Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1901)
- Date
- 1901-08-23
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 zu appelliren, und dieser Appell kam in der gestrigen Sitzung des Stadt» verordnetenkollegiums zur Verhandlung. Der Referent brachte das Ansuchen der Brüderschaft zur Verlesung, das ans religiösen, historischen, künstlerischen und hygienischen Gründen — der alte Judenfriedhof bildet inmitten der Stadt einen großen Garten — auf die möglichste Erhaltung des Friedhofs im Ganzen lautete, gab bekannt, welche Opfer die Brüderschaft dafür auf sich nehmen wolle, und fügte bei, daß der Stadtrath auf seinen ursprünglichen Beschlüssen beharre, umsomehr, als nach der genehmigten Negulirungslinie in der Nähe des Friedhofes vom Staate bereits mit dem Baue des neuen Gebäudes sür das tschechische akademische Gymnasium begonnen worden sei. In die Debatte griff als erster Herr Dr. Jerübek ein. Er führte aus, das; in Prag assanirt werde, wie nicht assanirt werden solle. Wenn an Stelle des Judensriedhofes nur ein gewöhnlicher Garten stehen würde, müßte man aus hygienischen Gründen für die Erhaltung dieses Gartens eiutreten. So aber handle es sich um mehr als einen Garten, um ein großes, altes Denkmal eines Volkes. Die tschechische Toleranz habe, trotzdem die Juden gegen die Tschechen gewesen seien, dieses Denkmal stehen lassen, selbst ein Erzbischof, Chlumcansky, sei als Anwalt für diesen Friedhof eingetreteu. Erst dem 20. Jahrhunderte sei es Vorbehalten gewesen, mit seinen schönen „Assauirungsplänen" zu kommen. Das Gefühl für Schönheit, Geschichte und Hygiene verlange, daß der Friedhof unverändert bleibe. Darum beantrage Redner, der Lageplan möge in diesem Sinne abgeändert werden. Bei der Abstimmung stimmten, wie schon erwähnt, nur sieben Stadtverordnete für den Antrag des Dr. Jerübek. worauf der Antrag des Stadtralhes zum Beschlüsse erhoben ward. — Im Anschluß an den Bericht über diese Verhandlung bringt die „Bohemia" folgende, auch in Berlin —namentlich in diesen Tagen — interessante Erinnerung: „Am 28. April 1873 käme;, unangemeldet der in Prag anwesende Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Friedrich, und dessen Gattin Kronprinzessin V ikt o ria, ferner Prinz W ilhe l m, der gegenwärtige deutsche Kaiser Wilhelm II., nebst Gefolge auf den alten jüdischen Friedhof. Es wurde der eben im Rathhause anwesende Dr. Ben dien er herbeigeholt, und unter dessen Führung besichtigten die hohen Herrschaften mit großem Interesse die alten Gräber und verweilten insbesondere bei der Grabstätte des Rabbi Mordechai Meisel. des Freundes des Astronomen Tycho de Brahe, dann bei dem Grab des Rabbi Löw. Sodann begaben sich die Herrschaften in die Altnensynagoge, wo die Kronprinzessin die zum Theile zweihundert bis dreihundert Jahre alten Paramente sorgfältig besah und wiederholt den Ausdruck „superbe;" gebrauchte. Beim Abschiede sprach Dr. Beudiener deu erlauchten Gästen den Dank für die der jüdischen Gemeinde durch die Besichtigung der altehrwürdigen Denkmäler erwiesene Ehre aus, worauf Kronprinz Friedrich Wilhelm Dr. Bendiener die Hand reichte und sagte: „Ich danke Ihnen, Herr Doktor, wenn Sie einmal nach Berlin kommen, wird es mich freuen, wenn Sie mich besuchen." Die Kronprinzessin fügte die Worte hinzu: „Jawohl." — Don Nah und Fern. — Dr. Oskar Bie, Privatdozent sür Kunstgeschichte an der königlichen Technischen Hochschule, ist zum Professor an derselben Anstalt ernannt worden. — Der Bankdirektor Karl Fürsten berg hat das Komthurkrenz mit dem Stern des österreichischen Franz- Joseph-Ordens. die Kailsleute Hermann Herz und Heinrich Strauß den türkischen Osmanie-Orden IV. Klasse erhalten. — Sein 50jähriges Bürgerjubiläum feierte am 11. d. M. der Kaufmann E. Wertheim hier. — In der Klagesache des Rechercheurs Rauch, der im Aufträge einer hiesigen Zeitung im vorigen Jahre in Könitz weilte und wegen seiner Thätigkeit einer abfälligen Kritik in der „Staatsbürgerzeitung" unterworfen wurde, ist, nachdem frühere Termine wieder aufgehoben worden sind. Verhandlung auf den 31. d. M. allgesetzt. Die Klage richtet sich gegen den Verleger der „Staatsbürgerzeituug". — Der Arbeiter Karl Jgner, welcher während eines jüdischen Begräbnisses den celebrirenden Beamten durch uachahmende Worte gestört und wiederholt „Hepp, hepp" gerufen hatte, ist von der Strafkammer zu Graudenz wegen Störung einer gottesdienstlichen Handlung zu zwei Monaten Gesäugniß verurtheilt worden. — In Trachen berg ist am 6. d. M. im Alter von 80 Jahren der Rentier Max Birnbaum gestorben, der 20 Jahre lang dem Nepräsentantenkolleginm angehörte und auch eine Zeit lang Vorsitzender der Gemeinde war. — Die Antisemiten, die im Grafen Wal der fee den kommenden Mann feiern, werden sich freuen, zu hören, daß der Feldmarschall in Göttin gell ausschließlich den jüdischen Professor Geheimrath Ebstein besucht hat und hierauf wieder abgereist ist. — Das Ehrenritterkreuz I. Klasse des oldenburgischen Haus- und Verdienstordens des Herzogs Peter Friedrich Ludwig hat der schwedische Generalkonsul Baer zu Frankfurt a. M. erhalten. — Vor etwa 30 Jahren verschwand in Paßto (Ungarn) der 16jährige jüdische Junge Julius Köhler, der jetzt als mehrfacher Millionär dahin zurückkehrte. Seinerzeit hat er sich als Schiffsjunge nach Amerika durchgearbeitet, jetzt besitzt er dort sieben große Branntweinfabriken und wird infolge seines Reichthums in Amerika allgemein „Whiski- König" genannt. Er gedenkt billige Wochen in seinem Vaterlande Ungarn zu verbleiben. — Ein rumänisches Blatt veröffentlicht folgende merkwürdig klingende Nachricht: Der spanische Konsul in London hat sich an die jüdische Auswanderungsgesellschaft gewendet und den Juden, die sich der Landwirthschaft widmen wollen, die weitgehendste Gastfreundschaft angeboten. Es werden den Auswanderern nicht nur Grund und Boden sowie die Arbeitswerkzeuge, sondern auch die Kosten für die Hin- und Rückreise, die Verpflegung für einen Monat unentgeltlich gewährt, damit sie Gelegenheit haben, sich von dem Werthe der ihnen gewährten Vortheile zu überzeugen. — Jll Rom fand die Grundsteinlegung znm neuen Tempel statt. Mehr als 3000 Glaubensgenossen hatten sich zu diesem feierlichen Anlässe versammelt. Der Präsident der Gemeinde, Advokat Angelo Sereni, hielt eine ergreifende Rede, in welcher er die vormalige Lage der römischen Juden mit ihrer jetzigen verglich. — Bei der Wahl für die zweite Kammer der Generalstaateu zeigten sich bedenkliche antisemitische Symptome. Es kandidirte nämlich in Amsterdam auch ein Jude, Jakob Deen. als liberaler Kandidat. Eine Anzahl von antisemitischen Lehrern forderte nun in den Zeitungen auf, nicht für den Juden zu stimmen. — Dem Generalsekretär der Baron Hirsch'schen Kolonisatiousgesellschaft in Paris. Dr. Sigmund Sonnenfeld in Paris, wurde der Orden der französischen Ehrenlegion verliehen. — „Jehudah Lubrowicz", eine Dramatisirung des bekannten Romans „Meier Esofowicz" von Elise Orzesko, welcher die Kämpfe eines fortschrittlich gesinnten Inden gegen seine orthodoxe Umgebung schildert, hat bei seiner Erstaufführung im Phantasietheater in Warschau großen Erfolg erzielt. Verfasser ist der polnische Schriftsteller Andreas Marek. — In W a r s ch a n befinden sich 413 Chedarim, die von 13 400 Knaben und 750 Mädchen besucht werden. Unter anderem befinden sich in dieser Stadt 20 Elementarschulen mit 983 jüdischen Zöglingen, von welchen 423 Mädchen und 560 Knaben sind, ferner 27 Privatschuleu mit 958 Zöglingen, von welchen 268 Knaben und 690 Mädchen sind. Die Gemeinde gewährt einen jährlichen Zuschuß von 29 600 Rubeln zur Unterhaltung der jüdischen Schulen. — Der Senat der Dorpater Universität hat den bisherigen erstell Assistenten des Professor Degio von der medizinischen Klinik, Dr. Hermann Nu bin st ein. mit sehr großer Majorität zum Privatdozenten der medizinischen Fakultät gewählt. — In der jüdischen Presse des Z a r enr ei ch e s hat das Gerücht, das Unterrichtsministerium beabsichtige, die Zahl der jüdischen Studenten all den Universitäten aus 3 Prozent und der jüdischen Schüler in den Gymnasien aus 2 Prozent festzusetzen, Aufregung hervorgerufen. Bis jetzt ist indessen eilie solche Verfügung nicht veröffentlicht worden. In Odessa verlautete kürzlich, die Zahl der jüdischen Universitätsstudenten dürfe daselbst in Zukunft 2 Prozent nicht übersteigen. An amtlichen Stellen ist davon nichts bekannt, und es wird wohl bei den bisherigen 10 Prozent bleiben, lalltet eine offiziöse Notiz der „Kölnischen Zeitung". — In Rußland sind 1 033 230 junge Leute im Jahre 1900 zur Gestellung gekommen. 293131 unter ihnen, d. i. 28 Prozent, müssen einrangirt werden. Die jüdischen Gestellungspflichtigen betrugen 55 571, welche, das Verhältnis; von 28 Prozent zu Grunde gelegt, dem Heere 15 765 Mann zu liefern hatten. Also, obgleich es förmlich untersagt ist, die fehlenden Rekruten durch israelitische Rekruten zu ersetzen, hat mail doch statt der 15 765 jüdischen Rekruten deren 16 493, d. i. 29,68 Prozellt genommen. — Der Khedive verlieh dem Harary Bey den Titel Pascha, der Direktor im Finanzministerium ist. Harary Bey entstammt einer alten portugiesischen Familie und ist selbst ein gesetzestreuer Jude. Druck und Verlag von Rudolf Mo s s e in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.