Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1901)
- Date
- 1901-07-26
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Nummer „Neue Satiren" voll Etzel-Ewers verbarg sich der voll Herrn Fritz Richard vorgetrageue „Nabbi von Krotoschin" und im „Telephonlied" eine von Fränlein Margarethe Reinhardt znm Vortrag gebrachte Geschichte voll der Verführung eines armen Mädchens durch einen Juden Cohn. Die kleine Szene „Das Negiekollegium" bot dem Gesellschastsdirektor Arnold Gelegenheit, seine eigelle Fähigkeit zur Darstellung einer jüdischen Karikatur zu beweisen, und bei der Schlußnullilner „Die Parkettreihe oder zehn Gerechte" fühlte mall sich vollständig nach Berlin in das Herrenfeld-Theater versetzt. Damit war das Kurtheater in Berg, in welchem die jüdischen Einwohner Stuttgarts gerne heißen Sommerabende zu Verbrillgen pflegen, Zwecken dienstbar gemacht, die ihnen den Aufenthalt daselbst verleiden mußten. Die meisten jüdischen Theaterbesucher beklagten, daß das Programm der Gesellschaft Steinert-Arnold nicht die leiseste Andeutung des antisemitischen Beigeschmacks ihrer Darbietungen enthalten hatte. Alter Gewohnheit zufolge besetzten zahlreiche Inden die theuersten Plätze des Sommertheaters, in dem sie von der Bühne herab voll Darstellern verhöhnt wurden, die, wenn auch nicht mehr ihre Glaubensgenossen, aber sicher doch jüdischer Abstammung waren. Nichts aber ist wohl geeigneter, die Juden in den Augen Andersgläubiger mehr herabznsetzen, als die zum Broderwerb ausgenützte Verächtlichmachung der Inden durch einen Stammesgenossen. Dagegen hilft nur ein Mittel, das Fernbleiben der Inden von Erholungsstätten, in welchen solcher Unfug getrieben wird, und die jüdischen Besucher die Beschämung, erleben müssen, in den Augen andersgläubiger Sitznachbarn höhnische Schadenfreude oder demüthigende Theilnahme zu lesen, während der Jubel der Judengegner im Saale erdröhnt. Wie die Direktion des Knrtheaters in Berg bekannt macht, siedelt das voll Herrn Steinert geleitete „Intime Theater" nach Nünberg über. Oesterreich - Ungarn. I^> Wien, 22. Juli. Eine parlamentarische Affenkomödie stelleil die Verhandlungen des niederösterreichischen Landtages dar. dessen Verathungen vom Montag einen den Umgangsformen seiner christlich-sozialen Majorität angepaßten Schluß hatten. Die au sich sehr hübsche Szene besitzt aber nicht den Reiz einer Premiore, da dergleichen saftige Zwiegespräche zur Hausmannskost dieser wohlerzogenen Körperschaft gehören. Abg. Schneider: Da müssen wir die Jndengüter konfisziren. Abg. Ur. Ofner: Der Alkohol wirkt schon wieder. Abg. Schneider (erregt): Sie Saujnde! Abg. Or. Ofner: Trunkenbold! Abg. Schneider: Das ist eitle Frechheit von dem Juden. Eilt paar Ohrfeigen soll er bekommen. Ich habe nicht einmal ein Glas Wasser getrunken. (Unruhe. Zurufe seitens der Majorität gegen den Abg. Ofner.) Abg. Benedikt: Er ist besoffen; eilte Zwangsjacke! Abg. Gregorig: 5, 7, 62! Der Landmarschall ertheilt dem Abg. Schneider den Ordnungsruf. (Ruse bei der Majorität: Ertheileu Sie auch dem Juden den Ordnungsruf. Unruhe.) Der gesprochene Rebus, mit dem der Abgeordnete Prochazka, der „dümmste Kerl" der christlich-sozialen Partei, am 23.April im österreichischen Abgeordnetenhanse den Sozialisten Ellenbogen regalirte, ist also doch in den Diktionaire der österreichischen Parlamentssprache ausgenommen worden. Damals war der Zwischenruf des lottokundigen Volksvertreters selbst seilten engeren Parteigenossen so unbekannt, daß am anderen Tage ein Blättchen von der dem „Redl,er" nahestehenden Richtung dieses „Bonmot" aus dem egyptischen Traumbnche verdeutschen mußte, 5 bedeutet danach ein nützliches Thier, dessen Fleisch die Juden nicht essen sollen, 7, die alte Judenzahl, bedendet Jude selbst und 63 . . . nun 63 ist ein Klassikercitat, das einzige, welches in die christlich-soziale Umgangssprache ausgenommen wurde. Es stammt von Goethe. Die Politiker mit der eisernen Stirn haben sich die freundliche Aufforderung des Ritters mit der eisernen Hand zu eigen gemacht. Vielleicht erlebt mall in der nächsten Parlamentssession eine Debatte in Lottoziffern! — Die Errichtung eitles jüdischen Neligionslehrer-Seminars in Lemberg ist um ein gewaltiges Stück vorwärts gediehen. Der galizische Landtag hat in eitler seiner letzten Sitzungen der zu gründenden Anstalt eine Jahressubvention von 2000 Kronen ab 1. Januar 1902 bewilligt. An diese Subvention ist die Bedingung geknüpft, daß sämmtliche Gegenstände, mit Ausnahme des Hebräischen, in polnischer Sprache vorgetragen werden müssen. Der klerikale „Przedswit", der die mysteriöse Geschichte von der Entführung einer Hebamme inStanislau durch maskirte Männer und von der Verbrennung eines neugeborenen Kindes veröffentlicht hat, giebt jetzt auf Grund der voll eitlem Berichterstatter all Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen zu, daß er zum Narren gehalten worden sei. Zugleich beruft er sich aber darauf, daß der gegenwärtig in Stanislan weilende französische Schriftsteller Armand de Boisgilbert zuerst dieses Märchen im Pariser „Journal" mitgetheilt habe, in dem. um die Sache für die französischen Leser interessanter zu machen, der Schauplatz der Schanermär nach Quimper im Departement Finistore verlegt worden ist. Mr. Boisgilbert behauptet, daß all dieser Ortsändernng nicht er, sondern die Redaktion des Pariser Blattes die Schuld trage. Das Ergötzlichste an der Sache ist. daß das in Krakau erscheinende antisemitische Blatt „Glos Narodu", das als Spezialorgan für jüdische Blutmärchen bekannt ist, die sensationelle Miltheilung des „Przedswit" mit verschiedenen Zuthateu als „Originalbericht" übernommen und die Inden als Urheber der vermeintlichen Greuelthat bezeichnet hat. Der inystifizirte „Przedswit" macht sich null deshalb über seinen Krakauer Kollegen lustig. — Die russische Regierung hat infolge der Bemühungen des österreichisch-ungarischen Botschafters Baron voll Aehrenthal im russisch-österreichischen Grenzverkehr die früheren Erleichterungen wiederhergestellt. Den jüdischen Grenzbewohnern ist der Uebertcitt über die Grenze ebenfalls mit Halbpässen gestattet. — In Neubidschow (Böhmen) brannte am Montag Nachmittag das Judenviertel vollständig nieder; Verluste an Menschenleben sind nicht zu beklageil. — Von Nah und Fern. — Der Kaiser hat dem Maler A dolf Hirschel-Hirony in Nom die kleine goldene Medaille der Berliner Kunstausstellung verliehen. — Der Sanitätsrath Dr. S. Moses hat den Nothell Adlerorden 4. Klasse erhalten. — Während seines Badeaufenthalts in Friedrichroda ist Rechtsallwalt Dr. Paul Gronau nach kurzem Leiden gestorben. — Am Dienstag starb nach langer Krankheit der Buchhändler Hermann Brieger im 52. Lebensjahre. — In Spandau ist Dr. S. Baron, Schüler des Rabbinerseminars zu Berlin, zum Prediger gewählt worden. — Wie aus Könitz gemeldet wird, hat der am Sonnabend vom dortigen Schwurgericht zu 2V? Jahren Zuchthaus verurtheilte Gustav Schiller gegen dieses Urtheil Revision eingelegt. — Unter dem dringenden Verdacht, am Jnbrandsetzen der Synagoge zu Könitz am 13. Juni 1900 betheiligt gewesen Zu sein, wurde heute der Barbierlehrling Giede verhaftet. — In Lissa ist der Rentier Abraham W. Goldschmidt, ein gelehrter lind frommer Mann, der lange Jahre Gemeinderepräsentant war, im Alter voll 81 Jahren gestorben. — In So rau N.-L. ist am 13. d. M. der Sanitätsrath Stabsarzt a. D. Dr. Gustav Fränkel im 64. Lebensjahre nach schweren Leiden gestorben. — In Gleiwitz ist am 14. d. M. der Fabrikbesitzer Dr. David Hiller, der viele Jahre das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Gemeinde bekleidete, im 62. Lebensjahre gestorben. — In Hörde feierte am 10. d. M. das Ehepaar S. M ö l lr i ch unter allgemeiner Theilnahme die goldene Hochzeit. Namens des Vorstandes begrüßte Herr Udewald, namens der Repräsentanten Herr Heimann das würdige Ehepaar. Im Auftrag des Frauenvereins gratnlirt Herr Strauß, für die Stadt Bürgermeister Ewers, der die goldene Ehejnbilänmsmedaille überreichte, im Namen der Gemeinde sprach Herr Lehrer Stern, der seine Rede mit einem Hoch auf den Kaiser schloß. --- Die Firma Rothschild in Paris hat das große Loos in der von Eognelin zu Gunsten der Schauspielernnterstützungskasse veranstalteten Lotterie gewonnen. Rothschild überwies die gewonnenen 100000 Francs an Coquelin zur Gründung eines Künstlerheims. — Papillaud, Redakteur der antisemitischen „Libre Parole" wurde wegen Beleidigung des Deputirten Pürillier zu 14 Tagen Gefängniß und 2000 Francs Geldstrafe verurtheilt, die „Libra Parole" selbst zu 1000 Francs Geldstrafe und 10000 Francs Schadenersatz. Außerdem muß die „Libre Parole" das Urtheil auf ihre Kosten in 20 Zeitungen publiziren lassen. Das Blatt des Herrn Drumont ist seit einem Jahre schon mehrfach mit ähnlichen Geldstrafen — einmal sogar mit einer Buße von 100 000 Francs — bedacht worden. — Die ^eaclomio cles seieneos morales et politniues in Paris hat eillen Preis voll 1000 Francs dem Professor Dr. N. Worms von der Fakultät ill Caen verliehen. — Zn Offizieren der Ehrenlegion wurden ernannt der Oberst B. Dennery, zu Rittern desselben Ordens die Hauptleute S. Weill, G. I. Bernhard, A. M. Aron, P. D. Hadamard, S. Weil, F. A. Hesse und der Stabsarzt E. I. Marix. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.