Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 des Urtheils in dem „Bayerischen Vaterland" und den „Münchener Neuesten Nachrichten" ungeordnet werden. Oesterreich-Ungar«. Wie«, 11. Februar. Unter ausdrücklicher Berufung auf die jüngsten Erklärungen des preußischen Jnstizministers über die Nichtzulassung jüdischer Richter brachte Abgeordneter Schönerer eine Anfrage an den Ministerpräsidenten mit der Forderung ein. Inden in allen Zweigen der Staatsverwaltung künftig nicht mehr oder nur ausnahmsweise anzustellen. - Vor einigen Tagen ist eine sehr interessante Broschüre ans der Feder des freisinnigen Abgeordneten Dr. Max Meng er erschienen, die sich „Staatskrise und Staatsstreich-Enthusiasten" betitelt und ein grelles Streiflicht auf Zustände wirft, in denen es geduldet ward, daß Abgeordnete „Schuhgeld ans die Juden" beantragten, und in denen das Märchen vom Ritualmord die üppigsten Blnthen zeitigen konnte. Die Schrift verdient gelesen zn werden. — Sehr merkwürdig ist es, daß die Bildung einer parlamentarischen Gruppe der Deut sch eil Fortschrittspartei, des letzten Restes der alten liberalen Partei, bisher noch nicht dnrchgefnhrt werden konnte, und das; das Hinderniß in der Stellung der Partei zur Judenfrage liegt, über die man sich noch nicht zn einigen vermochte. Mehrere jüdische Abgeordnete, die auf das deutschfortschrittliche Programm gewählt worden sind, haben ihren Eintritt in die Partei angemeldet. Dies dürfte zur Spaltung führen! Die Abgeordneten Gloeckner-Neichenberg und Nowak-Tetschen, die ebensals als Deutschfortschrittler gewählt sind, wollen mit den jüdischen Abgeordneten nicht zusammen in einem Klub sein und Haber: daher voll vornherein sich um die Aufnahme nicht beworben; Abgeordneter Pergelt, dessen Stellung in seinem Wahlbezirke Warnsdorf-Rnmburg sehr erschüttert war. hat ans demselben Grunde seinen Austritt aus der Partei angemeldet; einige andere deutschböhmische Abgeordnete dürften zugleich mit ihm fahnenflüchtig werden. Ist das nicht der Gipfel der Komik? — Rührend ist die Einstimmigkeit, mit der einer aus ihrer Mitte von den Christlich-Sozialen verleugnet wird, sobald er sich hat etwas zn schulden kommen lassen, als da sind: Defraudationen, Eingriffe in Kassen u. dergl., wie es jetzt neuerdings dem antisemitischen Gemeinderath Schrobauer ergangen ist, der als Vorsteher der Einspännergenossenschaft Veruntreuungen in der Höhe von mehreren tausend Kronen begangen hat. infolge dessen er gezwungen ist, sein Mandat niederzulegen und, wie bemerkt, von den vereinigten Christlich- Sozialen verleugnet wird; nur schade, daß sie aus solchen Pflicht- und ehrvergessenen Personen nicht im Handumdrehen — Juden machen können! — In Graz wurde der antisemitische ehemalige Gemeinderath Feichtinger wegen Beleidigung eines Abgeordneten zu einer Arreststrafe verurtheilt. — In Göding ist im Alter von 68 Jahren der langjährige Bürgermeister der israelitischen Gemeinde. Herr- Joses Beer. Inhaber zahlreicher Ehrenstellen und Auszeichnungen, verschieden. Großbritannien. London, 8. Februar. Am 3. Februar wurde in London unter kolossaler Betheiligung der für das Londoner Judenthum allzufrüh verstorbene Mr. Li onel Alexander zu Grabe getragen. 1852 zn London geboren, begann der Verblichene scholl frühzeitig sich in hervorragender Weise für die jüdischen Wohlthätigkeitsinstitutionen Londons All illteressirell, denen er, obwohl eil! vielbeschäftigter Mann, den größten Theil seiner kostbaren Zeit opferte. Sein großes Arbeitsfeld bildete in der ersten Zeit das Board vf Guardians, in das er 1881 eintrat, und dessen Ehrensekretär er bis 1893 war. In dieser Stellung hat er sich namentlich um die verfolgten russischen Juden in hervorragender Weise verdient gemacht. Um sür die vertriebenen Glaubensgenossen besser wirken zu können, übernahm er das Amt eines Ehrensekretärs des Mansion House. dessen Mitglied er blieb, auch nachdem dasselbe in das Komitee für die russischen Inden umgewandelt wurde. Zum Schuh der vertriebenen russischen Inden hat Mr. Alexander eine größere Arbeit über die Einwandernngsstatistik. über die Zahl der russischen Juden in England sowie über die jüdischen Armen verfaßt. Diese Zahlen waren für das Unterhaus bestimmt, welches schon 1888 eine Kommission zum Studium der Ein- und Answandernngsfrage eingesetzt hatte. 1894 wurde er Vizepräsident des jüdischen Siechenhauses, der jüdischen Alterversorgungsanstalt, des Waisenhauses, des Jewish College und einiger jüdischen Unterrichtsanstalten Londons. Endlich war der Verstorbene Präsident des jüdischen Arbeiterklubs. Ueberhanpt gab es in London keine jüdische Wohlthätigkeitsinstitution, mit dem Lionel Alexander nicht innig liirt gewesen wäre. In allen diesen Aemtern hat sich der Verstorbene, welcher eine ungewöhnliche Arbeitskraft besaß und ein hervorragender Organisator war, mit einer beispiellosen Hingebung gewidmet. Namentlich verdankt ihm das jüdische Siechenhaus seine jetzige mustergiltige Organisation. Seiner Energie itlld Hingebung ist es auch gelungen, in verhältnißmäßig kurzer Zeit die zur Errichtung eines eigellen Heims für die jüdischen Siechen erforderlichen 30000 Lstr. aufzubringen. Trotz der großen Arbeitslast, welche ans seinen Schultern lag, fand er noch Zeit und Muße, sich im politischen Leben zu bethätigen. Er stand Jahre hindurch an der Spitze der konservativen Partei East-Londons. Noch bei den letzten Parlaments- Wahlen trat er in Leeds sür die Wahl des Staatssekretärs Balfour ein. Vier Wochen später wurde er krank, und Anfangs November war er genöthigt, sich von allen privaten und öffentlichen Geschäften znrückzuziehen, um in Brighton, wo er, der Junggeselle geblieben war. von seiner Mutter und Schwester gepflegt, die letzten Tage seines thatenreichen Lebens zn verbringen. Lionel Alexander war ein strenggläubiger Jude, der ill allen Lebenslagen die Vorschriften der jüdischen Religion getreu beobachtete. Selbst ans Reisen wich er nicht um ein Jota von den jüdischen Neligionsgesetzen ab. Ehre seinem Andenken! Von Nah und Fern. — An ein und demselben Tage, ill den erstell Stunden des 8. d. M.. sind nach langen schweren Leiden Dr. Israel Boas und Frau Jeanette, geb. Ball, im 83. und 84. Lebensjahre hier gestorben. — Der Vorstand der Anwaltskammer in Posen wählte wiederum zu seinem Vorsitzenden den Geheimen Justizrath Orgler und zum stellvertretenden Schriftführer den Justizrath Salomon. — Das Asyl sür ältere und alleinstehende Israeliten Westfalens wird in Unna errichtet und soll schon am 1. April d. I. eröffnet werden. — In der Beleidigungsklage des Rechtsanwalts Dr. Spohr gegen die „Frankfurter Zeitung", die antisemitische Aeußernngen dieses Rechtsanwalts vor Gericht scharf zurückgewiesen hatte, vernrtheilte das Schöffengericht in Gießen den Redakteur Listowsky wegen Beleidigung zu 150 Mark Geldstrafe. Dem Kläger wurde die Publikationsbefugniß zugesprochen. Die „Frankfurter Zeitung" gedenkt Berufung einzulegen. — Die „Hessische Landeszeitung" wirft dem Reichstagsabgeordneten für Marburg, Dr. Böckel, vor. daß er als antisemitischer Abgeordneter mit dem jüdischen Parlamentsjournalisten Dr. Hamburger in geschäftlicher Verbindung stehe, indem er gegen Entgelt dem genannten Journalisten Berichte aus den Kommissionssitznttgen geliefert habe! — Die Heidelberger Universitätsbibliothek hat ihren bedeutenden Schatz voll Papyrushandschristen letzter Tage durch Ankauf umfangreicher Septuagintabruchstücke bereichert. — Der Rechtsstreit der Erbeu des Baron Hirsch mit der französischen Steuerbehörde ist zu Gunsten der ersteren entschieden worden. Der Staatsschatz wurde zur Rückzahlung voll 1825375 Mark zn viel erhobener Stellern an die Erben verurtheilt. — Der französische Senat hat das Budget für den jüdischen Kultus mit 133540 Francs sür die Beamten und 22 000 Francs sür das Seminar in Paris genehmigt. Außerdem noch den Posten von 51000 Francs als Beihilfe für den Bau voll protestantischen und jüdischen Gotteshäusern. — Der berühmte russische Bildhauer M. A n tok o l skh ist zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt worden. — Der russische Bildhauer Leopold Bernstei u - S in a j ess ist zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden. — Auch die Türkei besitzt jetzt ein jüdisches Centralkonsistorittln. Als Präsident wurde der Vizeadmiral Jsaac Pascha Molcho, als zweiter Präsident der Oberst Moise Bey del Medico, als Schatzmeister Jacques Effendi Mänachö gewählt. — Mr. und Mrs. Abraham Steinau haben äum Andenken ihres verstorbenen Sohnes Lncas dem jüdischen technischen Institut in Nelv-Uork 100000 Dollars gespendet. Die Summe soll zur Errichtung und Unterhaltung einer Schule sür Mechaniker verwendet werden. — Kaiser Franz Joseph verlieh dem österreichischen Staatsangehörigen Adolph Epler in Johannesburg den Franz Josephsorden. Epler ist der Sohn des Brunner Statiouvorstehers und Knltusvorstehers und lebt seit vielen Jahren in Johannesburg. Er wurde bei Ausbruch des Krieges zum Ehe! des dort errichteten Polizeikorps ernannt und erwarb sich große Verdienste um den Schutz des Eigellthums der Ausländer in Johannesburg. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.