Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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3 nicht mehr, in der Lage sei, ihnen zu genügen. Die letzte Jahresabrechnung schließt mit einem Defizit ab, anch sei der Uvular,eefonds gänzlich verbraucht. Herr Herrn. S. Meyer ersuchte die Anwesenden dringend um Beschaffung neuer Geldmittel, damit man fortfahren könne, die Noth die hilfsbedürftigen, hungernden Kinder zu lindern. Norm, 11. März. Am 6. d. M. ist hier unser Rabbiner Dr. F. Cohn nach schwerem Leiden gestorben. Derselbe erfreute sich allgemeiner Beliebtheit in der Gemeinde. Ein geborener Anhalter, hat der Verstorbene zuerst in Oels und dann hier in Synagoge und Schule unermüdlich gewirkt. Ein'unabsehbarer Trauerzug gab am 8. dem Verstorbeneil das letzte Geleite. Unter Denen, die dem Dahingegangenen die letzte Ehre erwiesen, sah mall den Oberbürgermeister Spiritus, den Nektar Geheimrath la Valette St. George, zahlreiche Professoren, die Lehrer des städtischen und königlichen Gymnasiums, an ihrer Spitze die Direktoren Dr. Hölschner und Contzen. katholische und evangelische Geistliche, Volksschullehrer, kurz. Vertreter aller Stände. Nachdem Kalltor Baum ein Klagegebet gesprochen hatte, hielt Rabbiner Dr. Frank-Köln vor der Bahre eine tief empfundene Ansprache. Auknüpsend an das Wort eines Weisen, wonach beim Hillgang des Rabbiners Alle in der Gemeinde einen nahen Verwandten verlieren, schilderte er in herzlich-beredten Worten den Lebensgaug des Verblichenen. In der Stadt Dessau geboren, habe Dr. Cohn — nach vorübergehendem Wirken als Nabbiller und Schuldirektor in Anhalt, Mecklenburg und Schlesien — vor etwa 20 Jahren sein Arbeitsfeld nach Bonn verlegt und hier eine Nenbelebung und Hebung des religiösen Sinnes im Gotteshalls, in Schule und Familie bewirkt, die allein schon genügten, ihn der Gemeinde unvergeßlich zu machen. Klein war anfangs die Zahl seiner Schüler, aber es wurden ihrer immer mehr, und die Gemeinde danke es wesentlich ihm, wenn heute der jüdische Religionsunterricht in Bonn gleichberechtigt neben dem der anderen Konfessionen und der jüdische Kultus überhaupt so geachtet dastehe. Die Worte Dr. Franks, der im Namen der Gemeinde und des Rheinischen Rabbinerverbandes sprach, hatten tue Umstehenden tief ergriffen. Weitere herzliche Nachrufe widmeten dem Todten Rabbiner Dr. Rosenthal-Köln und Kalltor Baum. Letzterer konnte seine Rührung kaum bemeistern, als er dem treuen Freunde den Abschiedsgrnß der Schuljugend zurief, die den Sarg ihres geliebten Führers und Bildners umstand. Nunmehr wurde die sterbliche Hülle zum Grabe getragen und in die Erde gebettet neben der Ruhestätte Dr. Philippson's. Dr. Cohn, Dr. Rosenthal und Dr. Nülf-Poppelsdorf begleiteten die ernste Handlung mit feierlichen Gebetsworteu und einem letzten Scheidegruß. Dann fiel eine Erdscholle nach der anderen auf den Sarg, und der Grabhügel wölbte sich bald über dem Todten. An, Donnerstag dieser Woche findet hier eine synagogale Todtenseier statt, bei welcher der emerit. Rabbiner Dr. Rülf die Rede halten wird. Ehre dem Andenken des theureu Verblichenen! —1. München, 11. März. Der Prinz reg ent hat den Rabbinern des Königreichs Bayern die Auszeichnung erwiesen, heute eine Deputation derselben, bestehend aus den Herren Rabbiner Dr. Werner- München und Rabbiner Dr. Cohn-Jchenhausen und eine Huldignngsadresse anläßlich seines 80. Geburtstages entgegenzunehmen. Rabbiner Dr. Werner überreichte mit einer Allsprache die Adresse, worauf Rabbiner Dr. Cohn den üblichen Segensspruch verrichtete. Es war erhebend, wahrzunehmen. mit welchem Wohlwollen der Prinz-Regent die Deputation der Nabbiller begrüßte und mit welcher Herzlichkeit er die Adresse entgegennahm. Die Herren Dr. Werner und Dr. Cohn batten auch die Ehre, zur Hoftafel tingelnden zn werden. — Aus Anlaß des Allerhöchsten Geburtstages wurde der Kommerffenrath und Großhändler Ludwig Gerngros in Nürnberg durch Verleihung des Verdienstordens vom heiligen Michael ill. Klaffe ausgezeichnet, eine Auszeichnung, die seit Schaffung der jetzigen Ordensorganisation überhaupt noch kein Jude erfahren bat. Den Titel eines Konimerzienrathes erhielten der Kaufmann und Hopfengroßhäudler Karl Ullmaun in Bamberg, der Fabrikbesitzer CdllardBachin Fürth und der Fabrikbesitzer Heinrich Landaue r ill Augsburg. Letzterer, der Schwiegersohn des einstigen Rabbiners Dr. Stein in Frankfurt a. M., betreibt mit seinen Brüdern große, in ihren Anfängen von ihrem Vater geschaffene mechanische Webereien, ist seit vielen Jahren schon Gemeindebevollmächtigter in Augsburg und anch Vorstandsmitglied der israelitischen Kultusgemeinde Augsburg. Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 11. März. Auf politischem Gebiete ist diesmal nichts Neues zu melden — und auch das ist zum Guten! In Gemeindekreisen beschäftigt man sich wieder einmal mit der Predigersrage, und von Neuem taucht der Ncnne des Rabbiners Dr. D. Feuchtwang in Nikolsbnrg aus, der die meisten Aussichten auf diese Stelle hat. — Die bekannten Großindustriellen Leopold May in Ungarisch - Ostra und Julius M a h in Ungarisch-Hradisch, beide bedeutende Zuckerfabrikanten, wurden in den österreichischen Adelsstand mit dem Prädikate „Edler voll" erhoben. — Der Kaiser hat den Privatdozenten an der Universität ill Wien und Doktor zweier Fakultäten Samuel Steinherz zum! außerordentlichen Professor der historischen Hilfswissenschaften an verdeutschen Universität in Prag ernannt. — „Egyelürtös" theilt eine! Statistik der Konfessionen in Ungarn mit, der wir folgende bei merkenswerthe Daten entnehmen: Im Laufe des Jahres 1899 sind zur israelitischen Konfession übergetreten von der römisch-katholischen Kirche > 21 Männer, 82 Frauen, von der griechisch-katholischen Konfession 1 Mann, 3 Frauen, voll der evangelischen A. K. 4 Männer, 4 Frauen, von der unitarischen Konfession 1 Mann. Jnsgesammt 27 Männer! 39 Frauen. Voll der israelitischen Konfession sind zu den christlichen j Kirchen übergetreteu 204 Männer, 191 Frauen. Somit verlor die j jüdische Konsession 329 Gläubige. Die stetig wachsenden Verluste! zeigen folgende Daten: die jüdische Konfession verlor 1896:97,! 1897:178, 1898:221. 1899:329 Gläubige. Von Nah und Fern. — Die Berliner Antisemiten laden zu einer Volksversammlung gegen den Intendanten Grafen Hochberg ein. Die Ursache zu diesem lächerlichen Vorgehen liegt in der Beteiligung des Grafen Hochberg an j dein Komitee, das bei Kroll ein Konzert veranstaltete, dessen Ueberschus; zu! gleichen Theilen den Buren un d den rumänischen Juden zn gute kommen i sollte. — Der Rentier Mar Reumann, eine ill der Berliner baut linnneo bekannte Persönlichkeit, ist im Alter von 77 Jahren verstorben. EinerseinerSöhne ist der bekannteAfrikareiseude OskarNeumann, welcher sich augenblicklich ans einer Forschungsreise im Innern des schwarzen Erdtheils befindet. — Antisemitische Blätter bringen aus Brom berg folgende Hiobspost: „Der Direktor des Königlichen Gymnasiums zu Bromberg, Dr. G nttmanu, hat den Charakter als Geheimer Negierungsrath erhalten. Das hat in Bromberg gerade noch gefehlt, um die Juden übermüthig zu machen." Selbstverständlich ist der Betreffende ein Christ, und die guten Antisemiteil sind nur durch den Namen irregeführt worden. — Der Fabrikbesitzer und Stadtälteste A. A. Knrtzi g, in Inowrazla w hat den Krvnenorden IV. Klasse erhalten. — Am 6. und 7. d. M. hat an der Jacobsonschule zu Seesen am Harz i (berechtigte Realschule und Erziehungsanstalt) die Reifeprüfung stattgesunden. 21 Schüler der ersten Klasse haben sie bestanden. Den Vorsitz führte als herzoglicher Kommissar der Schnlrath Professor 1). Dr. Koldewey, Gymnasialdirektor in Braunschweig. Dieselbe Allstalt feiert in diesem Herbst das Fest ihres hundertjährigen Bestehens. — Wie aus München depeschirt wird, ist Dr. Sigl, der bekannte Judenfresser, Herausgeber des „Bayerischen Vaterland", wegen physischer Depression ill eine Kaltwasserheilanstalt gebracht worden. — Der durch eine Gerichtsverhandlung bekannt gewordene Fall, daß die Polizei ein jüdisches Kind, welches zu Hause mißhandelt wurde, ill ein Nonnenasyl brachte, wo das Kind getauft wurde, erregt in Budapest großes Aussehen. Der Ministerpräsident ließ sich sofort Bericht erstatten, und da die Taufe, weil der Knabe erst nenn Jahre alt, nach ungarischem Gesetz ungiltig ist, wird das widerrechtlich getaufte Kind demnächst schon der Budapester israelitischen Gemeinde übergeben werden. — Der Preßburger Pfarrer Haolitschek, der gelegentlich der letzten Abgeordnetenwahlen mit antisemitischem Programm kandidirte. ist nach Verübung mehrfacher Schwindeleien verhaftet worden. — Das Komitee, welches sich im vergangenen Sommer behufs Unterstützung der jüdischen Auswanderer ans Rumänien in Budapest konstitnirte, hat den Beschluß gefaßt, den Restbetrag der seiner Zeit gesammelten Summe dem bereits seit längerer Zeit wirkenden Komitee zur Unterstützung jüdischer Emigranten zur Verfügung zu stellen. — Das städtische Munizipium bewilligte der Steinbrucher Kultusgemeinde eine Subvention von 2000 Kronen. — Das zum russischen Militärdienst einbernfene Kontingent für das