Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1901)
- Date
- 1901-06-21
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228445--57670-3294063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 lassen kann". Den Rabbiner der Vorstadt Weinberge hat der Kaiser in sehr leutseliger Weise empfangen. Bei dem letzten Hosdiner in der Burg war auch der Vorstand der Prager Kultnsgemeinde geladen. — Neber die Thätigkeit unserer Allianz habe ich Ihnen schon jüngst berichtet; der eben erschienene Jahresbericht legt ein neues Zeugnis; dafür ab. Die Hallptthätigkeit konzentrirte sich auf das Hilsswerk für die rumänischen Inden. Vorn 1b. November bis 31. Dezember reisten für Rechnung der Allianz 041 Personen nach Rotterdam. 54 nach Frankreich, wahrend 112 Personen, deren Weiterbeförderung nicht möglich war, Unterstützung zur Heimreise nach Rumänien erhielten. Die Weiterbeförderungen erfuhren jedoch bald nach Beginn dieses Jahres (1901) eine wesentliche Einschränkung. Mit Be- , dauern konstatirt jedoch die Allianz, das; die rumänische Hilfsaktion die finanziellen Mittel des Vereins in hohem Mähe in Anspruch genommen hat. Da die Ausgaben, die diesen; Zwecke zugewendet wurwurden, bis Ende Dezember 1900 243 743.74 Kronen betragen haben, die von der Allianz eingeleiteteu Sammlungen aber nur eine Summe von 222 848.01 Kronen ergaben, so wurde aus den eigenen Mitteln des Vereins ein Betrag von 20 895.73 Kronen verausgabt. Dieser Betrag hat sich durch die weiteren Ausgaben sür Emigratiouszweeke im Jahre 1901 auf 70000 Krollen erhöht. Angesichts dieser Thatsache appellirt der Vorstand au die Opferwilligkeit der Mitglieder und Gauner — hoffentlich mit Erfolg! — Zwei jüdische Ho nved-Offi ziere, die sich vor Kurzem erst taufen ließen, haben von denü Rabbiner einer ungarischen Gemeinde, der in seiner Predigt gesagt hatte, daß mau durch diese Thal noch kein Held sei. Rechenschaft gefordert. Erst dessen Erklärung, daß er keine bestimmten Persollen gemeint habe, beruhigte die „Helden". Wer denkt da nicht an das Wort des alten Rabbi: „Wenn ich Moral predige, meine ich Keinen; wer aber meint, daß ich ihn meine, den meine ich!" — Aus Domjöd in Ungarn wird über den Ausgang einer Nitualmordlüge Folgendes gemeldet: Vor Wochen verschwand daselbst die kleine Juliska Horvath, das Töchterchen des dortigen Insassen Valentin Horvath. Die besorgte Mutter hielt überall Nachfrage nach ihrem Kinde und kam endlich auch zum jüdischen Gastwirth Samuel Stern, der ihr gleich den Anderen die traurige Auskunft gab, daß er die kleine Juliska nicht gesehen habe. Plötzlich hörte die Horvath vom Dachboden des Gasthauses ein Stöhnen; sie eilte hinauf und fand da ihr Töchterchen schwer krank liegen. Der Gemeiudearzt Dr. Ladislaus Szarka untersuchte die Kleine und koustatirte Vergistungsshmptome. Im Nn verbreitete sich in der Ortschaft die Nachricht, daß die Juden das arme Christenmädchen tödten wollten, um dessen Blut abzuzapfen, welches sie zu dem Ball eines neuen Tempels in Budapest beuöthigten. Die Horvath erstattete die Strafanzeige gegen Samuel Stern wegen Vergiftung. Das königliche Bezirksgericht in Rüczkeve leitete die Vorerhebungen ein. und da wurde folgender Thatbestand ermittelt: Die blödsinnige Magd des Steril. Rosa Krizsün. hat die kleine Juliska heimlich aus den Dachboden gebracht und daun den Boden abgesperrt; das Killd fand da einen Sack mit dem Samen voll Bilsenkraut und aß davoll, in der Meinung, es sei Mohn. Samuel Stern, dessen Verteidigung Dr. Wilhelm Vüzsonyi führte, hatte die Kleine tatsächlich gar nicht zu Gesicht bekommen. Auf Grund dieses Resultats der Untersuchung stellte der Gerichtshof für den Pester Landbezirk in Gemäßheit des Antrages der Staatsanwaltschaft das weitere Verfahren ein. — Am 9. v. M. brachte das antisemitische „Deutsche Volksblatt" die Mitteilung, daß ein Jude bei Ermordung eines Mädchens in einem Walde erwischt worden wäre. Die Gendarmerie verhaftete den Juden, der sich sodann au seinem Gebetriemeu im Arreste erhängte. Der tatsächliche Vorfall, der dieser Erzählung zu Grunde liegt, war nun aber folgender: Am 30. Oktober v. I. hörten billige Bauernmädchen, welche in der Nähe des Waldes Kolnike bei Hlubicz Vieh zur Weide sührten, daß Jemand im Walde schrie, als ob er geschlagen würde. Als sie hiuhorchten, vernahmen sie den Ruf: „Schlag' mich nicht, ich geb' Dir alles," und dann war es still. Die Mädchen holten einige Männer herbei, welche den Wald durchsuchten und im Gestrüpp die Leiche des Israel Meister anffanden. Der 61 jährige Greis war erdrosselt und seiner Baarschaft beraubt worden. Meister war Aussetzer in der Theersiederei des Isaak Katz und hatte einige Wochen vorher mit dem daselbst beschäftigten Knat Makalo einen Streit gehabt. Deshalb lenkte sich auch der Verdacht der Thäterschast gegen diesen. Die Gendarmerie nahm eine Hausdurchsuchung vor und fand oberhalb d?r/ Thür in der Manet eine Oeffnnng. jn der eine Brieftasche mit 32 Kronen verborgen war, welche als Eigentum des Ermordeten agnoscirt wurde. Makato wurde verhaftet, flüchtete aber am 4. November, trieb sich einige Tage im Walde herum, wurde dann aufgegriffen und legte das Geständnis; ab, daß er Meister mit dessen eigenem Gebetriemeu erdrosselt habe. Makalo wurde vom Schwurgericht Strij zum Tode durch den Strang verurteilt. Der Kassativnshof bestätigte das Urteil. — Wie die „Neue Freie Presse" aus Pisek meldet, hat der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe für den begnadigten Leopold Hülsuer in lebenslänglichen schweren Kerker umgewandelt. Von Nah und Fern. — Professor Friedrich Gernsheim ist als Nachfolger des Professors Martin Blumner als Vorstand einer mit der Akademie der Künste verbundenen Meisterschnle sür musikalische Komposition berufen worden. — Auch das Nordseebad Amrum lehnt die Ehre, unter die antisemitischen Badeorte gezählt zu werden, mit Entschiedenheit ab. -- Der Prozeß gegen den Privatdetektiv Gustav Schiller in Könitz wird, wie das „Konitzer Tageblatt" meldet, in etwa 14 Tagen stattfinden. Dem gesuchten Zeugen Nickeleit soll man nämlich auf der Spur sein. — In Posen ist die Pflegemutter der israelitischen Woisenknabenaustatt, Frau Betty Katzen stein, geb. Vacharach, plötzlich gestorben. — In Börnste dt ist im 60. Lebensjahre der Kaufmann Siegfried Bial, der seit mehreren Jahren dem Repräsentantenkolleginm angehörte, gestorben. — Trautheim bei Nieder-Ramstadt im Odenwald gehört nicht zu den in Nummer 24 ausgezählten antisemitischen Sommerfrischen. — Jn Paris fand am 17. d. M. eine Konferenz von Delegirten aller großen Vereine statt, die das Hilfswerk für die rumänischen Inden zum Gegenstand der Berathung hatte. — Professor I. Oppert in Paris ist znm korrespondirendeu Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien ernannt worden. — Jn Span ieil wohnen Juden in folgenden Städten: Madrid. Cadix. Sevilla, Lmoa, Malaga, Barcelona. Ans dem Protestantischen Friedhof in Madrid ist ein besonderer Raum für die Juden reservirt, wo die Grabsteine hebräische Inschriften tragen Die Stadtverwaltung voll Sevilla hat den dortigen Juden auf deren Wunsch ohne Weiteres auf dem städtischen Kirchhof eine besondere Abtheilung eingeränmt. — Der am 22. v. M. in einem Preisboxen verletzte und bald darauf verstorbene amerikanische Boxer Billy Smith war ein Jude namens Morris Levison, ein ehemaliger Zögling des jüdischen Waisenhauses in London. Daselbst wurde er auch auf dem jüdischen Friedhof begraben. — Am 12. d. M. fand unter dem Vorsitz des Sir George Faudel-PhiliPPs ein Diner zu Gunsten der unter Protektorat des Kölligs Edward VII. stehenden jüdischen Alters- und Waisenversorgnngsaustalt zn West-Norwood in London statt. Die Allstalt. welche 328 Waisen und 125 Lehrlinge nebst 12 Greisen beherbergt, gehört zu den größten jüdischen Waisenhäusern der ganzen Welt. Zur Tilgung von Schulden rc. waren 200 000 Mark erforderlich. Die beim Diner veranstaltete Sammlung ergab den anständigen Betrag voll 212 800 Mark. — Der bekannte Organisator des russischen Genossenschaftswesens. N. B. Lern itski, hat all den Gewerbeinspektor des Kreises CH er soll einen Bericht erstattet. Danach sind unter seiner Mitwirkung im Gouvernement Cherson 41 Genossenschaften mit 1500 Mitgliedern entstanden. Von diesen sind nicht weniger als 30 rein jüdische. Daneben hat sich in der Kolonie Nomanowka unter Mitwirkung des Kronrabbiners Dr. Krebs eine landwirthschaftliche Genossenschaft gebildet. Es ist das unseres Wissens die einzige derartige jüdische Genossenschaft in der Welt. — Dr. Jaq ll es Nissim Pascha in Ko n stanlinopel ist soeben zum Divisionsgeneral in der türkischen Armee ernannt worden. Er ist der erste Jude, welcher zn diesem hohen Range befördert wurde uud hat nur in Viceadmiral Dr. Elias Pascha seinen Vorgänger, welcher in der kaiserlich türkischen Marine schon seit längerer Zeit einen ähnlichen hohen Posten bekleidet. — Am 7. v. M. ist am Robinson Noad zn Hongkong in China der Grundstein zum Ban einer Synagoge gelegt worden. Dieselbe wird 250 Sitze sür Männer und 90 Sitze für Frauen haben. Die Kosten des Baues, welche sich auf 100 000 Mark belaufen dürfen, werden von Jacob Sasson getragen, welcher die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Mutter errichtet, läßt. Die Juden von Hongkong sind, ebenso wie die von Schanghai, größteutheils über Indien aus Bagdad nach China hernbergekommen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Banchwit; in Berlin.