Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1901)
- Date
- 1901-12-13
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Herren Otto Kuhlen und Paul Haase, in seiner Kabine überfallen und blutig mißhandelt worden; der Kapitän hatte ihm. wie er mittheilte, llicht nur keinen Schutz gewährt, sondern ihn noch obendrein in Cherbourg zum Aussteigen bewegen wollen, damit es keinen Skandal gebe; Die Direktion der Südamerikalinie gab Herrn Glucks Beschwerde ebenfalls keine Folge. Die Verhandlung vor dem Schöffengericht endigte heute danut. das; beide Angeklagten zu je drei Atonalen Gefängnis) verurtheilt wurden. — Die Sache ist nicht nur an sich bedauerlich. sondern gleichzeitig für die betheiligte Rhederei wenig rühmlich. Sollte man es für möglich halten, daß aus einem großen deutschen Dampfer ein kleiner, schwächlicher Mann von zwei vierschrötigen Menschen derartig mißhandelt werden kann, ohne daß irgend Jemand sie daran hindert? ZA M.-Gladbach, 5. Dezember. Eilte unwahre Nachricht ans unserer Stadt macht die Runde durch die antisemitische Presse. Nach der „Staatsbürger-Zeitung" soll in unserer Stadt, dem Beispiele der Nachbarstadt Rheydt folgend, eine Einschränkung des rituellen S chäch tv erfa hrens ungeordnet sein. Hierzu ist Zu bemerken, daß in Rheydt keine Einschränkung des Schächtens, sondern eine Ausdehnung der Methode insofern beschlossen worden ist, als jetzt auch christliche Schlächter wöchentlich je ein Stück Groß- und ein Stück Kleinvieh schachten dürfen. Was aber unsere Stadt betrifft, so ist die ganze Allgelegenheit überhaupt nicht Gegenstand der Berathung gewesen. -2? München, 28. Rovember. Die israelitische Kultusgemeinde hat an das Gemeindebevollmächiigten-Kollegium eine Eingabe um Erhöhung des gemeindlichen Zuschusses zu den Kosten für Ertheilung des israelitischen Religionsunterrichtes gerichtet. In der heutigen Sitzung beantragte der Referent Dr. Bedall (nationalliberal) namens des Ausschusses, die Eingabe dem Magistrate zur Kenntnißnahme und vorgängigen Stellungnahme zuznleiten. Geineindebevollmächtigter Dr. Henrich (Demokrat) erklärte, daß er zwar prinzipiell gegen alle gemeindlichen Aufwendungen für Kultuszwecke sei, daß mall aber, nachdem man einmal A gesagt habe, aus Gründen der Billigkeit auch B sogen müsse, weshalb er es für allgezeigt erachte, die Eingabe dem Magistrat zur Würdigung hiniiberzugebeu. Nachdem Vorstand Seyboth (deutsch-sreisinnig) noch konstatirt hatte, daß eine Verpflichtung der Gemeinde, derartige Zuschüsse zu gewähren, nickt bestehe, und daher die seitherigen Leistungen für den gedachten Zweck lediglich freiwillige llnd widerrufliche seien, wurde der Ausschußantrag mit allen gegen eine Stimme zum Beschlüsse erhoben. Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 9. Dezember. Die Kampsszeuei, der Christlich- Sozialen nnd Schönerianer im Reichsrathe dauern an und werden wohl die Session zu Ende geleiten; oft nehmen dieselben einen arg bedrohlichen Charakter an, die Alldeutschen sind eben fassungslos über den erzwungenen Austritt ihres Führers Karl Herrmann Wolf, und die Lueqerianer würden gern darüber trinmphiren, wenn ihnen nur die Sozialdemokraten nicht so viel zu schaffen geben — so wird ihnen nun einmal keine reine Freude zu Theil. — Der Konditorgehilfe Ott o Müller, der den unglücklichen Dr. Ladenburger aus Mannheim meuchlings ermordete, wurde von dem Gerichte in Roveredo zum Tode durch den Strang verurtheilt. — In Triest starb vor einigen Tagen das Haudelskammermitglied Jacques Eisner v. Eisenhos, Chef der Großhandlungsfirma Giacomo Eisner. Er war Vizepräsident der Aktiengesellschaft „Haidenschafter Spinnerei und Weberei", Sparkassendirektor, Chef uud Vorstand der Triester israelitischen Knttusgemeinde. — Vor den Geschworenen in Prag wurde am 26. v. M. über einen Todtschlag verhandelt, der mit ganz besonderer Rohheit verübt wurde und durch eine Aeußerung des Thäters. der Getödtete sei nur ein Jude, eine charakteristische Beleuchtung erfährt. Am 6. Oktober vergnügte sich der israelitische Arbeiter Alois Glas mit seiner Geliebten und deren Freundin bei einer Tanzunterhaltuug in einem Dorfe bei Prag. Er gerieth beim Tanz mit einem Manne in Streit, in welchen sich der heutige Angeklagte Joseph Bozek einmengte. Als Polizei herbeikam, flüchtete Bozek. lauerte aber dem Glas beim Heimwege in der Pilsenerstraße in Prag auf uud begann dort einen Streit mit ihm, in dessen Verlauf er dem Glas mehrere Stiche in Brust und Hals versetzte. Ein Stich, der ins Herz traf, hatte den Tod des Glas zur Folge. Bozek ging nun in eille Branntweilischänke. wo er voll seiner Blutthat mit den Worten sprach: „Ich bin froh, daß er ein Jude ist. Wenigstens krieg' ich nicht so viel, wenn ich ihn todtgestochen habe." Von der besonderen Rohheit des Angeklagten zeugt noch der Umstand, daß er noch am selben Abend in Gegenwart mehrerer Zellgen eine Katze einfing und ihr die Hinterfüße brach. Bozek verantwortete sich dahin, daß er das Messer dem Glas entwunden habe nnd in Nothwehr handelte. Durch Zeugen ist nachgewiesen, daß Glas gar kein Messer bei sich hatte. Die Geschworenen bejahten die Frage ans Todtschlag mit elf gegen eine Stimme. Joseph Bozek wurde sodann zu achtzehn Monaten schweren Kerkers verurtheilt. — Der Virebürgermeister Dr. Neumayer wurde heute zu einer Geldstrafe von 1000 Kronen event. 10 Tagen Arrest verurtheilt, weil er den Advokaten. Ritter von Ofenheim. als Juden für fatisfaktionsunfähing bezeichnet hatte. Von Nah und Fern. — Unter den beim Reichstag eiugelaufenen Petitionen befindet sich auch eille voll 514 Konitzer Einwohnern, die bitten, an den Reichskanzler das Ersuchen zu richten, seststelleu zu lassen, an wem die Schuld liege (!) daß der in Könitz an dem Gymnasiasten Winter verübte Mord noch keine Sühne gesunden hat! - Die Aerzte Dr. Michael Basch, Dr. Wilhelm Blumeufeld und Dr. Max Iarislowsky sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — In Dirschau feierte der israelitische Wohlthätigkeitsverein (Clreuru Xuäiselm) sein 50jähriges Stiftungsfest. Die allgemein ergreifende Festpredigt in der Synagoge hielt der früher dort, jetzt in Schwetz amtireude Rabbiner Dr. Nordheimer. Abends fand ein Festessen im Hotel „Deutscher Kaiser" statt.— Einen groben antisemitischen Unfug in Eiseubahnkupees hat die Eisenbahudirektion Altona prompt abgestellt. Es war dem „Berliner Tageblatt" von Passagieren mitgetheilt worden, daß Waggons der genannten Direktion in ihren Abtheilen Plakate antisemitischen Inhalts tragen. Das Blatt hat die Beschwerden dem Präsidenten der Eisenbahndirektion Altona übermittelt nnd von demselben nun nachstehenden Bescheid erhalten: „Die zuständigen Organe sind angewiesen worden, etwa in Personenwagen sich vorfindende Plakate der bezeichneten Art sofort entfernen zu lassen." — Unter dem Namen „Schweizerisches Israelitisches Waisenhaus" wurde, mit Sitz in Basel, ein Verein begründet, welcher den Zweck hat, verwaiste arme israelitische Kinder, sei es beider Eltern oder nur ohne Mutter oder ohne Vater, zu ernähren. zu kleiden und denselben eine den Grundsätzen deS Judenthnms entsprechende Erziehung zu gewähren, so daß dieselben in die Lehre eines Handwerkes oder sonst eines ehrlichen Berufes, zu welchem sie sich eignen, ausgenommen werden können. — In Florenz ist der Kommandatore Al es fand ro Nomauelli gestorben, der Generaldirektor im Ministerium der Laudwirthschaft. der Industrie nnd des Handels uud Mitglied des Staatsraths war.— In Versailles ist der dortige Rabbiner Molse Bloch nach schwerem Leiden gestorben. Er war einer der gelehrtesten und angesehensten französischen Rablnner. Von ihm rühren die Uebertragungen voll Grätz „Geschichte" und voll Groß „Oallm dndaiea." her. Ehre seinem Andenken! — Am 1. d. M. ist in Paris Emile Allatini. ein bekannter Kausmcmn in Salouicki, im 59. Lebensjahre gestorben. Er war Mitglied der italienischen Handelskammer uud hatte voll der italienischen Negierung für seine Thätigkeit im Interesse der italienischen Schulen in London verschiedene Auszeichnungen erhalten. — Aus einer diese Woche erschienenen Statistik erhellt, daß bei einer Bevölkerung von beinahe 5 Millionen Einwohnern in Algier, worunter 4 Millionen Araber und 360000 Franzosen, die Juden etwa 57 000 Seelen zählen, die dank dem Gesetz Cromienx französische Unterthanen wurden. In verletzten Aufzählung der Bevölkerung im Jahre 1856 zählte man 92 000 Franzosen und 21000 Juden. — Der berühmte Weltschachmeister Dr. E. Lasker ist zum Professor der Mathemathik au dem New College in Mall che st er ernannt worden. — I a c o b L. Teitel, der einzige jüdische Untersuchungsrichter in Rußland, hat am 3. d. M. sein 25 jähriges Amtsjubiläum gefeiert. — Die in Petersburg in russischer Sprache zweimal wöchentlich erscheinende jüdische Zeitung „Mo sch o d" hat am 24. v. M. wegen vier namhaft gemachter Artikel vom Minister des Innern die erste Verwarnung erhalten. Dieselbe wird damit motivirt. daß das Blatt eine „schädliche Richtung" einzuschlagen scheine. Der „Woschod" hat aber irr den mkriminirten Artikeln nicht etwa die russische Regierung, sondern nur die russischen Antisemiten angegriffen, welche in Rußland allerdings eine Art Nebenregierung etablirt haben. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.