Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- Seite 138 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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dürsten und selbst durch Entsendung von Delegirten in den neuen Ausschuß sich der Gefahr auszusetzen fürchten, eine staatliche Hineinmischung in die Gemeindesachen zu veranlassen. Er selbst sei deshalb beauftragt, hier informatorisch zu wirken, aber Zugleich dem Wunsche Allsdruck zu geben, daß eine Einigungsorganisativn in irgend einer Art geschaffen werde. Herr Stadtrath Magnus-Königsberg bemerkte, daß ein Beschluß des Ostpreußischen Provinzialverbandes nicht vorliege, und er deshalb nur in der Lage sei, diesem ein Referat zu erstatten. Gegen den Organisationsplan trage er Bedenken, denn wenn die Organisation Fiasko mache, würde sich die Lage der Juden noch verschlimmern. Da der Vorsitzende des D. I. G. B. eine Aendernng der Statuten als unmöglich oder mindestens als gefährlich bezeichnet habe, scheine der von Herrn Davidsohn-Danzig empfohlene Ausweg, eine Erweiterung des Centralvereins, sehr empfehlenswert) und sei entschieden in Erwägung zu ziehen. Herr Justizrath Breslauer sprach sein Bedauern darüber aus, daß die Herren aus den preußischen Provinzen der Vorlage gegenüber nicht dieselbe Stellung einnehmen wie die Berliner und die Süddeutschen und einen engeren Zusammenschluß der Juden nicht ebenso nöthig erachten. Um eine neue Organisation handele es sich nicht, sondern nur um einen Zusammenschluß der bestehenden Organisationen. Dafür könne der D. I. G. B. ans juristischen und materiellen Gründen keinen Ersatz leisten. Der Centralverein bilde seines Erachtens trotz seiner Größe doch nur eine Vereinigung voll Individuen, nicht eine autorisirte und autoritative Institution. Der neue Verband wurde kein weiterer Verein, auch kein jüdisches Parlament, sondern nur eine den Behörden gegenüber beglaubigte Vertretung der größten jüdischen Organisation sein. Die größten jüdischen Gemeinden stünden dem Vorschlag theils sympathisch, theils abwartend gegenüber. Es würde ein großer Fehler sein, wenn die jetzige Versammlung die Vereinigung aller deutschen Juden entschieden ablehnen würde. Er beantrage deshalb, einen Entwurf des geschäftssührenden Ausschusses einer neuen Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten und bis dahin den Anschluß derjenigen Organisationen zu erstreben, welche sich bisher noch nicht erklärt oder ablehnend verhalten haben. Herr Philipp Schiff in Frankfurt am Main theilte mit, daß er ein imperatives Mandat seitens des Vorstandes seiner Gemeinde empsangen habe. Nein zu sagen. Die Ablehnung Franksurts bitte er in das Protokoll zu nehmen, aber es stünde nichts im Wege, mit den betheiligten Gemeinden und Verbünden weitere Fühlung zu nehmen, wenn dem D. I. G. B. die Vertretung der Juden nach innen und dem Centralverein diejenige nach außen verbleibell solle. Herr Justizrath Meyer-Dresden sprach sich im Namen seiner Gemeinde gegen eine neue Organisation und neue Vorstöße aus, bei denen man nur seitens des Ministeriums und der Volksvertretungen eine Quittung über das erhalte, was längst bestanden, ohne so offen ans Licht zu treten. Die Pflege der sogenannten inneren Mission scheine ihm jetzt wichtiger als aussichtslose Kämpfe. Herr Abgeordneter Dr. Wolff-Lissa wies darauf hin, daß die Juden in Berlin sich weit eher zusammenschließen können als diejenigen in der Provinz, wo die Juden auf christlichen Umgang entschieden angewiesen seien. Der ideale Zug des Philippsonschen Vorschlages sei ihm sympathisch, könne ihn aber nicht von seinem gegenteiligen Standpunkt abbringen. Herr Justizrath Salz-Posen wies darauf hin. daß die Delegirten aus der Provinz schon durch ihre Theilnahme all der Versammlung den guten Willen bewiesen hätten, an einer Einigung mitzuarbeiten. Wenn sich die Schaffung derselben auch wünschenswert erweise, könne der Verband doch nicht eine offizielle Vertretung darstellen; er würde nur einen neuen Verein bilden und dann überflüssig sein. Der ill dem Entwurf vorhergeseheue Delegirtentag dürfte nur „einen Judentag im Kleinen" bedeuten. Der Vorstand des Centralvereins möge sich lieber durch Delegirte der Einzelgemeinden verstärken, die willig mit ihm arbeiten dürften, weil es sich dann nicht um eine neue Institution handeln würde. Dieser Vorschlag könnte die Uebereinstimmung aller Gemeinden schaffen. Herr Rechtsanwalt Dr. Fuchs legte dar, welche Bedenken die Diskussion ans Licht gefördert habe und suchte dieselben im Einzelnen zu entkräften. Die innere Mission werde sich von selbst als Effekt der Zusammenfassung der jüdischen Organisation ergeben; man könne nicht den Gedanken der Zusammenfassung um deswegen aufgeben, weil innere Mission getrieben werden müsse. Welche Angriffsfläche ein still arbeitender Ausschuß, der doch das Wesentliche der Sache sei, bieten solle, sei nicht abzusehen. Der Delegirtentag selbst sei im Wesentlichen nur Mittel zum Zweck, um dem Ausschuß seine Legimation zu geben und dessen Beschlüssen das völlige Schwergewicht zu verleihen. Der Verband sei kein Sprung ins Ungewisse, keine neue Körperschaft neben der alten, sondern nur ihr Bindeglied und ihre Einheit. Mit pessimistischen Gedanken, man werde die Einheit nicht erreichen, sei nichts geholfen; dasselbe sei vor Gründung des Centralvereins gesagt worden. Der Verband solle vor dem Centralverein den Vorzug größerer Autorität und gesicherter Legitimation haben. Er solle in großen Fraget! der Arbeit der einzelnen Vereine, Verbände und Körperschaften die nöthige Unterstützung gewähren, im Wesentlichen werde die Spezialarbeit doch den Sondervereinen, insbesondere den Centralvereinen bleiben. Das Bedenken des Herrn Simon, daß die Synagogengemeinden sich an der politischen Tätigkeit nicht betheiligen könnten, ließe sich durch eine Statutenbestimmung beseitigen. Herr Rabbiner Dr. Appel bezeichnete es als Pflicht, das Möglichste zu thun, um die jetzige blamable Zerfahrenheit zu beseitigen. Erschließe sich deshalb den vom Vorstandstisch aus geäußerten Ansichten an. Hierauf erklärte Herr Rechtsanwalt Dr. Lewi n-S te t t i n, daß er zwar als entschiedener Gegner der Vorlage hergekommen sei. in der Debatte aber viele Punkte gefunden habe, die eines erneuten Nachdenkens ihm sehr werth erschienen seien, während die Ablehnungsgrüude ihm nicht mehr so tiefgehender Art erschienen. Wenn der Delegirtentag nur als Nothbehelf dienen solle, könnte man der Sache näher treten. Er werde deshalb für den Antrag Breslauer stimmen.- Herr Nealscbnllehrer Feiner-H amburg streifte die Frage der Leistung des Militärdienstes der jüdischen Lehrer und wies nach, daß es sich dabei nicht nur um eine Sache der Lehrerschaft, sondern um eine solche aller Juden handele. Herr Amtsgerichtsrath Glogauer-Taruo wi tz berichtete, daß der Oberschlesische Gemeindebund für eine neue Institution nicht viel Sympathie besitze; die von dem Vorstandstisch aus geltend gemachten Gründe hätten ihn aber zweifelhaft gemacht, ob eine Ablehnung am Platze sei; er entscheide sich deshalb für den Antrag Breslauer, welcher eine Verständigung ermögliche. Die Herren Dr. Le w in-S tet t in und Justizrath Salz-Posen sprachen sich in ähnlichem Sinne sür den Antrag Breslauer unter der Voraussetzung aus, daß der geschäftsführende Ausschuß bis zur nächsten Versammlung bemüht bleibe, sich mit den Verbänden ins Einvernehmen zu setzen und ihren Anschluß an die Organisation zu erstreben. Nun schritt man zur Abstimmung über den Antrag Breslauer, der durch mehrere Amendements nachstehende Fassung erhalten hatte: „Ein Entwurf des geschäftsführenden Ausschusses ist einer neuen Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Bis dahin ist der Anschluß derjenigen Organisationen zu erstreben, welche sich bis jetzt nicht erklärt oder ablehnend verhalten haben." Dieser Antrag wurde mit allen Stimmen gegen die eine Stimme des Herrn Philipp Schiff angenommen, welcher darum ersuchte, zu Protokoll zu nehmen, daß er nicht im Prinzip gegen den Antrag sei, sondern sich infolge des ihm in Frankfurt a. M. gewordenen Mandats für verpflichtet halte, den Beschluß nur aä rotm-onäum zu nehmen. Herr Laudtagsabgeordneter Rechtsanwalt Dr. W olsf - Lissa erkärte, sich der Abstimmung enthalten zu haben, weil er sich nur fürberechtigt gehalten habe, in der Versammlung berathend zu wirken. Eine Abschrift des also eigentlich mit Einstimmigkeit zur Annahme gelangten Antrags soll allen Verbänden zugesandt werden. Ein weiterer Antrag des Herrn Dr. Fuchs, zur nächsten Versammlung einen oder zwei Vertreter der Zionisten zuzuziehen, wurde mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt. Die Bestimmung von Zeit und Ort der nächsten Versammlung wurde dem geschäftssührenden Ausschüsse überlassen. Schluß der Sitzung 2 Uhr Nachmittags. gez. Alphonse Levy, Gen.-Sekretär d. C. V. d. St. j. Gl.. Schriftführer.