschwingen, den Juden zu gestatten, Grundbesitz zu erwerbe», woraus ein deutlicher Umschwung zu Gunsten der verfolgten Juden ersichtlich ist. In dem Programm der altkonservativen Partei ist die weitgehendste Freiheit für die Fremden vorge-! sehen, und selbst die Presse der „Liberalen", welche in Rumänien die Partei der ärgsten Judenfeinde bilden, beginnt die Nothwendigkeit einzusehen, auf dem alles Fremde ansschließenden Standpunkte nicht länger zu verharre«. In Bulgarien ist eine antisemitische Bewegung >m Werden begriffen. Die Blutmordlegende hat dort zu heftigen Unruhen gegen die Juden Veranlassung gegeben, und die Regierung hat keine Veranlassung genommen, gegen die verleumderischen Ausstreuungen der antisemitischen Presse oder die planvollen Verhetzungen seitens der antisemitischen Vereine in irgend einer Form einznschreiten. Die Türkei steht bezüglich der Abwehr antisemitischer Neigungen noch immer groß unter den Mächten da. Die Juden leben dort ruhig und unangefochten nnd nehmen in größerer Zahl die höchsten Staatsstellungen ein. In Persien und Armenien wie auch iir Marokko hat dagegen die Lage der Juden keine wesentliche Besserung erfahren. In diesen Ländern ist es noch immer recht traurig um unsere Glaubensgenossen bestellt, und die Unsicherheit ihrer Verhältnisse besteht nach wie vor. — In dem inneren Leben der Juden macht das Bestreben nach einer Centralisation aller verfügbaren Kräfte erfreuliche Fortschritte. Obwohl der „Jndentag" als solcher abgelehnt wurde, scheint doch die Bemühung, eine Gesammtorganisation der deutschen Juden, welche die bestehenden Vereine einigt und sie zu gemeinsamer fördernder Arbeit an den großen Aufgaben verbindet, zu Stande zu bringen, auf gutem Wege. Der neugegründete „Hilfsverein der deutschen Juden" bildet eine Institution, welche den drei großen Allianzen in Frankreich, England und Oesterreich treu zur Seite stehen und das Loos unserer verfolgten Glaubensbrüder in fremden Ländern in günstiger Weise beeinflussen wird. Das muß auch unsere Hauptsorge sein, einig zu sein und dadurch gerüstet zu dem Kampfe mit allen Mächten, die uns bedrohen. Israel ist seit alten Tagen ein Volk des Dnldens, aber auch der unzerstörbaren Hoffnung, und wir sind viel zu tief von dem unausbleiblichen Sieg der grundlegenden Ideen des Judenthums durchdrungen, als daß wir nun, schon seit Jahrtausenden durch die Welt ziehend, um einiger Siege willen, welche der rückwärtsstrebende Geist vorübergehend erringt, an dem Triumph der Wahrheit verzweifeln wollten, der uns und die Menschheit vorwärts führt, und den unsere Propheten und Psalmisten begeistert verkünden. Der Geist der Finsterniß, welcher einst mit unserem Stammvater Jakob gerungen hat, konnte ihn wohl aus eine kurze Weite am regelmäßigen Voranschreiten hindern, Jakob aber ging dennoch als ein „Held mit Gott" siegreich aus diesem Kampfe hervor, und seine Nachkommen leben noch immer, während so viele Völker des Alterthums und des Mittelalters, die mit ihnen gerungen haben, längst von der Tafel der Geschichte verschwunden sind. Das sei unser Trost und unsere Hoffnung! Aber mit diesem Trost allein dürfen wir uns nicht begnügen. Es gilt, zu energischer Arbeit und zu entschiedener Abwehr sich aufzuraffen. Einig im Innern, gerüstet nach Außen, so kann Israel einer Welt von Feinden ruhig entgegentreten, denn mit ihnrn zieht das Recht, und unter seiner Fahne, die die Inschrift trägt: „Der Herr ist mein Panier!" kämpfen die Schaaren derer, die der Gerechtigkeit und der Freiheit eine dauernde Heimstätte unter den Menschen sichern wollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.