Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 27. Allgemeine Berlin. 5. Inli 1901. eitung öes Audenlbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M. I Nedaeteur: Gustav Karpeles. I Begründet von Rabbiner D*. Ludwig PHUippson-Sonn. Verlags-Expedition: Lerlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung dev Judenthuinö", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Nu-olf Mosse, Berlin. ÄnHk!l. Leitartikel: Der letzte Bankkrach. — Die Woche. — Ter Student und der Antisemitismus. Von Richard Treitel, eund. .1>ir. — Brief aus Köln. Von Hermann Moses. — Briese aus England. Von Rev. Dr. I. Chotzner. — Gerhard von Amhntor. Von Dr. Adolph Ko Hut. — Josef Ihn Danon aus Belgrad. I. Von Professor Dr. David Kaufmann s. A. — Feuilleton; Nässi Jehudah den Nachmia. Ein Märchen von Max Viola. — Litterarische Mittheilungen. Der Gemeindevote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Spandau, Königsberg, Könitz, Beuthen O.-S., Hannover, Köln, Frankl surt a. Al., Mainz> Fürth, Göppingen, Wien, London. — Von Nah und Fern. — Sprechsaal. — Miseellen. Der letzte Bankkrach. Berlin. 2. Juli. ^Äx ine schwere Krisis ist über das Wirthschaftsleben hereingebrochen. Ein Bankkrach nach dem anderen verursacht der kapitalistischen Welt panischen Schrecken. Wie es den Anschein hat, hat die Krise mit dem Zusammenbruch der Leipziger Bank jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Es läge nun nahe, daß wir gegenüber den unerhörten Verdächtigungen, welche die jüdischen Kapitalisten seit Jahrzehnten von unseren Gegnern zu erleiden haben, darauf Hinweisen könnten, daß bei keiner einzigen dieser Unternehmungen Juden als Direktoren oder auch nur als Aufsichtsräthe betheiligt waren, daß vielmehr diese Institute, von den Sanden'sche» Unternehmungen bis zu der Leipziger Bank, durchweg in nichtjüdischen Händen ruhten und zum großen Theil sogar von Antisemiten geleitet wurden, denn nicht nur Herr Sanden, sondern auch Herr Exner, der Direktor der Leipziger Bank, und Herr Schmidt, der Direktor der Kasseler Aktiengesellschaft für Trebertrocknung, sind als „Säulen des Antisemitismus" bekannt gewesen. Aber »vir haben es nicht gethan, weil wir eine solche Krise ans wirthschaftlich-sozjalem Gebiete ganz einfach auf ökonomische Ursachen znrückführen und irgend welche Beziehungen zu dem Tlanbensbekenntniß der Sünder wie der Opfer nicht zu entdecken vermögen. Wir leben im Zeitalter der materiellen Interessen. Das Jagen nach dem Golde beherrscht die Welt; selbst die Wissenschaft wird nur noch in dem Grade geschätzt, in welchem sie zu unmittelbarem Erwerb arbeitet; auch Kunst und Poesie sind nur noch Luxusivaare wie andere. Das Kapital beherrscht alle Gesellschaftsklassen, und da ist kein Unterschied der politischen Gesinnung oder des Glaubensbekenntnisses. Wenn man also nach dieser Richtung eine Klage erheben wollte, so wäre nur die über den Materialismus des Zeitalters berechtigt, der eben alle Kreise ergriffen hat. und hieraus könnte man die Lehre ziehen, der Jugend stets mit Nachdruck das Unhaltbare dieser Truggebilde der Spekulation einzuprägen, Fleiß, Geschicklichkeit, Talent und Sparsamkeit als die einzigen reellen Wege zu Erwerb und Besitz zu zeigen und ihr vor Augen zu führen, daß jedes Haschen nach unverdientem Reichthum nothwendig zum Verderb führen müsse. Eine» anderen Standpunkt zu diesen Zeiterscheinungen vermögen »vir nicht einzunehmeu. Unsere Gegner denken freilich darin anders. Trifft die Schuld irgend einer Krise des Geschäftslebens die Inden, so erhebt sich ein Sturm der Entrüstung im konservativ-antisemitischen Blätterwald über das jüdische Kapital. Mit den heuchlerischsten Phrasen beschuldigt man die Juden der unsinnigen Spekulationswuth und des unerhörten Luxus. Selbst fromme Prediger scheuen sich nicht, die Uuwahrheit auszusprechen, daß die eigentliche Geldmacht in den Händen der Juden sei, und daß der Geldbesitz ihnen immer »»ehr zuflösse. Bricht aber einmal eine große allgemeine Krise herein, dann zeigt sich die Grnndlosigkeit aller dieser Behauptungen in greller Weise, da zerfließen all diese Jnvektiven in nichts. Gerade bei solchen großen Katastrophen spielen die Jude,» die geringste Rolle. Das bewährt sich auch im gegenwärtigen Augenblicke, wo die deutsche Geschäftswelt so bittere Erfahrungen machen muß. Was thun »mn aber unsere Antisemiten? Ziehen sie daraus die Lehre, die jeder objektiven Betrachtung des gesunden Menschenverstandes als die einzig gegebene erscheint, daß große Geld- und Handelskrisen gar keinen Zusammenhang haben mit den Dinge» und Fragen, die sie beschäftigen, oder vielmehr deren sie sich bemächtigt haben? Nein, auch hier müssen die Juden die Schuld tragen! Haben sie die Krise »rieht direkt verursacht, so haben sie es indirekt gethan, indem sie das „christliche Kapital" ruiniren wollten!! Das Rezept ist sehr einfach, aber es ist durchaus nicht neu. Als in den siebziger Jahren der berüchtigte belgische GrafLallgrand-Dumonceau mit seiner Idee der „Christianistrung des Kapitals" schmählichen Schiffbruch erlitt, da war es natürlich das jüdische Großkapital, das ihn vernichtet hatte; die gleiche Klage wurde erhoben, als zwanzig Jahre später der Krach der l/nicm xiönerale in Paris wieder einmal Millionen des „katholischen Kapitals" verschlungen hatte. In beiden Fällen erwies sich die Beschuldigung als lächerlich, und nun kommen unsere Antisemiten auch jetzt wieder mit ihrem Ammenmärchen und suche» „den dinninen Kerl", der in Oesterreich so gut wie in Deutschland lebt, irre zu machen, indem sie ihn» einreden: die jüdische baute linrmee oder das jüdische Kapital sei die Ursache des Zusammenbruchs bei dein Fall Sande»» sowie bei der Dresdener Kreditanstalt und der Leipziger Bank gelvesen, während an allen diesen