Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228434--57439-3293815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4 Verkäuferinnen, Lehrmädchen, die in Kasseler Geschäften untergebraHl sind, Schülerinnen des Lehrerinnenseminars, der Fachschule und dZr Knnstgewerbeschule. Aber Alle, die bescheidene Stopferin wie m'e kaufmännisch gründlich gebildeteBuchhalterin, die beide aus der Fachschule hervorgegangen sind, das angehende Dienstmädchen wie die künstlerisch vorbereitete Zeichnerin der Knustgewerbeschule, belebt derselbe fröhliche Geist der Arbeit und der Zuversicht, denn Alle sind wohl vorbereitet für die Anforderungen ihres Berufs. So hat der „Schwesternbnnd" bis jetzt Hunderten von jungen Mädchen, die sonst schutzlos und unfähig dem Kampfe mit dem Leben gegenüberstehen würden. Stütze und Halt gewährt. Freibnrg t. B., 15. März. Der Verein zur Förderung des Handwerks und der technischen Berufsarten unter den Israeliten des Großherzogt h u m s Baden lAbtheilung Freiburg) versendet seinen 14. Jahresbericht. Die Arbeiteil der Sektion schritten im Stillen erfolgreich weiter. Wenngleich im vergangenen Jahre verhältmßmäßig wellig neue Lehrlinge zngegangen sind, so ergiebt sich doch schon ans den zahlreichen, derzeit in Behandlung stehenden neuen Unterstütznngsgesuchen das Bedürfnis abermaliger Fürsorge der Abtheilnug. Von den ersten Lehrlingen hat eine Mehrheit als selbständige Meister sich niedergelassen, die jetzt zu den zahlenden Mitai iedern gehören und sich zur Ausbildung von Lehrlingen melden. Miigliederstand und Anzahl der Spenden kommen nahezu den vorjährigen gleich. Die Einnahmen betragen 5493.96 Mark, die Ausgaben 5127,14, der Verinögensausweis 13912.71 Mark. Der Verein hat in 21 Genieinden 297 zahlende Mitglieder. Die Summe der Mitgliederbeiträge ist 1527 Mark. Der Vorstand besteht ans den Herren: Dr. Daniel Mayer, Rechtsanwalt, Vorsitzender, Dr. Neckendorf, Professor, Rechner, A. H. Dreyfuß, Kaufmann, A. Heidingsfeld, Hauptlehrer, Dr. A. Klein, praktischer Arzt, alle vot» Freiburg; D. Dreysnß, Vorsteher, von Offenburg; E. Rothschild, Vorsteher, von Konstanz; H. Weil, Vorsteher, von Ennnendirigey; Jos. Kleefeld, Synagogenrath, von Breisach. Oesterreich - Ungar«. LI Wien, 1. April. Im Reich srathe gcht's jetzt wieder lärmend genug zn — nur mit dem Unterschiede, daß statt über die Juden, wie dies früher fast ausschließlich geschah, über die Christlich- Sozialen geschimpft wird; Ausdrücke wie „Kerl", „Gaukler" und ähnliche mußte unser Bürgermeister Dr. Lueger hinnehmen, und völlig machtlos steht er dem wüsten Lärm gegenüber, der im Parlament an der Tagesordnung ist, und den er und seine Partei eingeführt und großgezogen haben. Der intimste Frennd des Dr. Lueger, der alldeutsche Abg. Wols, der ja seinen Gesinnungsgenosse»» am besten kennen muß, traktirte ihn in der letzten Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses n. a. mit der liebenswürdigen Vermuthung: „Vielleicht spuckt er vor sich selbst aus!" und ein anderer Intimus apostrophirte seinen Freund mit „Sie Urtrottel". Wir entbehren der uöthigen Sachkenntniß, um die edlen Brüder eines Besseren zu überführen, und begnügen uns daher resignirt mit dem freimüthigen Zugeständnis; des Herrn Wolf: „Ja. Dr. Lueger, mit Ihrer Herrlichkeit geht es zu Ende!" — Der czechisch-radikale Abgeordnete Freisl hat den Justizminister interpellirt, warum Leopold Hülsner trotz zweimaliger Verurtheilrmg noch nicht gehängt sei. Der Mann scheint nicht zu wissen, daß die Sache erst in diesem Monat vor den obersten Gerichtshof kommt. — In unserer Ge m eind everwal t ung spricht man jetzt beständig von Reformen im Vorstand. Ob etwas dabei herauskommen wird, erscheint in der That mehr als fraglich. Wir wollen jedensalls das Beste hoffen! — In der letzten Versammlung der jüdischen Musenmsgesellschast hat Geh.-Rath Professor Dr. Herrn. Cohen aus Marburg über den Stil der Propheten in seiner bekannten tiefen und geistvollen Weise gesprochen. Der Vortrag wird wohl durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich werden. — Anläßlich seines 60. Geburtsfeftes wurden dem bekannten Architekten Max Fleischer glänzende Ovationen dargebracht, die er in seiner segensreichen Thätigkeit als Mitglied des Knltusvorstandes ebensowohl wie als hervorragender Künstler reichlich verdient hat. Schmede«. i. Stockholm, 29. März. Unsere Gemeinde beklagt den Hingang ihres frühereil Rabbiners, des hnrch feine wissenschaftlichen Arbeiten allgemein bekannten Dr. Ludwig Lewysohn, der am 26. v. M. im 82. Lebensjahre nach langem Leiden gestorben ist. 1819 zu Schwersenz in der Provinz Posen geboren, stndirte Lewysohn in Berlin. Nachdem er in Halle promovirt hatte, wurde er Prediger in Frankfurt a. O. 1851 siedelte er in gleicher Eigenschaft nach Worms über. 1859 folgte er einem Rufe nach Stockholm. Dort verblieb er dauernd. Seit 1883 lebte er im Ruhestände. Von seinen Schriften sind zu nennen: De S3ln'iüen8 vetoris teZtameuti, Die Zoologie des Talmud, Natsebot Xaclikim, 60 Epitaphien von Grabsteinen des israelitischen Friedhofes in Worms. Die Opfer des alten Testaments, zahlreiche Predigten in deutscher und schwedischer Sprache und mehr als 500 Artikel und Korrespondenzen in hebräischer Sprache sür alle hebräischen Jahrbücher, Wochen- und Monatschriften der letzte»! fünfzig Jahre. Lewysohn schrieb ein gutes Hebräisch; er war ein gelehrter und braver Mann. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. — Der Hilfslehrer Dr. Lewinski ist zum Oberlehrer am städtischen Andreas-Nealghnmasinm gewählt worden. — Am 20. d. M. starb in Lanenburg nach längeren» Leiden der Vorsteher des Vorstandes der Synagogengemeinde Zahnarzt Ja nies Nosenthal. — In Königsberg i. Pr. wurde Rabbiner Dr. Silberberg ans Grätz einstimmig zum Rabbiner der orthodoxen Gemeinde gewählt. — In Breslau fand am 31. v. M. in» großen Saal der Neuen Börse eine Gedenkfeier für den „alten Asch" statt, die einen würdigen und erhebenden Verlauf nahm. — Das Mitglied des Gemeindevorstandes und des Magistrats in Lissa Stadtrath Jakobow s ki, zugleichProvinzial-Landtagsabgeordneter, istvomProviuziallandtag zum Mitglieds der Direktion der Provinzialhilfskasse gewählt worden. — Die in Dresden erscheinende antisemitische „Deutsche Wacht" tritt der Meldung von ihrem bevorstehenden Eingehen entgegen; es handle sich nur um einen Besitzwechsel. — Ein ultramontaner Stadtverordneter in München, der sich in einer Vereins- Versammlung darüber ausgesprochen, daß der im Magistrat sitzende Bankier Lebrecht Jude sei und ihn einen Grundstücksspekulanten genannt hatte, wurde vom Schöffengericht Kriegen Beleidigung zn 20 Mark Geldstrafe vernrtheilt. — Ueber die Konjession der reichsländischen Beamten in Elsaß-Lothringen ist jetzt eine ausführliche Statistik erschienen. Von der Gesammtzahl der reichsländischen Beamten sind 1629 katholisch, 2505 protestantisch, 70 israelitisch. Es wäre interessant zu erfahren, in welchen Ressorts diese 70 jüdischen Beamten angestellt sind. — Der König von Italien hat motu proprio dem leitenden Arzt an» Stadthospital in Turin, Comm. B. Pescarolo. das Ritterkreuz des Ordens von St. Maurice und St. Lazarus verliehen. — Auch in Paris wird jetzt eine jüdische Gemeindebibliothek begründet. Als Grundstock derselben hat das Konsistorium die 6000 Bände umfassende Bibliothek des seligen Senior Sachs geschenkt. — Der Senator S. Wiener in Brüssel ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. — Der Brigadegeneral Dr. Jacques Nissim-Pascha in K o n st an t i n op el ist zun» Divisionsgeneral ernannt worden, der erste Jnde in der Türkei, dem diese Auszeichnung zu Theil geworden. — Selbstverständlich sollte es in Nah und Fern (Nummer 13) heißen, daß der russische General Fürst Bagration ein Karaite war, nicht ein Karalbe! — Nach der „Nowoja Wrernja" soll sich die russische Negierung vornehmen, nächstens die Lage der jüdische»» philcmtropischen Gesellschaften zu prüfen, die meistentheils nicht die gesetzliche Bestätigung haben. Der Minister des Innern wird von diesen Gesellschaften verlangen, daß sie jährlich ihre Statuten vorlegen. Alle die, welche sich dieser Formalität entziehen, werden ausgelöst, die Kapitalien, über die sie verfügen, werden konfiszirt werden. — Es ist bekannt, daß im Kaukasus bereits seit Jahrhunderten Kolonisten leben, die in den Bergen Ackerbau treiben, Hirten oder Handwerker sind. Die Zahl derselben beträgt 100 000. Viele von ihnen im östlichen Theile des Kaukasus sind Mohamedaner oder Christen geworden; die als Juden eingetragenen belaufen sich auf ungefähr 27 000. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für tue Redaktion: Dtax Bauchwitz in Berlin.