Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Kuratorium der Königswarter-Stiftung. Bankier Friedrich Stransky, Sauitätsrath Dr. Hausmann lind Dr. Maximiliall Koref. Kur- und Stiftuugsarzt in Meran, gebührt duS Hauptverdienst an diesem schönen Werke, den ersten Tempel des Judenthums in Tirol errichtet zu haben. Frankreich. X Nizza, 18. April. Der Präsident der Republik ist hier in glänzendster Weise empsangen worden. Seit Wochen bereitete sich unsere Stadt zu dieser festlichen Gelegenheit vor, und da der Himmel auch nicht ungünstig dreinschaut, so werden diese Tage sowohl unserer Stadt, wie den Fremden, die noch hier verweilen, unvergeßlich bleiben. Auch unsere Glaubensgenossen haben besondere Veranlassung, dieses Fest in angenehmer Erinnerung zu behalten. Obwohl Sie darüber schon kurz berichtet, säume ich doch nicht. Ihnen heute ausführlich zu schreiben. Unter den Spitzen der Behörden und der Geistlichkeit war auch Herr Rabbiner Meiß zum Empfange auf der Präfektur befohlen, und dieser hat dabei folgende meisterhafte Ansprache an den Präsidenten Loubet gerichtet: „Herr Präsident! Alle, welche die Liebe zum Vaterlande fromm im Herzen tragen, begrüßen mit Hochachtung und ohne Hintergedanken Ihre Ankunft in unserer Mitte. Die Bewohner der Stadt Nizza, welche Frankreich ihre großartige Entwickelung verdankt, haben, um Sie würdig zu seiern, nur den Wunsch, daß ihre Sonne noch glänzender strahle, das Mittelmeer noch in tieferem Blau lächle, und die Blumen noch duftiger die Lüfte würzen. Mit einem Gefühle wahrhaft kindlicher Ehrfurcht — dieser himmlischen Tugend, welche in so rührender Weise Ihr hohes Amt umstrahlt — vereinigt sich die israelitische Gemeinde im Innersten bewegt mit der Freude, welche jede Brust durchfluthet, denn wir bewahren die Erinnerung an das bewunderungswürdige „Programm von Dijon", wo Sie vor der ganzen Welt die Erklärung abgaben, daß „unsere Demokratie genug groß, genug tolerant und in dem genügenden Alter sei. um alle Glaubeusformen zu umfassen". Es ist eine angenehme Pflicht für mich, hinzuzufugen. daß das Judenthmn, welches im Morgenroth der neuen Zeit die alte Bestimmung feierlich zu einem Dogma erhoben hat: „Daß es eine Pflicht jedes Israeliten sei, sein Vaterland so zu lieben, wie er seine Mutter liebt, d. h. bis in den Tod — daß das Judenthnm die süße Hoffnung hegt, alle Franzosen aufs innigste vereinigt zu sehen, in einem Geiste der Weisheit und der Hingebung, damit es der Republik möglich sei, ruhig und friedlich ihrer hohen Bestimmung entgegen zu gehen!" — Der Präsident, Herr Loubet, erwiederte daraus: „Ich danke Ihnen, Herr Rabbiner, daß Sie die Güte hatten, mich an meine Rede zu erinnern, die ich in Dijon gehalten, kurze Zeit nach dem Beschluß der Nationalversammlung, durch welchen ich zu den hohen Aemtern gewählt wurde, welche sie mir anvertraute. Hellte will ich nicht anders als damals erklären, daß, so lange unsere Demokratie bestehen wird — und sie wird immer bestehen — sie die absolute Toleranz für alle Konfessionen und die Achtung vor allen Gewissensangelegeuheiten predigen wird. Ich weiß, daß die Bürger, welche Ihre Religion haben, ganz besonders Anhänger der Freiheit sind, welche einen Augenblick gefährdet zu sein schien. Diese Freiheit, Sie werden sie immer genießen, Sie und Alle, welche sich zu der modernen Demokratie bekennen, und Frankreich wird nie den Schritt zurück machen, welchen Einige mit Unrecht befürchtet haben." — Die Allsprache des Herrn Rabbiner Meiß macht in ganz Frankreich den vorzüglichsten Eindruck: sie trägt den Stempel der Offenheit und Ausrichtigkeit. Sie gewinnt noch mehr, wenn man sie mit der Ansprache des Bischofs vergleicht, der allerdings in der unangenehmsten Situation sich befand und darum nur geschraubte Redensarten Vorbringen konnte. Die antisemitischen Journale schäumen thatsächlich vor Wuth. Der „Julransigeaut" hat einen Artikel mit der Ueberschrist: „Lvegue et Uabdin" (Bischof und Rabbiner), der sich in den gemeinsten Beschimpfungen des Judenthnms und noch mehr des Präsidenten Loubet ergeht — der beste Grund, daß die französischen Juden und mit ihnen die Gesanuntjudenheit alle Ursache haben, dem Präsidenten Loubet und seinem Ministerium das vollste Vertrauen entgegen zu bringen. — Welche diplomatische Feinheit in der Klausel des Herrn Rabbiner Meiß: „et S3N8 rwrmre-pensee" (ohne Hintergedanken) enthalten ist. das können allerdings nur die mit den Verhältnissen Vertrauten ganz verstehen. — Herr Rabbiner Meiß verdient in vollem Maße die Glückwünsche, die ihm aus allen Theilen Frankreichs Zuströmen. Von Nah und Fern. Eine Haussuchung zur Beschlagnahme der Handschrift eines Artikels der „Staatsbürger-Zeitung" gegen den Iustizrath Oskar Cassel und Ermittelung des Verfassers fand am 22. d. M. auf Veranlassung des Oberstaatsanwalts Jsenbiel in der Redaktion der genannten Zeitung statt. Die Haussuchung war ergebnißlos. — Der bekannte hiesige Sanitätsrath Dr. Ehren Haus (ehemaliger Assistent von Geheimrath Henoch) ist zum Geheimen Sanitätsrath ernannt worden. — Der Rentier Ferdinand Schlesinger-Berlin hat ans Alllaß seines 70. Geburtstages dem israelitischen Waisenhause zu Nhbllik eine Summe von 10 000 Mark als Beihilfe zu den Unterhaltungskosten überwiesen. — Der Rabbiner am Bet-Hamidrasch zu Jnowrazlaw, Dr. Simon Bamberger, wurde einstimmig zum Gelneinderabbiner in Schwedt a. d. Oder gewählt. — Die Notariats- Verhältnisse in Kattowitz sind im Abgeordnetenhause bei der Frage der jüdischen Notare besonders zur Erörterung gekommen. Der freisinnige Abgeordnete Crüger erwähnte, daß man bei Erledigung einer Notarstelle an Stelle des an Anciemütät älteren jüdischen Rechtsanwalts in Kattowitz einen auswärtigen jüngeren katholischen Anwalt zum Notar ernannte. Jetzt ist nun in Kattowitz der Rechtsanwalt Epstein zum Notar ernannt worden. — Gegen den Grafen Pü ckl er-Klein Tschirne hat das Landgericht Dresden einen Haftbefehl erlassen, weil er nicht zum Termin erschienen, in dem er sich am 22. d. M. wegen Vergehens gegen 8 130 deS R.-St.-G.-B. (Aufreizung zu Gewaltthätigkeiten) verantworten sollte. — Der ehemalige Redakteur der antisemitischen „Sachsenschau", Bruno Kreutz, wurde in Halle wegen verschiedener Unterschlagungen verhaftet. — Die Eingabe der hessischen Juden über die Verletzung der staatsrechtlich zugesicherten Gleichstellung, die sie in der Nichtzulassung zum richterlichen Amte erblicken, wird nunmehr im Petitionsausschuß der zweiten Kammer, der in den nächsten Tagen eine Sitzung abhalten soll, zur abschließenden Berathung gelangen. Es steht das um so eher zu erwarten, als der Justizminister Dittmar inzwischen reichlich Zeit gehabt hat, das Material zusammenznbringen, dessen er zu der Rechtfertigung bedarf, die ihm durch den Ausschuß wegen der Zurückweisung jüdischer Bewerber auferlegt worden ist. — Gegen den Schreiuermeister Hahn in Mainz, einem bekannten antisemitischen Agitator, ist eine Untersuchung wegen Majestätsbeleidigung eingeleitet worden. — Gelegentlich der am 26. d. M. vor dem Mainzer Schöffengericht vor sich gehenden Verhandlung — auf die Privatklage des österreichischen Bischofs Brznych sowie des Pfarrers Vlcek Wider den hier erscheinenden „Freidenker" sowie die Frankfurter „Kleine Presse" wegen Beleidigung — wird der Polnaer Ritualmordprozeß in seiner ganzen Ausdehnung wiederholt werden müssen. Der Zufall will es. daß drei Tage vorher der österreichische Kassationsgerichtshof über das Uriheil des Schwurgerichts zn Pisek entscheiden wird, welches Leopold Hilsner wegen Lustmords zum Tode verurtheilte, nachdem das ursprünglich wegen Nitualmordes ergangene Todesurtheil kassirt worden war. So würde sich das nicht uninteressante Schauspiel ergeben, daß ein deutsches Gericht eine österreichische Schwurgerichtsprozedur nachprüst. — Lieber mann v. Sonnend erg hat seinen Wohnsitz in der Stadt Gernsbach genommen und beabsichtigt nach der „Kreuzzeitung" innerhalb der antisemitischen Partei Badens eine regsame Wirksamkeit zu entsalten. Nach der „Neuen Badischen Landeszeitung" will Liebermann sür die nächsten Landtagswahlen „einen großartigen antisemitischen Sieg inszeuiren". — Der Senator Professor Graziado A s c o l i in Mailand hat wellige Tage nach dem großen In lrilänm seine Frau verloren. — Der französische Unterrichtsminister Leygues hat den Direktoren der Staatsghmnasien mittelst Nunderlasses eingeschärft, daß sie die Anwerbung der Schüler für antisemitische Vereine zn verhüten haben. — Der päpstliche Hansprälat und apostolische Protonotar Monsignore Paul Gu«rin, ein enragirter Antisemit, wurde in Chateanronx wegen zahlreicher Betrügereien verhaftet; er soll seinen Opfern, meist Geistlichen und frommen Laien, mit den verschiedensten Schwindeleien vier Millionen Francs entlockt haben. — Der König von England hat das Protektorat über das jüdische Hospital lind Waisenhaus in London übernommen. — In D u b l i ll ist der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. M. de Groot, ein geborener Holländer, im 72. Lebensjahre gestorben. Er war einer der angesehensten Kanflente und Bürger der Stadt, auch lange Jahre Friedensrichter. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwilz in Berlin.