Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 29. Allgemeine Berlin» 19. Juli 1901. eitung des Zudenchuins. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacleur: Gustav Karpeles. Begründet von Nalitnner Dr. Ludwig Philippson-Sonn. Verlags-Expedition: Verl in, Jernsaiemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthumö", Berlin 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Die drei Allianzen. — Die Woche. — Ter XI. Gemeindetag des Verbandes der Synagageilgenieiiiden Westfalens. -- Judenverfolgungen in Chicago. Bon Gregor io Dastis n Isasi. — Die Kindersterblichkeit bei den Inden. 111. Bon Dr. Moses-Liegnitz. — Heinrich Heines Stammballm väterlicherseits. I. — Feuilleton: Die Geschichte eines Musikanten. I. Bon H. York-Stein er. — Lilterarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gernein-cbote. Korresporidenien und Nachrichten: Berlin. Ürnitz, Neustettin, Kolberg, Bromberg, Oppeln, Seesen, Hannover, Dortmund, Giesenkirchen, Elberfeld, Frankfurt a. Nt., Bruchsal, Wien. — Gon Nah und Fern. Die drei Allianzen. Berlin, 15. Juli. ie Noth der Judenheit ist in der letzten Zeit nur »och gewachsen; besonders ist sie in Rumänien, wo sie schon seit Jahrzehnte» chronisch war, jetzt aknt geworden. In verschiedenen Artikeln und Berichten haben wir diese Situation geschildert, und heute geben die Jahresberichte der Alliance isiaolito universelle in Paris, der LnZIo ilevvisli Association in London nnd der Israelitischen Allianz in Wien uns von neuem Veranlassung, die Frage zu erörtern, was von Seiten dieser drei großen Vereinigungen zur Milderung der Judennoth geschehen ist. Die Utisnce israelils universelle, welche bei ihrer Gründung als ein Centralpunkt aller Angelegenheiten, die die Judenheit angehen, gedacht war, hat sich im Laufe der Jahre immer einseitiger als ein jüdischer Schulverein größter: Stiles entwickelt. Von den 1 229 496.95 Francs Ausgaben, die die Alliance in diesem Jahre in ihrer normalen Thütigkeit gemacht hat, kommen allein 691500 Francs auf die Elementarschulen im Orient im weitesten Sinne, sowie auf die beiden Seminare in Paris, in denen die Lehrer und Lehrerinnen der Allianceschulen ausgebildet werden. 177 300 Francs beanspruchen die beiden Ackerbauschulen Mikweh Israel bei Jaffa und Djedeida bei Tunis, ferner 152 600 Francs die Handwerkerschule in Jerusalem sowie die verschiedenen Unternehmungen zur Ausbildung von Handwerkslehrlingen. Dagegen sind die Ausgaben sehr gering für höhere Schule», nur ca. 16 000 Francs, während für Subventionen und Erziehung der Schulkinder ca. 66000 Francs verwendet wurden. Außerdem wurden für Pensionen 15000 Francs, für die Bibliothek ca. 4000 Francs und für allgemeine Unkosten, wie Miethe, Gehälter der Beamten, Drucksachen, Porti u. s. w., ca. SO 000 Francs verausgabt. Die letztere Summe, so groß sie anscheinend ist, erscheint doch sehr mäßig, wenn man bedenkt, welch einen großen Apparat die Alliance nothwendigerweise unterhalten muß, um überallhin thätrg zu sein, wo sie entweder Mitglieder oder Schulen hat. In hundert diesen Schule» wurden unterrichtet ca. 26000 Kinder, und zwar in 61 Knaben- und 39 Mädchenschulen. Neben diesem Schulwerk verschwindet die andere Thätigkeit der Alliance fast ganz, im Gegensatz zu früher, wo die diplomatische Arbeit derselben eine große Rolle spielte. Sehr zn begrüßen ist aber gerade rmter diesem Gesichtspunkt die Entwickelung der Allianceschulen in Marokko und Persien, denn in diesen beiden Staaten werden noch ans lange hinaus die Direktoren der Allianceschulen zugleich die berufenen Vertreter der Juden bei den Regierungen wie bei der europäischen Diplomatie sein. Wenig erfreulich ist der Bericht über die Einnahmen der Alliance. An Jahresbeiträgen gingen nur ein 155587 Francs gegen 160 691 Francs im Vorjahre. Die Beitrüge gehen überhaupt von Jahr zn Jahr zurück, ebenso die Rubrik Geschenke. Dagegen sind die Rubriken: Diverse Einkünfte von ca. 472000 ans 484000 Francs nnd Subvention der -lovüsll Eoloiii'sation Association von 250000 aus 287 000 Francs gestiegen. Auch muß man sich immer gegenwärtig halten, daß die lokalen Einnahmen der Schulen, wie Schulgeld und Zuschüsse derGemeindeu, die Subventionen der Alliance nicht unwesentlich übersteigen, so daß die Alliance nur etwa 40 Prozent der Kosten leistet. Speziell soll noch erwähnt werden, daß im Berichtsjahr die Einnahmen ans Deutschland auf 44 000 Mark zurückgegangcn sind. Wenn irgend etwas, so beweist diese niedrige Ziffer mehr als alle Argumente, wie nothwendig es war, den „Hilfsverein deutscher Juden" zu begründen. Neben diesem Bericht über die gewöhnliche Thütigkeit der Alliance, die im Wesentlichen derjenigen der früheren Jahre entspricht, aber doch kleine Fortschritte im Allgemeinen und recht bedeutsame aber in Persien und Marokko aufzuweisen hat, geht in dem Jahre 1900 die außerordentliche Hilfsaktion für Rumänien. Als im vorigen Jahre die Noth der unglücklichen Juden dieses Landes riesenartig anschwoll, nnd der Strom der Auswanderung die angrenzenden Länder überfluthete, da zeigte sich die Nothwendigkeit einer Centralisation des Hilfswerkes. Die Alliance war schon im Februar 1900 ans die große Noth in Rumänien aufmerksain geworden; sie hatte selbst Unterstützungen nach Galatz und Jassy gesendet und es unternommen, die europäische Judenheit auf die drohende Gefahr aufmerksam zn machen sowie die Geldsammlnugen für die rumänischen Juden zu organisiren. Aber diese Vorarbeiten waren noch lange nicht beendet, als die Katastrophe hereinbrach. und nicht die Hilfe der Alliance und der anderen Vereine, sondern die gewaltsame Aktion der österreich-ungarischen