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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-27 · Heft 39 (27.9.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 39 (27.9.1901)
Date
1901-09-27
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 27. September. Vormittags 10 Uhr: Versammlung und gemeinsames frühstück im „Grünen Jäger"; nachher, bei günstiger Witterung, Ausflug über die Köthe nach Laute,ithal. (2) Caffel, 22. September. In der Nacht zum letzten Donnerstag starb plötzlich der königliche Hofbnchdrucker Adolf Gotthelft im Alter von 73 Jahren. Er war Mitbegründer der angesehenen Firma „Gebrüder Gotthelft" und des „Casseler Tageblatt und Anzeiger". Unerwartet hat der Tod ihn aus unserer Mitte genommen, sein rüstiges Alter schien ihm noch einen langen und gesegneten Lebensabend zu verheißen. Wenn je ein Menschenleben köstlich gewesen, so war es das des Heimgegangenen, denn es war von emsiger Arbeit und rührigen. Streben erfüllt. Mit eisernem Fleiß, mit unermüdlicher Hingabe, mit nie versagender Thatkrast erfüllte er seine Lebensaufgabe, wahrlich ein Vorbild vielen unseren Glaubensgenossen, denen er durch sein Leben gezeigt, daß der Hände Arbeit doch nie der Segen fehlt. Adolf Gotthelft wurde im Jahre 1828 zu Cassel geboren, besuchte die Bürgerschule und kam später nach Absolvirnng zu seinem Bruder Karl Gotthelst, der eine ganz kleine Buchdruckerei mit einer Handpresse betrieb, in die Lehre. Nach Beendigung dieser Lehrzeit ergriff er den Wanderstab und konditionirte als Schriftsetzer in verschiedenen Städten und großen Buchdruckereien. Er war im bewegten Jahre 1848 in Berlin, ging dann nach Dresden und Wien, wo er in der Staatsdruckerei Stellung fand und sich binnen kurzer Zeit so gut Anarbeitete, daß man ihn nach dreijährigem Wirken ungern entließ und ihn bat, falls ihm das Glück nicht hold wäre, und er nicht mit seiner Druckerei reüssiren würde, an seine einstige Wirknngsstelle zurückzukommen und die Stelle eines Faktors zu bekleiden. In Wien war er in der orientalischen Abtheilnng beschäftigt, setzte Hebräisch. Sanskrit und Griechisch, und in allen diesen Sprachen leistete er als Jachmann Vorzügliches. Er trat alsdann als Gehilfe in das Geschäft seines Bruders ein. Mit rastlosem Fleiß gelang es ihm auch bald, dasselbe zu erweitern und zu vergrößern. In, Jahre 1853 gründete r das „Casseler Tageblatt", und unter den schwierigsten Verhältnissen gelang es ihm, in Gemeinschaft mit seinem Bruder die Zeitung von bei, kleinsten Anfängen heraus so zu gestalten, daß sie heute als geachtetes Organ in hiesiger Stadt und Provinz dasteht. Besonders zur hessischen Zeit ist es ihm sehr schwer gemacht worden, und die Konzession wurde den Brüdern Gotthelft von der Negierung verschiedene Male genommen, so daß die Firma des Geschäfts dreimal geändert werden mußte. Erst in, Jahre 1866 fand er seitens der preußischen Negierung Entgegenkommen, und mit dieser Zeit begann Pie Blüthe seines Unternehmens. Während das Blatt früher auf nner kleinen Holzpresse gedruckt wurde, konnte jetzt eine Schnellpresse augeschafft werden, und in den achtziger Jahren hat es sich dann so ausgebreitet, daß der Druck mittelst Notationsmaschine bewerkstelligt werden mußte. Als das zunehmende Alter ihn zwang, sich nach und nach von der geschäftlichen Thätigkeit zurückznziehen, nahm er in regen, Geiste an allen gemeinnützigen Bestrebungen mit großem Interesse Antheil. Es ist hier nicht der Ort, alle die bürgerlichen Vereinigungen aufzuzählen, in denen er den Vorsitz führte. Es seien nur die Institutionen der Gemeinde genannt, denen der Verstorbene angehörte: er war lange Jahre „Gemeindeültester", gehörte bis zu feinem Lebensende dem „Vorsteheramte der Israeliten" an und war langjähriger erster Vorsitzender der Gesellschaft „Humanität" wie des U. O. B. B., dem Ausschuß des D.-J. G.-B. gehört auch ein Theil seiner Arbeitskraft. In allen diesen Aemtern bekundete er regen Eifer und hingebendes Interesse. Die Gewissenhaftigkeit, mit welcher er stets die Arbeiten der genannten Gesellschaften förderte, sichern ihn, auch in diesen Kreisen ein dauerndes Andenken. Es konnte daher nicht fehlen, daß das heutige Leichenbegängniß sich zu einer erhebenden Trauerkundgebung gestaltete. Lai,ge vor der festgesetzte!, Stunde umstanden Hunderte von Bürgern aus allen Kreisen der Stadt das Trauerhaus, um dem Mitbürger das Geleit zur ewigen Ruhe zu gebe!,. Ein solch imposantes Gefolge ist wohl hier noch nicht gesehen worden. Am offenen Grabe schilderte Herr Landrabbiner Dr. Prager Leben und Wirken des Heimgegangenen an der Hand des Schriftwortes: „Ich werde deinen Namen groß machen, und du sollst sein ein Segen." Er betonte, welch ein Segen Adolf Totthelft seiner Familie, seiner Vaterstadt und dem Judenthum gewesen, wie reichlicher Segen ihm auch durch irdische Güter, in seiner Familie, in seinem Wirken und Schaffen und auch im Sterben zu ^heil wurde, wie ihn Segen von der Jugendzeit bis in sein Alter begleitet. Wir verließen das Grab mit dein Bewußtsein, einen ganzen Mann gebettet zu haben. Möge ihm die Erde leicht sein! Süß ist der Schlaf des Arbeiters! V München, 20. September. Durch den Tod des Bankiers Isidor Landauer, der an, 14. d. M. erfolgte, hat unsere Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. Der Hein,gegangene war einer unserer besten und eifrigsten Männer. Eine lange Reihe von Jahren Mitglied der Kultusverwaltung, erwarb er sich auf den mannigfachen Gebieten durch seine Sachkenntnis; und Arbeitsfreudigkeit und durch die Vornehmheit seiner liebenswürdigen, versöhnlichen Gesinnung viele Freunde. Großen Einfluß besaß er auch im sozialen Leben, und stets war er erfolgreich bemüht, im Interesse des Jndeuthums zu wirken. Als 1895 der inzwischen verstorbene Dr. Natzinger in der bayerischen Abgeordnetenkammer eine antisemitische Nede hielt, welche von den gehässigsten Anschuldigungen gegen die Juden strotzte, hat Landauer ein Schreiben an den ihn, früher befreundeten Hetzredner gerichtet, in welchem er ihm an der Hand wissenschaftlicher Beweise die Hinfälligkeit und Ungerechtigkeit seiner Bezichtigungen darlegte und, an sein Billigkeitsgefühl appellirend, der Hoffnung Ausdruck gab, daß Natzinger der Wahrheit die Ehre geben werde. Der würdige Antisemit veröffentlichte aber diesen Brief — in Sigls „Vaterland"! Ein schwerer Gehirnschlag zwang den Heimgegangenen vor einigen Jahren, der öffentlichen Thätigkeit zu entsagen. Nun hat ihn der Tod von seine!, Leiden befreit. Ehre seinem Andenken! Oesterreich - Angarn. Wien, 22 September. Der gestern abgehaltene Vertrauensmännertag der deutschen Volkspart ei Böhmens nahm einstimmig einen Wahlaufruf an, welcher den antisemitischen Charakter der Deutschen Volkspartei betont. Und diese Leute nennen sich liberal. — Die Lokalchronik der letzten Woche ist wieder einmal reich an Gerichtsfällen und Verhandlungen in denen rein christlich-soziale Helden die Hauptrollen inne haben. So wurde in, Orte Klei,,-Stahl bei Brünn der dortige Bürgermeister verhaftet, der vor mehreren Jahren seine Gattin vergiftete und seither mit seiner Helferin beim Morde in wilder Ehe lebte — hier wurde der Vereiuskassirer Mattäus Arthold wegen Unterschlagung von Vereinsgeldern den, Landgerichte eingeliefert, und in Prachatiz bei Pisek ist der Kassirer der Sparkasse, der 71 jährige Zaruba, wegen Defraudationen in der Höhe von 90 000 Kronen, die er in, Laufe von 20 Jahren an der Kasse verübte, zu zwei Jahren schweren Kerkers verurtheilt worden, und schließlich hat sich der Advokat Suttner in Königgrätz bei der Entdeckung eines von ihn, versuchten Betruges selbst getödtet. — Der uugarische Ministerialkommissär Eduard Egau. welcher in, Vorjahre durch antisemitische Reden und sein Verhalten bei der seiner Leitung anvertraute,, Hilfsaktion für die in Nordost-Ungarn wohnenden Rnthenen unliebsames Aufsehen erregte, und der daun, als er von, Ministerium desavouirt wurde, öffentlichen Widerruf leistete, hat bei Ungvar Selbstmord begangen. — Die Landtagswahle,, in Galizien sind beendet. Die Juden siegten in den Handelskammern — was vorauszusehen war — und in Sryj. Als Sieger gingen hervor Dr. Fruchtmann, Kolischer, Löwenstein und Nappaport. Mehr interessiren uns die Gefallenen Dr. Byk und Dr. Horowitz in Lemberg und Krakau. — In U n g arn sind bisher sieben jüdische Abgeordnete gewählt worden. — Hier ist der ehemalige Rabbi»,ats-Assessor Jakob Schlesinger im hohen Alter von 93 Jahren gestorben. Von Nah und Fern. — Der wissenschaftliche Hilfslehrer am Königstädtischen Gymnasium' Dr. Nosenkranz, ist zum Oberlehrer ernaunt wordeu. — Am 15. d. M. ist hier Herr PaulBaschwitz, der Seniorchef der gleichnamigen Firma, gestorben. Ihn, ist die Einführung und Entwickelung der Fabrikation von Koufektionsbüsten, die früher ein Monopol der Franzosen waren, in Deutschland zu verdanken. — Von den beiden kürzlich promovirten weiblichen Aerzten, der, ersten, die in Preußen durch das Staatsexamen gingen und zur Ausübung ärztlicher Praxis volle Berechtigung haben, hat sich Frl. Dr. Ir m a Kl a u s,, er in der Tauenzienstraße 19 a niedergelassen. — Buchhändler G. A. Dewald. der wegen der antisemitischen Postkarten jüngst bestraft wurde, ist am 23. d. M. verhaftet worden Er war seiner Zeit wegen Beleidigung des Kaufmanns Katz in Königs, berg i. Pr. zu 100 Mark beziehungsweise 20 Tagen Gefängniß ver-

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