Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228425--57236-3293597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
50 erfolgreich sich zu gestalten. Dies alles aber verhindern die Zionisten durch ihr Treiben. Wir fragen nicht einmal, wie nahe es auch läge: Wozu der Lärm, was steht den Herren zu Diensten: was hätte der Zionismus für seine Ziele von einein deutschen Judentag zn erwarten? sondern wir nehmen einfach als selbstverständlich an, daß die Herren einzig und allein um der Sacke willen, ausschließlich um den gemeinsamen Interessen zu dienen, die Einberufung des Judentags befürworten. Aber sie können doch unmöglich glauben, dies dadurch zu bewirken, daß sie auf die offiziellen Vertreter des Judenthums, auf die Rabbiner, Vorsteher, und besonders auf die wohlhabenden Juden ihr ganzes Schimpfwörterlerikon ausschütten. Die Außenwelt erfährt dadurch nicht nur, daß das Judenthum nickt blos aus Börseurittern besteht, sondern auch, daß innerhalb dieses Judenthums ein unheilbarer Zwiespalt epistirt, der wohl garnicht anszugleichen sei. Das ist aber eine Schwächung unserer Position inmitten des Kampfes, wie sie nicht schlimmer gedacht werden kann. Ganz unbegreiflich erscheint uns der Ruf der Zionisten: „Los voll der Judenschußtruppe, los vom Liberalismus!" Wir haben unsere Stellung in der Sache schon wiederholt ausgesprochen. Auch wir haben schon oft dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß das Vorurtheil, als wären die Juden mit der Fortschrittspartei unauflöslich verbunden, endlich einmal, und zwar besonders in den maßgebenden Kreisen, schwände. Allein wir vermögen trotzdem nicht einzusehen, welchen Zweck es hat, gerade jetzt gegen die Partei, an der wir noch den einzigen Rückhalt haben, los zu ziehen. Am wenigsten aber verstehen wir es, wie man einen Mann wie den Abgeordneten Rickert, der in edler und selbstloser Weise, mit wahrhafter Aufopferung, nur aus humanem Interesse und mit freiem Geiste die Rechte der Juden seit Beginn der Hetze gegen uns mit Mannesmuth vertheidigt, der der höchsten Allerkennung werth ist, — wie man gegen einen solchen Mann in der unerhörtesten Weise offene Angriffe richten kann. Das ist ein Undank, dessen sich Juden niemals schuldig machen sollten. Zum Glück ist Heinrich Rickert ein Mann, der nicht um des Dankes willen feine ganze Kraft in den Dienst der guten Sache gestellt hat, und er weiß wohl, daß die Majorität der deutschen Juden ihm für alles, was er in ihrem Interesse gethan, zu aufrichtigem Danke verpflichtet bleibt. Die hämische Freude aber, die boshafte Genugtuung, die die Antisemiten über diese „Beiseiteschiebung" empfinden und unverhohlen zum Ausdruck geben, sollte den jungen Zionisten zu denken geben. Wenn es ihnen wirklich um die „Ethisirnng des Jndenthttms" zu thun ist, dann sollten sie in der That, wie der Referent in der letzten Bersammlung treffend hervorgehoben, „bescheiden und stlll arbeiteil an der großen jüdischen Kultur", nicht aber sich vordrängeu und durch lautes Schreien, durch unaufhörliches Schimpfen, durch Zischen und Trampeln und durch Allüren, die jüdischen Versammlungen bisher völlig fremd geblieben sind, die allgemeine Aufmerksamkeit, den Unwillen der Freisinnigen und den Beifall der Antisemiten herauszufordern suchen. Möchten sich doch die jungen Herren nur darüber nicht täuschen, indem sie etwa aus dem zahlreichen Besuch ihrer Versammlungen auf die Zustimmung weiterer Kreise zu ihrem Vorgehen schließen. Es ist doch leider immer wieder die Lust am Skandal, das Vergnügen an der Herabsetzung von Autoritäten, die leider Viele in solche Versammlungen führt. Dagegen erscheint auch das Auftreten von Männern, die innerhalb des Judenthums eine angesehene Stellung einnehmen, in diesen Versammlungerl nicht immer als ein wirksames Gegenmittel. Gerade durch die scharfe Betonung des entgegengesetzten Standpunktes werden die größten Lärmszenen hervorgerufen. Auch Haberl uns die Erfahrungen auf diesem Gebiete seit Jahrzehnten gelehrt, daß noch niemals irgend ein moderner Mensch in einer Volksversammlung durch die Reden eines Gegners bekehrt, belehrt oder überzeugt worden sei. Welchen Zweck also haben diese Volksversammlungen, welchen Zweck verfolgen die Reden der leidenschaftlichen jungen Führer und welchen die Antworten der Gegner? Die letzte Frage könnten diese allerdings dahin beantworten, daß sie den Zweck verfolgen, offen und vor aller Welt Protest einzulegen gegen die Ausschreitungen unreifer Köpfe, gegen die falschen und verkehrteil Anschauungen über Juden und Judenthum, die in diesen Versammlungen mit großer Emphase verkündet werden, und daß sie, wie dies in der letzten Versammlung thatsächlich mit Erfolg geschehen, es versuchen, die jugendlichen Hitzköpfe vor unreifen Beschlüssen und Resolutionen zu behüten. Nun in diesem Falle müßten wir jenen Männern allerdings dankbar dafür sein, daß sie das große Opfer nicht scheuen, solche Versammlungen zu besuchen, was ja wahrlich weder ein Vergnügen ist, noch irgend welchen Nutzen bringt. Denn nicht oft und nicht entschieden genug muß voll unserer Seite betont werden, daß das Judenthurn als solches, daß die deutsche Judenheit im Besonderen mit diesen Angriffen und Aufreizungen nichts, aber auch nichts gemein hat, daß sie unbeirrt von diesen: Treibeil ihre Ziele weiter verfolgen wird und diese trotz aller Versuche von dieser oder jener Seite, ihm in den Rücken zu fallen, auch zu erreichen hofft. Berlin, s . ^annac n einer der letzten Sitzungen des Reichstags hat der bekannte agrarische Abgeordnete Dr. Oertel bei de'. Diskussion über das sozialdemokratische Programm „Re ligion ist Privatsache" den jüdischen Sozialdemokraten ironisch vorgeworfen, daß sie trotzdem noch Beitrüge zu den „Syna gogenkassen" zahlen. Daß die Anerkennung jenes Programm Satzes die Zugehörigkeit zn einer bestimmten Religionsgesellschaf nicht ansschließe, das wird jeder vernünftige Mensch wohl von selbst eittsehen. Im Uebrigen zeigt gerade diese Thatsache, wi> falsch und unwahr die von gegnerischer Seite mit besondere Vorliebe kolportirte Fabel von einer inneren Verbindung ode einem Zusammenhang zwischen Judenthum und Sozialdemo kratie sei, denn es kann sich im vorliegenden Fall nur uw drei sozialdemokratische Abgeordnete handeln, die noch innen halb der jüdischen Gemeinde verblieben sind. Alle übrigen I sind ebenso wie ihre Allhänger von jüdischer Abstammung entweder längst getauft oder aus dem Judenthum ausgetreten j und Dissidenten geworden, in richtiger Erkenntnis; dessen, da>. die Weltanschauung des Judenthums weit mehr als die christlich im prinzipiellen Gegensatz steht zur sozialdemokratischen. Mii nne Das dritte Vierteljahrsheft der Zeitschrift des königM! preußischen statistischen Büreaus enthält bereits die Ziffern