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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-07-19 · Heft 29 (19.7.1901) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 29 (19.7.1901)
Date
1901-07-19
Page
Seite 344 (sequence 10)
Language
German
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314 ganzen Provinz Kinder unter ein Jahr alt starben bei den Katholiken 22,06 Prozent, bei den Evangelischen 23,49 Prozent, bei den Juden nur 16,57 Prozent. Rechnen wir die ersten fünf Lebensjahre dazu, so sahen unsere Glaubensgenossen dort in dieser Lebensperiode 28,69 Prozent ins Grab sinken, gegen 38,01 Prozent Evangelische, 37,96 Prozent Katholiken. Was die Ursachen der Verschiedenheiten in der Gestaltung der Kindersterblichkeit bei Evangelischen, Katholiken und Juden in der Provinz Posen betrifft, so dürfte nach Bergmann die in allen Lebensaltern sich geltend machende größere Lebensfähigkeit der jüdischen Kinder zum Theil aus dem Umstande zu erklären sein, daß das durchschnittliche Heirathsalter der Jüdinnen mehr als das ihrer christlichen Mitbürgerinnen den in manchen Beziehungen begünstigten Altersklassen von 20—30 Jahren angehört, und namentlich sowohl verspätete Ehen (im Alter von über 40 Jahren) als auch bedenklich frühe Heirathcn in den östlichen Provinzen Preußens von Jüdinnen weniger geschlossen werden als von Evangelischeil und Katholiken. Ob zugleich auch nationale Eigenthümlichkeiten, größere Lebcuskräftigkeit der jüdischen Nasse und dergl. eine Rolle spielen, läßt er dahingestellt bleiben. Sicherlich von Bedeutung hält er dagegen jene scholl sehr oft erörterten sozialen Umstände, welche den Juden auch in der hier in Rede stehenden Beziehung eine Ueberlegenheit über ihre christlichen Mitbürger sichern, so namentlich die besonders festen Familienbande, die die jüdische Familie zu umschließen pflegen, die größere Schonung der jüdischen Frau, ihre geringere Inanspruchnahme durch Erwerbsgeschäste, die größere Ausmerksamkeit und Pflege, die dieselbe infolge hiervon ihren Kindern zuzuwenden vermag, die durchschnittlich größere Wohlhabenheit der jüdischen Familien, dazu die werkthätige Hilfe, die diese sich unter einander zu bringen pflegen, und die aus diesen Gründen sowie infolge mancher Nitualgesetze bessere und gesündere Ernährung der jüdischen Kinder, endlich die geringere Störung des Gedeihens letzterer durch Trunkenheit und hiermit in Zusammenhang stehende andere Untugenden der Eltern, Brutalität derselben u. s. w. Noch ein Wort über die Sterblichkeit der dortigen unehelichen Kinder innerhalb dieses Zeitraumes, die wie überall, so auch hier eine ungleich größere als die der ehelichen ist, ganz besonders bei der jüdischen Bevölkerung. Während unter alle» Geborenen unehelich waren: bei den Evangelischen 6.39 Prozent, Katholiken 5,69 Prozent, Juden 2,5 Pro" zeut, betrug die Sterblichkeit der unehelichen Kinder im 1. Lebensjahre im Verhältuiß zu derjenigen der ehelichen — letztere gleich 100 gesetzt: bei den Evangelischen 174, Katholiken 185, Inden 223. Dieses für Juden außerordentlich ungünstige Verhältniß ist nun überall dasselbe, und hat zu der bereits angeführten eingehenden Untersuchung im Großherzogthum Baden Veranlassung gegeben, die Neumann im Jahrbuch für Gesetzgebung und Volkswirthschast im Deutschen Reich s. Z. veröffentlicht hat. Er führt die außerordentlich hohe Kindersterblichkeit der außer der Ehe geborenen jüdischen Kinder geradezu als ein Beweis dafür an, daß die allgemein geringe Kindersterblichkeit bei den Juden keineswegs durch „Nasse»eigenthüinlichkeit'6.bedingt sei. Es starben von je 100 außer der Ehe Geborenen vor Vollendung des 1. Lebensjahres bei den Christen 38 Prozent, bei den Inden dagegen 45 Prozent, also fast die Hälfte aller unehelichen Kinder. Freilich handelt es sich hier immer um sehr kleine absolute Zahlen, und daher ist Vorsicht in den Schlüssen geboten. Auch ist gegenüber der relativ geringen Sterblichkeit der ehelichen jüdischen Kinder und der relativ großen Sterblichkeit der außer der Ehe geborenen das zu beachten, daß die Zahl der letzteren überhaupt eine überaus kleine ist. So betrug das Verhältniß der unehelichen Geburten zu den ehelichen dort bei den Christen 14 Prozent, bei den Juden nur 1,56 Prozent, ein Verhältniß, das fast überall dasselbe ist. . Würde also die geringe Kindersterblichkeit ein Spezifik um der jüdischen „Rasse" sein, dann müßte sich doch dasselbe in gleicher Weise bei ehelichen und unehelichen Kindern geltend machen. Reumann ineint, daß die größere Bedrohung des Lebens unehelicher jüdischer Kinder vielleicht mit dem Umstande zusammenhängt, daß über uneheliche Geburten an sich gerade bei den Juden besonders streng geurtheilt wird, und dadurch einerseits natürlich die Zahl derartiger Fehltritte wesentlich gemindert ist, anderseits aber auch Diejenigen, die sich deren schuldig gemacht, hierdurch noch tiefer herabgcdrückt werden, als dies außerhalb der jüdischen Bevölkerung im Allgemeinen der Fall ist. Auch der bekannte Berliner Kinderarzt Reumann ist der Anschauung, daß, da bei den Juden infolge der Heiligkeit ihres Familienlebens nur selten uneheliche Kinder geboren werden, gerade die Achtung vor der Ehe es häufig mit sich bringt, daß zwischen der Familie und der Gefallenen jedes Baud der Zusammengehörigkeit durchschnitten wird und so die unehelichen jüdischen Kinder geradezu dem Untergange geweiht sind. Wie gewaltig der Unterschied in der Sterblichkeit der unehelichen christlichen und jüdischen Kinder ist, mag man daraus ersehen, daß in Preußen in einein Zeitraum von neun Jahren bei den Juden 2440 uneheliche, unter I Jahr alte Kinder mehr gestorben waren als bei den Christen. Auffallend ist bei diesem Kapitel die überall konstatirte ungemeine Häufigkeit von Todtgeburten gerade bei unehelichen jüdischen Knaben im Gegensatz zu den Mädchen. So befanden sich nach einer Berechnung des Königlichen Statistischen Bureaus in Preußen unter je 100 000 »«ehelich geborenen Knaben bei den Evangelischen 5629, Katholiken 5743 und Juden 9740 Todtgeburten. Dagegen unter den unehelichen Mädchen bei den Evangelischen 4929, Katholiken 5292 nnd Inden 4828. Daß diese Verhältnisse nicht rein zufällige sind, geht daraus hervor, daß dieser Umstand regelmäßig wiederkehrt. So wurden in den Jahren 1875—1883 in Preußen außer der Ehe von jüdische» Müttern todt geboren 102 Knaben, dagegen nur 65 Mädchen; vielleicht daß zu diesen Verhältnissen die bisher noch unaufgeklärte, überall konstatirte Thatsache beiträgt, daß bei den Juden prozentual viel mehr Knaben als Mädchen geboren werden, als dies bei den anderen Konfessionen der Fall ist. Heinrich Keines Stammbaum Väterlicherseits. i. ie Geschichte der Familie Heine führt uns in die Schaumburg-Lippescheu Lande und in deren Residenzstadt Bückeburg. In den Lippeschen Landen wohnten Juden sicher schon seit Ende des 15. Jahrhunderts. Im Pfefferkoruschen Streit werden die Lippeschen Gemeinden bereits erwähnt. Die Landesverordnungen der Grafschaft Lippe (Lemgo 1781) ent-

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