Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1901)
- Date
- 1901-08-30
- Page
- Seite 410 (sequence 4)
- Language
- German
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konstatirt werden, daß die Minirarbeit der Missionäre in jedem Jahre durchschnittlich 100 Falaschas dem Christenthnm zusührt. Obwohl die Missionäre selbst Protestanten sind, werden die Täuflinge der Landeskirche, einer ganz besonderen Abart des Christenthums, zugeführt, denn sonst würde der Negus alle Missionäre einfach ausweisen. Da geordnete Zählungen dort nicht existiren, so ist jede Angabe über die Zahl der Falaschas nur als Schätzung zu betrachten, und diese Schätzungen differiren natürlich sehr. Halevy rechnet 150 000 bis 200 000 Seelen und die meisten Reisenden rechnen ähnlich, während Andere nur 80000 Seelen als zu den Falaschas gehörig zugeben. Ueber die Religion der Falaschas sind wir verhältnißmüßig an: bestell unterrichtet. Wir können hier natürlich nur die wichtigsten Punkte hervorheben. Die mündliche Tradition fehlt unseren Glaubensgenossen dort vollständig, sie 'feiern auch Chanukah und Purim nicht, besitzen dagegen den Kanon in der Geez-Sprache und außerdem billige Apokryphen, die auch in der christlich - abessiniscken Kirche anerkannt sind. Talith, Tefillin Ulld Mesusoth sind ihnen unbekannt, dagegen haben sie noch einen Opferdienst, und in ihren Synagogen, „mes^iä" genannt, fehlt nie der Opferaltar. Die Falaschas besitzen auch eine mystische Litteratur sowie Bücher nach Art der Midraschim und Apokryphen, alle in der Geez-Sprache geschrieben. In einer Umgebung lebend, die dem ärgsten Aberglauben verfallen ist, an Hexen und Zauberer, Regenbeschwörer u. .s. w. glaubt, haben auch die Falaschas mancherlei abergläubische Gebräuche angenommen. Bei ihren christlichen und muhammedanischen Nachbarn gelten sie als arge Zauberer. In ihren Sitten sind sie den christlichen Abessiniern ähnlich; nur wird von allen Reisenden ihre größere Reinlichkeit rühmend hervorgehoben und, ein Zug, der sie als Juden charakterisirt, ihre Lernbegier. Schon diese flüchtige Skizzirung zeigt uns, wie viel Abweichungen in der Religion der Falaschas gegenüber derjenigen des rabbanitischen Judenthums bestehen; um so interessanter wären gründlichere Forschungen in ihrenGlaubensanschauungen, ihren Sitten und Gebräuchen und ihrer Litteratur, und es ist nicht auszuschließen, daß solche Forschungen auch auf Ueberlieferungen der jüdischen Geschichte, wie wir sie kennen, neues Licht wersen könnten. Vor allem aber hätten die jüdischen großen Vereine, die den Glaubeilsgenossen im Orient Kultur bringen wollen, die Aufgabe, auch mit den Falaschas neue Verbindung zu suchen, und zwar in einer Weise, die zu dauerndem Zusammenhang führt, und die zugleich denselben eine Stütze gegen die Missionare bieten könnte. Jetzt herrscht in Abessinien unter dem festen Regiment des Negus Menelik Ruhe und Ordnung, darum ist also die Zeit zu solchen Versuchen am geeignetsten, und wenn die Missionszeitschriften jedes Jahr regelmäßige Berichte von ihren Agenten unter den Falaschas bringen können, so muß auch für uns Juden eine regelmäßige Verbindung mit unseren Glaubensgenossen zu schassen sein. Vielleicht nehmen die ^llmnee isruölite universelle, die «lonisb ^88oeintion oder der Hilfsverein der deutschen Juden diese Sache einmal energisch in die Hand, sie würden sich damit ein großes Verdienst erwerben. Berlin, 26. August. (A§^as freimüthige, wenn auch etwas unvorsichtige Eingeständniß des Antisemiten Johannes Wilberg, „daß keine einzige Partei so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt, keine Partei sich von Phrasenhelden und elenden Spekulanten so habe nasführen lassen, wie die antisemitische", hat, wie zu erwarten war, im antisemitischen Lager große Entrüstung hervorgerufen. Ein Blatt der Liebermann'schen Richtung, das „Deutsche Blatt" in Hamburg, geht jetzt mit dem schwersten Geschütz gegen den unbequemen Kritiker vor. Es theilt mit, daß Wilberg seine Stellung bei dem hiesigen Antisemiten - Blatte kürzlich verloren und jetzt beim „Deutschen Volksbund" der Herren Professor Förster und v. Mosch Unterkunft gefunden habe. Das Wilbergsche Flugblatt verfolge der: Zweck, die Vorzüge dieses Vereins vor anderen Berliner Vereinen darzulegen; der Verfasser nehme dabei „den Mund etwas reichlich voll". Und nun folgt eine scharfe Charakteristik dieser „unlauteren" antisemitischen Konkurrenz: „Es ist ja . . . etwas Natürliches," schreibt das Hamburger antisemitische Blatt, „daß ein Unternehmen, das sich selbst in empfehlende Erinnerung bringen möchte, die „Konkurrenz" etwas Herunterinacht; wenigstens auf dem Mühlendamm, dem Leipziger Brühl und anderen Sammelpunkten der Betriebsamkeit ist dies Verfahren durchaus gang und gäbe. Aber etwas in dem Augenblick, wo man es verdammt, selbst thnn, das durfte denn doch ungefähr jenem Konfektionsjuden ähnlich sehen, der in seitengroßen Anzeigen ankündigte, daß er billig verkaufen könne, weil sein Geschäft nicht mit Reklameunkosten be lastet sei." Wir sehen es schaudernd noch kommen, daß der Antisemitismus an „innerer Verjudung" zu Grunde gehen wird. Das „Deutsche Blatt" schreibt alsdann weiter: „Die vorigen Reichstagswahlen fielen nach allgemeiner Ansicht so ungünstig ans, weil Professor Förster, so unberufen hierzu wie nur möglich, kurz vorher eine abfällige Bemerkung über die Partei gemacht hatte, die in jeder einzigen Versammlung den Haupttrumpf der Gegner abgab. Und die nächsten dürsten unter dem Zeichen dieser neuen S elb stb esch mn tzu n g eines anderen Führers des deutschen Volksbundes stehen." Diese Vermuthung dürfte nicht unberechtigt sein; eine bessere Charakteristik des antisemitischen Demagogenthums als diese freundnachbarlichen Auseinandersetzungen können die Gegner des Antisemitismus jedenfalls gar nicht liefern. r Man schreibt uns von hochgeschätzter Seite: „Die Lage der jüdischen Richter gestaltet sich immer schwieriger. Mehreren jüdischen Landgerichtsräthen wurde mit rühmlicher Offenheit erklärt, daß sie auf Beförderung zu Landgerichtsdirektoren oder zu Oberlandesgerichtsräthen „wegen ihrer Konfession" nicht zu rechnen haben. Und das in offenem Widerspruche zur Verfassung! Ja, selbst eine Versetzung, die die Herren wünschten, um nicht jüngere Kollegen sich direkt vorgezogen zu sehen, wird „wegen der Konfession" rundweg abgeschlagen. Man sucht offenbar die jüdischen Richter so zu stellen, daß sie sich aus der Laufbahn znrnckziehen und in den Rechtsanwaltsstand untertauchen. Auch das Aergerniß, daß jüdische Landgerichtsräthe die Schwurgerichtsverhandlnngen gegen „christliche" Verbrecher leiten, wird jetzt vermieden; ein ministerielles Rundschreiben ordnete an, daß nur Landgerichtsdirektoren künftighin mit der Leitung der Schwurgerichte betraut werden sollen. Nun ernennt man keinen Juden zum Direktor — das ersehnte Ziel ist damit erreicht. Und Nur Juden schweigen zu alle dem hübsch und demüthig stille, während jeder Andere im Vaterlande, der sein Recht oder auch nur sein Interesse verletzt glaubt, so laut und nachdrücklich