Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1901)
- Date
- 1901-02-15
- Page
- Seite 81 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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81 Friedrich II. gleich nach seiner Thronbesteigung in den Adel erhoben wurde. In seiner Eigenschaft als Stellvertreter des Königs Wilhelm I. nach dem ruchlosen Attentat von Nobiling verlieh der Kronprinz dem damaligen Staatssekretär Heinrich Friedberg bereits einen hohen Orden in Anerkennung der ihn: von dem ausgezeichneten Staatsmann geleisteten langjährigen Dienste. Und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem hohen Herrn und seinem politischen Rathgeber gestalteten sich von Jahr zu Jahr immer inniger. Anfänglich sehlte es nicht an Versuchen, das Verhältnisz des Kronprinzen zu Friedberg zu stören und bei dem Könige zu verdächtigen. Als Fürst Bismarck Friedberg zur Berufung an die Spitze des neu geschaffenen Reichsjustizamts in Vorschlag brachte, besorgte er deswegen an Allerhöchster Stelle auf Widerspruch zu stoßen. Um dem vorzubeugen, entschlos; sich der Kronprinz, sein Verhältnisz zu Friedberg eingehend ktarzustellen und Bismarck ausdrücklich zu ermächtigen, von den ihm gemachten Mittheilungen bei dem Jmmediatvortrage Gebrauch zu machen. In der neuen Stellung bewährte sich Friedberg auch nach dem Uriheile des Kaisers so sehr, daß er beim Ausscheiden Leonhards zum Justizminister ernannt wurde. Kaiser Wilhelm aber nahm in seiner gütigen und offenen Art schon vorher Gelegenheit, öffentlich seine Billigung der Beziehungen des Kronprinzen zu Friedberg anszusprechen. Als Friedberg nach der Wiederübernahme der Regierung durch den Kaiser vor diesem das erste Mal mit dem ihm vom Kronprinzen verliehenen Orden erschien, sprach ihn der Kaiser vor vielen Zeugen laut mit den Worten au: „Das Band haben Sie nicht von mir, sondern von meinem Sohne, ich freue mich aber, daß er es Ihnen verliehen hat." Neben Friedberg war es noch ein anderer von Juda stammender Politiker und Jurist, der später von ihm in den Adelsstand gehobene Präsident des Leipziger Reichsgerichts Eduard von Simson, dem der Kronprinz und Monarch sein ganzes Vertrauen in unbeschränkter Weise znwandte. Gern benutzte der hohe Herr jeden sich ihm darbietenden Anlaß, um dem für das Vaterland, namentlich die deutsche Einheit so hochverdienten Staatsmannseinen warmen Dank und seine lebhafte Anerkennung auszusprechen. Von den Komponisten des 19. Jahrhunderts war ihm der liebste der jüdische Maestro Giaeomo Meyerbeer. Er versäumte es fast nie, in Berlin oder auf seinen Reisen die Ausführung der Meisterwerke des Schöpfers des „Prophet", der „Hugenotten", der „Afrikanerin" und der „Dinorah" beizuwohnen. Da man diese Vorliebe des Fürsten für die Werke Meyerbeers kannte, führte denn auch die Intendanz der königlichen Oper zu Madrid anläßlich seiner Anwesenheit in der spanischen Hauptstadt im November und Dezember 1883 nur Meyerbeersche Opern auf. Was die Dichter betrifft, so las der Kaiser mit Vorliebe die Werke Heinrich Heines, und citirt in seinen Briefen gern einzelne Strophen ans den Gedichterl des ungezogenen Lieblings der Grazien. Als er z. B. im Dezember 1883, irr Granada weilend, die „Generallife" betitelte Niederlassung mit ihren reizenden Gartenanlagen und Wasserkünsten arabischen Ursprungs und sehr alten Bäumen besichtigte, erinnerte er sich daran, daß dieser „Garten der Architektur" im Besitze des Marchesa Durazzo Pallavirini sei, der auch Eigeuthnrner des herrlich gearbeiteten Schwertes Boabdils war, welches dieser bei der Uebergabe Granadas Ferdinand und Jsabella überreichte Sein Andenken stehe in Verbindung mit dem Gebirgspaß der Sierra Nerada, welchen er beim Abzüge von der verlorenen Residenz überschreiten mußte, und der deshalb noch bis zur Stuude „Der letzte Seufzer des Mauren" heißt. Bei diesem Anlaß führt nun der Kronprinz den Vers Heinrich Heines an: „Berg des letzten Mohren-Seufzers" Heißt bis auf den heutigen Tag Jene Höhe, wo der König Sah znm letzten Mal Granada. Wie in Deutschland, so pflegte der Fürst auch in Italien und Spanien neben den Kirchen und Moscheen die Synagogen gleichfalls zu besuchen, wobei er in weihe- und Pietäts- Völler Stimmung dem Gottesdienste beiwohnte und Rabbiner und Prediger mit Ansprache beehrte. Kaiser Friedrich II. hatte eine warme Liebe für die Bibel und er hat seinen Empfindungen wiederholt öffentlichen Ausdruck gegeben. Hier nur ein Beispiel: Am Tage seiner silbernen Hochzeit hatte der Kronprinz irr einem Erlasse an den Kultusminister ausgesprochen, daß er in dem Neubail der Kirche in Golm beim Neuen Palais eine bleibende Erinnerung au die Feier seiner silbernen Hochzeit zu erblicken wünsche. Im September 1881 war der Grundstein gelegt worden, und am 24. Juli 1886 fand die Einweihung der Kirche im Beisein der kronprinzlichen Herrschaften statt, die sich die Förderungen des Baues und der inneren Einrichtungen unausgesetzt hatten angelegen sein lassen. Air den Wänden der Kirche befinden sich neue Bibelsprüche, welche vom Kronprinz selbst ausgewählt wurden und die ein Ausdruck seines eigenstell religiösen Empfindens sind. Man wird diese nicht ohne tiefe Wehmnth lesen; es ist uns, als ob trübe Ahnung schweren Schicksals schon damals den hohen Herrn erfüllt hatte. Der erste Entwurf zu den Sprüchen von des Kronprinzen eigener Hand lautete: Gedenke der vorigen Zeit bis daher lind betrachte, was der Herr gethan hat an den alten Vätern. -V Mos. 32, 7. Gleichwie der neue Himmel und die neue Erde, so Ich mache, vor mir stehen, spricht der Herr, also soll auch Euer Same und Name steheu. Jes. 66. 22. Der Herr, unser Gott, sei mit uns. wie er gewesen ist mit unseren Vätern. 1. Könige 8, 57. Und last das Buch dieses Gesetzes nicht von Deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht, auf daß Du haltest und thnst aller Dinge nach dem, daß darinnen geschrieben steht. Josna 1, 8. Behüte Dein Herz mit allem Fleist; denn daraus gehet das Leben. Sprüche 4, 23. Sei stille dem Herrn und warte ans ihn. Ps. 37. 7. Befiehl dem Herrn Deine Wege, und hoffe ans ihn. er wird es wohl machen. Ps. 37. .5. Schaffe in mir Gott ein reilles Herz und gieb mir einen neuen gewissen Geist. Ps. 57, 12. Als die Kunde von dem so frühen Ableben des innigstgeliebten und allverehrten kaiserlichen Dulders sich verbreitete, ging ein tiefer Wehrnf durch das deutsche Volk; besonders innig betrauerten ihn mit Recht unsere deutschell Glaubensgenossen, die den heldenhaften Märtyrer gekannt und geliebt hatten, in den Tagen der höchsten Noth mit ihm gelitten und gekämpft, als gelte es ihr eigenes Schicksal. Nun er dahin gegangen war, sanken alle glänzenden und freudigen Hoffnungen ins Grab, welche sich all seine glorreiche Person und an sein gottgesegnetes Wirken geknüpft hatten. Aber über das Grab hinaus blieb ihm die Liebe der Deutschen und speziell der deutschen Juden.