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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-04-12 · Heft 15 (12.4.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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erledigten, derzeit bei Kassationshof schwebenden Prozesses gegen Leopold Hnlsner Einfluß zu nehmen. Dadurch hätten sich Masaryk und der verantwortliche Redakteur der „Zeit" der Übertretung gegen den Artikel VIII der Preßgesetznovelle schuldig gemacht. Professor Masaryk gab zu, der Verfasser des Artikels zu sein; doch wolle er ans die juristische Seite des Falles nicht eiugehen, da er auf diesem Gebiete als Laie seine Rechtfertigung dem Vertheidiger überlassen müsse. Er habe nur das Interesse gehabt, die Blntlüge, den Blntaberglauben zn bekämpfen, und es sich zur Aufgabe gemacht, psychologisch zu zeigen, wie dieser Aberglauben entstanden und zur Verbreitung gelaugt sei. Mich hat nun — führte Professor Masaryk aus — in der Sache das kulturelle Moment, nicht die juristische Seite interessirt. Ich betrachte es als ein trauriges Zeichen der Zeit, das; ein solcher Aberglaube eine solche Ausdehnung gewinnen konnte, nud ich habe es für meine Pflicht gehalten, nach meinen Kräften ihm entgegenzutreten. In dieser Absicht ist der Artikel entstanden. Das Urtheil der Geschworenen in Pisek war damals schon gefällt, und es ist wohl nicht anznnehmen, das der Oberste Gerichtshof sich von dem in der „Zeit" erschienenen Artikel sollte beeinflussen lassen. Professor Masaryk wurde trotzdem wegen des von ihm begangenen Preßvergehens zn 200 Kronen Geldstrafe verurtheilt. — In Lemberg ist in der vorigen Woche im Alter von 60 Jahren der langjährige Landtagsabgeordnete Dr. Bernhard Gol d m ann, ein Schwiegersohn des früheren Rabbiners Löwenstein. gestorben. Er war ein geborener Warschauer und Hat, sich im Jahre 1863 au dem polnischen Ansstand betheiligt. Daun wurde er nach Sibirien verbannt. Später begnadigt, liest er sich in Lemberg nieder und wurde bei einer dortigen Bank angestellt. Sein eisrigstes Bemühen war. die Gleichberechtigung der Juden zu erkämpfen und deren Assimilirnng zu fördern. Goldmann war auch jahrelang Knltusvorsteher. Die Reinheit seines Charakters, der Eifer seines Strebens und die Lauterkeit seiner Gesinnung fanden auch bei dem heftigsten Gegner Anerkennung und Achtung. Friede seinem Andenken! — Die Frau des jüdischen Wirthshausbesitzers Haubenstock ans Zielonka bei Krakau, Mutter von zwei Kindern, verliest ihren Gatten aus Liebe zum Gutsherrn und flüchtete in das Kloster der Felicianerümen in Krakau. Sie wurde polizeilich trotz des Widerstandes der Nonnen aus dem Kloster geholt. Gegen den Verführer wurde ein Prozes; angestrengt. Also es geht doch — wenn man nur will! — Der Kaiser hat dem Vizepräsidenten der Konmierzialbank nud kausmännischen Beisitzer des Gerichtshofes in Agram, Edmund Kolmar, den Titel eines Kommerzienrathes verliehen. Kolmar ist der erste Kaufmann in Kroatien, dein dieser Titel verliehen wurde. — Anläßlich der unmittelbar bevorstehenden Ernennung des bereits nach Wien berufenen Domherrn Dr. Leo Waleuga zum römischkatholischen Bischof von Taruow theilt „Slowo Polskie" mit, daß sämmtliche neuernannten galizischen Bischöfe in einer gemeinsamen Konferenz nbereingekommen sind, fortan in der Haltung des Klerus ^eiue Aenderuug eintreten zn lassen. Es soll nämlich die Geistlichkeit mit Rücksicht ans den autoritären Charakter der Kirche von der BelHeiligung an den: leidenschajtlichen N a ss enka m Pf e, an konfessionellem Hader und an dem geräuschvollen Treiben der Antisemiten in Hinkunft möglichst serngeh alten werden, was der Kirche nud Gesellschaft in gleichem Maße zu statten kommen würde. Italien. Mailand, 11. März. Unter auberordentlich lebhafter Theilnähme weitester Kreise unserer rein industriellen Bevölkerung wurde gestern das Jubiläum eines der bedeutendsten Gelehrten unseres Landes gefeiert. Die hiesige Akademie beging festlich den siebzigsten Geburtstag und das vierzigjährige Dozentenjubiläum ihres berühmtesten Mitgliedes, des großen Sprachforschers Graziadio Ascoli. Vertreter sämmtlicher gelehrten n stalte n, Vertreter der Stadt, Abgesandte der hervorragendsten italienischen Akademien, sowie zahlreiche Schüler aus dem In- und Auslande überbrachten dem Jubilar niit dem Ausdruck ihrer außerordentlichen Verehrung die herzlichsten Wünsche für das Greisenalter. Der Unterrichtsminister Nasi sandte ein langes Glückwunschtelegramm, in dem er sich „den der Wissenschaft und der Charakterfestigkeit in ihren g e n i a l st e n Bethätigungen" erwiesenen Ehrungen gern anschließt und die außerordentlichen Verdienste des Gefeierten um das Vaterland anerkennt. Der Jude Ascoli ist der Vater der modernen linguistischen Studien in Italien. Neben Franz BoPP einer der hauptsächlichsten Forscher ans dem Gebiete der vei> gleichenden Sprachwissenschaften, hat der Gelehrte das ganz besondere Verdienst, die Vergleichung der italienischen Dialekte wissenschaftlich augebahut zu haben; seit 25 Jahren ist er Herausgeber des Italienischen Archivs sür Glottologie. Seine Schüler überreichten ihm eine Jubelschrist, an der von deutschen Mitarbeiten: Professor Meyer Lübke nud Ulrich zu nennen sind. Auch um die jüdische Wissenschaft hat Ascoli sich verdient gemacht durch seine Abhandlung „Ueber hebräische Inschriften in Süditalien" (1880), die grundlegend wurde sür paläographische Arbeiten. — Möge dem gefeierten Gelehrten ein langer uud glücklicher Lebeusabend beschiedeu sein. Vsn Nah und Fern. — Den: Lehrer Julius Heskel all der Knabenschule der jüdischen Gemeinde wnrde der Adler der Inhaber des königlichen Hallsordens vor: Hohenzolleru verliehen. — Am 14. d. M. wird hier ein Delegirtentag der Zionisten Deutschlands zn einer zweitägigen Sitzung zusammentreteu. — Am 3. d. M. ist hier der Stabsarzt a. D. Dr. Julius Löwenthal, der sich auch durch verschiedene Publikationen auf dem Gebiete der Naturwissenschaften einen guten Namen gemacht hat, im Alter voll 47 Jahren nach langem und schweren: Leiden gestorben. — Die Folger: der antisemitischen Verhetzung haben sich auch in Lnutenbürg (Westpreußen) gezeigt. Sämmtliche Fensterscheiben in der Synagoge waren am 26. v. M. zertrümmert und an dem Hanse selbst waren auf „Morde zu Ostern" bezügliche Worte ungeschrieben. — Der Arbeiter Masloff in Könitz soll, wie velffchiedene Blätter versichern, eingestanden haben, daß er mit seinem Zeugnis; gegen den Schlächter Lewy in Könitz einen Meineid geschworen habe. Wir geben die Nachricht mit aller Reserve wieder. — Das Meineidsverfahren gegen die Familie MatthänsMe her ans Koni tz ist, wie nachträglich bekannt wird, ans Alltrag der Staatsanwaltschaft bereits am 8. Februar d. I. eingestellt worden. — Die „Deutsche Wacht, A.-G." in Dresden ist durch Beschluß der am 29. März abgehaltenen Generalversammlung aufgelöst worden und das antisemitische Blatt durch Verkauf in den Besitz eitles „kapitalkräftigen, zuverlässigen Parteigenossen" übergegangen. — Der Verwaltnngsgerichtshof in Bra u nschwei g hatte sich mit den jüdische!: Hotelverhältnisseu in Harzburg zu beschäftigen. Gegenüber dem Veloerber um die Konzession eines zweiten rituellen Hotels daselbst stellte der Verwaltnngsgerichtshof dem dortigen Parkhotel das Zengniß aus. daß es den: Bedürfnis; geilüge. — Wegen Beleidigung des Praktischen Arztes Dr. Bukofser wurde der antisemitische Redakteur Th. Nenther in Karlsruhe zn einer Geldstrafe von 10 Mark und den Kosten verurtheilt. Dem Beleidigten wurde außerdem die Befugnis; zugesprochen, ans Kosten des Angeklagten das Urthell in der „Bad. Presse" nud im „Karlsruher Tageblatt" veröffentlichen zn lassen. — In der Kommissionssitzung des Landesausschnsses in Straßbnrg wnrde über die Gehaltsaufbesserung der Geistlichen verhandelt. Während die Protestanten und Katholiken bedeutend aufgebessert wurden, erhielten die Rabbiner nur eine geringe Erhöhung ihres Gehaltes. Die dritte und zweite Klasse erhielt eine Gehaltserhöhung von 100 Mark; ferner wurden die Alterszulagen besser geordnet, indem beim 40. Lebensjahre eine Alters znlage von 300 Mark eintritt, beim 50. Lebensjahre eine solche im Betrage von 400 Mark und beim 60. eine von 800 Mark. — Großem Aussehen erregt in Marsch all ein Vorfall, der sich vorige Wocho ereignete und die Tochter des bekannte»: Wiener Malers Professor. Horowitz betraf, die bei ihrer dort mit einem angesehenen Bankier verheiratheten Schwester zn Besuch weilte. Plötzlich erhielt sie nute: Hinweis ans ihre Konfession den Befehl, Warschau zu verlassen. Dü Ausweisung wurde mit großer Strenge dnrchgesührt. Solche Fälle ereignen sich jetzt täglich. — Wie englische Blätter aus Odessc melden, hat die dortige Polizei durch Haussuchung bei den Studenten einen ausgearbeiteten Plan entdeckt, nach welchem am Osterfeste unter der Form eines Angriffes auf die Inden allgemeine Unruhen hervorgernsen werden sollten. Von 118 Studenten, die in: Laufe von 14 Tagen verhaftet worden sind, wurden 6 freigelassen. — Wie zionistische Blätter melden, hat die Negierung von Chile die Einwanderung von Inden untersagt. Bestätigung bleibt abzuwarten. Druck und Verlag von Ruovts Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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