Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1901)
- Date
- 1901-06-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 23. Berlin» 7. Juni 1901. eitwg öes Audenchums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nablnner D*. Ludwig Phttippson-Bomi. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedacteur: Gustav Kcrrpeles. I Alle Zusendungen für Redaktion und! Expedition sind an die Adresse: Verlag der » „Allgem- Zeitung des Judenthums", Berlin u 8VV., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Ill hüll. Leitartikel: Antisemitische Märchen. — Die Woche. — Aus Oberschlesien. Von Simultanschullehrer I. Jacob in Loslau. — Thierschutz und Menschenschutz. Von Dr. med. Simon Scherbe! in Lissa. — Jüdische Wissenschaft, ein katholisches Mißverständniß. Von Professor Dr. G. Deutsch in Eincirmali. — „Die Religion der That." Von Rabbiner Dr. Samuel in <ssen. — Feuilleton: Die Königsbraut. XXIII. Historische Erzählung von Carola Buchheim. — Der Salon 1901. Von M. Friedeberg. — Sprechsaal. Der Gemeir -e-ote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Flatow, Aus der Provinz Posen, Natibor, Schwerin i. M., Hannover, Vurgsteinfurt, Frankfurt a. M, Würzburg, Wien, Baja, Paris. — Von Nah nnd Fern. — Geschäftliche Noiizen. Antisemitische Märchen. Berlin, 3. Juni. Antisemiten scheinen in der letzten Zeit die Provinz Posen zu ihrer besonder« Domäne auserkoren zu haben. So ist man dort jetzt schon fast überall gewohnt, den 'lödsinnigsten antisemitischen Ausstreuungen zu begegnen. Je »ehr sich in dem denkenden Theile der Bevölkerung der Glaube estigt, daß dort der konfessionelle Hader schwinden müsse, desto »ehr bemühen sich die Hetzer von Berusswegen die große — ach so kritiklose — Menge in ihrem Sinne zu beeinflusse», und s entwickelt sich darum immer ein lieblicher Wettkampf, den Eindruck jeder ans den konfessionellen Frieden hinwirkenden autoritativen Kundgebung durch die albernste Mache zu paralhiren. So sahen wir im vorigen Jahre nach den schönen Ninisterreden in Posen das „erhabene" Schauspiel einer anti- »mitischen Sonderkandidatur in Meseritz-Bomst, so sahen wir »er und da den Zusammenschlnß der Parteien aus nationalen Gründen mit der Gründung antisemitischer Vereine beantworten, o bemerkten wir auf die traditionelle, von jedem Chauvinismus freie Betonung des nationalen Standpunktes des eutschen Judenthums das Emporwachsen des widerwärtigsten polnischen Antisemitismus. Das Resümee jeder friedfertigen Kundgebung war — es klingt wie blutiger Hohn, aber cs ist ichtig — ein neues Hetzen ans die Juden. In der Provinz iosen wird die Kultur nicht umsonst „gehoben". Auf des verflossenen Ministers Miqnel Auslassung in Sachen er Kulturförderung, auf seine mahnenden Worte, jegliche lvnfessionelle Streitigkeit im Osten zu vermeiden — mußte naturgemäß auch eine Resonanzwirknng folgen. Sie liegt jetzt or, und sie ist auf dem Gebiete der freien Erfindung so ziemuch die keckste Leistung, der wir seit langem begegneten. Die lalentvollen Polnischen Zeitungsschreiber, die zu ihren kleinlichen Angriffen auf die Juden nicht gar zu selten das Roß der hohen Politik besteigen, sind diesmal beschäftigt, den zu erwartenden nachhaltigen Eindruck von des Exministers Worten dnrch eine neue, gegen die Juden gerichtete Albernheit äbzuschwächen. Sie haben eine Entdeckung gemacht, die sie nun mit viel mehr Lungenals Beweiskraft auspvsannen, gleichsam, als sollte die Vernunft überschrien werden. Sie verbreiten also mit großer Lebhaftigkeit das Märchen, „daß von Juden auf beiden Seiten, d. h. auf der deutschen nnd auf der russischen Seite, antirussische Jntriguen in großem Maßstabe angezettelt wurden, deren Aufdeckung die russische Negierung zu den Verschärfungen der Paßvorschriften für die Juden gezwungen habe". Also auf der einen Seite soll es der Schmuggel, auf der andern die politische Jntrigue sein, die die Inden betreiben. Und am Ende ist die ganze Maßregel vielleicht nichts weiter als der Willkürakt irgend eines Provinzialgouverneurs, der schon längst wieder von maßgebender Seite aufgehoben sein dürfte, wenn die gehässige Insinuation, mit der ihn der östliche Antisemitismus begleitet, erst ihre volle Wirkung in den Kreisen, für die sie berechnet, anszuüben anfangen wird. Denn nach dem Wortlaut des deutsch - russischen Handelsvertrages ist Rußland zweifellos verpflichtet, die deutschen Angehörigen ans Grund von in Deutschland zweisprachig ausgestellten Grenzkarten mit einer Giltigkeitsdauer von 28 Tagen einzulassen. Hiervon gegenüber jüdischen deutschen Händlern eine Ausnahme zu machen, dazu liegt keinerlei Rechtsgrund vor. Eine Bestimmung, die für Inden ein Ausnahinerecht schafft, findet sich nur im Z 22 des Schlußprotokolls zum russischen Handelsvertrags; sie bezieht sich indessen lediglich auf russische jüdische Auswanderer und deren etwaige Zurückweisung: eine andere Bestimmung enthält das Vertragsrecht nicht. Vielleicht wird man nicht überall die volle Tragweite der in der Provinz Posen unter das Landvolk ausgestrenten Insinuation abschützen, jeder Kenner der wirklichen Verhältnisse wird sich aber klar darüber sein, daß mit dieser anscheinend so harmlosen Auslassung weiter nichts erreicht werden soll, als die Bevölkerung gegen die von den diesseitigen Negierungen eingeleiteten Schritte zur Beseitigung der russischen Paßvorschriften aufznbringen. Vor allem aber soll bei der dort herrschenden ruffophilen Stimmung die Abneigung gegen die Inden im Allgemeinen grvßgezogen werden. Das Mittel ist etwas plump, nnd sein Zweck ist durchsichtig, seine Anwendung mit pharisäerischem Augenverdrehen ist auch nicht geeignet, es in besserem Lichte erscheinen zu lassen. Aber aus alledem geht doch klar und bestimmt hervor, mit wie niedrigen Mitteln im Osten gearbeitet wird, um das Volk in seiner Verblendung zu erhalte». Die Lügenhaftigkeit dieses generalisirenden Märchens nachzuweisen, ist überflüssiger als Eulen nach Athen zu tragen. Vielleicht, ja wahrscheinlich soll dieses