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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-05-03 · Heft 18 (3.5.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 18 (3.5.1901)
Date
1901-05-03
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 nicht genügend bekannt zu sein scheint, gab der Verwaltung Anlaß, anzuordnen, daß den sännutlichen Gemeindemitgliedern bei allen sich bietenden Gelegenheiten, ganz besonders aber in den Tagen der Trauer, die gemeindliche Wohlthätigkeitskasse in Erinnerung gebracht werden Wie im vorjährigen Berichte hervorgehoben wurde, dürfen ans den Einkünften der Gemeinde und namentlich auch ans den Kultnsbeiträgen der Mitglieder keinerlei Aufwendungen sür Wohlthätigkeits-- Pflege gemacht werden. Es besteht daher unabhängig von der eigentlichen Gemeindekasse eine besondere Wohlthätigkeitskasse mit den ans nachstehender Aufstellung ersichtlichen Einnahmequellen. Alls dieser Kasse werden hier wohnhaften israelitischen Armen zweimal im Jahre Beiträge zum Wohnungsmiethzinse und in dringenden Bedürfnissen sonstige Unterstützungen gewährt. Ausnahmsweise werden auch nicht hier wohnhafte Arme, für welche in erster Linie die Fürsorge des Fremdarmenvereius eintritt, mit Spenden bedacht. Es betrugen die Einnahmen 18 599,40 Mark, die Ausgaben 12 222.40 Mark Aktivrest 6377 Mark. Bei der israelitischen Waisenstiftung betrugen die Einnahmen 10951,97 Mark, die Ausgaben 8695,12 Mark, der Aktivrest 2256,85 Mark; welcher dem Stammfonds einverleibt wurde. Der Stand am Schlüsse des Jahres 1900 ist 320 886,59 Mark. Nell iil Verwaltung genommen wurde die Stiftung des in München ansässig gewesenen Fabrikanten Nathan Hirsch ans Jchenhausen und seiner Ehefrau Pantine geborene Wassermann, mit einem Kapitale voll 5000 Mark. Zweck derselben ist. die jährlichen Zinsen zur Unterstützung armer jüdischer Familien, welche in München ihren Wohnsitz oder ständigen Aufenthalt haben, zu verwenden. Oesterreich-Ungar«. LH Wien, 29. April. lieber den Ansgang des Hülsner- Prozesses sind Sie ja bereits unterrichtet; trotz der von edlem Eifer beseelten Vertheidigung Dr. Auredniczecks wurde das Piseker Urtheil bestätigt. Der Appell Dr. Auredniczecks war ein Musterwerk der Rhetorik zu nennen, er kämpfte mit ganzer Seele uni die Aufhebung des von den Piseker Geschworenen gefällten Urtheilsspruches. — Die antisemitischen Journalisten Franz Kleinmond, Karl Sedlak, Wildner. Tills und Lederer wurden wegen Ehrenbeleidigung des Dr. Leo Verkauf zu Arrest- und Geldstrafen vernrtheilt. — In einer Sitzung des Krakauer Gemeinderathes beantwortete Bürgermeister Friedlein die in der letzter! Sitzung vom Gemeinderathe Seinseld eingebrachte Interpellation, betreffend die Mißhandlung eines Schulknaben durch den Katecheten Dembowski. Der Bürgermeister theilte das Resultat der vom Schnlinspektor Kawecki durchgeführten Untersuchung mit. welche die vollständige Nichtigkeit der in der Presse enthaltenen Beschuldigungen ergab. Der Katechet Dembowski hat, wie durch die Untersuchung festgestettt wurde, tatsächlich die Schulkinder aufgesordert, mit ihren jüdischen Mitschülern nicht zu Verkehren. und den Schüler Taborowski, welcher dieser Aufforderung nicht nachkam, arg mißhandelt. Auf Grund der Ergebnisse dieser Untersuchung wurde nun vom Schulrathe die Disziplinarnntersnchung gegen?. Dembowski eingeleitet. — In einem Prozesse gegen das Bu d apester Organ der Orthodoxie „/sickö türaüo" wurde der Redakteur Daniel Weiß von dem Vergehen gegen die Kantionspflicht freigesprochen, da die Vertheidigung des Judenthnms gegen den Antisemitismus nicht eine politische, sondern eine religiös-gesellschaftliche Angelegenheit ist. Dieser Ansicht schloß sich auch der höchste Gerichtshof des Landes all. — Ein Theil der Budapester Universitäts- Hörer wollte die Kreuz-Demonstration auch uach Wien übertragen. Es wurde sür das Grab der verewigten Kaiserin Elisabeth ein Kranz gesendet, in welchem die Blumen in der Form eines Kreuzes arrangirt waren, und aus der Schleife stand die Inschrift: „Voll den christlichen Universitätshörern Budapests gespendet." Der Kranz ist jedoch auf direkten Befehl des Monarchen vorn Oberhofmeisteramte zurückgelviesen worden mit der Begründung, daß das Andenken der Kaiserin nicht zu politischen Kundgebungen benutzt werden dürfe. Von Nah und Fern. — Dem Lehrer Paul Klein in Berlin ist, weil er im Juli v. I. einen jungen Mann mit eigener Lebensgefahr aus dem Wasser und vor drei Jahren einen Mann aus einem brennenden Hanse herausgeholt, die Rettungsmedaille am Bande verliehen. — Am 24. d. M. feierte Professor Dr. Jacob Barth. sein 25jähriges Jubiläum als Dozent all der Berliner Universität. 1851 geboren, wurde Barth 1876, bald nachdem er zuerst mit wissenschaftlichen Studien an die Oeffentlichkeit getreten war. als Privatdozent bei der Universität zugelassen. 1880 wurde er zum außerordentlichen Professor befördert. Barths Lehrgebiet ist das Arabische. Seine wissenschaftlichen Arbeiten erstrecken sich aber weit über sein Lehrgebiet hinaus. — Am 23. d. M. ist hier der Staudesbeamte Albert Levinstein, der 27 Jahre treu seines Amtes gewaltet, im 67. Lebensjahre gestorben. — Das Reichsgericht hat die Revision des zu einem Monat Gefängnis; verurtheilten Herausgebers des antisemitischen „Deutschen General-Anzeigers" in Berlin, Karl Sedlatzek, verworfen. Sedlatzek hat sich die erwähnte Strafe in einem Prozesse, der wegen Beleidigung der Bromberger Polizeiverwaltung gegen ihn angestrengt war, zugezogen. — Der Präsident der französischen Republik hat dem Vorsitzenden des Vereins Berliner Kauflente und Industrieller, Geheimen Kommerzienrath Goldberger, das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. — Ihre goldene Hochzeit feierten am 27. d. M. der Rentier Wilhelm Weisstein und seine Gemahlin. Der Kaiser hat dem Jubelpaare, das sich wegen seiner seit Jahren ausgenbten Wohlthätigkeitsbestrebnngen allgemeiner Hochschätzung erfreut, die Ehejnbiläumsmedaille verliehen. Mehrere Jahrzehnte war Herr Weisstein auch in verschiedenen Ehrenämtern der israelitischen Gemeinde thätig. — Der Geh. Jnstizrath Orgler in Posen hat den Rothen Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife erhalten. — Der langjährige Vorsitzende der Breslauer Stadtverordnetenversammlung, Geheimer Jnstizrath Wilhelm Freund, feierte am 30. d. M. den Tag, an dem er vor 50 Jahren in den Justizdienst eintrat. — Die Staatsanwaltschaft in Würz bürg hat gegen das den Redakteur Memminger im Fleischbesudelungsprozeß freisprechende Urtheil Berufung eingelegt. — Den Preßprozeß, den der Bischof Brhnich von Königgrätz und der Pfarrer Ferdinand Vlczek von Polna gegen die Redakteure der „Kleinen Presse" in Frankfurt a. M. und des „Freidenker" in Wiesbaden angestrengt haben, und der am 26. d. M. vor dem Schöffengericht Mainz verhandelt werden sollte, wurde wegen Plötzlicher Erkrankung des Redakteurs Weber vom „Freidenker" in letzter Stunde vertagt. Die neue Verhandlung wird erst nach den Gerichtsserien stattfinden. — Dr. A nscher aus Saarunion, Zögling der ehemaligen Nabbinerschnle voll Colmar und des Berliner Seminars, ist seitens des Ministeriums zum Rabbiner von D ü r m enach ernannt worden. — Die (Isalmei' Ldevvra Lnäwlllm in Budapest wählte den Staatssekretär im Kultus- und Unterrichtsministerium Michael Zsilinszky znm Ehrenmitgliede. — Auf einen Bericht des Marschall Roberts hat der König von England dem Major Walter Karri-Davies den Hosenbandorden und dem Oberstleutnant David Harris den St. Michael- und St. Georgeuorden verliehen. Major Walter Karri-Davies ist der zweite Jude in England, der den Hosenbandorden erhalten hat. — Gegen das nach siebentägiger Verhandlung gegen den Perrückenmacher Blondes in Wilna gefällte Urtheil wurde sowohl von Seiten der Staatsanwaltschaft als namentlich auch dev Vertheidigung beim Senat Berufung eingelegt. Der Senat beschloß, das Urtheil zu verwerfen und die Angelegenheit zur nochmaligen Verhandlung an den Gerichtshof von Wilna zu verweisen, hauptsächlich in Rücksicht ans die von der Vertheidigung vorgebrachten Gründe. — Die neue serbische Verfassung garantirt volle Gleichberechtigung sür alle Bürger des Landesund religiöse Freiheit für alle Bekenntnisse, auch für das jüdische. — Die kaiserlich ottomanische Post- und Telegraphendirektion in Jerusalem hat im Judenviertel eine Filiale des ottomanischen Hauptpostamtes eröffnet, in dem jüdische Beamte den Dienst versehen. Der Postdienst ist ganz nach europäischen! Muster organisirt. Alltäglich, mit Ausnahme von Sonnabend und den jüdischen Feiertagen, werden angekommene Briefschaften ausgefolgt und abgehende befördert. — Nach der Eröffnung des Generalrathes fanden in Algier auf der Straße Zusammenstöße zwischen beschäftigungslosen Arbeitern und Antisemiten statt. Dabei wurden mehrere Personen verwundet. Am 21. d. M. kam es wieder zu antisemitischen Ruhestörungen und Prügeleien, die erst durch das Einschreiten der Gendarmerie verhindert wurden. Druck und Verlag von Rudolf M osse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.

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