Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1901)
- Date
- 1901-06-14
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 des Agentenwesens und des Hausirhandels, angenommen. Darob stütmischer Jubel bei den Antisemiten! Man kann sich also denken, wie viele Juden durch dies Gesetz geschädigt werden. — Dem Stadtrathe lag neulich ein Ansuchen zum Bau einer neuen Synagoge im 19. Bezirke vor. das selbstverständlich abgelehnt wurde. — Am 9. d. M. fand hier die feierliche Schlnßsreinlegung zu dem auS Anlaß des 50jährigen Regiernngsjubiläums des Kaisers errichteten Siechenhauses der Kultusgemeinde statt. — In Budapest ist der Nestor der ungarischen Bildhauer, der Schöpfer des Szecheuyi-Denkmals. Joseph Engel, gestorben. Er erreichte das hohe Alter von sechsundachtzig.Jahren, und erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens gönnte er sich Ruhe, weil ihn das Alter hierzu nöthigte. Als Künstler gehörte er der klassischen, oder wie die Modernen von heute sie nenuen, der „alten Schule" an; in dem von ihm gepflegten Genre aber hat Engel seinerzeit viel Schönes und Gutes geschaffen. Sein erstes größeres Werk war der „Amazonenkamps", den der Prinzgemahl Albert von England kaufte. Die „Parze" ging in den Besitz des ehemaligen Lordmayors Salomon über. Auf der Wiener Weltausstellung 1873 waren sechs Werke Engels zu sehen. Mit einem derselben. der „zum Leben erwachenden Eva", gewann er die große goldene Medaille. ----- Jaffa, "n Juni. Der Vorstand der hier seit vielen Jahren segensreich wirkenden i sra eli t isch e n Unterrichtsanstalt „Schaare Thora" versendet den folgende»: Aufruf, den wir der allgemeinen Theilnahme nachdrücklich empfehlen: In der sicheren Erwartung, keine Fehlbitte zu thnn, appellirt an Eure Herzen eine Anstalt im heiligen Lande, die die wärmste Sympathie und die thatkräftige Unterstützung jede- Inden verdient. In Jaffa, dem Eingangsthore zum heiligen Lande, wirkt seit vielen Jahren zum Segen der Jugend die Talmud- Thora-Schule (Schaare Thora) und Verpflegungsanstalt für arme und verwaiste Kinder. Nach zwiefacher Richtung erstreckt sich ihre liebevolle Fürsorge; sie führt die ihr anvertraute Jugend, den Hort und die Gewähr der Zukunft, in die heiligen Hallen unserer Gotteslehre ein zum Heile ihres unsterblichen Theiles, sie gewährt aber auch schützendes Obdach, Nahrung und Kleidung für den Körper. An 200 Kinder be, suchen täglich diese Schule, fast allesammt Kinder der Aermsten der Armen, Kinder von Arbeitern und Tagelöhnern, die in den jüdischen Kolonien ein schweres und nicht immer sicheres Brod finden. Ihr werdet gewiß gehört haben, daß in letzter Zeit viele jüdische Arbeiter im heiligen Landesthre Arbeit und damit auch ihren kärglichen Lebensunterhalt verloren haben. Mindestens 100 Kindern jener Armen muß das genannte Institut das Elternhaus ersetzen und ihnen Unterkunft, Nahrung und Kleidung gewähren, soweit die Mittel reichen. Und diese Dinge muß die Schule gewähren, denn die armen Eltern vermögen es nicht, und auch die geistige Nahrung kann im Gemüthe des Kindes nicht den empfänglichen Boden finden, wenn Hunger und Entbehrung Herz und Verstand schwächen und abstumpfen. So ist diese Anstalt in gleicher Weise eine Wohlthat für den Leib wie für die Seele, Barmherzige Glaubensbrüder! Erbarmet Euch der Armen, denen das Leben alles versagt, wenn nicht die altjüdische und oftbewährte Mildthätigkeit ihnen hilfreich beisteht. Nehmt warmen Antheil an der beherzigen-werthen Fürsorge dieser segensreichen Anstalt! Oeffnet Eure Herzen und Eure Hände, damit ihr Werk auch fürder gedeihlichen Fortgang nehme und an unseren Kindern zun: Segen werde! Wir haben Herrn Rabbiner Dr. M. Petuchowski zu Berlin als Vorstandsmitglied unseres Instituts cooptirt und bitten Euch, reichliche Beiträge an seine Adresse, IV. Steinmetzstrabe 3, zu senden. Der Vorstand der „Schaare Thora". N. H. Lewy, Rabbiner in Jaffa. C. Lapin. A. I. Broches. M. B. Todresowitz. F. Holzberg. Von Nah und Fern. Der Hofcellist Heinrich Grün selb hat den serbischen.St. Sawä- Orden III. Klasse erhalten. — Den: Landtagsabgeordneten und Stadtverordnetenvorsteher Rechtsanwalt und Notar Eduard Wolf inLissa wurde der Titel Justizrath verliehen. — Der am 3. d. M. verstorbene Reichstags- und Landtagsabgeordnete Freiherr v. Stauffenberg war einer der Begründer des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus". Ehre seinem Andenken! —Beschlagnahmt wurde nun auch die Ansichtspostkarte „Der Blutmord an der christlichen Jungfrau Agnes Hruza am 29. . März 1899 im Brezinawalde bei Polna" am 6. d. M. Gegen den Verleger derselben, Gustav Ad. De Wald, ist wiederum ein Strafverfahren eingeleitet, weil er durch den Inhalt dieser Postkarte das rituelle Schächten und die Anwesenheit von jüdischen ReUgionsbeamten mit dem Morde eines Menschen in Verbindung gebracht und öffentliche Einrichtungen und Gebräuche der jüdischen Religionsgemeinschaft beschimpft hat. — Das zionistische Aktionskomitee hat beschlossen, den diesjährigen Zionistenkongreß in den letzten Monaten dieses Jahres einzuberufen. Im Hinblick aus die gegenwärtige Situation wird der genaue Zeitpunkt erst später bestimmt werden. — Am28.v. M. feierte der Kantor Abel Ho des, z. Z. in Vandsburg, Westpreuben, mit seiner Ehefrau die goldene Hochzeit im Kreise seiner Kinder und Enkel. Das Paar, noch in voller Rüstigkeit, kann auf ein arbeitsreiches und glückliches Leben zurückblicken. Nach einer ununterbrochenen 46 jährigen Amtstätigkeit begiebt sich der greise Jubilar in den Ruhestand und hat zum ferneren Domizil Rakel gewählt, woselbst das Jubelpaar sein Alter noch lange genießen möge! — Das Fest der goldenen Hochzeit feierte unter allgemeiner Theilnahme am 3. d. M. in S tettin das E. H. Colli nasche Ehepaar, das früher ca. 40 Jahre in Rendsburg wohnte. Die Einsegnung des Jubelpaares vollzog Rabbiner Dr. Vogelstein, der demselben auch die aus dem Geheimen Civilkabinet Angegangene Ehejnbiläumsmedaille überreichte. Eine große Zahl von Glückwünschen und Telegrammen legte Zeugniß ab von der Beliebtheit des Jubelpaares. — In Baden bei Zürich hat sich Dr. med. S. Wyler aus St. Gallen als erster jüdischer Arzt niedergelassen. — In einer Antisemitenversammlung im Fort Chabrol zu Paris erzählte Max R^gis, der frühere Generalgouverneur Laferriere habe ihm 100 000 Francs oder eine Stelle in Frankreich mit 86000 Francs Jahresgehalt angeboten, wenn er Algier verlassen wolle. Er habe aber abgelehnt. — Das Leichenbegängnis; des Dichters Eugene Manuel fand am 4. d. M. in Paris unter außerordentlicher Theilnahme weiter Kreise statt. Der Großrabbiner von Paris, M. Drehfuß, eröffnete die Trauerfeier mit einem Gebet; dann hielt der Großrabbiner von Frankreich, Zadve Kahn, eine ergreifende Grabrede. Im Namen des israelitischen Centralkonsistoriums sprach Herr Masse, als Vertreter des Unterrichtsministers, der verreist war, Direktor Rabier, für die Liga der Menschenrechte, Senator Trarieux und schließlich Jules Claretie für die literarische Gesellschaft. — Eine Petition zu Gunsten der Juden hat die Nischni - No wg orod er Sektion der russischen Gesellschaft für Volksgesundheit beschlossen. Dieselbe hat in ihrer Sitzung vom 18. Mai die jetzt in Rußland brennend gewordene Schulfrage behandelt und bei dieser Gelegenheit u. a. beschlossen. bei der Regierung für das gleiche Recht aller Nationalitäten auf Bildung eiuzutreten. Namentlich soll die Regierung auf die demoralisirende Wirkung aufmerksam gemacht werden, die die Beschränkung der zu den mittleren und höheren Schulen zuzulassenden jüdischen Schüler auf 3 bis 10 Prozent auf die russische Jugend ausübt. welche schon auf der Schulbank ein Beispiel der Intoleranz vor sich sieht. — Zar Nikolaus hat für die Abgebrannten in Brest-Litowsk eine großmüthige Spende von 50 000 Rubel und für die Abgebrannten in Piusk eine solche von 10000 Rubel bewilligt. Der Schaden in Brest-Litowsk beträgt, wie der Vorsitzer des Hilfskomitees, Generalmajor Paschkow, offiziell mitthellt, 7 Millionen Rubel. Wie malt uns aus Sofia berichtet, wurde der Oberrabbiner von Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, zu einem Hofball, den Fürst Ferdinand am 30. v. M. gab, eingeladen. Gegen Ende der Soiree wurde derselbe vom Fürsten in ein längeres Gespräch gezogen. Derselbe informirte sich in äußerst wohlwollender Weise über die Verhältnisse der Juden in Bulgarien und hörte mit viel Interesse die Ausführungen des Oberrabbiners an, der seine Pläne in Bezug auf eine Neuorganisation der Gemeinden entwickelte. Die Audienz hatte einen sehr herzlichen Charakter. — Verschiedene Zeitungen berichten über Judenverfolgungen, die im Norden der brasilianischen Republik, im Staate Para, stattgefuuden haben. Häuser wurden geplündert, Männer und Frauen theils verwundet, theils sogar getödtet. Die Juden wurden schließlich von dem Mob auf dem Marktplatze zusammengetrieben und ohne weitere Umstände zur Stadt hinausexpedirt. Dann überließ man sie auf freiem Felde einem ungewissen Schicksale. Die Regierung hat die strengste Untersuchung des Falles ungeordnet, zumal auch in zahlreichen anderen Städten die Juden bedroht sein sollen. Druck und Verlag von RuvolsMossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion; Mar Bauch Witz in Berlin.