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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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geführt, „nicht gleichgültig sein, ob ein jüdischer Vorleser, Kantor oder Lehrer von einer niederen Bildung und sozialer Stellung, der auch gleichzeitig das Amt eines Schächters versieht, sich die beregten Eingriffe in die Rechte des Geistlichen straflos gestatten darf." Gegen dieses Urtheil wurde beim Landgerichtspräsidenten in Gießen Beschwerde erhoben; Dieser jedoch hat entschieden, daß zum disziplinarischen Einschreiten gegen den betreffenden Amtsrichter keine Veranlassung Vorlage. In dem Antwortschreiben des Landgerichtspräsidenten wird alsdann des Weiteren ausgefuhrt: „Da indessen einzelne Stellen der Urtheilsbegründung. wie die Eingabe zeigt, zu irrigen Schlußfolgerungen Anlaß gegeben haben, so habe er dem betreffenden Richter empfohlen, bei der Abfassung gerichtlicher Entscheidungen Ausdrücke und Wendungen thunlichst zu vermeiden, die unter Umständen Anlaß zu Mißdeutungen oder als polemische, über den Nahmen der zu treffenden Entscheidungen h inausgehende Erörterungen angesehen werden könnten." Hoffentlich werden sich die Betheiligten dabei nicht beruhigen. Es wäre Sache des „Centralverbandes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" im Interesse des schwer beleidigten jüdischen Lehrerstandes hier Remedur zu schaffen! » Oesterreich-Ungarn. lH Wien, 16. September. Zur Erinnerung an die am 9. September aus so entsetzliche Weise gemordete Kaiserin Elisabeth haben in mehreren hiesigen Synagogen erhebende Trauergottesdienste stattgefunden. — Der Kaiser hat dem Universitätsprosessor und Regierungsrath Dr. Wilhelm Winternitz den Titel eines Hofrathes und dem Privatdocenten Dr. Eduard Schiff den Titel und Charakter eines außerordentlichen Professors verliehen. Ferner hat der Kaiser den Landesgerichtsrath in Czernowitz, Dr. Leo Grabscheid, zum Gerichtsinspektor im Juftizminjsterinm ernannt. — Bei den Landtag s wa hl e n wurden in Krakau der bisherige Vertreter der Kammer, Dr. Arnold v. Rapoport, und in Brody gleichfalls der bisherige Abgeordnete Dr. Nathan Löwenftein wiedergewählt. — Wie man aus Budapest mittheilt, hat die ungarische Regierung sich entschlossen. gegen die systematische Bethörung des Volkes durch die Verbreitung des Blutmärchens ernstlich aufzutreten und der gemeinen Brunnenvergistung der politischen Marodeure ein Ziel zu setzen. So hat denn der Ministerpräsident in seiner Eigenschaft als Minister des Innern an die Verwaltungsbehörden im Königreiche Ungarn eine Verordnung gerichtet, in welcher strenge aufgetragen wird, die Verbreiter des Blntmärchens anszuforschen und zur Verantwortung zu ziehen. — Aus Trencsin wird gemeldet: Der Grundbesitzer Rudolph Moraußky in Csacsa. der als Führer der antisemitischen Volkspartei im dortigen Bezirke eine hervorragende Rolle spielte, stellte sich der hiesigen Staatsanwaltschaft mit der Selbstanzeige, daß er Wechsel gefälscht und dieselben begeben habe. — Der Jahresbericht der Budapest er Landesrabbinerschule ist ausgegeben worden. Voran geht eine gelehrte Abhandlung des greisen Professor Moses Bloch über das mosaisch-talmndische Strafgerichts- Verfahren. Die Anstalt, welche 40 Hörer zahlt, vollendete mit dem abgelansenen Schuljahre das 24. Jahr ihrer Thätigkeit. Die absolvirten Hörer Dr. Naftali Blumgrnnd und Ludwig Scheiber erhielten das Nabbinerdiplom. Ersterer wurde auch schon zum Rabbiner in Abony gewählt. Von den früher Promovirten ist Dr. Moses Herskovics znm Rabbiner in Somogy-Szill. Dr. Arthur Weißkopf zum Prediger und Religionsprosessor in Rozsnyo gewählt worden. Wie in den früheren Jahren wendeten sich auch im abgelaufenen Schuljahre das ungarische Ministerium für Kultus und Unterricht und andere Behörden an den Lehrkörper in religiösen Fragen um Gutachten. Sämmtliche Fragen wurden vom Vorsitzenden beantwortet. Belgien. K. II. Brussel, 5. September. Einem lang gefühlten Nothstand ist hier endlich Abhilfe geschehen. Dank der edelmüthigeu Spende von 80 000 Francs von Herrn und Frau L. Hirsch in Brüssel ist in Middelkerke eine herrliche Villa erbaut worden, welche zur Aufnahme jüdischer Ferienkolonisten dienen soll. Die Villa „Johannis" ist am 1. v. M. feierlich ihrem Zweck übergeben worden. Bei der Feier waren zugegen Herr Armand Bloch, Grand Nabbiu von Belgien, Herr und Frau Hirsch, Herr Generalkonsul Franz Philippson, der Bürgermeister u. s. w. Mit warmen Worten feierte Herr Rabbiner Bloch den edlen Wohlthätigkeitssinn des Herrn Hirsch und zeigte, wie durch edles Schaffen das Loos unserer unbemittelten Glaubensbrüder gebessert und gehoben wird. Die Villa ist mit allem Komfort der Neuzeit eingerichtet und wird streng religiös geführt. Eine Abtheilnng Knaben bevölkert bereits die Villa, und soll daS Heim im Winter für leidende erwachsene, unbemittelte Glanbeilsgenossen dienen, um denselben an diesen herrlicheil Gestaden der Nordsee geistige und körperliche Erholung zu gewähren. Wir empfehlen unseren Glaubensgenossen, welche die Seebäder Ostende und Blankenberghe besuchen, nicht zu versäumen, mittelst Trambahn — welche dem Meere entlang führt — die schöne Fahrt nach Middelkerke zu machen und diese Musteraustalt zu besichtigen. -- Zu den Sehenswürdigkeiten Brüssels gehört die neue in der ru6 In OlaeLyre gelegene jüdische Alters ve rsorgu ngsa nstal t. Das Heim befand sich bisher in bescheidenen Räumen, und ist der vollendete Neubau mit seinem großen Garten ein schon von weitem wirkender Vorahner der schönen Jnnenräume des Gebäudes. Das Heim wird in echt jüdischer Weise vom langjährigen Inspektor der Anstalt Herrn Dreyfuß und dessen Schwester geleitet. Männer und Frauen finden dort Aufnahme. Die Räume sind hell, lustig nnd herrscht die mnstergiltigste Ordnung. Man merkt es den Gesichtern der alten Insassen an, mit welcher Sorgfalt und Liebe sie gepflegt werden. Von Nah und Fern. — Eine fürchterliche Nachricht bringt ein Antisemitenblatt: das Verzeichniß der in Deutschland geadelten Inden umfasse bereits 35 jüdische Namen. In der That, das ist entsetzlich! — Der Rentier Gieldzinski in Danzig hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse, der Fabrikbesitzer Victorias in Grau de uz den Titel „Kommerzienrath" erhalten. — In Ple scheu ist am 5. d. M. im 71. Lebensjahre der Rendant der Sparkasse, frühere Stadtrath und Sparkassendeputatiousmitglied Isaak Braver manu gestorben. Derselbe gehörte seit mehr als 28 Jahren dem Repcäsentantenkollegium der jüdischen Gemeinde an, verwaltete bei derselben mit seltener Pflichttreue die Rendantur- und Sekretariatsgeschäfte und erfreute sich in allen Kreisen der Bevölkerung großer Beliebtheit. — Dem ans No gasen scheidenden und nach Berlin versetzten Rektor Hermann Cohn wurde am 5. d. M. von seinen früheren Schülern und Schülerinnen durch eine Deputation eine goldene Taschenuhr mit Widmung als Ehrengeschenk überreicht. Nachmittags versammelten sich sämmtliche hiesigen Lehrer aller Konfessionen nnd viele Lehrer aus der Umgegend zu einem Abschiedskommers für Herrn Cohn, wobei verschiedene Herren leuchtende Worte der Anerkennung dem Scheidenden widmeten. — Herr Heinrich Cohn, 1. Vorsteher der Synagogengemeinde in Liegnitz, wurde mit großer Majorität Zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Als Stellvertreter war er nur kurze Zeit thatig. — In Seesen am Harz fand am 11. d. M. an der Jacobsonschule (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des Herrn Gymuasialdirektors Professor Dr. Brandes aus Wolsenbüttel. als herzoglichem Regierungskommissar die Reifeprüfung statt. Sechs Schüler der ersten Klasse haben dieselbe mit Erfolg . bestanden. — Nach einer ersprießlichen Thätigkeit von fast vier Jahrzehnten legte Kreisrabbiner I. Strauß in No teilbürg a. d. F. sein Amt nieder, um nach Frankfurt a. M. überzusiedelu. — Frau Theodor Stern in Frankfurt a. M. hat am Todestage ihres Mannes der Stadt die Summe von 500 000 Mark als Grundstock einer Theodor Stern- Stiftung zur Förderung medizinischer Zwecke überwiesen. — In Frankfurt a. M. wurde am 8. d. M. die vergrößerte „Neue Gemeindesynagoge" am Börneplatz eingeweiht. Dieselbe umfaßt 1200 Plätze. — Das Centralkomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat an den Großherzog von Baden ein Glückwunschtelegramm aus Anlaß des 75. Geburtstages gesandt. Hierauf ist folgendes Telegramm eingegangen: „Seine königliche Hoheit der Großherzog lassen für die dargebrachten Geburtstagswünsche bestens danken. Im höchsten Aufträge (gez.) von Babe." — In Müll heim (Baden) wurde vorige Woche einer der Antisemitenhäupter. Stadtrath und Architekt Krafft, nach Freiburg wegen Verleitung zum Meineid eingeliefert. Derselbe hat im badischen Oberlande antisemitische Vereine gegründet und Versammlungen abgehalten. — Nach Norderney konunen Anfangs Oktober dreihundert Aerzte vom „Verein für innere

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