Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1901)
- Date
- 1901-05-31
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 beantragte der verdienstvolle Dr. Maximilian Steiner die Begründung einer historischen Kommission nach den: Muster der in Berlin vom D.-J. G.-B. feiner Zeit geschaffenen. Für diesen Zweck forderte er eine Subvention von — 3000 Kronen. Wieder eine endlose Debatte und dann — nach berühmten Mustern — Obstruktion der Minorität, die gegen den Antrag war, so daß dieser nicht mehr zur Abstimmung gelangen konnte. Unglaublich aber wahr! — In derselben Sitzung wurden auch die Grundsätze für die Gewährung von Subventionen au Be th a n sv e re i n e angenommen. Dieselben sind vielleicht auch für Ihre Berliner Verhältnisse von Interesse. Ich lasse sie deshalb hier folgen: 1. Subventionen werden nur all solche Vereine gewährt, welche vor ihrem diessälligen Ansuchen ein Bethaus bereits seit mindestens drei Jahren geführt haben. 2. Der subventionirte Verein muß mindestens 50 beitragende Mitglieder zählen und mindestens 150 ständige Betsitze haben. 3. Die Höhe der Subvention darf ein Viertel der sonstigen normalen Einnahmen des vorausgegangenen Jahres nicht übersteigen. 4. Aus der Gebahruug der letzten drei Jahre muß zu ersehen sein, daß die zu gewährende Subvention hinreiche, den weiterer! Betrieb zu sichern. 5. Die Gehalte und sonstigen Bezüge der Funktionäre des subventionirten Bethausvereincs sind alljährlich zur Kenntniß zu bringen, während die Gebührentarife für Bethausfnnktiouen dex. Genehmigung des Kultusvorstandes bedürfen. 6. Dem Knltusvorstande resp. dein Delegirten desselben ist jederzeit Einsicht in die Bücher und Skripturen des Bethausvereins zu gestatten. 7. Jede Veränderung, betreffend das Betlokal oder die Bethausordnung, ist an die Genehmigung des Kultus- Vorstandes gebunden. 8. Die Bestimmungen der ZK 1, 2, 3 und 4 finden auf Vereine, die bereits im Genüsse von Subventionen sind, keine An» Wendung. — Auch hier haben die sog.Thierschutzvereine einen Vorstoß gegen das Schächten unternommen. Zu rechter Zeit erinnert deshalb die „Oesterreichische Wochenschrift" daran, daß auf Andrängen derselben der Ministerpräsident Graf Taaffe s. Z. eine Kommission eingesetzt hatte, das jüdische Schächtverfahren zu Prüfen, und zwar ohne daß die Oeffentlichkeit irgend etwas davon damals erfuhr. Die Mitglieder der Kommission, hervorragende Fachleute, haben Wochen hindurch das Verfahren bei der Tödtung der Thiere nach den verschiedenartigsten Methoden genall beobachtet und über ihre Wahrnehmungen dem Ministerpräsidenten Bericht erstattet. Dieser Bericht ist eine glänzende Rechtfertigung der jüdischen Schächtmethode. In einem Erlaß an den Statthalter von Steiermark von: 11. Mai 1893 wurde denn auch damals dem Statthalter von dem damaligen Minister des Innern Grafen Taaffe eröffnet, „daß die im Jahre 1888 über die bei den Israeliten übliche Methode des Schächtens der Schlachtthiere durchgeführten Erhebungen zu dem Ergebniß geführt haben, daß, wenn alle Bestimmungen des Rituals erfüllt werden, in der Methode des Schächtens eine thierguälerische Handlung nicht gesunden werden kann, daher auch für das Ministerium des Innern eine Veranlassung nicht vorliegt, um gegen dieselbe einznschreiten." — Die „Jsrael i t i s ch e Allianz" hat am 16. d. M. ihre Generalversammlung abgehalten. Ihre Hanptthätigkeit konzentrirte sieh im abgelausenen Jahre aus das Hilsswerk für die rumänischen Juden. Vorn 15. November bis 31. Dezember 1900 beförderte die Allianz auf ihre Kosten 641 Personen nach Rotterdam, 55 nach Frankreich, während 112 Personen, deren Weiterbeförderung nicht möglich war, Unterstützung zur Heimreise nach Rumänien erhielten. Die rumänische Hilfsaktion hat die finanziellen Mittel des Vereins in hohen! Maße in Anspruch genommen. Da die Ausgaben, die diesem Zwecke zngewendet wurden, bis Ende Dezember 1900 243 743.74 Kronen betragen haben, die Sammlungen aber nur eine Summe von 222 848.01 Kronen ergaben, so wurde aus den eigenen Mitteln des Vereins ein Betrag von 20 895.73 Kronen verausgabt. Dieser Betrag hat sich durch die weiteren Ausgaben für Emigrationszwecke im Jahre 1901 auf 70 000 Kronen erhöht. Bei der hierauf folgenden Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern erhielten E. Horner, Kaiserlicher Nath Pollack, E. Reitlinger, Emannel Baumgarten und Negierungsrath C. Kuranda die meisten Stimmen.-- Der Bericht des Kuratoriums der Baron Hirsch'sehen Sch ulst iftung für Galizien und die Bukowina, der die Zeit vom 1. September 1899 bis 31. August 1900 umfaßt, ist eben zur Ausgabe gelangt. Wir wir demselben entnehmen, waren die 50 Stiftungsschulen von 9934 Knaben besucht, welche von 234 Lehrern unterrichtet wurdM Für diese Zwecke sind 398 847.22 Kronen verausgabt worden, ferner für Bekleidung und Beköstigung 90551.79 Kronen und für die in 29 Schulen eingerichteten Abendkurse, welche von 1496 Schülern freguentirt wurden, 5950 Kronen, insgesammt also 495 350 Kronen. Von den 726 Handwerkslehrlingeu, welche am Schlüsse des vorletzten Schuljahres in der Lehre verblieben waren, sind 167 freigesprochen worden; 84 verließen die Lehre, 128 wurden neu ausgenommen, so daß am Ende des letzten Schuljahres 618 Lehrlinge die Benefizien der Stiftung genossen haben. Zur Deckung des durch die Ausdehnung des Schulnetzes entstandenen Defizits mußte von der statuarischen Bestimmung, daß für Schulbauten 300000 Francs aus dem Stammkapital verwendet werden dürfen, zum ersten Male Gebrauch gemacht werden. — In Drohoby cz, einer der größten galizischeu Gemeinden, wurde zum ersten Male ein moderner Rabbiner gewählt: Dr. M. Jung, bisher in Ungarisch-Brod in Mähren. — In Groß-Meseritsch ist am 8. d. M. der Rabbiner Dr. M. Weiner, ein gelehrter und braver Mann, der in Karlsbad gestorben, unter großer Theiluahme. auch der katholischen Geistlichkeit, beerdigt. Am Grabe sprachen die Herren Rabbiner Dr. Pollak-Trebitsch, Dr. Groß-Luudenbnrg und Dr. Freimaim-Holleschau. — Wie die „Bohemia" meldet, soll Leopold Hilsner mittelst kaiserlichen Gnadenaktes die Todesstrafe nachgesehen worden sein. Von Nah und Fern. — Anläßlich der Eröffnung der Internationalen Ausstellung für Feuerschutz- und Nettungswesen überreichte die Kaiserin dem Kommerziellrath Emil Jacob den Rothen Adlerorden III. Klasse. — Zu Justizräthen ernannt wurden die Rechtsanwälte und Notare Hermann Veit Simon, Ernst Heinitz, Landau, H. Bernstein und A. Aron, sohn in Berlin. — Im Alter von 57 Jahren starb am 22. d. M. hier der Konsul Hermann Fränkel, der bis zu seiner Uebersiedelung nach Berlin Mitinhaber der bekannten Firma S. Fränkel in Neustadt O.-S.. gewesen war. — Der königliche Hofphotograph Georg Pflaum ist nach kurzem Leiden in der Nacht zum 22. d. M. hier gestorben. Unsero Leser werden sich erinnern, daß auf den jetzt Verstorbenen vor einiger Zeit ein Nanbmordversnch durch einen Photographenlehrliug gemacht worden ist. — Ein Chinakämpfer. der Sohn des Händlers Adol? Lehser aus Schub in (Prov. Posen), ist in China am 25. Mär; durch Ertrinken im Pei-Ho ums Leben gekommen. In dem Schreiben womit der Kompagnieführer dem Vater von dein schmerzlichen Fall Mitteilung machte, wird die soldatische Tüchtigkeit des Verunglückten rühmend hervorgehoben. — Der Oberregieruugsrath Dr.Meher von de- Eisenbahndirektiou Elberfeld ist zum Mitglied der königlichen Eisen bahndirektiou zu Frankfurt a. M. ernannt worden. — Hofratl; E. Pfeiffer. Ehrenbürger von StuttgarLund Cannstatt, beging, am 14. d. M. unter lebhafter Theiluahme weiter Kreise seinen sieb zigsten Geburtstag. Der König übermittelte herzliche Glückwünsche und verlieh den: Jubilar den Titel eines Geheimen Hofraths. Dn städtischen Behörden von Cannstatt ließen im Stadtbau und in den Anlagen Gedenktafeln errichten. — Die „Bresl. Ztg." hat erfahren, da : auf Grund von Verhandlungen der deutschen und russischen Grenzbehörden russischerseits jüdischen Inhabern von Halbpässeu der freie Grenzübergang noch bis zum 12. Juni gestattet wurde, aber nur an den Grenzübergängen Modrzejow und Sosnowice. — In 3 großen jüdischen Gemeinden Polens fanden große Feuersbrünste statt. G u rn Kalwarya , die Residenz des bekannten „Chassidim-Nebbe", ist bis ans ein einzigesHausniedergebrannt. DasJudenviertelvon B rest-Li t ew sk.doc' erst vor sechs Jahren voll der gleichen Katastrophe heimgesucht wurde, ist ein Trümmerhaufen, und über 20 000 Personen sind obdachlos. Dost wurde das Feuer, das gleichzeitig an acht Stellen ausbrach, von bö - williger Hand angelegt. Am 14. und 15. d. M. wüthete endlich ein verheerender Brand in Pinsk, dem 350 Häuser, darunter sämmtliole Synagogen, zum Opfer fielen. — In Lille ist der Dekan d r juristischen Fakultät Leon Feder gestorben. Derselbe stammte ai) Jassy. — Der Kommandant der Artillerie Edmond Mäher, Direktor der Artillerieschnle des 6. Corps, ist unter Belastung in dies r Stellung zum Oberstleutnant befördert worden. — Der Sultan empfing, wie schon gemeldet, am letzten Freitag in zweistündiger Andiein die Zionistenführer Dr. Theodor Herzl und den Architekten Marmorek ans Wien sowie den Kaufmann Wolfsohn aus Köln und verlieh dabei Dr. Herzl den Großkordon des Medjidjeordens. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.