Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1901)
- Date
- 1901-08-02
- Page
- Seite 362 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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362 Wir werfen alle diese Fragen auf, nicht etwa, weil wir glauben, eine befriedigende Antwort zu erhalten, sondern nur um zu zeigen, zu welchen Konsequenzen jenes Prinzip führen muß, wenn es energisch durchgeführt wird. Wir glauben aber doch, daß an dem Ernste des Wortes „Die Sprache, der Träger der Nationalität" nicht zu zweifeln ist. Mögen die subjektiven Auslegungen sich noch so vervielfachen, die wirkliche Kultur muß sich doch Bahn brechen und das Wort muß desä halb Geltung behalten, nicht nur für die paar Minister und hohen Staatsbeamten, von deren richtiger Einsicht in dieser Hinsicht wir überzeugt sind, sondern auch für die niederen Stützen der Gesellschaft, für die vielen privaten Helfer in dem Kampfe für deutsches Wesen. Die Sprache als Träger det Nationalität läßt keinen Religionshaß zu; hoffen wir, daß das jetzt so viel zitirte Wort schnell Allgemeingut werde — in objektivem Sinne. Are Woche. Berlin. 31. Juli. ine ebenso aumuthige wie treffende Charakteristik des Antisemitismus entwirft einer seiner eifrigsten Parteigänger, Herr Johannes Wilberg, der ein Flugblatt veröffentlicht: „Weshalb ich zum Deutschen Volksbund ging", in dem er in beweglichen Worten über die Mißerfolge der antisemitischen Bewegung in Berlin jammert. Es heißt darin u. a.: „Seit 16 Jahren stehe ich in der Berliner antisemitischen Bewegung und bin als Redner unserer Sache in Berlin wohl der Einzige, der die Zeit von Henrici bis heute nicht nur mit gesehen, sondern auch mit durchlebt hat. Von Henrici bis heut! Jeden ehrlichen Antisemiten Packt ein ingrimmiger Zorn, wenn er diese Zeit zurückdenkt, und wer nun gar 16 Jahre hindurch seine Lunge, seine Gesundheit. seine Existenz und einen nicht unbeträchtlichen Theil seines Geldes geopfert hat. der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie bisher fast alles umsonst war, und wie wenig wir in so langer Zeit erreicht haben. ... Hätten wir nur stets die Sache im Auge gehabt, so wären wir heute wohl die mächtigste und einflußreichste Partei im ganzen Lande. Aber leider haben wir gar zn oft die Pe rs o n e n frage statt der Sache in den Vordergrund gestellt. Und gerade daran mußten wir immer und inuner wieder scheitern. Keine einzige Partei hat ja so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt wie nnsrige, und keinePartei hat sich von Phrasenhelden und elenden Spekulanten nasführen lassen wie die antisemitische. Wie der Ertrinkende sich in seiner Angst noch an einen Strohhalm klammert, so hoffte und vertraute der durch die Judennoth ausgesaugte und dem Untergange nahe Mittelstand auf Jeden, der sich ihm unter der Maske des Volksbeglückers näherte, auf jeden Gaukler, derHeldenthaten versprach und mit großen Worten Begeisterung für unsere edle Sache heuchelte, nur um sich mit dem Gelde der allezeit opferfreudigen Gesinnungsgenossen die Taschen zu stillen. Solcher Gaukler und traurigen „Spekulationsheldeu" gab es zu allen Zeiten, und es giebt ihrer leider auch heute noch. Und wenn der gesunde Sinn des Antisemiten sie auch schließlich jedesmal erkannt hat, so ist dann doch auch immer schon so viel Zeit, Arbeitskraft und Opfermuth vergeudet gewesen, daß der Schaden, den die allgemeine große Sache gelitten, schwer wieder einzuholen war." Die Selbstcharakteristik eines Mannes, der jahrelang Redakteur leitender Parteiblätter war, verdient der Vergessenheit entrissen zu werden. 4 Dieser Herr Wilberg ist also nun zum „Volksbund" übergegangen. Vorausgesetzt, daß der „deutsche" und der I „germanische Volksbund" identisch sind, was bei der Zersplitterung der antisemitischen Gruppen durchaus nicht festzustehen braucht. Aber wie dem auch sei — die Charakteristik trifft für die eine wie für die andere Gruppe der Partei zu. Das lehrt uns am besten die Enquete über den Ritualmord, die der „Germanische Volksbund" in voriger Woche veranstaltet hat. Er schickte nämlich an fünfzig antisemitische Kapazitäten die folgenden Fragen: 1. a) Giebt es nach Ihrer Ansicht Juden, die zu rituellen, religiösen oder sonstigen anderen Zwecken Menschenblut gebrauchen und darum den Ritualmord oder den Blutmord begehen? d) Und womit begründen Sie Ihre Ansicht? 2. Wenn Sie von der Wahrheit dieser Beschuldigung überzeugt sind, a) wodurch erklären Sie deren Berechtigung, und welche Beweggründe nehmen Sie (seitens der Juden) an? d) Was halten Sie für das geeignetste Mittel zur Ausrottung dieser entsetzlichen Verbrechen?" Von den fünfzig Autoritäten haben 34 geantwort. 21 haben die erste Frage bejaht, darunter die sattsam bekannten Herren Rohling und Krösell, Ingenieur Theodor Fritsch, Kunstmaler Bindewald, Dr. Böckel, Max Bewer. 4 haben die „Möglichkeit und hohe Wahrscheinlichkeit" zugegeben, darunter Mister Chamberlain und der Aroße Nationalökonom Paul Dehn. Dagegen hat Herr Stöcker es abgelehnt, ein positives Urtheil öffentlich abzugeben, und Professor Paul Förster hat ebenfalls die Beantwortung abgelehnt. Ja, noch mehr: einer der Befragten, Dr. Wehrmann in Pyritz, hat sogar die beiden Fragen verneint. Das Amüsanteste an der ganzen Enquete ist aber die Thatsache, daß einzelne „Autoritäten" nicht einmal ihren Namen zu nennen wagten. In der That, ein kläglicher Ausgang dieser großen Enquete! Seit mehreren Jahren besteht in Rußland ein „Allgemeiner jüdischer Arbeiterbund", der von Zeit zn Zeit den: sozialistischen „Vorwärts" wichtige Mittheilungen über die dortigen Verhältnisse zukommen läßt. So ist das genannte Blatt auch jetzt in der Lage, ein angeblich aus dem Kiewer Militärbezirk stammendes geheimes Rundschreiben zu veröffentlichen, das folgenden Wortlaut hat: An den Kommandeur des.Regiments. Der Ches der kriegsgerichtlichen Oberverwaltung theilte in einen! Briefe vom 8. Mai d. I. sub Nr. 105 mit, daß in der auf aller höchsten Befehl beim Hauptstab eingesetzten Kommission, die die Ausgabe hat, Maßregeln gegen die Zügellosigkeit der Juden zu treffen, folgende Grundsätze projektirt worden sind: 1. Erhöhung der Strafen für die von Juden Militär- Personen gegenüber zugefügten Beleidigungen; 2. Aenderuug der Art der Einleitung derartiger Prozesse dahin daß dieselben unabhängig von den Klageanträgen der Verletzte; geführt werden müssen und mit keinem Vergleich beendet werden können; und 3. Verweisung der Prozesse über Juden, die beschuldigt werden Militärpersonen Beleidigungen und andere Gewaltthätigkeiteu zuge fügt zu haben, in einzelnen Fällen auf Antrag des Kommandireudeu der Truppen der Militärbezirke und mit Genehmigung der Minister des Inneren, der Justiz und des Kriegswesens, in deren gegenseitiger Uebereinstimmung, au ein Kriegsgericht zur Untersuchung, unter Anwendung gegenüber den Schuldigen, in besonders wichtigen Fällen, der kriegsrechtlichen Gesetze. Seinerseits schlug das Kriegsmiuisterium vor. indem es den erwähnten Entwurf den Ministern des Inneren und der Justiz zum Beschluß übersandte, das Recht der Ueberweisung der Prozesse über