Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1901)
- Date
- 1901-09-13
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 noch Derjenige als Kantor angestellt werden soll, welcher in seinem Privatleben einwaudsfrei dasteht und in der Lage ist. seine kantoralen Fachkenntnisse sowie seine allgemeine Bildung durch ein vom Staate anerkanntes Zeugniß nachznweisen. Zur Erreichung dieses Zweckes soll die Errichtung von Kantorschulen. entweder im Anschluß an die bestehenden Lehrerseminare oder als selbständige Institute, ins Auge gefaßt werden. Zur Fortbildung sollen ferner regelmäßige Konferenzen stattfinden, auf welchen alle Gebiete des Kantorates eingehende Behandlung zu erfahren haben. 2. Der Verein erblickt eine Hauptaufgabe auch darin, die Anstellungs-, die Pensionsnnd Reliktenoersorgungsverhältnisse einer Regelung entgegenzufnhren. Dieses Ziel soll möglichst im Anschluß an den Verein israelitischer Elementarlehrer für Rheinland und Westfalen erreicht werden. 3. Der Verein erstrebt ferner bei etwaigen Differenzen zwischen Gemeinde und Kantor versöhnend einzuwirken, eventuell ungerechtfertigten Maßnahmen wirksam entgegenzutreten. Behufs dessen soll ein ständiges Schiedsgericht errichtet werden, welches aus Vertretern von Gemeinden und des Kantorenstandes zu bestehen hat. 4. Zur Vertretung der Standesinteressen wird die Nothwendigkeit eines Fachblattes betont; als solches dürfte in erster Linie die in Wien erscheinende „Allgemeine Kantorenzeitung" in Betracht kommen. ---- Muttchen, 5. September. Der antisemitisch-klerikale Gemeindebevollmächtigte Kellner hatte, wie erinnerlich, vor einiger Zeit den israelitischen Magistratsrath Lebrecht in öffentlicher Versammlung „einen großen Juden" nnd „solch einen Grnndstnckspekulanten" genannt. Er wurde darauf wegen Beleidigung Lebrechts in erster Instanz zu 20 Mark, in zweiter zu 10 Mark Geldstrafe verurtheilt. Die zweite Instanz hielt nur den Ausdruck „großer Jude" nir beleidigend, während der Ausdruck „solch ein Grundstückspekulant" straffrei bleiben müsse, weil Lebrecht erwiesenermaßen in Grundstücken spekulire. In einem Brief an Lebrecht stellte nun der Cigarrenhäudler Sberzimmer fest, daß Kellner selbst Grundstückspekulant sei, und es nicht verschmäht habe, als prinzipieller Antisemit dem israelitischen Ranhwaarenhändler Samuel Tag sein zwei Tagewerk großes Grundstück mit erheblichem Nutzen zn verkaufen. Der Brief enthielt noch die Stelle: „Welch ein Pharisäer!" Wegen dieses Briefes erhob Kellner Klage. Schon im Eingänge der heutigen Verhandlung suchte Kellner den Rückzug anzutreten, denn sein Vertreter sowohl wie er erklärten, die Klage zurücknehmen zu wollen, wenn Oberzimuier die Beleidigung znrücknehme. Dieser erwiderte aber, er habe nichts zurnckznnehmen. Die Verhandlung ergab, daß die Behauptung Oberzimmers vollkommen zutreffend war. Der Beklagte wurde zwar, lediglich wegen des Ausdrucks „Pharisäer" mit 10 Mark Geldstrafe belegt, den Nachweis, daß der Kläger Grundstückspekulationen getrieben habe, erachtete das Gericht als erbracht. Oesterreich - Nilyn rr» LI Wien, 9. September. Vor einigen Tagen haben in Prag zwei Verhandlungen stattgefunden, die wohl als Ausläufer des Polnaer Prozesses zu betrachten sind. Im ersteren Falle wurde die Anstisterin einer kleinen Blutlüge - Geschichte als ein an hochgradiger Hysterie leidendes, gänzlich unzuverlässiges Geschöpf vom Gerichte zurückgew lesen, der Vertheidiger des jüdischen Ehepaares, dem die Anklage gegolten hätte, verzichtete bei dem Zustand der Anklägerin aus deren weitere Verfolgung. Noch charakteristischer, jedoch viel trauriger, möchte ich sagen, ist der zweite Fall, dessen Verhandlung jedoch vertagt wurde. — Hier ist der kaiserliche Rath Bruno Scheftel, Direktor der Königswarterischen Centralkanzlei, im >6. Lebensjahre gestorben. — Am 27. v. M. feierte der Erzbischof Dr. Georg Posilovic': in Agram sein 25jähriges Bischofsznbiläum. Aus diesem Anlasse gratnlirte auch die Agramer Knltusgemeinde, daraus erwiderte der Erzbischof: „Die Gerechtigkeit nnd vmnanität diktiren mir stets Aeußerungen der Liebe und Duldsamkeit gegen Andersgläubige. Dieselben sind Ihnen wohl bekannt. Wir müssen Alle glauben, daß unsere Religionsgesetze in Moses ihren Urheber haben, welchem sie von Gott Angegeben wurden." — Ans China zurückgekehrt ist der in Saaz ansässige Norbert Grün, selber ans Bayreuth iu Bayern. Als Soldat hat er den Krieg im deutschen Heere mitgemacht, wurde in der Schlacht verwundet und ist nach erfolgter Genesung wohlbehalten zurückgekehrt. Seine Eltern haben aus diesem Anlasse für den Tempel einen kostbaren Vorhang gespendet, der junge Mann wnrde zur Thora gernseu nnd sprach ein Dcmkgebet für seine Errettung. Von Nah und Fern. — Landgerichtsrath Kalischer aus Landsberg a. W. ist an das Landgericht II in Berlin versetzt worden. — Eine von antisemitischer Seite auf den 3. d. M. in die Konkordiasäle einberufeue Volksversammlung wurde polizeilich verboten, weil bei der Anmeldung ein Versehen vorgekcnnmen war.— Infolge der Ernennung zum Vorsteher einer akademischen Meisterschnle für musikalische Komposition ist das Senatsmitglied Professor Friedrich Gernsheim für die Dauer seines Hauptamts Mitglied des Senats der Akademie der Künste geworden.— Oberlandesgerichtsrath M osse inKöni gsberg i. Pr. ist zum Geheimen Iustizrath ernannt worden. — Geheimer Medizinalrath Dr. Jafso in Königsberg Hai den Krollenorden Ul. und Landgerichtsrath Dr. Silb ermann in Lyk den Rothen Adlerordeu IV. Klasse erhalten. — In Margonin war an der jüdischen Betschule einKantor.H.Ber schke. aus Russisch-Polen gebürtig, angestellt. Er erhielt den Befehl, so schnell als möglich nach Rußland zurückznkehren. — Die goldene Hochzeit feierten die Ehepaare Gerechter ill Borek und Tr eitel in Schwerin a. W. Beide Paare erhielten die vorn Kaiser gestiftete Ehejnbiläumsmedaille. — Andreas Abraham, das älteste Mitglied des Kriegervereins in Dinslaken, wurde in der letzten Vereinsversanunlnng znm Ehrenmitglied ernannt. — Das Stadlverorduetenkollegium zn Mühlheim a. Nh. bewilligte der jüdischen Gemeinde ein Darlehen von 60 000 Mark zum Bau einer neuen Synagoge. — Baron Nataniel von Rothschild hat dem israelitischen Bethausvereine Bahnhof Oderberg außer dem bereits gespendeten Betrag von 1000 Mark zur Erbauung eines Bethanses den weiteren namhaften Betrag von 2000Mark zur Erwerbung eines Friedhofes gespendet. — Ueber das „judenreine" Bol derb ad bei Hall, das wir jüngst besprochen haben, schreibt das Sigl'sche „Bayer. Vaterland" (29. 8.): „Die Wirthsleute, eine gut katholische vorzügliche Tyroler Familie, haben Heuer selbst protestantischen Pastoren ans Norddeutschland die Aufnahme verweigert, seitdem sich im Vorjahre einige Gäste dieser Kategorie im Dienste der „Los von Nom"-Beweguilg in die um Volderbad liegenden Bauernhöfe eingeschlichen hatten." Es sollte uns gar nicht wundern, wenn sich demnächst irgendwo ein „katholikenreiner" Badeort aufthüte. — In Wilna wurden eine Reihe von Hausdurchsuchungen abgehalten und Verhaftungen vorgenommen. Es wurden 40 Personen, jüdische Arbeiter und Intellektuelle, wahrscheinlich Mitglieder des „Jüdischen Arbeiterbundes", verhaftet. Auch in Minsk nnd in Wilkonischky wurden Arbeiter verhaftet. — Der Polizeipräsident von Petersburg, General Kleigels, hat die Gasthofsbesitzerinneu Marie Milewskaja und B. Kisewetter zu 500 resp. 300 Rubel Geldstrafe verurtheilt, weil Erstere fünf, Letztere zwei Juden, welche kein Recht hatten in Petersburg zu wohnen, einige Tage unangemeldet beherbergt haben. Im Unvermögensfatte treten an Stelle der Geldstrafen drei resp. zwei Monate Gefängniß ein. Drei Monate Gefäuguiß wegen Nichtanmeldung von fünf Juden! Was bekommt wohl Derjenige, der in Petersburg einen aus den Bergwerken Sibiriens entflohenen Verbrecher fünf Tage lang unangemeldet beherbergt? — Nachdem die an der Grenze wohnenden Juden Bessarabiens vier Monate lang keine Halbpässe erhalten konnten, hat der Gouverneur diese neue ungesetzliche Belästigung der Juden wieder aufgehoben und die Greuzbehörden vermittelst (Zirkulär angewiesen, den Juden nach wie vor auf vier Wochen lautende Halbpässe zu verabfolgen. — Ueber die Bergjnden am Kaukasus wird mitgetheilt, daß in der Stadt Kuba des Gouvernements Baku unter 18 000 Einwohnern nicht weniger als 7000 Bergjuden leben, welche eine eigene, jenseits der Kubinka gelegene Vorstadt bewohnen. Die Reicheren unter ihnen betreiben einen schwunghaften Handel mit Teppichen, während die Masse Ackerbau treibt oder gegen den geringen Lohn von 20—30 Kopeken auf Tagelohn gehen. Die Juden von Kuba sind daher sehr arm und leben völlig nach tartariscber Art ill engen Hütten ohne jedes Möbelstück, wo sie zu 15 Personell in einem engen, dumpfen und düsteren Raume zusammeugedräugt sind. — Der Viceadmiral Dr. Jsaac Molcho Pascha wurde zum Divijionsgeneral ernannt. Derselbe ist schon seit längerer Zeit Sanitätsiuspektor der kaiserlichen Marille und Vorsitzender des jüdischen Konsistoriums von Konstantinopel. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.