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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-22 · Heft 8 (22.2.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 8 (22.2.1901)
Date
1901-02-22
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 der beschlossen werden soll, den Bischof voll Waltzen zu ersuchen, daß dieser den.PfarrerHegyi wegen dessen Aergerniß erregenden Benehmens von seinem bisherigen Posten abberufe. — In Lemberg wurde der frühere Beamte des Eisenbahnministeriuins, Felix T Humen, welcher seit einem Jahre die Filiale der Versicherungsgesellschaft „Unio Caltolica" — eine Gründung der Wiener Klerikalen — als Direktor leitete, unter dem Verdachte, einen größereil Betrag veruntreut und Kautionsschwindeleien begangen zu haben, verhaftet. Die strasgerichtliche Untersuchung gegen Thnmen wurde, trotzdem ihn der Wiener Generaldirektor.der Anstalt durch nachsichtsvolle Erklärungen zu entlasten suchte, schon vor einigen Tagen eingeleitet. — In Olmütz ist der Malzfabrikant Herr Eduard Hamburger, Vorsteher der israelitischer Kultnsgerneinde, Stadtverordneter und Handelskanunerrath. im 66. Lebensjahre gestorben. L. Budapest, 14. Februar. Die katholische Volkspartei, die um jeden Preis auch dem Antisemitismus aushelfen will, hat in jüngster Zeit eine Menge von all ge blichen Kreuzschänd n ngen entdeckt illld für ihre unlauteren Zwecke ausgenutzt. Selbstredend hatte sie auch auf denl flachen Lande dienstbereite Helfershelfer, und jeder Bericht über eine Kreuzschändung war ihren! Leiborgan natürlich sehr willkommen. So hat auch der Direktor des Erlauer katholischen Lehrerseminars, Josef Babik, in ihrem Blatte die Nachricht veröffentlicht, daß von einer Statue des heiligen Stephall das Kronenkrenz ab- , gebrochen worden sei. Selbstredend konnten das — wie der Berichterstatter meinte — wieder nur die Inden gethan haben. In den dem Erzbischof nahestehenden Kreisen erregte diese Nachricht großes Be-, fremden, um so mehr, da es allgemein bekannt war, daß dieses Kreuz scholl seit längerer Zeit fehle, und die Nachricht wurde sofort in dem offiziellen Organ des Erzbischofs einfach als Lüge bezeichnet. Die eingeleitete Untersuchung konstatirte mit voller Bestimmtheit, daß das Kreuz vor vier Jahren gelegentlich der Neuovirung des Gebäudes abgebrochen worden ist. Erzbischof Josef Samassa hat infolge dessen den Berichterstatter seiner Stelle enthoben und strafweise in eine kleine Gemeinde zum Pfarrer ernannt. Von Nah und Fern. — Der Kaufmann Alfred Man heim er hat die Rothe Kreuz- Medaille III. Klasse erhalten. — Am 15. d. M. ist hier der weit bekannte Prestidigitateur Professor Michaelis Hermann nach schweren Leiden gestorben. Er hat zahlreiche Erfindungen auf dem Gebiete der Illusion, des Gedankenlesens und des Antispiritisnius gemacht, die großes Aufsehen erregten. — Der Dreschgras Pückler ist wieder einmal wegen einer aufreizenden Rede von der neunten Strafkammer des Landgerichts I freigesprocheu worden. Der Staatsanwalt hatte 150 Mark Geldstrafe beantragt. Der Gerichtshof kam aber wieder zu dem Urtheil: Zweifellos sei es, daß die Rede des Angeklagten objektiv aufreizender Natur sei, aber es fehle das Thatbestandsmerkmal der Gefährdung des öffentlichen Friedens, denn nach den Bekundungen der Zeugen sei nicht zu befürchten gewesen, daß einer der Zuhörer sich zu Gewalttätigkeiten hinreiben lassen würde. — In Könitz überfiel nach Schluß des Prozesses gegen Moritz Lewh am 15. d. M. der Lehrer Weichel den Zeugen Zimmer, den Korrespondenten der „Staatsbürger- Zeitung" und des „Konitzer Tageblattes" und versetzte ihm mit einem Stock einen Schlag über den Kopf. Weichel wurde zur Polizeiwache gebracht, um ihn vor weiteren Thätlichkeiten abznhalten. — Bei den Bnrgerschaftswahlen in Hamburg haben die Antisemiten trotz der größten Anstrengungen doch wieder nur den einen Sitz behauptet, den sie schon früher inne hatten. -- Das bei der deutsch-israelitischen Gemeinde in Hamburg für wohlthätige Zwecke gestiftete Kapital beträgt 2 224300 Mark. Von den insyesammt 94 600 Mark Zinsen werden verwendet: zu Wohlthätigkeitszwecken 44 250 Mark, zur Unterstützung armer Verwandter der Stifter 11450 Mark, zu Zuwendung an Wohlthätigkettsinstitute (Armenwesen. Unterricht, Krankenhaus, Waisenanstalten rc. rc.) 28 450 Mark, zu rituellen Zwecken 11750 Mark, zur Unterhaltung von Grabstätten rc. 5700 Mark. — Der großherzogliche Landrabbiner Dr. Loevy-Birkenfeld hat aus dem Civtlkabinet des Kaisers ein anerkennendes Dankschreiben für sein« Festschrift: „Zwei Jahrhunderte unter dem schwarzen Adler", die im ca. 200 deutschen Schulen am 18. Januar aufgesnhrt wurde, erhalten. — Das Projekt der Begründung eines schweizerisch-israelitischen Waisenhauses ist gesichert. Ein großer Fonds ist bereits durch die Bemühungen des Herrn Dreysuß-Neumann in Basel zusammen gebracht, und die thatkräftige Unterstützung aller israelitischen Gemeinden der Schweiz wird nicht fehlen. — Paris ist diesmal vor der Schande bewahrt geblieben, daß ein Subjekt wie der Antisemit Negis sich, als Volksvertreter anfspielen darf. Bei der Stichwahl im 11. Parisex Arrondissement siegte der Sozialist Allematte mit 4255 Stimmen über Negis, der 3347 Stimmen erhielt. — Der französische Antisemitenbund veranstaltete in der Rue de la Paix ans Anlaß des Schneiderausstandes eine Kundgebung gegen die jüdischen Schneidergeschäfte, wobei wieder der in den letzten Monaten selten gewordene Nus „Tod den Juden!" bis zum scharfen Eingreifen der Polizei die Straße beherrschte. — Ein vom Vaudevilletheater in Paris vorbereitetes blutig antisemitisches Stück von Albert Guinon „Decadence" wurde in letzter Stunde von der Censur verboten. — Bei den Vermählungsfeierlichkeiten im Haag waren die Oberrabbiner der deutschen und portugiesischen Gemeinden offiziell eingeladen. — Der nächste Zionistenkongreß wird wieder in London stattfiudeu. — Die „Kiewer Zeitung" bringt einige biographische Mittheilungen über den Ingenieur I. A. Bernstein aus Kiew, der, in Erfüllung seiner Amtspflicht von eitler chinesischen Kugel durchbohrt, in der Mandschurei sein junges Leben für das Vaterland verlor. Unter anderm theilt diese Zeitung mit, daß der Verewigte als Student in den achtziger Jahren dem Kaiser Alexander III. in Gatschina vorgestellt wurde, und zwar als Deputirter vieler jüdischer Familien, die damals des Rechts des Wohnsitzes verlustig wurden. Die Energie des Heimgegangenen, womit er sich dieser Angelegenheit unterzog, wurde von Erfolg gekrönt. — In Klschinew wurde am 8. v. M. in feierlicher Weise das neuerbante Haus des dortigen jüdischen Handlungsgehilfenvereins eingeweiht, in dem sich die jüdische Elementarschule befindet, die zum Gedächtniß der Krönung gegründet worden ist. Dieser Feier wohntet! bei der Vertreter der lokalen Administration, der Bürgermeister, die Stadtverordneten, die Munizipalität, der Direktor der Volksschulen des Bessarabischen Gouvernements, der Inspektor der Volksschulen, die Ehrenmitglieder des Vereins, der Verwaltungsrath dieser Gesellschaft und noch viele Andere. — Wie wir hören, wird znm Direktor der landwirthschastlichen Schule zweiten Ranges fürjüdische Ackerbauer itt der Kolonie No w o - P o l ta w ka, Chersoner Gouvernemeut, der zum Ministerium der Landwirtschaft und der Staatsdomänen zählende G. A. Ljubarsky ernannt werden. Derselbe bekleidete bis vor Kurzern den Posten eines Gouvernialagronomen in der Kasaner Landsmannschaft (Semstwo). In den Kreisen vom Spezialisten ist Herr Ljubarsky sowohl durch seine Arbeiten auf dem- Gebiete der landwirthschastlichen Litteratur. als durch Organisation von agronomischen Maßregeln im Kreise der Bauernbevölkerung hinlänglich bekannt; während seines Aufenthaltes in Kasan stand Herr Ljubarsky den lokalen jüdischen Anstalten sehr nahe. — In der Umgebung der Stadt Soroky (Bessarabien) werde»! gegenwärtig eifrig die Arbeiten zur Organisation einer Musteranstalt für Inden, die sich speziell mit der Landwirthschaft befassen wollen, vorgenommen; dieselbe bezweckt, den Jüngern das uöthige Material für den Boden zu liefern und überhaupt in die Landwirthschaft neue Formen der Bearbeitung und Bestellung desselben einznsühren. Die Arbeiten werden unter Leitung eines Spezialisten in der Gärtnerei, I. G. Ettinger, unternommen, vorzugsweise unter Betheiligung von jüdischen Arbeitern. Der ganze Platz ist auf 54 Bezirke getheilt zu 16 x 16 Saschen.nnd ist mit einer Vertiefung von 630 Taschen umgeben. Auf dem Terrain, das die Munizipalität für diese Anstalt gegeben hat, gedenkt mau in der nächsten Zeit ein Wohnhaus für die Arbeiter und eine Werkstätte zu bauen. In Bälde werden die Arbeiten des Grabens und manches andere beendigt sein. Diese Musteranstalt ruft das lebhafteste Interesse in der lokalen Bevölkerung hervor und wird täglich von Gartenbesitzern besucht, die ihre volle Aufmerksamkeit den! Gauge der Arbeiten angedeihen lassen. — Vor einigen Dagen fand in Kiew in der dortigen Synagoge in Anwesenheit eines zahlreichen Publikums, unter dem man viele Christen bemerkte, ein Trauergottesdienst für den verewigten Philosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjew statt. Nach der Seelenfeier hielt der Rabbiner Dr. Jampoloky eine inhaltreiche Rede. — Bei der Einnahme von Ta kn zeichnete sich ein jüdischer Soldat aus Rußland besonders aus. Er war der Erste, der den befestigten Platz erreichte, und au der rechten Hand schwer verwundet, setzte er den Kampf noch erfolgreich fort. Er erhielt dafür das Soldatenkreuz des St. Georgsordens. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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