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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-08-16 · Heft 33 (16.8.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 33 (16.8.1901)
Date
1901-08-16
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 antisemitische Partei verzweifelte Anstrengungen, um irgend etwas zu erreichen. So wird berichtet, daß in Alf öld das Ritualmärchen zu Wahlmanöverzwecken eifrig in Kolportage gesetzt und gegen die Juden sowie gegen die angeblich mit ihnen verbündete, voll ihnen angeblich bezahlte Negierung gehetzt wird. Seit Monaten scholl wird in die Bevölkerung das Gerücht getragen, daß die Negierung um ein Blutgeld von 70000 Gulden den Inden die Erlaubniß ertheilt habe, zur Weihe der in Szegedin im Bau begriffenen Synagoge das Blut von sechzehn reinen christlichen Jungfrauen zu benützen. Der Wahnsinn findet leider Gläubige, und da und dort regen sich schon bis jetzt von den Behörden rasch und mit unglaublichem Erfolge unterdrückte Judenverfolgungen. In dem Dorfe Dorozsma ist kürzlich ein Hausirer fast erschlagen worden. Auch in Felegyhaza und Szabadka (Maria- Theresiopel) wurden schon Versuche gemacht, die jüdischen Kaufläden zu plündern. — In Galizien versetzt die Landtagswahl-Bewegung größere Kreise in Aufregung. Die Hausjuden des Polenklubs sind wieder eifrig am Werke, die armen Juden an die Schlachta zu verkaufen, um eill paar Mandate zu erhaschen. — Nach schwerem Leiden ist in Budapest Emil Makai, eines der bedeutendsteil Talente des litterarischen Juug-Ungarn, gestorben. Emil Makai war am 17. November 1870 in Maki'» geboren. Er war der Sohn des Makler Rabbiners Fischer und ursprünglich selbst für diese Laufbahn bestimmt. Doch gab er später seine Studien am Landes-Nabbiuer-Semiuar aus und widmete sich der Journalistik, setzte aber dabei die scholl früher begonnene Uebertraguug der spanisch-jüdischen Dichter des XI. bis XIII.Jahrhunderts fort. Seine Umdichtungen des Jehuda Halevi, Gabirol. Moses Jbll Esra, Charisi und Mauoello sind mustergiltig. Doch seine eigenen Gedichte, die in verschiedenen Bänden erschienen („VaUnsos tmekok", „lVIarAit", „l^'nbb költeiueuzek", „koötasors"), dann seine dramatischen Werke: das zweiaktige Versdrama „Xalancl", das einaktige Lustspiel „UobiuLonolv", das dreiaktige Lustspiel in Versen Mutlos proi'eZsror Ilutvani" rc. sind alle beredte Zeugen für des Dichters hohe Bedeutung. Neun Zehntel der in den letzten zehn Jahren in Ungarn anfgeführten neueren Operetten sind von Makai übersetzt, bearbeitet oder geschrieben worden. Auch zahlreiche Monologe, kleine Soloszenen und Scherze hat er verfaßt. Vor etwa anderthalb Jahren gab er die Journalistik auf und widmete sich seinem neuen Amte — er war zum Schriftführer der Dramenjury des Nationaltheaters ernannt worden — außerdem begann er mehrere Originaldichtungen, die unvollendet geblieben sind. Sein Andenken wird in der ungarischen Litteratur fortleben. . 6!. Budapest, 29. Juli. Nach den übereinstimmenden Meldungen der Tagesblätter wird eine neue antisemitische Partei auf dem Plane erscheinen. Wenigstens läßt dies ein Memorandum, das der Presse zugesendet wird, vermuthen. Es ist noch ein Geheimniß, wer an der Spitze dieser zu gründenden neuen politischen Partei steht, und noch weniger läßt es sich errathell, auf welche Eventualitäten der Parteienkoustellation die Versender des Memorandums rechnen. Es enthält blos einige negative Andeutungen, von denen besonders jene hervorgehoben zu werden verdient, die bekannt giebt. daß weder der Hochadel noch die hohe Geistlichkeit ihre Bestrebungen unterstütze. In positiver Form giebt es aber die Erklärung ab, daß die neue Partei, die überall Gesinnungsgenossen habe, sich namentlich aus der Volks- und Ugronpartei, die auch bisher eine rege antisemitische Thätigkeit entfaltet hat, gruppiren werde, und daß sie auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiete thätig sein werde, lieber die Judenfrage äußert sich das Memorandum wie folgt: „Es ist unmöglich, im Rahmen dieses Programmes die Judenfrage unberührt zu lassen. Der Liberalismus, der in Ungarn die Oberhand gewonnen hat, ist mit der Geltendmachung jüdischer Interessen zum Schaden des Christenthums und der Vernichtung des christlichen Charakter des Landes gleichbedeutend. Die jüdische Macht und der Einfluß der Juden kommt überall zur Geltung, und auf allen Gebieten sind die Juden im Vortheile Wie die Provinzblätter berichten. Hetzen Agi t at o ren d er Volkspartei das Volk in verschiedenen Gegenden des ungarischen Tieflandes in unverschämtester Weise aus. Sie verbreiten das Gerücht, die Negierung habe den jüdischen Kultnsgemeinden erlaubt, gegen Zahlung von 140000 Kronen 10 Christenmädchen in den Synagogen einzumauern. Selbstverständlich ist das Gros der Bevölkerung nüchtern genug, um diese Aufhetzungsversnche mit Entrüstung zurückzuweisen. Doch giebt es natürlich auch Orte, wo diese dumme, freche Erfindung begierig aufgegriffen, und der Brand geschürt wird. Mit Recht fordert die Presse rasches und energisches Einschreiten der Behörden, weil das Unheil, das sie sonst anrichten, größere Dimensionen annehmen kann, um so mehr, da ohnehin überall mehr als genug Zündstoff ausgehäuft ist. Von Nah und Fern. — Das Gnadengesuch des antisemitischen Redakteurs Sedlatzek. der wegen Beleidigung der Bromberger Behörden verurtheilt worden war. ist abgelehnt worden. — Der bekannte Gynäkologe. Professor Dr. Leopold Landau, feierte am 4. d.M. seiu 25jähriges Jubiläum als Universitätslehrer in Berlin. — Der ehemalige Redakteur der Magdebur gischen antisemitischen „Sachseuschau", nachmals Geschäftsführer des Bundes der Landwirthe, Bruno Kreutz, wurde vou der Ferienstrafkammer in Halle wegen Unterschlagung von rund 12 000 Mark zu drei Jahren Gefängniß verurtheilt. Er hatte sich an den Mitgliederbeiträgen und an ihm zur Besoldung von Wauder redneru rc. zur Verfügung gestellten Geldern vergriffen. — Dem Generaldirektor Ball in von der Hamburg - Amerikanischen Packetfahrt - Aktien - Gesellschaft sind die Brillanten zum Kronenorden zweiter Klasse verliehen worden. — In Cuxh äsen feierte am 3. d. M. der Seniorchef der angesehenen Firma B. I. Brady unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung das Fest der goldenen Hochzeit. Prediger Dr. Leimdörser-Hambnrg überreichte in einer tief ergreifenden Rede die goldene Ehejubiläumsmedaille. Ganz Cuxhafen prangte in schönstem Flaggenschmuck. — In B ar m en ist am 30.v. M. der emeritirte Lehrer Boden he im er im 81. Lebensjahre gestorben. Derselbe war 38 Jahre lang Lehrer und Kultusbeamter in Gern miugen i. B. — In Brünn feierte am 9. d.M. der Dichterphilosoph Hieronymus Lorm unter allgemeiner Theilnahme seinen 80. Ge burtslag. Derselbe ist ein geborener Nikolksburger und heißt eigentlich Heinrich Landesmann. Er war ein Schwager Berthold Auerbachs. - Kommerzienrath Ludwig Gerngroß, ein um das Wohl der Stadl Nürnberg wohlverdienter Manu, der ihr erst letzthin einen Prunk brnnnen gestiftet hat. ist zum Ehrenbürger der Stadt Nürnberg ernannt worden. — Der Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, wurde zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. — Aus einer Forschungs reise in China ist der Prinz Henri von Orleans gestorben, der in seiner Partei den Antisemitismus mit großer Entschiedenheit vertreten hat und wegen seiner Parteinahme für Esterhazy viel verspottet wurde. — Alls dem Testament des Barons Adolph v. Rothschild veröffent lichen jetzt französische Blätter, daß er für die Arme»: der Stadt Pari^ 1000000 Francs vermacht, welche der Testator seiner Wittwe zur be liebigen Vertheilung überwiesen hat. Dieselbe hat von diesem Betrag 225000 Francs für spezielle jüdische Zwecke überwiesen, und zwar er hielt das jüdische Wohlthätigkeitskomitee zu Paris 100000, eine jü dische Institution 25000 und fünf weitere jüdische Institutionen jc 20000 Francs. Ferner soll in Paris eine den Namen Adolph Charleo de Rothschild tragende Augenklinik gegründet werden, welcher der Stifter eine jährliche Rente von Vr Million vermacht hat. Endlich wurde Million Francs für Geistliche aller Konfessionen hinter lassen! Die Wittwe des Baron Adolph v. Rothschild, zu deren Ver fügullg diese ^2 Million ebenfalls gestellt wurde, trieb ihre Unpartei lichkeit aber noch viel weiter. Sie überwies von dieser Summe dein jüdischen Konsistorium 150 000. den Protestantischen Geistlichen eben falls 150 000 und der in Frankreich steinreichen katholischen Kirche 200000 Francs. Selbst die „Times" bemerkt hierzu: „Es ist leider wenig Hoffnung vorhanden, durch derartige Generosität den Anti semitismus zu überwinden, dessen Nährmutter in Frankreich eben dies, so reichlich beschenkte katholische Kirche ist." — Max Nögis soll nun wirklich die Absicht haben, Algier zu verlassen und die parlamen tarische Laufbahn aufzugeben. Er will „Konferenzen" in Belgien und in Deutschland halten. Wenn's ihm nur gut bekommt! — Als Unter staatssekretär des neuen italienischen Finanzministers wird de. Deputirte Luigi Nava bezeichnet. — Eine Revision der Gesetze be treffs der jüdischen Handwerker wird, lallt Mittheilung der ge wohnlich gut unterrichteten „Ruskija Wjedomosti", in höheren russischen Negieruugskreisen geplant. Das Blatt vermag nicht allzugeben, nach welcher Richtung ihn die Revision sich bewegen wird. — In Amerika bestehen nicht weniger als 32 „Gesellschaften zur Bekehrung der Juden", welche einen Stab von 150 Beamten unterhalten. Die Erfolge sind, wie die Missions-Zeitschrift „Nathanael" miltheilt, sehr gering. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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