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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-03-01 · Heft 9 (1.3.1901) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
Seite 98 (sequence 4)
Language
German
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SS die unserm Feste vorangehenden Sabbathe. Der Sabbath Schekalim, an dein uns jener kleine Abschnitt verlesen wird, der den Geist der Freiheit und Gleichheit athmet, und auch der Sabbath, der uns an das Amaleksvolk erinnert, das, von dieser Freiheit und Gleichheit nichts wissen wollte, das pochend auf Körperkraft und Heeresmacht, mit hinterlistiger Tücke die Schwachen und Wehrlosen überfiel. Unser Festjahr beginnt und schließt mit je einem Freiheitsfeste. Die Gnade des Herrn war es, die einst dem werdenden Volke Israel die Sklavenketten gelöst, dieselbe Gottesgnade auch, die nach dem babylonischen Exil im Perserreiche den jüdischen Stamm beschützt hat, und die Gnade des Herrn wird auch über Israel zu allen Zeiten wachen und alle Pläne unserer Hasser vereiteln. „Nicht schläft und nicht schlummert der Hüter Israels", diese Botschaft hören wir aus der Geschichte unseres Purimfestes, die doch ein getreues Spiegelbild der Geschichte unseres Stammes iß. Air Woche. Berlin, 27. Februar. uf die Hetze, die die Erbpächter der Königstreue, die Konservativen und Antisemiten, in der letzten Zeit gegen den König von England betrieben, hat die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" eine Antwort gegeben, die wir nicht übergehen dürfen. Es ist darin von den „giftigen Angriffen" die Rede, „welche auch den Kaiser und König auf das Tiefste verletzen müssen". Die hochoffiziöse Note schließt mit dem Satze: „Es wird damit ein Grad von Gesinnungsroheit verrathen, der die schärfste Zurückweisung verdient." Als Text dieser Note dürfen die unter „dröhnendem Beifall" aufgenommenen Worte gelten, die Herr Liebermann von Sonnenberg aus der letzten Generalversammlung des „Bundes der Landwirthe" gesprochen hat: „Bei uns ist die enge Verbindung zwischen Volk und Thron jetzt getrübt durch einen englischen Nebel, der sich zwischen beide gelagert hat; darum rufen wir: „Fort mit der Engländerei". In diesem Tone geht es in den antisemitischen Blättern schon seit Wochen. Und trotz alledem! 4 Den Antisemiten ist übrigens von einer anderen Seite freilich auch Heil widerfahren! Der Kvntreadmiral a. D. Plüddemann hatte vor einiger Zeit in dem von ihm mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Flotteuvereins herausgegebenen „Kalender des Deutschen Flotteuvereins" die antisemitische Bewegung mit der Boxerbewegung in China verglichen. Auf der letzten Vorstands- und Mitgliederversammlung des Vereins hat nun der Präsident Fürst Wied erklärt, der deutsche Flottenverein sei parteilos; er fasse Mitglieder aller Parteien in sich zusammen und sei stolz darauf! Jene Aeußerung gegen den Antisemitismus sei daher mit der grundlegenden Bestimmung des Vereins nicht in Einklang zu bringen, und so habe man im Präsidium beschlossen, den Vertrag mit Herrn Plüddemann zu kündigen. 4 Eine Aeußerung, die der erste Staatsanwalt nn Konitzer Prozeß gethan hat, ist von der antisemitischen Presse vielfach trotz der ministeriellen Erklärung, daß die Schuldlosigkeit der Familie Lewy au der Ermordung Winters erwiesen sei, dahin ausgelegt worden, daß gleichwohl die Schuld wahrscheinlich sei. Der Staatsanwalt Schweigger hat in der That bemerkt, „daß zur Zeit keine genügenden Verdachtsmomente vorliegen, nm gegen die Familie Lewy wegen Theilnahme am Morde vorzugehen." Welche Deutung diese Worte finden würden, ist von der Vertheidignng sofort nachdrücklich betont worden. Verschiedentlich haben antisemitische Blätter als natürlich behandelt, daß die Staatsanwaltschaft neuerdings gegen die Familie Lewy wegen des Falles Winter vorgehe. Dem gegenüber erhalten verschiedene Blätter aus Könitz folgende Mittheilung : „Es wird uns von der Vertheidignng mitgetheilt, daß sie sofort nach Schluß der Verhandlung beim erste» Staatsanwalt angefragt habe, ob der Entfernnng der Familie Lewy aus Könitz mit Bezug auf seine obige Aeußerung irgend welche Bedenken entgegenständen. Darauf ist der Vertheidignng eine amtliche Mittheilung vom 18. Februar 1901 zugegangen, daß der erste Staatsanwalt „keine Bedenken gegen die Entfernung der Familie Lewy ans Könitz geltend zu machen habe." Daraus ergiebt sich, daß von irgend welchem ernsthaften Verdacht nicht die Rede seilt kann. Ob unter diesen Umständen die Bemerkung angebracht und glücklich war, muß bezweifelt werden. Ihre tendenziöse Ausbeutung hätte nach den bisherigen Erfahrungen füglich vorausgesehen werden können und müssen. 4- Ueber den neuen italienischen Finanzminister macht uns unser Korrespondent aus Florenz vom 24. d. M. die folgenden interessanten Mittheilungen: Leone Wollemborg ist 1859 in Padua geboren und entstammt einer sehr begüterten, aus Deutschland oder Oesterreich eingewanderten Familie. Er stndirte die Rechte und widmete sich »ach Erlangung des Doktorgrades hauptsächlich dem Studium der Nationalökonomie, worin das Problem der darniederliegcnden italienischen Landwirthschaft ihn in erster Reihe beschäftigte. Zur Lösung der Frage gründete er in seiner Heiniathsprovinz landwirthschaftliche Banken, die billige» Kredit gewähren und sehr gut snnktioniren. (In Deutschland schließt man die Juden vom Bund der Landwirthe aus.) Ans Dankbarkeit schickte ihn Citadella (Provinz Padua) ins Parlament, in dem er als einer der jüngsten Abgeordneten sich auch als einer der arbeitsreichste» erwies und besonders in Finanz- und Landwirthschaftssragen sich sehr hervorthat. Vor zwei Jahren bereits war er Unterstaatssekretär im Finanzministerium, gab aber damals wegen Differenzen niit dem Minister seine Demission. Heute tritt er in einem für italienische Verhältnisse erstaunlich niedrigem Alter <das Ministerium Saracco hatte nur Leute von 65 bis 80) ins Ministerium ei». Obwohl die Opposition gegen das neue Kabinet sehr groß ist, hat mau gegen Wollemborg kaum ein paar Worte, da seine Tüchtigkeit und Sachkenntniß allgemein anerkannt sind. Daß er gerade jetzt Finanzminister ist, ist sehr bedeutsam, weil augenblicklich die Frage der Steuererleichterung ii» Vordergrund der Berathungen steht. Bezeichnend ist, daß mair eine» anderen Juden Lnzzatti sehr dringend bat, das Schatzministerinm z» übernehmen, ebenso wie der Minister des Auswärtigen Prinetti de» Generaldirektor Senator Malvano aus keinen Fall verlieren wollte und ihn dringend ersuchte, ihn ja nicht zu verlassen. Wie denken die Preußischen Junker über das Interesse der italienischen Bevölkerung i Malvano ist Derjenige, mit dem die Regierungen Deutschlands und Oesterreichs werden über die Verlängerung des Dreibundes und des Handelsvertrages verhandeln müssen. 4 Die Lage der Juden i» Korfu hat sich, seitdem die Insel in deil Besitz Griechenlands übergegangen ist, immer mehr verschlechtert. Die Schuld daran trägt weniger die Regierung,

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