Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1901)
- Date
- 1901-10-18
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Schluß des Festes bildete ein Ball. — Eine gottesdienstliche Feier fand insofern statt, als am ersten Sukkothtage in der Festpredigt des Jubilars gedacht wurde. Herr Dr. Auerbach feierte ihn bei dieser Gelegenbeit als einen Mann treuer Pflichterfüllung sowohl als Lehrer wie auch als Kantor und wünschte ihm und seinem Wirken des Himmels reichsten Segen auch für die Zukunft. -t. München, 14. Oktober. Am 9. d. M. ist hier der Geheime Hofrath Dr. Sigm u n d o. Henle, geb. am 30. Juni 1821. gestorben. Heule ist ein Urenkel des einstigen Baniberger Oberlandesrabbiners und späteren Kasseler Konsistorialrabbiners Löw-Berlin. In seiner Jugend war er Senior des hiesigen Korps Bavaria. Er war lange Zeit einer der beschäftigten Münchener Advokaten. als welcher er auch den nunmehrigen König und damaligen Prinzen Otto von Bahern gegen den jetzigen Prinzregenten und damaligeil Prinzen Luitpold von Bayern in dem großen sogenannten Secundogeniturprozesse erfolgreich vertrat. Heule war auch mehrere Jahre Mitglied der Kammer der Abgeordneten des Königreichs Bayern, wo er ein wackerer Vorkämpfer für die liberale Partei war. Henle hat ebenso wie sein Bruder, der Negiernngsdirektor v. Henle, durch Verleihung des Civilverdienstordens der bayerischen Krone den persönlichen Adel erlangt. Oesterreich-Ungarn. Hl Wien, 14. Oktober. Die hiesigen jüdischen Blätter enthalten folgende Mittheilung: „Ein in der Nähe voll Neustadt all der Mettau an einem 15jährigen Mädchen verübter grausamer Mord bietet dem „Deutschen Volksblatt" neuerlich Anlaß zu einer schwungvollen Nit u al m ordh e tz e. Es hat Berichterstatter an Ort und Stelle entsendet und bringt spaltenlange, sensationell zugestutzte Berichte über die Blutthat. Die Staatsanwaltschaft hat jene Stellen, welche den Verdacht nach einer bestimmten Richtung lenken sollen, konfiszirt. Aus dem unbeanstandet gebliebenen Satze aber: „Es sprechen deutliche Anzeichen dafür, daß die Mörder der Maria Suchanek dieselben seien, die an der Polnaer Mordthat betheiligt gewesen waren." ist klar ersichtlich, wohin die Veröffentlichungen des „Deutschen Volksblatt" zielen. Es wiederholt sich also hier die seit Jahren betriebene antisemitische Praxis, bei jedem Morde an einer jugendlichen Person durch Verbreitung tendenziöser, amtlich nicht kontrolirter Meldungen die öffentliche Meinung von vornherein für eine bestimmte Suppositiou zu bearbeiten, der gerichtlichen Untersuchung vorzugreifen und diese durch suggestive Beeinflussung der Bevölkerung zu erschweren. Mit welchen Mitteln da gearbeitet wird, zeigt die unwahre Behauptung des „Deutschen Volksblatt", daß „gefärbte jüdische Zeitungsberichte" die Darstellung derMordthat entstellt oder verworren hätten. Demgegenüber konstatiren wir, daß außer dem „Deutschen Volksblatt" kein einziges Wiener Blatt über die Mordthat etwas anderes veröffentlichte, als eine kurze, thatsächliche Notiz, in welcher von der Auffindung eines zerstückelten und halbverkohlten Leichnams die Rede war. — Der Kaiser hat den Oberinspektor der österreichischen Staatsbahnen Friedrich Benedikt zum Oberbanrathe bei der im Eisenbahn- Ministerium zu errichtenden Eisenbahn-Baudirektion ernannt. — Die ungarischen Wahlen machen noch immer von sich reden. Charakteristisch ist es. daß, während im früheren Reichstag nur 12 Juden saßen, die letzten Wahlen 16 jüdische Abgeordnete brachten, in der Hauptstadt allein 3, von denen 10 der Regierungs-. 3 der Kossuthpartei, 2 sogar der klerikalen Ugron-Fraktion angehören und einer Demokrat ist. Sehr interessant ist auch der Grund der Niederlage des Justizministers Alexander Ploß in Baja. Justizminister Ploß hielt nämlich direkt am Jomkipnr in Baja seine Programmrede und nahm Nachmittags an einem Banket theil. Die jüdischen Wähler blieben natürlich sowohl der Programmrede als auch dem Banket ferne und erblickten darin eine beabsichtigte Zurücksetzung. Justizminister Ploß aber steht ohne Mandat da. — Das gut informirte „l?olski sIo>vo" (Polnisches Wort) bringt die fast unglaublich erscheinende Nachricht von der am Jomkipnr in Kolomea stattgefundenen Taufe des Landesgerichtsrathes Dr. W. und Familie, wobei das polnische Organ darauf hinweist, daß der Vater des Täuflings längere Zeit als Vertreter des Predigers fungirte, ferner als Neligionslehrer an den Gymnasien, Schullehrer an der jüdischeil Hauptschule, Verleger voll jüdischen Büchern u. s. w. war; nun fiel sein Stammhalter — in das Taufbecken. Die Art, wie dies geschehen, wird sicher in alleil Kreisen die schärfste Mißbilligung erfahren. Von Nah und Fern. ---- Am 11. d. M. ist hier Herr Hey mann Arons gestorben. Derselbe gehörte 30 Jahre hindurch dem Vorstande der „Gesellschaft zur Verbreitung des Handwerks und Ackerballes unter den Inden im preußischen Staate" und 34 Jahre dem Kuratorium der M. I. Liebmannscheu Stiftung all. Ehre seinem Andenken! — Die Herren Willibald Löwenthal und Moritz Löwiusohn sind zu stellvertretenden Handelsrichtern ernannt worden. — Am 10. d. M. verschied im Alter voll 72 Jahren der Privatier I. M. Rector. Derselbe wirkte früher als Lehrer mit Erfolg in verschiedenen schlesischen Gemeinden. Sein Werk war die Gründung der Jüdischen Gemeinde zu Bad Salzbrunn, ferner der Ban eitles Gotteshauses daselbst. Ehre seinem Alldenken! — Ein antisemitisches Blatt macht den verstorbenen Abgeordneten Paul Majunke zum Juden oder Judenabkömmling. indem es von ihm als dem „klerikalen hetzpolitischen und katholischen Agitator Dr. Majunke (les) in Berlin, dem Redakteur der erzklerikalen Berliner Zeitung „Germania" schreibt. — Geheimer Sanitätsrath Dr. Wolfs in Löbau, der jetzt nach Graudenz übersiedelt, hat über 33 Jahre dort als Arzt und Kreisphysikus gewirkt und sich während dieser Zeit um die verschiedensten Zweige des öffentlichen Lebens, des Kommunal- und Vereinswesens verdient gemacht. Die jüdische Gemeindevertretung überreichte ihm bei dem Scheiden eitle kostbare Adresse, und die Liedertafel ernannte ihn zu ihrem Ehrenmitglieds. — Die Meldung, daß Moritz Lewh aus Könitz zur Beobachtung seines Geisteszustandes ans dem Zuchthaus in eine Irrenanstalt überführt worden sei, ist nach Erkundigungen an zuständiger Stelle unrichtig. Lewy befindet sich iir normalem Geisteszustände und ist aus der Strafanstalt überhaupt nicht herausgekommen. — Ein antisemitisches Blatt hatte mitgetheilt, Bürgermeister Deditins in Könitz sei bemüht, einen Christen ausfindig Zu machen, der den Winter ermordet haben soll. Hierauf erwidert die „Ostdeutsche Tagesztg." in Könitz: „Auch uns ist etwas zu Ohren gekommen, daß in letzter Zeit gegen einen Christen gefundenes Belastungsmaterial die Behörden beschäftigt, aber daß es. wie die „Staatsbürgerztg." sagt, ein Schneiderlehrling oder ein Tischlerlehrling sein soll, darüber ist uns nichts bekannt." — In letzter Zeit sind in Bütow wiederholt die Fenster der Synagoge mit Steinen bombardirt worden. Am 2. d. M. Abends machte der Janhagel eine Attake auf die Synagoge, bei welcher Gelegenheit sechs Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen wurden. — In Zabrze ist am 6. d. M. im Alter von 73 Jahren der Rentier Salomon Schüller gestorben. Derselbe war Mitbegründer und langjähriges treu bewährtes Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde. — Zwei Hauptstützen der antisemitischen Partei in Breslau, der Prokurist Pauli und der Reisende Laster, wurden wegen jahrelang betriebener Unterschleife verhaftet. — Bei den badischen Landtagswahlen haben die Antisemiten ihr einziges Mandat Heidelberg-Land behauptet; sie werden auch fortan in der zweiteil Kammer nur durch ein Mitglied vertreten sein. — Am 1. Dezember 1900 zählte man in Württemberg 1 407 176 Evangelische (69,1 Prozent), 601794 Katholiken (29,9 Prozent), 12 639 Israeliten (0,62 Prozent), und 6913 Sonstige (0,33 Prozent). — Herr Hermann Trier in Kopenhagen ist einstimmig zum Präsidenten des Folketing (Abgeordnetenhauses) gewählt worden. Es dürste zum erstell Male geschehen, daß einem Inden diese hohe Würde übertragen wurde. Herr Trier ist auch Vorsitzender des Bürgerschafts- Kollegiums in Kopenhagen. — Der italienische Legationsrath v. Po - lacco, der bisher bei der Botschaft in Paris war, ist zum Gesandten in Sofia ernannt worden. — In Brüssel ist am 17. v. M. eines der allgesehensten Gemeindemitglieder, Jsaac Hartog, im Alter von 65 Jahren gestorben. — Die französische Budgetkommission hat beschlossen, dem Plenum die Streichnug des Budgets der Religiousgenossenschasten, also auch der jüdischen, zu empfehlen. — Der Präsident der Vereinigten Staaten, Th. Noosevelt, hat Herrn M. L oeb in New- Jork zum Sekretär der Präsidentschaft ernannt. — Dem Blatte „Al- Moghreb Al-Aksa" wird aus Fez geschrieben: Die Pest richtet unter den hiesigen Juden furchtbare Verheerungen all. Vom 18. bis 23. v. M. sind im Mettah, dem jüdischen Ghetto von Fez, 120 Juden an Typhus und Malaria gestorben. Am 24. starben allein 40 Personen, während in der Nacht vom 26. 22 Leichen unbeerdigt bleiben mußten, da es an Händen fehlte, um die zahlreichen Todten zu beerdigen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.