Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 37 (27.3.1838)
- Date
- 1838-03-27
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Eltern Reden zu halten, wovon die letzteren den wesentlichsten Nutzen gezogen haben. Denn es genügt nicht, die Kinder zu unterrichten, wenn man nicht zu gleicher Seit auf die Moral der Eltern einzuwirken im Stande ist. Im Anfang (und oft existirt diese Nothwendigkeit noch) mußte der Lehrer Protectoren der Anstalt wählen, deren Leitung ihm übertragen war; die israelitische Verwaltung gründete Anstalten, ohne daß sie stets die Nothwendigkeit derselben zu würdigen wußte, sie folgte dem Beispiele, und nachdem diese Lehrer schon längere Zeit im Amte waren, wurde oft ihre Existenz gefährdet. Ursprünglich verdankte man diese Stiftungen Privatleuten, welche allein die Kosten derselben trugen, und sich allein damit beschäftigten. Erst in der Folge wurden diese Anstalten mir auf die Liste der Consistorialausgaben gestellt. Jetzt unterhält sie dieMunicipalverwaltung, und auch dieö ist eine von den zahlreichen Wohlthaten der Julirevolution. Unter der Restauration gehörte der den israelitischen Schulen durch die Städte bewilligte Unterhalt zu den Ausnahmen; heute gehört dieser Mangel an Unterhalt zu den Ausnahmen. Die anderen, diesem Bezirke untergeordneten Ortschaften, Pont a Mousson, V erdu n, Barleduc, Luneville :c. haben auch Synagogen und Consistorial-Commistarien; Verdun allein.hat einen Rabbinen. Ueber diese Ortschaften kann man nichts sagen. Wenn diejenige Frau, von der man nicht spricht, die tugendhafteste ist, so sind die Orte, von denen sich nichts sagen laßt, nicht eben die, wo die Israeliten am aufgeklärtesten sind. Der Religionsunterricht ist dort in einem bejammernöwerthen Zustande. Metz zeichnet sich in dieser Hinsicht auf eine vortheilhafte Weise aus. Dort zeigt sich wenigstens ein reges Streben;_ auf der einen Seite ist zwar ein heftiger Fanatismus, aber auf der andern Seite findet man auch eine Opposition, die von Tage zu Tage größer wird. Und einer unserer Schriftsteller hat nicht mit Unrecht Metz das Modell der Äudenschaft^) (une juiverie modele) genannt. Dort ist in der That der klassische Boden der Civilisation. Seit seiner Einsetzung hat das Consistorium nach und nach unterrichtete Männer, Freunde des Guten und einer weisen Reform in seine Mitte zu ziehen gewußt; Goudchaux, Schwabe, Oulif, Anspach '•), Terquum, I. Berr. Metz hat die erste israelitische Schule gegründet, in Metz faßte man die erste Idee, eine Gesellschaft zur Unterstützung junger unbemittelter israelitischer Lehrlinge zu stiften. Die Synagoge in Metz endlich war eS, wo zum ersten Male eine Rede in französischer Sprache gehalten wurde, kein kleiner Triumph über dasVorurtheil, welches nur den jüdisch-deutschen Jargon für heilig hielt; denn wenn auch in Paris zur Zeit der Sanhedrim in der Synagoge Reden in französischer Sprache gehalten wurden, und später durch Herrn von Co log na, so war Ersteres nur eine Ausnahme, und was den Letzteren betrifft, so sprach er nur französisch und italienisch. Diesen aufgeklärten Männern zur Seite müssen wir auch zur öffentlichen Anerkennung der Herren Gerson Levy, AnSpach des jüngern, gegenwärtig Substitut des königl. Procuratorö in Paris, Terquum Sohn, D upont rc. erwähnen. Wir bemerkten-, daß die Israeliten in Metz theilweise für, theilweise gegen die Idee der Reform Parthei nehmen. Sonst war man im Stande, sich eines Vorsängers (Chasan) wegen bei den Haaren zu fassen; heute ist der Gegenstand der Diskussionen wichtiger. Kürzlich ist die Stelle des Großrabbinens durch den Tod des Herrn Aron Worms vakant geworden; zwei Candidaten traten auf und die Gläubigen theilten sich in zwei Partheien. Der eine dieser Candidaten war Herr Mayer Lazard, ein tüchtiger Talmudist, aber ohne Aufklärung und wissenschaftliche KenntnG; kaum vermag er französisch zu sprechen, denn er ist in einem kleinen Oertchen des deutschen Lothringens geboren. Der andere, Herr Lambert, Schwiegersohn des vorigen ^Großrabbinens, ist ein rechtlicher Mann, aufgeklärt und sehr gebildet, durch geachtete Werke im Französischen, Deutschen und Hebräischen berühmt, und seine religiösen Gefühle ohne Fanatismus aussprechend, Vater einer armen Familie. Der erste hatte schon sein gutes Auskommen, und mit den reichen und mächtigem Familien mehr verbunden, unterlag es kaum einem Zweifel, daß er reuffiren würde; doch fand man glücklicherweise ein altes Gesetz auf, wonach vom Jahre 1820 an der Großrabbine zum wenigsten die Sprache seines Landes vollkommen mächtig sein muß, und sein Mitbewerber trug, Dank sei es den Bemühungen einiger aufgeklärter Männer, den Sieg davon. Jndeß auch dieser scheint nicht dazu berufen zu sein, Schritte zur so sehnlich gewünschten Reform ins Leben treten zu lassen. Der Hirtenbrief, den er auf Französisch und Deutsch erlassen hat, gibt zu gleicher Zeit einen Ueberblick seiner persönlichen Meinung, und des Gesichtspunktes, aus dem selbst in Metz der israelitsche Cultus betrachtet wird. Wir sagten, daß sich in Metz ein reges Streben zeige. Hier ein Beispiel neuerer Zeit. Einige dreißig Familienväter haben eine Brüderschaft außerhalb des Consistoriums gestiftet. Es sind thätige Männer, welche sich von einer Menge Vorurtheile und selbst von mehren Gebräuchen losgesagt haben, welche gehindert durch die Intoleranz ihrer Gegner, selbst das Begräbniß ihrer Tödten bewerkstelligen und dabei mit derjenigen Schicklichkeit zu Werke gehen wollen, welche man bei den christlichen Leichenbegängnissen bemerkt, und nichtnach verjährten Grundsätzen zu handeln fortfahren. Dieser Anfang kann zu großartigen Resultaten führen. Am Ende seiner Statuten erklärt der Verein, daß im Falle eines Verbots, dieser neuen Verbrüderung sich anzuschließen, alle diejenigen Individuen, aus denen er besteht, sich, verpflichten, nichts mehr zu dem beitragen zu wollen, was das Vrö verlangt, als z. B. Hospitalkostrn, Osterkuchen rc. ' Metz hat ein für die Armen seines Cultus sehr gut eingerichtetes Hospital. Es hat eine israelitische Knabenschule, durch Hm. I. Bloch vortrefflich geleitet, und mehre Schulen für die jungen Mädchen dieser Religion. In Metz befindet sich die rabbinische Centralschule, durch das Central-Consistorium gestiftet, um die künftigen französischen Rabbinen zu bilden; nicht der kleinste Fehler dieser Verwaltung, von der wir an anderm Orte sprechen werden. Die Schule, auf sehr beschränkter Basis ruhend, ist weit entfernt, dem Gegenstände ihres Zweckes zu entsprechen; die Studien dort sind gering, während man in Paris mit denselben Kosten ein reelles Resultat erzielen könnte.. Und ist cs nicht eine Thorheit, Israeliten nach Metz zu senden, um dort zu studiren, welches weit besser in Paris geschehen könnte, wo stets der Zusammenfluß von Fremden Statt findet's In Paris kann man sich eine Menge von Kenntnipen erwerben ohne Kosten, unter andern die der orientalischen Sprachen; in Metz sind mehre dieser Gegenstände nicht einmal dem Namen nach bekannt. Noch hat die rabbinische Schule, welche seit acht Jahren besteht, keinen Bericht veröffentlicht, und sicherlich ist dieses Stillschweigen von großer Bedeutsamkeit. Dessenungeachtet aber sind wir geneigt zu glauben, daß Metz dieHand zu einer Reform bieten wird. Schließlich müssen wir auch bekennen, daß die Israeliten in Metz stets das Wohlwollen der örtlichen Behörden zu verdienen wußten, und man erzählt, daß der General-Procurator vor versammeltem Tribunal in Nancy die Israeliten in Metz besonders hervorgehoben hat. Denn in Frankreich ehrt man das Gute überall, wo es gefunden wird, und eö ist ganz gleich, wer es ausübt. *) Resume de l’histoire des Juifs modernes par L. Halevry. **) Befasset der französischen Übersetzung des Rituals deö Gebets. Redacteur: Di. L. Philipps»». — Verlag von Baumgärtners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.