Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1901)
- Date
- 1901-12-06
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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sorge zu Theil werden lassen. So sind Euere Exzellenz auch der Ente Wickelung der israelitischen Neligionsgemeinschast des Großherzogthmns mit ausmerksamem Auge gefolgt und zu jeder Zeit in wahrhaft humane^ und staatsmännischer Gesinnung dafür eingetreten, dak auch ihr die zu ihrer gedeihlichen Wirksamkeit im Staate und für den Staat erforderliche Anerkennung und Förderung nicht versagt werde. Vost dauernder Bedeutung ist nach dieser Richtung die ans Euerer Exzellenz Befürwortung durch die Gnade Seiner Königlichen Hoheit des Grobherzogs derLandessynagoge gewährte Synodalverfassung. Diese werthvolle Organisation, die unter den Israeliten unseres deutschen Vaterlandes bis jetzt einzig dasteht, wird stets mit dem Namen Euerer Exzellenz verknüpft bleiben. Als Vertreter der Gesammtheit der badischen Israeliten sagen wir Euerer Exzellenz sür die unserer Glaubensgemeinschaft bekundete edle und hochherzige Gesinnung tiefempfundenen Dank. In der Zahl der erleuchteten Staatsmänner, denen die Israeliten ein dauerndes und dankbares Andenken bewahren, wird auch der Name Euerer Exzellenz im Gedächtniß noch unserer spätesten Generationen fortleben. Mit dein innigen Wunsche, daß der Allgütige Ihnen einen sonnigen und beglückten Lebensabend gewähren möge, verharren Euerer Exzellenz ehrerbietigste Mitglieder des Grobherzoglichen Oberraths der Israeliten. Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Grobherzogthums. Der Präsident. Die Sekretäre. Darauf hat Herr Staatsminister a. D. Dr. Nokk in nachstehenden Schreiben geantwortet: Hochverehrter Herr Geheimer Regieruugsrath! Die israelitische Landessynode in Verbindung mit dem Oberrathe hat miraus Anlab meines Scheidens aus dem Amte gütige Worte treueuGedenkeus und sreundlicher Anerkennung zugerufeu. Durch diese Ehrung ties bewegt, sende ich Ihnen den Ausdruck meines aufrichtigsten und wärmsten Dankes und dars Sie wohl bitten, diese Empfindungen herzlicher Dankbarkeit auch den übrigen Herren Mitgliedern des Oberraths gefälligst übermitteln zu wollen. Die israelitische Religionsgemeinschaft des Großherzogthums in ihrem ernsten und fruchtbaren Streben, die religiösen und sittlichen Interessen der Israeliten mit aller Kraft zu fördern und dafür die richtige Organisation sich zu sichern, habe ich zu untere stützen, sür meine freudig erfüllte Pflicht gehalten. Ihre gütige Adresse wird mir stets ein sehr schönes, werthvolles, bedeutsames Andenken an das freundliche Zusammenwirken mit Ihnen bleiben. In ausgezeichneter Hochachtung und herzlicher Dankbarkeit Ihr ergebener Staatsminister a. D. Dr. Nokk. Karlsruhe, den 12. November 1901. Herrn Geheimen Negierungsrath Dr. Mayer. Mitglied des Grobherzoglichen Oberraths der Israeliten. Hochwohlgeboren, hier. Hochverehrter Herr Präsident! Die Synode der israelitischen Religionsgemeinschaft des Grobherzogthums in Verbindung mit dem Oberrathe hat mir aus Anlab meines Rücktritts vom Amte eine Adresse zugehen lassen, die meiner bescheidenen Arbeit sür den israelitischen Kultus in gütiger und anerkennender Weise gedenkt. Diesen einmüthigen Beschluß habe ich als eine hohe Ehrung empfunden. sür die ich dem Präsidium meinen ergebensten und freudigsten Dank sage. Daß es mir vergönnt war, auch für die gedeihliche Entwickelung der israelitischen Religionsgemeinschaft des Grobherzogthums thätig zu sein, hat mich stets mit warmer Genugtuung erfüllt. Besonders beglückt war ich, an dem Abschluß der Syuodalverfassung der Landessyuagoge Mitwirken zu können, den die Neligionsgemeinschast lebhaft erstrebt und in hingehender, besonnener, gemeinsamer Arbeit erreicht hat. Mit den treuesten Wünschen für eine reiche Entfaltung des religiösen und sittlichen Lebens in Ihrer Glaubensgemeinschaft bleibe ich in dankbarer Gesinnung und ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebener Staatsminister a. D. Dr. Nokk. Karlsruhe, den 12. November 1901. Herrn Rechtsanwalt Dr. Hachenburg, Präsident der israelitischen Landessynode. Hochwohlgeboren, in Mannheim. R. Stuttgart, 24. November. Gemäß eines in der letzten Ausschußsitzung des Israelitischen Laudesasyl- und UnterstützungsVereins einstimmig gefaßten Beschlusses wurde ein in herrlicher und gesunder Lage befindliches 5 Morgen großes Areal auf der Gemarkung Sontheim bei Heilbronn augekauft, wodurch die längst als Bedürfuiß empfundene Errichtung eines Asyls für alte und erwerbsunfähige Israeliten Württembergs ihrem Ziele näher gerückt ist. Mit dem Bau selbst soll erst begonnen werden, wenn das Grundstücksvermögen die statutarisch hierfür vorgeschriebeue Höhe erreicht hat. Zu diesem Zweck sei an alle Freunde und Gönner in Stadt und Land die Bitte gerichtet, dem Verein weitere Beiträge und Spenden zuzuwenden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 2. Dezember. Es ist leicht möglich, daß von nun an die Lärmszenen in unserem Abgeordnetenhause um einiges gemildert werden — einer der wildesten, der schneidige Alldeutsche und Nassenantisemit K. H. W o l f hat sein Mandat niedergelegt, nachdem er wegen einer äußerst delikaten Sache ein Duell ausgefochten; Herr- Wolf wird sich voll nun an nur mit der Leitung seines Organs befassen. — Am 24. v. M. fand in Budapest im Beisein des Ministerpräsidenten v. Szell und des Nnterrichtsministers Wlassics die Eröffnung des neu eil israelitischen Mädchenwaisenhauses statt. Auch Bürgermeister Halmos, ferner Vertreter der israelitischen Kultusgemeiude, Vorstände mehrerer Wohlthätigkeitsvereine und ein überaus zahlreiches Publikum hatten sich zu der Feier ungesunden.-— Ein erfreuliches Zeichen voll rechtlicher Gesinnung hat der Vorstand des Turnvereins „Aar" in Pilsen bewiesen, indem er die Zumuthung, die an alle Turnvereine gerichtet wurde, Inden von der Mitgliedschaft anszuschließen, kräftig und entschieden ablehnte. — Der Schulleiter- Stephan Gnbert in Niedersill in Ober-Pinzgau, ein eifriger antisemitischer Parteigänger, wurde wegen schwerer Sittlichkeitsverbrechen, begangen an Schulkindern, verhaftet lind befindet sich gegenwärtig beim Laudesgericht in Untersuchungshaft. — Hier ist im hohen Alter von 104 Jahren Frau Oro Albachary, die aus Castorin in Macedouien stammte, gestorben. Von Nah und Fern. — Der am30. v. M. hier verstorbene berühmte Indologe Professor- Alb recht Weber war einer der Begründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" und einer der treuesten Freunde der Sache bis zu seinem Tode. Auch der kürzlich verstorbene Legationsrath Professor Dr. Aegidi war ein Freund der Juden und ist stets sür ihr Wohl eiugetreteu. So hat er noch im vorigen Jahre sich über den „Nitualmord" in absolut freimüthiger und schöner Weise geäußert, als ein österreichischer Redakteur sich auch um ein Gutachten an ihn wandte. Ehre dem Andenken beider Männer! — Der Kantor- Siegfried Neustadt, der seit 3^ Jahren in der Gemeinde „Ahawas- Scholaum" fnllgirt, ist vom 1. Dezember d. I. ab als Kantor bei der jüdischen Gemeinde zu Berlin engagirt. Herr Neustadt geht aus der Kantorenschule von Herrn A. Friedmanu hervor. — Zn Sanitätsräthen sind ernannt worden die Aerzte Dr. S. Davidsohn. Dr. E. Pappen hei m. Dr. E. Wedel, Dr. G. Werner, Dr. S. Alexander, zu Geheimen Scmitätsräthen Sanitätsrath Dr. I. Wohl, Dr.L.Rosenthal und Dr. L. David.— Der Lehrer emer. M.Spiewkowski inSamotschin feierte am 3. Dezember seinen 80. Geburtstag uud erfreut sich noch einer recht regen körperlichen und geistigen Frische. — Von einer besonderen Auszeichnung war kürzlich nach Meldung Poseuer Blätter die Rede gewesen, die durch den Kaiser einem hochbetagten jüdischen Ehepaare in Iastro w aus Anlaß der goldenen Hochzeit zu Theil geworden wäre. Es war gemeldet worden, der Kaiser habe dem Ehepaare eine werthvolle, mit Illustrationen versehene hebräische Bibel geschenkt. Nunmehr theilt uns Prediger Wolfgang aus Iastrow aber mit, daß er zwar einen dahingehenden Antrag an das Civilkabinet des Kaisers gerichtet habe, es sei ihm aber di? Antwort zu Theil geworden, daß die Gewährung eines hebräischen Testamentsauszuges aus Anlaß der Hochzeitsfeier nicht mehr angängig sei. da die Stiftung, aus welcher seinerzeit die Bibeln angetanst wurden, schon vor einer Reihe von Jahren eingegangen ist. — Die Blätter melden, daß das russische Ministerium des öffentlichen Unterrichts einen Reorgauisationsplan des Cheders bearbeitet. Das neue Reglement, sagt man. macht in diesen Anstalten den Unterricht in der russischen Sprache und im Rechnen obligatorisch, und die Melamdim müssen das Lehrerzeugniß besitzen. — In einer von ca. 800 Studenten besuchten Versammlung in der Universitätsaula zu Kiew wird dem. Kultusminister Wannowski das Mißtrauensvotum in einer Resolution ertheilt, die Wiederaufnahme der ausgeschlossenen Kollegen gefordert uud energisch gegen die neuen, theils noch geplanten, theils bereits durchgesührten Emschränkungen in Bezug auf die Juden Protest erhoben. 15 Redner sprachen. Gegenwärtig sind fast gar keine Juden zu den Uuiversitätsstudien in Rußland zugelassen. — In Marseille ist der dortige belgische Generalkonsul I. de Vries gestorben. Derselbe war Ritter der Ehrenlegion. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.