Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 17. Allgemeine Berlin, 26. April 1901. eitung öes Audmtbums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner D*. Ludwig Philippson-Vonri Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthurns", Berlin 8W, Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel r Fürsorge und Selbsthilfe. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Zum Kapitel der Wohlthätigkeit. Von Lehrer A. Stern in Aschersleben. — Bogumil Goltz. Von Nahida RuthLazarus. — Simeon Samuel Frug. II. Von R. Brainin. — Bei Björnson. Von L. Levi. — Iugenderinnerungen eines ehemaligen Franzschülers. Von Rabbiner Dr. F. Cohn s. A. in Bonn. — Feuilleton: Die Königsbraut. XVII. Historische Erzählung von Carola Buchheim.— Literarische Mittheilungen. Der Gemein-ebote. Korrespondenzen und Rachrichten: Berlin, Könitz, Rofenberg, Magdeburg, Hannover, Ems, Mainz, Wien, Nizza. — Bon Rad und Kern. — Geschäftliche Notizen. Fürsorge und Selbsthilfe. Berlin, 23. April. ine Geschichte der jüdischen Wohlthätigkeitspflege ist bisher noch nicht geschrieben worden, und doch giebt es für den Forscher wenige Gebiete, auf denen er einer so reichen Fülle interessanter und ein berechtigtes Selbstbewußtsein befriedigender Thatsachen begegnen könnte als auf diesem. In einem lesenSwerthen und gut orientirenden Vortrag hat Dr. Wilhelm Neumann, der verdienstvolle Sekretär des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, die Entwickelung der jüdischen Wohlthätigkeitseinrichtungen in sachgemäßer Weise geschildert. Als die bewegenden Prinzipien unserer Wohlthätigkeitspflege hebt er die Fürsorge und die Selbsthilfe hervor, die immer entsprechend den wechselnden Zeitverhältnissen in Israel geübt wurden. Wir rathen unseren Lesern, in der Schrift selbst diePartieen über die mosaische Armengesetzgebung, über die Wohlthätigkeitspflege des talmudischen Zeitalters und des Mittelalters nachzulesen; sie werden daraus eine Fülle neuer und belehrender Mittheilungen empfangen. Für uns aber ist hauptsächlich im gegenwärtigen Moment das HM Interesse, was der Autor über die WohlthätigkeitspflM4er Neuzeit sagt. Mit Recht stellt er an die Spitze dieses Kapitels die Behauptung: Wenn unsere Wohlthätigkeitspflege auf der Höhe stände, auf der wir sie so gern erblicken, müßten wir sagen könne» : es giebt bei uns Juden keine Wanderbettelei. Leider giebt die Wirklichkeit eine ganz andere Antwort. Kein Theil unseres Armenwesens ist so rückständig wie dieser, bezüglich dessen wir noch auf dem Standpunkt des Mittelalters stehen. Die Zahl der einheimischen Bettler soll allerdings in erfreulichem Rückgang begriffen sein, wie nns versichert wird. Dagegen findet aber aus dem Osten, hauptsächlich durch die Judenvertreibungen in Rumänien und Nußland, ein beständiger Nachschub statt, und ebenso verursacht das chronische Massenelend der Juden Polens und Galiziens ein ständiges Abstoßen nach dem Westen. Es ist lebhaft zu beklagen, daß es bisher nicht gelungen ist, für Diejenigen, die hier nicht festen Fuß fassen konnten oder dazu garnicht willens waren, etwas zu thun, das sie verhindert für die Armenkassen der Gemeinde eine drückende Belastung und für die ganze Judenheit ein öffentliches Aergerniß zu sein. Es ist naturgemäß, daß man das in der Großstadt weniger spürt als auf dem flachen Lande. Mit Recht hebt der Autor unserer Schrift hervor, daß die westliche Kultur hier äußerlich wenig verändert habe, obwohl sie auch an ihnen nicht ganz spurlos vorüber gegangen sei. Was geschieht nun, um solche Zustände zu beseitigen? Bisher wenig. Man hat allerdings Freindenkassen begründet und sucht durch verschiedene Mittel die lästigen Besucher abzuschütteln. Das ist aber eine soziale Kur ä In. Dr. Eisenbart. Sie ist eine Bankerotterklärung unserer leistungsfähigen Wohlthätigkeitspflege, die unserer wirthlchastlichen Einsicht und unserem wohlbegründeten Ruf der Humanität keine Ehre macht. Es ist natürlich, daß diese Umstände die Aufmerksamkeit des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes seit langer Zeit ans sich lenken mußte. Es ist auch in der That durch Bildung von Armenverbänden manches geschehen, sie zu beseitigen, aber es wird noch lange dauern, bis man es allgemein begreifen wird, wie viel für bessere Zwecke erspart werden könnte, wenn die Unterstützung der Armen an Ort und Stelle geschähe, wie inhuman und zugleich wie kostspielig es sei, kranke und gebrechliche Leute von Ort zu Ort weisen zu lassen, damit sie an jedem Platz eine Mahlzeit und eine ungenügende Nachtruhe in der Herberge genießen können. Viel besser wäre es, wenn sich die Gemeindeverbände in Armenbezirke organisiren nnd die seßhaften Armen an ihrem Wohnsitz, soweit ihre und die daselbst zu vereinigenden wohlthätigen Körperschaften es nicht vermögen, unterstützen würden. Was soll aber mit den gesunden Armen geschehen, denen es entweder an Arbeitsgelegenheit oder an einem kleinen Kapital zum selbständigen Betrieb eines Gewerbes fehlt? Darauf giebt Dr. Neumann folgende Antwort: Den Ersteren ist durch jüdische Arbeitsnachweise, den Letzteren durch Gewährung eines Darlehens die Gelegenheit zur Selbsthilfe zn bieten. Bereits sind auf Anregung des Gemeindebnndes verschiedene solcher Arbeitsbüreaus entstanden, auch mehrere Arbeitsverbände wurden bereits organisirt, die Gutes versprechen. Die Organisation muß aber eine umfassende und zusammenhängende werden, damit auch der letzte jüdische Wanderbettler deutscher Abstammung von der Landstraße verschwinde, bis aus ihm ein sich selbst erhaltender fleißiger Arbeiter oder Gewerbetreibender geworden ist.