Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1901)
- Date
- 1901-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Tochter getauft, uns heute .zur Verfügung gestellt hat, als kühner Unternehmer der Hau sa hinansgegaugen ist, um für uns friedliche Eroberungen zu machen, Eroberungen, deren Früchte dereinst unsere Enkel eiuheimsen werden. In der freudigen Hoffnung, das; dieser unternehmende hanseatische Geist sich immer weiter ausbreiten möge, erhebe ich mein Glas und bitte alle Diejenigen, welche meine Kameraden auf dem Wasser sind, mit mir einzust immer; in ein Hoch ans den Segelsport und den hanseatischen Geist." Vor der Preisvertheilnng bei der Cuxhavener Regatta überreichte der Kaiser dem Generaldirektor Ballin seinBilduiß mit folgender eigenhändiger Widmung: „Dem weitblickenden unermüdlichen Bahnbrecher für unseren dentschen Handel und nufere Ausfuhr." Nach dem Festmahl beim preußischen Gesandten zeichnete der Monarch Herrn Ballin durch eine so lange Unterredung ans, daß die Abreise erheblich über die angesetzte Zeit hinaus verzögert werden mutzte. Herr Ballin steht erst im 44. Lebensjahre, leitet aber die Hambnrg-Amerika-Linie schon seit 1886. In dieser Zeit ist die Zahl ihrer Seeschiffe von 26 auf 113, ihr Gesellscbaftskapital von 15 auf 80 Millionen, ihre Dividende von 4 ans 10 von; Hundert gewachsen; die Zahl der beförderten Personen stieg von 48131 aus 166 539, die beförderten Güter »lehrten sich von 486 000 ans 3196 000 Kubikmeter. All dieser Entwickelung hat Herr Ballin den hervorragendsten Antheil. — Im Uebrigen dürfte es für Ihre Leser von Interesse sein, das; die Familie Ballin schon früh in Hamburg sich vertreten findet; so ist eine gedruckte Erklärung in einem Aktenstück des hiesigen Staatsarchivs, einen Streit in der portugiesischen „Nation" betreffend, Anfang des XVIII. Jahrhunderts von einem Ballin unterzeichnet, und scholl früher <2.Hälfte desXVll.Jahrhunderts) nenntGlückel vonHameln (Memoiren S. 30) einen Elia Baltin „im Besitz von 30000 Thaleru". — Dresden, 21. Juni. Der sattsam bekannte Graf Püekler- Klein-Tschirne hielt auf Einladung des hiesigen Neformvereins am 20. November v. I. vor einer Versammlung von etwa 2000 Personen einen Vortrag über „Das Jndenthnm und das deutsche Volk", in dem er sich der Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten schuldig gemacht haben soll. Zn der ersten Verhandlung war er bekanntlich nicht erschienen, und das Gericht hatte infolge dessen zwangsweise Vorführung verfügt. Graf Pückler wurde denn auch am Mittwoch früh 7 Uhr ans seinem Ritterguts Kl.-Tschirue von einem Gerichtsdiener unter Intervention des zuständigen Amtsvorstehers verhaftet und nach Dresden gebracht. Vor Gericht gab er die ihm zur Last gelegten Ausdrücke zu, bestritt aber, daß er die Absicht gehabt habe, zu Gewaltthätigkeiteu gegen die Inden aufznreizen, vielmehr habe er nur bildlich gesprochen, um sich dem großen Publikum verständlich zu machen. In Berlin, bemerkte er, habe er sich noch weit schärferer Worte bedient, deshalb sei er auch schon viermal unter Anklage gestellt worden, doch jedesmal habe man ihn freigesprochen. Der Gerichtshof nahm jedoch an. daß es doch in der Absicht des Angeklagten gelegen habe, zu Gewaltthätigkeiten aufzureizen und verurtheilte ihn wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens zu 100 Mark Geldstrafe. —!. München, 20. Juni. Gottfried Merzba ch e r, der Neffe dev bekannten Mäcens jüdischer Wissenschaft Abraham Merzbacher, ist am 1>v Juni 1001 durch einstimmigen Beschluß der philosophischen Fakultät der königlichen Lndwigs-Maximilians-Nniversität in München zum Doktor der Philosophie honoris ennsn promovirt worden. Gottfried Merzbacher, der nach Besuch einer bayerischen Gewerbeschule bei einem kleinen Meister in Kitzingen das Kürschnergewerbe als Lehrling erlernt hat. hat hier früher als Kürschnermeister mit eisernen; Fleiße und mit großem Erfolge die Kürschnerei betrieben, daneben aber eifrig als Autodidakt wissenschaftlichen Studien obgelegen und ist als hervorragender Alpinist und alpiner Schriftsteller schon früher bekannt gewesen; vor etwa zwölf Jahren hat er sein Handwerk anfgegeben, um ausschließlich seinen wissenschaftlichen Neigungen leben zu können. Im Jahre 1891 unternahm er eine große wissenschaftliche Reife, die sich ans die Darier von mehreren Jahren erstreckte und deren Ergebnisse er nunmehr irr einem bei Dnnker und Hnmblot in Leipzig erschienenen großen zweibändigen Prachtwerke „Aus den Hochregionen des Kaukasus" veröffentlicht hat. Dieses Werk, das bereits von der Fachwissenschaft in ausgezeichneter Weise beurtheilt wurde, ist der Anlaß der Merzbacher zu Theil gewordener; Ehrung. Möge der gelehrte Mann, der ihm zu Theil gewordenen großen Ehre noch lange sich erfreuen und ohne den Gefahren der neuerlich von ihm beabsichtigten größeren Reise zu unterliegen, heil hierher zurückkehren. ) Oesterreich-Ungarn. o Wien, 24. Juni. Der Kaiser hat auch im weiteren Verlauf seiner böhmischen Reise jüdische Gemeindevorstände und Rabbiner empfangen. — In der Ge m ei n d er nt h s sitzu n g von; 19. d. M. richtete Gemeinderath Dr. Mittler eine Interpellation an den Bürgermeister über die Präterirnng jüdischer Beamten, auf die Lueger wie gewöhnlich allsweichend antwortete mit dem Hinweis, daß Beamtenbefördernngen dem Stadtrathe zngehören. zürn Schlüsse aber drohte er. wenn das so weiter ginge, „sich um Dinge gar nicht mehr zu kümmern, wo ein Jude im Spiel ist!" Nun. das wäre vielleicht das Beste! — Die Raubmörder, die vor einiger Zeit eine jüdische Familie in Galizien in bestialischer Weise ermordet haben, sind ans dem Gesängniß entwichen; sie wurden jedoch wieder eingefangen und in das Gesängniß eingeliefert. — In Budweis hat sich Anton Stifter, ein Neffe des berühmten Dichters Adalbert Stifter, erhängt; er war ein eifriger Parteigänger der Antisemiten und zu den; Selbstmord trieb ihn allzu reichlicher Alkoholgeunß! Von Nah und Fern. -- Professor Bernhard Proskauer ist zum Vorsteher der Chemischen Abtheilung beim Institut für Infektionskrankheiten zu Berlin ernannt worden. — Der Michael Beer-Preis (2250 Mark) für Bildhauer jüdischer Konfession wurde den; Bildhauer Jacob Pletz Heraus Berlin znerkannt. — Hauptlehrer Hermann Cohn in Nogasen ist zum Mittelschullehrer der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt. — Der Pastor Wilhelm Becker in Friedenau, der Nachfolger von Paulus Cassel, wird im September nach Wien übersiedeln, um das dortige Missiousamt der Londoner Judenmissionsgesellschaft zu übernehmen. Glückliche Reise! — In Konitz wurde Dr. Max Wehl aus Spandau einstimmig zum Rabbiner gewählt. — Der Staatsanwaltsobersekretär Joh Krü decke in Kottbus, ein bekannter Antisemitenfnhrer, wurde wegen Unterschlagung und Urkundenfälschung zu zwei Jahren Gefängnis; verurtheilt. — Der bisherige Stadtverordnete Sigismund Moses iu Gr.-Glogan ist znm Stadtrath gewählt worden. — In die Synagoge in Zabrze brachen Diebe ein und hausten dort in der böswilligsten Weise. Kostbare Geräthe sowie Ausschmücknngsgegenstände und Ornate ließen sie mitgehen. Was sie nicht mitnehmen wollten oder konnten, beschädigten sie. Die Bücher wurden zerrissen. Voll den Dieben fehlt bis jetzt noch jede Spur. — Am 16. d. M. feierte in Schönstedt (Hessen) das Mezger'sche Ehepaar die goldene Hochzeit. Welch großer Beliebtheit lind Verehrung sich dasselbe in allen Kreisel; der Bevölkerung erfreut, davon zeugten die vielen Aufmerksamkeiten und Glückwünsche, welche dem Jubelpaare zu Theil wurden.— In Cochem feierte unter allgemeiner Theilnahme das Ehepaar Salomon Hein die goldene Hochzeit. Seitens des Landwehrvereins, dessen Mitbegründer der Jubilar ist, fand ein Fackelzng statt, und überreichte der Vorstand einen silbernen Pokal. Auch der katholische Mäunergesangverein ehrte das Jubelpaar durch ein Ständchen. Die Einsegnung, bei welcher Gelegenheit auch die EhejubiläumsmedaillL überreicht wurde, fand in der Synagoge durch Lehrer Mannheimer statt. Die jüdische Gemeinde überreichte einen silberneu Becher mit Widmung. — Die israelitische Knltnsgemeinde in Zürich hatte im Verein mit der dortigen orthodoxen Neligionsgesetlschast an die Centralschnlpflege das Gesuch gerichtet, es möchte denjenigen israelitischen Schülern, welche darum nachsucheu würden, am Sabbath Dispens von manuellen Tätigkeiten (Schreiben, Zeichnen, Handarbeiten) ertheilt werden. Die Schulbehörde hat dieses Gesuch nun abgewiesen wegen der Konsequenzen, die sich aus einer Gewährung derselben ergeben könnten. — Die französische Akademie hat den Thüronanne-Preis Herrn G. Bloch in Paris für dessen „Geschichte Frankreichs" verliehen- — Dr. Schechter, Lektor des Talmud an der Universität zu Cambridge, ist für das Jahr 1991/1902 znm Kurator der orientalischen Litteratur an dieser Universität ernannt worden. — Cecil Nh ödes spendete zum Shnagogenbau in K i mb erl ey 50Lstr. — Der Gouverneur vor; Port-Arthur hat den Inden das Wohnen auf der Halbinsel Kwantnng verboten. Und so etwas will Kultur nach den» Osten tragen! Dagegen hat der Minister des Innern die Austreibung der Juden aus Tra nsb ai ka l i ell, welche mit dem 1. April ihrer; Anfang genommen hat, ans Verwendung vor; jüdischer Seite „bis die Frage des Aufenthalts der Juden in Sibirien gesetzlich geregelt sein wird" sistirt- Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.