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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-02-01 · Heft 5 (1.2.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 5 (1.2.1901)
Date
1901-02-01
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Freiherr Anselm v. Rothschild kinderlos starb. Wilhelm v. Rothschild war mit seiner Cousine Mathilde v. Rothschild verehelicht, mit der er im November 1899 die goldene Hochzeit feierte. Dieser Ehe sind zwei Töchter entsprossen, deren eine an den Freiherrn Edmund v. Rothschild in Paris, die andere au Herrn Max B. H. Goldschmidt in Frankfurt a. M. verheirathet ist. Männliche Erben hat weder Mäher Karl noch Wilhelm Karl hinterlassen, und es ist also wieder eine Situation wie damals eingetreten, als die Sprossen eines anderen Gliedes der Nothschildschen Familie zur Leitung des Stammhauses berufen wurden. Alles in allem war der Verstorbene in seinem Wesen und seiner Denkart ein Mann voll altmodischem Zuschnitt. Den schönsten Theil seines Wirkens bildete die Wohlthätigkeit, die er übte. Der Zehnte jMaaser) seiner 700000 bis 800000 Mark betragenden jährlichen Einkommensteuer war ohne Weiteres für wohlthätige Zwecke bestimmt. Besonders haben die orthodoxe Neligionsgesellschaft in Frankfurt a. Nt. und alle orthodoxe Gemeinden, Vereine und Institutionen in Deutschland sich seines großen Wohlwollens zu erfreuen gehabt. Bei der Beerdigung, der eine zahllose Menschenmenge beiwohnte, sprach zunächst im Tranerhause Rabbiner Dr. Breuer, ans dem Friedhofe Rabbiner Dr. Horowitz und hierauf der Vorsitzende der orthodoxen Netigionsgesellschast, Herr Louis Feist, zum Schluß im Namen der Stadt Bürgermeister Varrentrapp, der dem Stadtbürger. ans den die Stadt stolz sein konnte, ein inniges Lebewohl nachries. Ehre dem Andenken des frommen und edlen Mannes!!8l. Pirmasens, 14. Januar. Nach kaum dreitägigem schweren Krankenlager verschied im 77. Lebensjahre am letzten Molllag Abend Herr Samuel Kahn I. Der Verstorbene, der in hiesiger Stadt geboren und erzogen war und weit in der Umgegend der Stadt eine gut bekannte Persönlichkeit war. war auch ca. 37 Jahre hiesiger Shnagogendiener, welches Amt er treu und gewissenhaft bis an seinen Sterbetag versah. An der großen Betheiligung des Leichenzuges konnte man wahrnehmen, welche Liebe lind Achtung sich der Verstorbene weit und breit erworben hatte, was auch Herr Bezirksrabbiner Dr. Mayer - Zweibrncken in seiner Leichenrede hervorhob. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde ein ballerndes sein. Oesterreich - Ungarn. lH Wien, 28. Januar. Während der Dauer des Polllaer Prozesses lenkte ein antisemitischer Agitator, der 65 jährige Arzt Dr. Bulowa. durch Veröffentlichung und Verbreitung von anshetzenden Broschüren die Aufmerksamkeit ans seine sonst ziemlich obskure Persönlichkeit; null wurde dieser große Mann vom Prager Lalldesgericht in eben dieser Sache zu einer Geldstrafe, und im Nichteinbringnngsfalle zu füufunddreißigtägiger Arreststrafe verurtheilt. Dagegen wurde der Glashnttendirektor I. Semm, den ein Gendarlneriewachtmeister dennnzirt hatte, daß er ihm 25 000 Gulden allgeboten habe, „wenn er einen anderen Thäter des an der Agnes Hrnza begangenen Mordes ausfindig machen könnte als Hülsner", vom Kreisgericht in Kattenberg, nachdem er in der ersten Instanz verurtheilt worden war, am 23. d. M. sreigesPr ochen, da das Gericht annahm, daß Semm den Gelldarm nur zur Erfüllung seiner Amtspflicht habe anspornen wollen. — Die Geschäftslokalitäten der „christlichen Kl e i de r m ach er " in Budapest wurden infolge mehrerer gegen sie erstatteten Betrngsanzeigen behördlich gesperrt. — Dienstag Nachts ist in Graz der letzte Bruder des Politikers und Publizisten Dr. Ignaz Knranda, Adolph Kuranda, im Alter von 75 Jahren gestorben. Knranda hat in Prag, seiner Geburtsstadt, an der Freiheitsbewegung des Achtundvierzigerjahres thätigen Antheil genommen, und bekam damals bei der Verteidigung einer Barrikade einen Schuß in die rechte Hand, welcher die Verkrüppelung des kleinen Fingers zur Folge hatte. Kuranda übernahm später das von seinem Vater begründete renommirte Antiquariat in Prag, das er jedoch Ende der Sechzigerjahre verkaufte, um sich in Wien gleichfalls als Buchhändler zu etabliren. Viele Gelehrte und Litteraten werden sich sicherlich mit Vergnügen der hiesigeil Kurandastchen Buchhandlung erinnern, welche stets Raritäten am Lager hatte. Vor etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren ließ sich Kuranda in Graz nieder, wo er sich ebenso wie in Prag und Wien viele Freunde erwarb. Ein Sohn Kurandas weilt in Transvaal in hervorragender Stellung. Von Nah und Fern. — Die Kaiserin hat der Frau Kommerzienrath Loewe hier das silberne Franeuverdienstkrenz am weißen Bande verliehen. — Die Akademie der Wissenschaften hat Herrn Professor Dr. Alfred Philippson in Bonn ans der Heckmaunstiftnng 4500 Mark zu geographischen und geologischen Forschungeil im westlichen Kleinasien gewährt. — Am 28. d. Nt. starb hier nach kurzem Leiden Dr. med. Siegfried Hahn. Er wirkte länger als zwei Jahrzehnte während der Sommermonate als Badearzt in Elster und hatte dort eine zahlreiche Klientel. Literarisch bethätigte sich Dr. Hahn mehrfach in seinem Sondergebiete, der Bäderkunde. — Professor Dr. Alfred Philippson in Bonn hat das Ritterkreuz des griechischeil Erlöserordens. Geheimer Medizinalrath Professor Dr. Ehrlich in Frankfurt a. Nt. das Kommandeurkrenz II. Klasse des norwegischen Ordens vom heiligen Olaf erhalten. — Wegen Unterschlagung ist der Kaufmann Fr. P ape. Vors. d. Gaues Brandenburg vom Verbände deutsch-nationaler Handlungsgehilfen, eine Säule des Antisemitismus, dieser Tage verhaftet worden. — Polizeikommissar Block in Spandau hat gegen die „Staatsbürgerzeitnng" Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. — Rabbiner Dr. Nobel in Königsberg i. Pr. hat sein Amt bei der dortigen orthodoxen Gemeinde scholl nach wenigen Wochen niedergelegt. — In Grandenz wurde der Landrabbiner Dr. Loewy in Birkenseld zum Rabbiner gewählt. — In Neustadt O.-Schl. ist am 27. d. M. der Geheime Sanitätsrath Tr. Wilhelm Frankel nach langen Leiden gestorben. Derselbe gehörte während eines halben Jahrhunderts dem Vorstande der Gemeinde all. Er war mit dem Rothen Adlerorden IV. Klasse dekorirt. F. s. A.! — In Schlocban wurde eine Versammlung, in welcher Wilhelm Bruhn über „Den Blutmvrd in Könitz", und „Warum werden die Mörder nicht entdeckt?" einen Vortrag halten wollte, vom Bürgermeister verboten. — In Brestall ist am 23. d. M. der Jnstizrath Dr. Jakob Levy im Alter von 53 Jahren nach langen schweren Leiden gestorben. — In Paris ist der Komponist Jules Cohen im 65. Lebensjahre gestorben. Sein Hauptfach war religiöse Musik. Er war früher Chordirektor der Oper. — In C hnl o n s - snr-Marn e ist der dortige Rabbiner Alexander in hohem Alter, allgemein betrauert, nach langen Leiden gestorben. — Ein Opfer der Wissenschaft ist Dr. Walter Mayer aus Birmingham geworden. Mayer widmete sich den Studien des Blutes und seiner Krankheiten lllld verfaßte einige Schriften über das Kobragist, welche in der medizinischen Welt '^Aufsehen erregten. Im vorigen Jahre reiste er ail der Spitze einer von der Liverpooler Schule für Medizin der Tropen ausgerüsteten Expedition nach Para in Brasilien, um an Ort und Stelle das gelbe Fieber zu stndiren. Hier starb er am 20. d. M., kaum 29 Jahre alt. als Opfer der heimtückischen Krankheit, welche er bekämpfen wollte. — Die Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russisch eil Inden hielt am 13. d. M. ihre jährliche Generalversammlung ab, zu welcher über 150 Mitglieder, die zum Theil von weit herkamen, erschienen waren. Für das Jahr 1901 wurden die Einnahmen lllld Ausgaben mit 39 000 Rubel veranschlagt. Bei den darauf erfolgten Vorstandswahleu wurde an Stelle des turnusmäßig ausgeschiedenen Herrn Margolin Herr M. Winawer für die Dauer von drei Jahren gewühlt. — Auf Veranlassung des Organisators des Genossenschaftswesens in Rußland, des Herrn Lewitski, haben 42 jüdische Familien aus Elisabethgrad an die Negierung eine Eingabe gerichtet, ihnen in eitler beliebigen Gegend des weiten Zarenreiches Land anzuweisen, das sie auf genossenschaftlicher Grundlage bebauen wollen. Ferner wollen sie sich verpflichten, das ihnen überwiesene Land stets selber und ohne Hilfe gemietheter Arbeitskräfte zu bearbeiten. Man ist überzeugt, daß die Regierung die Bitte berücksichtigen werde. — Das Urtheil wider die Rädelsführer bei den Odessa er Judenkrawallen ist in dieser Woche gefällt worden. Von den 35 Angeklagten wurden 27 zu Zwangsarbeit verurtheilt, und zwar 2 zu je 2. 8 zu je 1—1V2, 17 zu je 1 Jahr. Eine Frau erhielt 1 Jahr und 5 Männer je 8 Monate Gefängniß. Ein Manu Namens Moses Gornow (Jude?) wurde zu 3 Wochen Gefängniß verurtheilt. Ein Angeklagter wurde freigesprocheu. Sämmtliche Verurtheilte haben gemeinschaftlich alle Gerichtskosteu zu tragen. Die von einer Anzahl Juden gestellten Entschädigungsansprüche in Höhe von 200 000 Rubel wurden dagegen vom Gerichtshof als nicht erwiesen angesehen und infolgedessen abgelehnt. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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