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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-10 · Heft 19 (10.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 19 (10.5.1901)
Date
1901-05-10
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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des Rabbiners Dr. Ziemlich ulld des Vorstandes gencuttüen Vereills, welche beide hervorgehoben, wie der Verstorbene sich um das Vaterland verdient gemacht, wurde unter den abgegebenen drei Ehrensalven der Sarg eingesenkt. Oesterreich - Ungar«. Lü Wien, 6. Mai. Eine wahrhast sensationelle Meldung bringen die Blätter heute aus Budapest: Die Gouvernante Dürriscb ist daselbst wegen eines Verbrechens verurtheilt worden. Der Hauptbelastungszeuge hierbei war ihr früherer Geliebter, der ehemalige antisemitische Abgeordnete Geza Ouodh. der seiner Zeit im Tisza - EszlarerProze ß eine bedeutende Rolle spielte. Die Dnrrisch hat nunmehr dem Gerichte allgezeigt, sie könne beweisen, daß Ouodh 1883 die Esther Solymossh ermordet e. Der Aufforderung zur Polizei zu kommen, hat Onody keine Folge geleistet. Er ist seit einigen Tagen verschwunden. Man darf gespannt darauf sein, was da noch herauskommen wird!— Der Herr Mechanikns Schneider hat schon wieder eine Interpellation im Abgeordnetenhause eingebracht betreffend die Namensänderungen der Juden. Sie sehen, der Mann kopirt die preußischen Antisemiten ziemlich genau. Aber nutzen wird es ihm hier doch wenig. — Gegen Frau Marie Steiner, Präsidentill des christlichen Frauenvereins Hernals, eine der eifrigsten Parteigängeriunen Luegers, ist nach der Wiener „Sonn- und Montagszeitung" von der Vizepräsidentin und Schriftführerin des Vereins die Strafanzeige wegen Unterschlagung erstattet worden. — In einer kürzlich abgehaltenen Versammlung des tschechisch-jüdischen Vereins in Prag wurde behuss schärferen Hervortreteus des nationalen Charakters der tschechischen Juden unter anderem auch beschlossen „engeres Auschließen au die tschechische Nation und Beseitigung der deutschen Blätter". Nach diesem Rezept glaubt der tschechisch-jüdische Verein eine Gesundung des krankhaften Zustandes, der in dem Verhältnisse der Inden zur tschechischen Nation herrscht, herbeizusühren. Arme Thoren! — Der Bischof von Kaschau. Sigmund v. Bubics, feierte vor Kurzem seinen 80. Geburtstag. Unter den zahlreichen Glückwünschen, welche dem greisen Kirchenfürsten aus diesem Anlaß zukamen, befand sich auch ein Gratnlationsschreiben der Kaschauer Judengemeinde. Der Bischof beantwortete dasselbe mit folgenden benierkenswerthen Ausführungen: „Ich that nichts anderes, als daß ich, so weit es in meiner Macht lag, mich treulich bestrebt habe, meine Mission zu erfüllen. Zu derselbe» gehört auch die Pflege der Liebe und Toleranz auch Deujenigeu gegenüber, die Gott, unseren gemeinsamen Vater und Beschützer, in anderer Weise verehren als wir. Ich achte daher auch Ihre religiöse Ueberzeugung, denn es ist nicht nothwendig, erst zu betonen, daß der mosaische Glaube, der sich durch seine Reinheit vor allen Religionen des Alterthums anszeichnet, als der von Gott und seinen Propheten verkündete Glaube das Vorbild und der Vorgänger unseres Glaubens war, den Gott durch seinen heiligen Sohn gelehrt und verkündet hat. Die Heiligen des Alten Testaments sind ja auch die uuserigeu, und die Propheten des Alten Testaments sind auch unsere Propheten. Wenn auch mit dem Abschlüsse des alten Bundes unsere Wege cmseinandergehen, so wird das »licht daran hindern, daß die brüderliche Liebe, die Liebe der Kinder Gottes, uns gegenseitig beseelt." IZ. Budapest, 22. April. Die endgiltig festgestellten Resultate der Volkszählung ergaben für Budapest 703448 Einwohner. Hiervon sind 166 198 Juden (Zunahme seit 1890 63 821, d. i. 62.3 Prozent). Einer im „Egyetort^s" veröffentlichten Statistik zufolge sind im Besitze der verschiedenen Konfessionell nahezu zwei Millionen Joch Grundstücke; hiervon entfallen auf die jüdische Konfession 1059 Joch d. i. 0,054 Prozent. — Der verdienstvolle Sprachforscher Dr. Ignaz Haläsz ist nach qualvollen Leiden in Budapest gestorben. Bei seinem Leichenbegängnisse waren vertreten: die Budapester und Klansenburger Universität, die ungarische Akademie der Wissenschaften, die Kisfcrludy- Gesellschast, mehrere Mittelschulen rc. Don Nah und Fern. -- Ein Delegirtentag deutscher Zi o n isten, der an» 1. d. M. hier tagte, hatte auch eine Ergebe»lheitsdepesche an den Kaiser abgesandt, worauf folgende Antwort an den Präsidenten, Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer, einlies: „Se. Majestät der Kaiser und König lassen dem Delegirten- 4 -- tag der zionistischen Ortsgruppen Deutschlands für den Huldigungsgruß danken. Ans Allerhöchsten Befehl der Geheime Kabinetsrath v. Lncanus." — In der Strafsache gegen den antisemitischen Verlagsbuchhändler Dewald wegen Verbreitung der Konitzer „Winterkarteu" stützt sich die Staatsanwaltschaft auf das Gutachten des Professor Strack. Man hat aber auch dem Beschuldigten Gelegenheit gegeben, seine Behauptung, die Karte kritisire lediglich die Blntsekte unter den Hebräern, zu beweisen, indem ihm auheimgestellt wurde, auch seinerseits zwei Gutachter vorznschlagen. — Der Lehrer Paul Klein, der die Rettungsmedaille am Bande erhalten, lebt »licht hier, sondern in Zempelburg. — Hauptlehrer Cohn-No gasen, der vor drei Jahren die Mittelschnllehrerprirfung in Englisch und Französisch abgelegt, hat in Posen auch die Rektoratsprüfung mit gutem Erfolge bestanden und hierdurch die Qualifikation erlangt an Mittel-und höheren Töchterschulen als Rektor zu amtiren.—- Der Rechtsanwalt Kann in Kempen ist zum JusLizrath ernannt worden. — Zur Ehrenbürgerin der Stadt Dessau ist durch einstimmigen Beschluß desGemeinderaths Frau Baronin v. Cohn- OpPen hei m ernannt worden. Am Sterbetage des Vaters, des Barons Moritz v. Cohn, begaben sich Oberbürgermeister Dr. Ebeling und Stadtverordnetenvorsteher Justizrath Döring zn der Baronin und überreichten ihr den künstlerisch ausgesührten Ehrenbürgerbrief. — Die Regierung hat die Demission des Gesammtvorstandes der Synagogengemeiude Köln genehmigt. Es wird also der ganze Vorstand neu zu wählen sein. — Der in Paris versammelt gewesene Familienrath hat endgiltig beschlossen, das Stammhalls M. A. v. Rothschild ll. Söhne in Frankfurt a. M. in Liquidation treten zn lassen, nachdem der letzte Chef dieses Hauses. Wilhelm Carl v. Rothschild, vor einigen Monaten gestorben ist. — In Karlsruhe ist im 62. Lebensjahre der Vorsitzende der orthodoxen Separatgemeinde, Raphael Wormser, ein allgemein geachteter Mann, gestorben. — Wie Antisemitenblätter berichten, hat der frühere französische Justizminister Trarie ux sür den 8. d.M. eine Konferenz über die Dreyfns- Angelegenheit in Brüssel eillberufen. Diese Nachricht ist aber wohl nur aus Unkenntniß der französischen Sprache zurückzusühren. da Trarieux sicher nur eine Oonl'ereuee zu halten beabsichtigt. — Die Proklamation der Thronbesteigung des Kölligs von England ist von drei sich zum Judenthum bekennenden Männern unterzeichnet, nämlich Lord Pirb right, Sir George Fandet Phillips und Sir Marcus Samuel. Lord Pirbright, ein früheres Mitglied des Toni-Ministeriums, dessen Familienname Baron Worms ist, Unterzeichnete die Proklamation in seiner Eigenschaft als Mitglied des Geheimen Rathes, während seine beiden Glaubensgenossen als Stadtverordnete der City of London zeichneten. — Am 7. d. M. feierte der rühmlichst bekannte Jargondichter I. L. Perez in Warschau das 25 jährige Jubiläum seiner verdienstvollen schriftstellerischen Wirksamkeit. — Die Stadt Kiew ist sür die Russen eine heilige und deshalb ist der Aufenthalt den Juden im Prinzip dort verboten. Der Gouverneur von Kiew hat jetzt ein Cirknlar veröffentlicht, das den Aufenthalt der Juden in dieser Stadt regelt. Hiernach könne»» alle Juden ohne Unterschied der Gilde in Kiew sich aufhalten, um Maaren zu kaufen und zu verkaufen. Der Aufenthalt ist aber strikt begrenzt ulld kann nicht nur in den den Juden bezeichneten Vierteln stattfinden. — Aus der Gemeinde zu Kiew haben sich im vergangenen Jahre 63 Personen, darunter 28 Frauen und 35 Männer, taufen lassen. Unter den Bekehrten befinden sich ein Licentiat der Rechte an der Universität St. Petersburg, ein Advokat aus Kiew, zwei Stndirende der Universität, ein Apothekerschüler, ein Schüler der rabbinischen Schule ulld ein Apotheker. Die anderen Bekehrten gehören den niederen Stäliden an. Unter den bekehrten Frauen zählt der Bericht eine Hebamme, eine Apothekersfrau und zwei junge Schülerinnen am Lycenm in Kiew auf. Die meisten Frauen gehören dem Mittelstände an uild mehrere unter ihnen haben sich mit Christen verheirathet. — Von den bei den antisemitischen Ausschreitungen in Algier Betheiligten hat Delabonne drei Monate Gefängmß, Chaloum-Valette, ein getaufter Jude und Redakteur des „Antijuif", zwei Monate erhalten. Druck und Verlag von Rudolf Müsse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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