Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1901)
- Date
- 1901-11-08
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Schon im April 1900 waren 30 Auskultantenstellen zu besetzen. Die Zahl der Bewerber erwies sich als eine zu geringe, so daß man unter den Neneintretenden eine förmliche Agitation einleitete, um dieselben zur Einbringung von Gesuchen zu bewegen. Dennoch konnte nia" erst im Monate November 1900 20 Stellen mit „tauglichen" Kandidaten besetzen; ich war nicht darunter. Ich ging zum Personal' referenten, Oberlandesgerichtsrath Seidl, um den Grund der Zurücksetzung zu erfahren. Ans seiner wortreichen Antwort habe ich mir folgenden Satz wohl gemerkt: „Es besteht kein Anstand gegen Sie, aber wir können Juden nicht ernennen." Diese Antwort beruhigte mich nicht, und im Februar 1901 begab ich mich zum Präsidenten, Herrn Baron Kattina. Dieser ertheilte mir zunächst die Versicherung, daß er — der Oberlaudesgerichts-Prasident — auf die Auskultanten- Ernennungen keinen Einfluß üben könne. Als ich mich jedoch mit der Aufklärung nicht zufrieden gab. sagte er mir im verbindlichsten Tone: „Ich kann die Herren Israeliten nicht ernennen; es sind ohnehin früher allzu viele ernannt worden." Ich erlaubte mir die Einwendung, daß man bei solchen Grundsätzen verpflichtet ist, jüdische Bewerber sofort zurückzuweisen oder zu belehren; daß es nicht rühmlich sei, mit dieser in den Gesetzen nicht ganz begründeten Enthüllung erst nach zweijähriger mühsamer und unbezahlter Arbeit hervorzutreteu. Darauf antwortete der k. k. Oberlandesgerichts-Präsident: „Sie hätten wissen müssen, daß im Wiener Sprengel keine Juden ernannt werden; das ist notorisch!" Wir sind neugierig, ob einer unserer jüdischen Abgeordneten dieser Allgelegenheit wegen den Justizminister im Neichsrath interpelliren wird! — Einen unangenehmen Empfang bereiteten mehrere Villacher Vereine dem Dr. Lueger, als er vor einigen Tagen mit seiner christlich-sozialen Garde voll Tirol heimreiste. Als der Zug einsuhr, wurden Schmähungen gegen Lueger und dessen Gesinnungsgenossen ansgestoßeu, die Wagenfenster mit Sand und faulen Eiern beworfen und angespuckt. Diese Demonstration dauerte die gauze Viertelstunde hindurch, bis der Zug auf dem Villacher Bahnhofe hielt. Es wird erzählt, daß eiu christlich-sozialer Führer die Demonstranten durch verächtliche Geberden besonders gereizt habe. Das mag wohl Schneider gewesen sein, oder sollst einer aus der Elitegarde des Wiener Bürgermeisters. — In Brzeczauh hat der Erkenntnißsenat des Kreisgerichts voll 58 des Verbrechens der öffentlichen Gewaltthätigkeit angeklagten Bailern, welche in Strzeliska in Häusern der jüdischen Bevölkerung Fensterscheiben zertrümmerten und auch auf Inden und Gendarmen losschlugen. 47 schuldig erkannt und zu schweren Kerkerstrasen in der Dauer voll drei Wochen bis zu vier Monaten verurtheilt. Asten. Jaffa, im Oktober. Wir erhalten den folgenden Ausruf, den wir um der guten Sache willen allgemeiner Berücksichtigung empfehlen: Edle Glaubensgenossen! In der sicheren Erwartung, keine Fehlbitte zu thun, appellirt all Eure Herzen eine Anstalt im heiligen Lande, die die wärmste Sympathie und die thatkräftigste Unterstützung jedes Juden verdient. In Jaffa, dem Eingangsthore zum heiligen Lande, wirkt seit vielen Jahren zum Segen der Jugend die Erziehungsanstalt Schaare Thora und Verpflegungsallstall für arme und verwaiste Kill der. Nach zwiefacher Richtung erstreckt sich ihre liebevolle Fürsorge, sie führt die ihr anvertraute Jugend, den Hort und die Gewähr der Zukunst, in die heiligen Hallen unserer Gotteslehre ein und vermittelt ihnen die Kenntnisse, deren sie später im praktischen Leben bedürfen. Sie gewährt aber auch schützendes Obdach, Nahrung und Kleidung für den Körper. All 200 Kinder besuchen täglich diese Schule, um »lach vollendetem 14. Lebensjahre zum Handwerk oder Ackerbau überzugehen. Fast allesammt sind sie Kinder der Aermsten der Armen, Kinder von Arbeitern und Tagelöhnern, die in den jüdischen Kolonien eiu schweres und nicht immer sicheres Brod finden. Mindestens 100 Kindern jener Armen muh das genannte Institut das Elternhaus ersetzen und ihnen Unterkunft. Nahrung und Kleidung gewähren, soweit die dürftigen Mittel reichen; und diese Dinge muh die Anstalt geben, denn die armen Eltern vermögen es nicht, und überdies droht die Gefahr, daß die in Palästina weit verbreitete Mission diese unglücklichen Kinder mit offenen Armen aufnimmt und ihrem heiligen Glauben abspenstig macht. Barmherzige Glaubensbrüder! Erbarmet Euch der Armen, denen das Leben alles versagt, wenn nicht die altjüdische und oft bewährte Mildthätigkeit ihnen hilfreich beisteht. Nehmt warmen Antheil an der Fürsorge für diese segensreiche Anstalt, der es seit mehreren Jahren all den nothwendigsten Mitteln fehlt und deren Fortbestand gefährdet lst, wenn ihr nicht schnelle und ausgiebige Hilfe wird. Oeffnet Eure Herzen und Eure Hände, damit ihr Werk auch fürder gedeihlichen Fortgang nehme und an unseren Kindern zum Segen werde! Doppelt giebt, wer schnell giebt. Wir bitten Euch. Eure Spenden an die Adresse des Vorstandsmitgliedes dieses Instituts, Herr»» Rabbiner Dr. M. Petuchowski. Berlin VV., Steinmehstraße 3. zu senden, der durch Zustellung der Quittung den Empfang Eures Beitrages bestätigen und die Gaben umgehend der Anstalt in Jaffa zuführen wird. Der Vorstand der Erziehungsanstalt Schaare Thora und der Verpflegungsanstalt für arme und verwaiste Kinder. Von Nah und Fern. — Jul ius Stettenheim, der geschätzte Humorist, dem auch die „Allgemeine Zeitung des Jndenlhums" manchen hübschen und witzigen Beitrag verdankt, feierte am 2. d. M. feinen siebzigsten Geburtstag unter lebhafter Theitnahme aller literarischen Kreise. — Rechtsanwalt Dr. Hahn in Cha rlotten bürg beabsichtigt, antisemitischen Blättern zufolge, gegen den Bescheid des ersten Staatsanwalts in Sachen Levys Beschwerde beim Oberstaatsanwalt in Marienwerder eiuzulegen. — In Mohrunge n ist am 15. v. M. Dr. med. FelixGerson, eill sehr tüchtiger und beliebter Arzt, als ein Opfer seilles Berufes im 26. Lebensjahre gestorben. Prediger Glückstein hielt am Grabe eine ergreifende Trauerrede. — In Beuthen O.-S. wurde in der Magistratssitzung am 25. v. M. an Stelle des verstorbenen Stadtraths Lomnitz Stadtrath Guttmann als Mitglied des Stadtausschusses gewählt. — Zur Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals in Breslau, die am 26. v. M. ill Gegenwart des! den Kaiser vertretenden Kronprinzen stattfand, waren auch die Rabbiner der Synagogengemeinde geladen. — Die infolge einer Anregung des Berliner Thierschutzvereins, welcher eine Petition an den Reichstag betreibt, in Kassel am 28. v. M. ab' gehaltene Generalversammlung des Thierärztevereins von Hessen war bei der Berathung über ein allgemeines Schächtverbot getheilter Meinung. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, worin eine bestimmte Stellungnahme abgelehnt wurde, und wonach den einzelnen Mitgliedern die Wahrung ihres Standpunktes überlassen bleiben soll. — Die Rothe Kreuzmedaille 3. Klasse hat Dr. med. Rosenlhal ill Wiesbaden erhalten. — In Altenstadt feierten am 24. v. M. die allgemein geachteten Eheleute Moritz Marx und Ricka Marx, geb. Kaff, das seltene Fest der diamantenen Hochzeit unter lebhafter Theilnahme der gesammten Bevölkerung. Beim Festgottesdienst hielt Herr Lehrer Rose eine erhebende Predigt; am Schlüsse verlas derselbe eill vom königlichen Bezirksamt Jllertissen all das Jubelpaar gerichtetes Schreiben, worin denselben die aus der Geheimkanzlei des Prinzregenten eingetroffenen Glückwünsche übermittelt wurden. Bei der häuslichen Feier überreichten der Kultusvorstand und der israelitische Frauenverein einen silbernen Pokal. An der Feier nahmen auch der katholische Pfarrer und die nichtjüdische Bevölkerung herzlichen Antheil. Möge dem Jubelpaare auch weiterhin noch ein sonniger Lebensabend beschieden sein! -- Das letzte Nach" spiel zu deil Judeukrawallen, welche im Sommer vorigen Jahres ill Odessa stattgefunden haben, spielte sich vor zwei Wochen vor dem Odessaer Kammergericht ab. Es handelte sich um die Schadenersatzansprüche, welche die Juden Hellmann und Bnrdin ill Höhe von 5596 resp. 1000 Rubel an die Theilnehmer all den Unruhen gestellt haben. Die Ansprüche wurden seiner Zeit vom Gericht zurückgewiesen, vom Senat jedoch als berechtigt allerkannt. Bei der vom höchsten russischen Gerichtshof angeordneten zweiten Verhandlung vor der anders zusammengesetzten Kammer wurden die Ersatzansprüche aber zum zweiten Male z urü ckge wiesen. — Eill allscheinend deutscher Jude Namens Philipp Lauterstem, der kürzlich inMelbo u r n e verstarb, vermachte voll seinem hinterlassenen Vermögen im Betrage von 650 Lstr. die Summe von 300 Lstr. an die Easternhill Synagogue und einen ähnlichen Betrag all zwei Freunde. Den Restbetrag aber vermachte er dem Staate, da, wie er sich in seinem Testament ausdrückte, obwohl er ein Fremder war. die Negierung ihm für 20 Jahre lang erlaubt hat, sein Leben dort zu führen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.