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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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wegen wieder eingebracht. Das Schicksal dieses All träges gemahn^ bereits an jenes des „ewigen Inden" — er wandert von Session zy Session. Was aber wichtiger ist: In dem Sprengel der Direktion der Staatsbahuön in Galizien haben jüngst einige Ernennungen und Beförderungen von Juden stattgefuuden. Diesen Alllas; benutzten Meister Stainpiglius und seine ihn; würdigen und ebenbürtiger^ Komplicen dazu, um eine geharnischte Interpellation all den EiferE bahnminister zu richten. Sie dürfen aber nicht glauben, daß es sichhier um fette Pfründen handelt, sondern nur um Stellungen mit 400—000 fl. Gehalt. Und nicht einmal diese gönnt mau den Juden.-8 Alltäglich des Besuches des Kaisers im Kunstlerhause sprach sich dH Monarch überaus lobend über die Werke von D. Kahn aus,. dM' mehrere Porträts ausgestellt hat. — Die antisemitischen Blätter speieD Gift und Galle, weil sie zu dem Ballfest, welches der Münster des Aeusteru Goluchowski gab, keine Einladungen erhalten hatten. Herr v. Goluchowski war offenbar der Meinung, daß eine Gesellschaft voll Leuten, die sich prinzipiell über alle Gesetze des Anstandes, der Humanität und der Civilisatiou hinwegsetzt, kein Recht auf besondere Ehren besitzt. — Anläßlich der Pariser Weltausstellung wurden verliehen: das Eomthurkreuz des Franz Josess-Ordeus dem Präsidenten der Brunner Handelskammer, Herrenhalismitglied, Julius Ritter v. Gomperz sowie dem Präsidenten der Neichenberger Handelskammer Alois Nell mann, das Ritterkreuz des Franz Josefs- Ordens den Herren Emil Engel, Hofbuchdrucker, Benedikt Margulins. Friedrich P o l l a ck u. A. m. — In Brodh ist der Rabbiner Isak Chajes am 13. d. gestorben. Er war streng orthodox und eine große Autorität in talmndischen Dingen. — In Fiume wurde am 17. d. M. der neue Podesta Michael Mahländer vereidigt. — B i kt or JstOczh, der einst berühmte antisemitische Agitator, der noch vor anderthalb Jahrzehnten zu den populärsten und geseiertesten Männern des Landes zählte, ist tief gesunken, sehr tief, so daß er seinen Lebensunterhalt in Debreczen von Halls zu Haus hausireud sucht. JstOczh hat kürzlich das Buch des jüdisch-römischen Schriftstellers Josesus Flavins übersetzt und sucht dieses Buch an Mücene abznsetzen. Wirklich, es haben Bücher ihre Geschichte und auch antisemitische Agitatoren. Der alte Josesus Flavins hätte es sich nicht gedacht, daß nach zwei Jahrtausenden ein Antisemit mit ihm hausiren gehen werde, ebenso wenig wie der Jstbczy des Tisza- Eßlürer Prozesses, daß er mit einem Juden hausiren werde. ii. Budapest, 14. Februar. Wie wir seiner Zeit gemeldet haben, hat Frau Baronin Klara Hirsch für Ungarn ein Legat voll zwei Millionen Kronen zur Errichtung einer Stiftung bestimmt, ans deren Zinsen Unterstützungsbedürftigen zinsensreie Darlehen zur Begründung einer Existenz, in besonders zu berücksichtigenden Fällen auch Schenkungen und Subventionen, verliehen werden. Nach dem vom „Egyenlösög" publizirten Berichte sind nach Abzug voll 17 520 Kronen Verwaltungskosteu (d. i. mehr als zwölf Prozent des Stiftungserträgnisses!) 127 870 Kronen für wohlthätige Zwecke verwendet worden. 317 Petenten erhielten zinsenfreie Darlehen, 188 Personen wurden Unterstützungen votirt und 75 Unterrichtszwecken dienenden Institutionen wurden Subventionen ertheilt. Am besten beNwhrte sich die Institution der zinsenfreien Darlehne, die in kleinen Raten rückzahlbar sind, 70 Prozent der fälligen Raten wurden scholl im Berwaltnngsjahre zurnckgezahlt. Bemerkenswerth ist. daß die Rückzahlungen freiwillig ohne jeglichen Zwang erfolgen. Um die Benefizien der Stiftung haben sich 8500 Petenten beworben, von deneu sieben Prozent — ohne Rücksicht auf konfessionellen Unterschied — günstlg erledigt wurden. — Die Kis» falndy-GeseÜschaft, eine hervorragende Litteraturgesellschast, wählte den Uebersetzer Wilhelm Löw, einen Sohn des seligen Rabbiners Leopold Löw. zum korrespondireuden Mitglieds. — Die von den Wiener Antisemiten hier ins Leben gerufene Ehristliche K l e i d er g e n o s sen - schlaft ist nach kanm zweimonatlichem Bestände in Konkurs gerathew und hat unzählige Kleingewerbetreibende in Mitleidenschaft gezogen. Behördlicherseits wurde eine strafrechtliche Verfolgung der Gründer ungeordnet. Von Nah und «Fern. ----- Die Unterrichtskommission des Abgeordnetenhauses Hab beschlossen, über eine Petition jüdischer Volksschullehrer um Zulassung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst zur Tagesordnung überzugehen. — Am 22. d. M. starb nach schweren Leiden der Apotheken-. besitzer und Bezirksvorsteher Karl Neustadt im besten Marmesalter. Nachdem er viele Jahre hindurch die Apotheke des hiesigen Krankenhauses der jüdischen Gemeinde verwaltet hat, erhielt er im Jahre 1892 von der Regierung die Konzession zur Neuerrichtung einer Apotheke. Sein Charakter und seine Liebenswürdigkeit sichern ihm ein dauerndes Andenken.In Hamburg hat der Abgeordnete Woerma n n, der Präsident der Hamburger Handelskammer, aus die antisemitischen Anzapfungen bezw. des Zusammengehens zwischen dem Großhandel und der Sozialdemokratie es offen ausgesprochen, daß er lieber mit den Sozialdemokraten als mit den Antisemiten gehe! — In Lüneburg ist der allgemein geachtete Bankier S. Heinemann im <84. Lebensjahre gestorben. Er war ein bescheidener und wohlthcitiger Mann, dessen Tod allgemeine Theilnahme gesunden hat. - - Der Oberregiernngsrath und Eisenbahndirektor Dr. Paul Meyer in Elberfeld hat den Charakter als Geheimer Baurath erhalten. — Dem Bankier Moritz Seligmann in Köln ist der Titel Kommerzienrath verliehen worden. — Zn dem Beleidigungsprozeß des Redakteurs Erd manusdörsser in Marburg gegen den antisemitischen Abgeordneten Köhler kan; ein Vergleich zu Stande. Köhler nahm die Beleidigungen zurück, trägt sämmtliche Kosten und verpflichtete sich zur Publikation des Vergleichs. — Die Erben des kürzlich verstorbenen Barons Rothschild haben wohlthätigen Stiftungen und Korporationen in Frankfurt a. M. Legate im Gesannntbetrage von eitler Million überwiesen. — Das bekannte Soldatenstückchen vor Saarbrücken, Anfangs August 1870, wobei die 7 er Ulanen durch Verkleidung mit Drillichjacken, Jnfanterjehelillen re. die französische Armee wochenlang in den Glanbeil versetzten, sie hätten eine ganze Kavalleriedivision mit Dragonern, Kürassieren, Ulanen vor sich, entstammte dem Kopfe des jüdischen Leutnants Goldschmidt der 7. Kompagnie hohenzollernschen Füsilierregiments Nr. 40. Genannter Offizier wurde während des Feldzuges mit dem Eisernen Kreuz dekorirt. Diese Thatsache ist entnommen der im Inbiläumsjahr 1895 erschienenen, vom Maler Röchling illustrirten Kriegschronik von Saarbrücken. — In Lemberg wurde Fron Anna Lozinska, welche das elfjährige jüdische Mädchen Golda Neysler entführt hat, um es gegen den Willen der Eltern in ein Kloster zu bringen und taufen zu lassen, voll den Geschworenen schuldig gesprochen und vom Gerichtshof zu drei Jahren schweren, durch Fasten verschärften Kerkers verurtheilt. Endlich! — Am 14. v. M. ist in Florenz Professor D a v id Castelli, Lehrer des Hebräischen am Istilnlo iU stucU superiori, im 05. Lebensjahre gestorben. In Livorno geboren und ein Schüler des modernen Kabbalisten Elia Benanlozegh. widmete Castelli später seine Thätigkeit der jüdischen Litteratur. Er schrieb Kommentare zu Kohelet nnd Hiob. eine jüdische Geschichte, über hebräische Poesie und Prophetie, gab talmudische. Legenden und den Kommentar Donnolos zum Seser Jezirah heraus. — Im Haag ist der Abgeordnete Dr. K. Hartog anr 12. d. M. gestorben. Nekrolog folgt in nächster Nummer. — Die Universität von Cambridge hat dem Bachelor os Art des Trinity College, Baron James Armand Edmund de Nothschild, Sohu des Baron Edmund Rothschild, den Harnespreis für die beste Arbeit über Shakespeare zugesprochen. Der Preis wird einmal in drei Jahren vertheilt. — Der offizielle russische „Regierungsbote" veröffentlicht in seiner Nummer vom 22. Februar die III. Liste der gefallenen, verwundeten und vermißten Soldatem Unter den auf dem Schlachtfelde gefallenen 42 Soldaten befinden sich auch die Namen zweier Inden, nämlich Chaim Leib Berkowitsch Dribill und Jacob Jsrailewitsch Picker. Beide Juden fielen in der Schlacht von Sao-hei-schan am 11. November, in welcher das 16. Schützenregüuent zahlreiche Verluste erlitten hat. — Vor Kurzem starb in Moskau das Mitglied des Moskauer Gerichtshofes W e rb l o w sk y. Der Verblichene war ein hervorragender Jurist. — Die Vertreter der Mächte in K o n sta n t i n op e l habeu den Doyen des diplomatischen Corps, den österreichischen Botschafter Baron Calice, damit beauftragt, von der Pforte die Aushebung der Bestimmungen zu verlangen, die neuerdings über den Aufenthalt von Juden in Palästina erlassen wurden. — Für seinen Sohn, den Thronfolger, hat der Schah voll Persien durch Vermittlung der persischen Gesandtschaft in Petersburg einen russischen Erzieher sich verschrieben. Die Wahl siel auf einen Studenten der asiatischen Sprachen, eitlen Karaiteu, welcher sein bedeutungsvolles Amt als Erzieher des zukünftigen Schah-in-Schah bereits angetreten hat. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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