Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 38 (29.3.1838)
- Date
- 1838-03-29
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Kaisers zu ihrem Heile und zum Nutzen und Frommen ihrer Glaubensgenoffen mit Eifer ergriffen habe. Zwar hatte diese Gemeinde daö vor den andern voraus, daß sie mehre so reiche Mitglieder in ihrer Mitte zählt, wie sie in den Provinzen schwerlich wieder gefunden werden; wo sich ein M. L. Biedermann mit einer Subscription von 30,000 Fl. C. M. großherzig an die Spitze stellte, und selbst bei den kostspieligsten zu treffenden Einrichtungen an keine Geldverlegenheit zu denken war. Aber andere Hindernde waren zu überwinden, die sich nicht nur in Wien selbst erhoben, sondern auch von anderSwo her^mit größtem Kraftaufwands in den Weg gelegt wurden. So wurde z. B. damals eine Denkschrift an die Behörden eingegeben, welche — wie wir unö deren nnr schwach erinnern, da seit dem schon 17 Jahre verflossen sind, — welche alle vorgeschlagene Verbesserungen und die ganze Richtung der Juden als Ketzerei verschrie, und das Ganze hatte das Ansehen, — wenn eS nicht gar zu lächerlich wäre, daran zu glauben — als hätte man die Absicht, die Regierungen — wohl gemerkt, es war im Jahre 1820 durch die Namen Atheisten, Deisten, Revolutivnairs u. s. w., die man denjenigen beilegte, welche jene Verbesserung in Antrag brachten, einzuschüchtern. Eines nur kann zur Entschuldigung für jene Anschwärzung dienen, daß die stylistische Vollkommenheit, mit welcher jenes Dokument abgefaßt wat, auf die Vermuthung führt, daß die Unterzeichner nicht auch die Verfasser desselben waren; denn die Sache roch so nach einem Namen, den man in der Geschichte des Judenthums nicht kennt, daß man deren Ursprung schwerlich in der Rabbiner-Gaffe °) suchen konnte. Aber Gottlob! e6 wur- •) So heißt eine zur prager Jndenstadt gehörige Gasse, von eurem Hause, das den ehemaligen Ober-Rabdine» Kur Wohnung diente. Seil kein Oberrabbine der Präger Jndengemeiude in religiösen Angelegenheiten Vvrsteht, wird es gewöhnlich einem dek Ober-Jllristkn als Wohnung eingeräumt. Ss bewohnte es früher der, wegen sei,rer jüdischen Gelehrsamkeit und anderweitigen Bildung, wegen seiner Lttttsolitzkeit, Biederkeit und seines persönlichen AnstandeS, fiowol von der jüdischen MS christlichen Bevölkerung hochgeachtete erste Oberjurist Rabbi Samuel Landau, ViS er vor 3 Zähren im Atter von 86 Jahren, tief betrauert von der garu zen Gemeinde, zu seinen Vätern heim ging. Jetzt wird diese Wohnung vvn dem aufgeklärten, die Bedürfnisse keiner Zeit verstehende« und zu allem Guten gern die Hand reichenden ehrwürdigen Rabbi Samuel Ka ud e r S benutzt; möge ihm der Geber alles Guten noch lange Kraft «nd Gedeihen geben. — Bei dieser Gelegenhvk dürfte die Erklärung deS eigertthümlichrn RamrnS „Overjuvist" zeitgemäß fein. Svnft — biS estva zum letzten Fünstheil des vorigen Jahrbrmders — standen die Inden unter einer eigmea Gerichtsbarkeit, diese bezog sich aber nur auf jndi» cielle Gegenstände, denn die peinliche Gerichtsbarkeit wnrde gut genug von den Nichtjuden geübt. — ES waren zu dem Zwecke jüdische Richter Juristen) bestellt, die in Frilttn zwifihen mein und dein nach dem Talmud oder andern jüdischen Büchern urteilten; diese bildeten ein Collegium von Dreien, mit Zwei oder mehren Assessoren , und jener Cvllegium hieß daS der „Oberjuristen" oder „Appellanten," wie sie jetzt noch heißen. Unter Kaiser Joseph dem Zweiten, der gewollt hat, daß dit Juden in jeder Beziehung mit den anderen GlaubenSparcheien gleich seien, wurde diese Jurisdiktion aufgehoben, und die Juden in Streitsachen cm die gewöhnlichen Gerichte gewiesen. Der Name» Oberjuristen, Appellanten blieb noch, obwol das Institut, das ihnen den Namen gab, eingegangen ist. Jetzt beschränkt sich ihre Wirksamkeit auf gewöhnliche geistliche Functionen, auf Beaufsichtigung und Handhabung der Ceremonial-Borschristen > Erchettung von Synagogen-Ehrentiteln (Chaber, -Moreneu), auf Führung der Trauungsbücher u. s. w. Mögen ste im Sinne der fortschreitenden Zeit stets Gutes wirken, dann wird der veraltete Name der guten neuen Sache keinen «Much thutt. — Da diese Anmerkung schdll ziemlich stark heran gewachsen ist, so wird es auch gleichgütig fein, wenn sie etwas langer wird, durch folgende Bemevkmrg. Bei der versöhnlichen Tendenz, ^die wir uns vorgefetzt halben, dürste rms die Auslegung höchst unwillkommen fein, aks hätten Wir i« dieser oder einer ander« Stelle Die Absicht gegen irgend Jemand in übelwollende Persönlichkeiten zu verfallen. Nicht die Person, nur der Jrrthum ist es, den auch andere helldenkende Männer (wie Rabbi Chorin, Herz Homburg, Peter Beer u. s. w.) um ihre Meinung befragt, und im Jahre 1826 zierte ein prächtiger israelitischer Tempel die Kaiserstadt, und man sah nach langer Zeit wieder wahre Erbauung in das Gotteshaus eipziehen; das klagende Lied, das herzerhebende Hallelujah in schonen regelmäßigen Melodien vorgetragen stimmte die Gemüther zur Andacht. Leute, denen das Gotteshaus ein lange nicht gesehener Ort, und Erhebung, zu Gott ein lange nicht gehegtes Gefühl war, vereinigten sich hier; und der' kühne begeisterte Mannheimer zog nicht gegen diejenigen, welche die gute Sache verhindern wollten, zu Felde, er löste vielmehr die noch schwierigere Aufgabe, die Verirrten mit der Kraft seiner weihevollen Beredsamkeit zu Gott zurück zu führen, und sie an den Gedanken zu gewöhnen, wie alles irdische Wohlsein, gegen die hehre göttliche Empfindung wie Nebel vor dem Sonnenscheine zerstieße.- Bei der Verbindung, in welcher Wien mit den andern Städten des Kaiserstaats steht, konnte ein so großartiger Vorgang nicht ohne Nachahmung bleiben, und bald darauf erhoben sich ähnliche Institute in Pesch, Arad u. s. w. Nur bei uns blieb Alles beim Alten, oder desser, nahte sich daS Alte immer mehr dem Verfalle!, bis am Tage der Feier des 40ten JahreS der Regierung Weiland Sr. k. k. Majestät Franz des Ersten am Iten März 1832 zur Verherrlichung dieses Tages eine „edeleDame," einen Aufruf an israelitische Prediger ergehen ließ, mit der Aufforderung sich zu melden, um an die Verbesserung des Gottesdienstes mit Hand anzulegen, und, um dessen einstweilige Besoldung sicher zu stellen, 2000 Fl. C.M. opferte. Bereits am Ilten März versammelten sich 60 der angesehensten Gemeindemitglieder im Hause des Herrn Samuel Lippmann — dessen Freigebigkeit und beharrlicher, anspruchsloser Eifer, viel zum Gedeihen der guten Sache beigetragcn hat — durch welche „'daö Bedürfniß einer Verbesserung des CultuS einstimmig anerkannt wurde," ein leitender und einige Unter-CanterS ernannt, und beschlossen wurde, Seine Excellenz den Herrn Oberstburggrafen von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, und Hochdenselben um Genehmigung deS Vereins und Unterstützung in dessen Wirksamkeit zu bitten. Der hochherzige Graf Chotek, dessen hoher Name [bei jedem in dem Seiner Leitung anvertrauten Königreiche emporkommenden nützlichen Unternehmen an der Spitze steht, wo er entweder als Urheber, oder Beförderer, Gönner und Beschützer glänzt, genehmigte nicht nur daS Vorhaben, sondern versprach auch alle mögliche Unterstützung zur Förderung des Unternehmens. Einer chronologischen Ordnung in der EntwickelungSgeschichte unserer CultuSangelegenheit zu folgen, wäre ein zu verdrießliches Geschäft, ülS daß wir nicht fürchten sollten, unsere Geduld könnte m der Mitte der Arbeit ihre Endfchast erreichen, noch viel weniger können wir es dem Leser zum'uthen, er werde ruhig mit unS den Ariadnefaden ergreifen, um uns von Monat zu Monat zu folge«. ES genüge zu erzählen, daß eS 'Schwierigkeiten in Fülle zu überwinden gab, daß der Verein sogar manchmal nahe daran wirr, sich aufzulösen, und Alles was schon vorbereitet war, ungeschehen zu machen. Wie dies zuging? Wie eö in jeder Übergangsperiode zuzugehen pflegt? worin man nicht weiß, was vom Alten laffen, oder des Neuen aufnehmen soll. (Fortsetzung folgt.) dm wir hier meinen. Und m der gegründeten Vorauösetzrwg, daß man nur dem Jrrthum nicht der Bosheit, den Widerstand gegen die Verbesserung nrnswer Zustände überhaupt zu verdanken habe, so kau« es auch nur unsere Ausgabe sein, erst ere zu. berichtigen; denn gegen letztere wurden wir schon kräftigere Waffen finden, falls wir eS nicht vorziehen sollten, sie durch sich sich selbst Vernichte» *w taffe«. Amn. des Correfp. Redactcur: vr. L. Phitippfon. — Vertag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.