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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-25 · Heft 4 (25.1.1901) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 4 (25.1.1901)
Date
1901-01-25
Page
Seite 38 (sequence 5)
Language
German
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38 Väter nur fortzusetzen — dann wollen wir gern Schulter an Schulter kämpfen, und des Ringens Preis, glauben wir. wäre bei solchem Kampfe und Wettstreit kein geringer. Darum fort mit der unnützen, überflüssigen Herausforderung. an die unnöthigerweife so viel Zeit und Geld vergeudet wird, wo doch mit diesen Mitteln einer besseren Sache gedient werden könnte. Was würde wohl ein christlicher Theologe dazu sagen, wenn fort und fort von Seiten der Juden ihm apologetische Schriften des Judenthums ins Haus gesandt würden, wir meinen solche, die sich gegen das Christenthum richteten? (Natürlich können wir darunter solche Arbeiten nicht rechnen, welche die gegen das Judenthum oder gegen die Juden ausgestreuten Verleumdungen widerlegen und zur Aufklärung dienen sollen.) Würden in diesem Falle nicht überall Klagen laut werden über jüdische Zudringlichkeit und Anmaßung? Unsere Theologen sind von den Wahrheiten des Judenthums 'ebenso sehr und sicher überzeugt, als es jene christlicheil Theologen von den ihren sind; nur sagen sie sich, daß diese durch ihre innere Kraft sich Eingang verschaffen müssen in die Geister und Herzen, und unterlassen es deshalb wohlweislich, ihnen durch allerlei Mission Nachdruck zu verleihen. Sie glauben auch hierzu durchaus kein Recht zu besitzen; sie halten sich nicht für befugt, irgend einem Unbekannten ohne jede Veranlassung ihre Meinung aufdrängen zu wollen. Diese gleiche Rücksicht verlangen wir auch uns und unseren geistigen Führern gegenüber, gerade jetzt, wo im deutschen Reichstage ein Antrag auf Freiheit der Religionsübung eingebracht worden ist. Zn diesem „Toleranzantrage" paßt so vieles nicht, unter dem wir als Juden zu leiden haben, ganz gewiß auch nicht solche, sich selbst an die kompetenten religiösen Vertreter des Judenthums heranwagende Mission. Diese kann wohl, wie gesagt, in China und anderen fernen Ländern an Ort und Stelle sein, keineswegs aber unter den Juden und noch dazu unter den Rabbinern Deutschlands. Mc Woche. Berlin, 23. Januar. ie politischen Blätter sind mit dem Judentag noch immer nicht fertig. Jetzt sind es die fortschrittlichen und freisinnigen Blätter, die das Thema wieder aufwärmen. Natürlich zumeist in ablehnendem Sinne. So ließ sich die „Breslauer Zeitung" aus „zuverlässiger Quelle" durch eigenen Drahtbericht melden, daß der allgemeine Judentag nicht zu Stande komme, und mehrere fortschrittliche Blätter brachten diese Mittheilung mit aufrichtiger Genugthnung. Leider müssen wir diese Illusion zerstören. Ueber das Zustandekommen des Judentages ist noch nichts Authentisches festgestellt, aber es erscheint ziemlich sicher, daß eine große Organisation der deutschen Judenheit zur Vertretung ihrer Gesammtinteressen — also gerade das, was jenen Blättern am meisten Schrecken verursacht hat - doch zu Stande kommen wird. Ob aus dieser Organisation ein allgemeiner Judentag hervorgehen wird, das zu entscheiden, dürfte dann später Sache der Majorität innerhalb jener Organisation sein. Die Mahnungen, Warnungen und Drohungen der kleinen demokratischen Blätter aber werden die Entstehung jener Organisation jedenfalls nicht hindern. * Im Reichstag fand kürzlich eine interessante Debatte über den Duellunsug in der Armee statt. Bei dieser Gelegenheit betonte ein Abgeordneter des Centrums, daß es für die Katholiken eine Ehrensache sei, Offiziere und nicht blos Unteroffiziere zu werden, und er wies in diesem Zusammenhänge darauf hin, daß auch gegen Angehörige anderer Konfessionen ebenso verfahren werde wie gegen Katholiken. Dies kann sich, ivie die Dinge nun einmal liegen, doch nur aus die Juden beziehen. Sehr zutreffend bringt das „Berliner Tageblatt" mit diesem Ausspruche des Abgeordneten Bachem, der lediglich eine historische Thatsache konstatirt, da in den letzten Jahren jüdische Offiziersaspiranten nicht mehr gewählt wurden, eine Bemerkung zusammen, die der Kriegsminister von Goßler bei dieser Gelegenheit gethan hat. Nach den Worten des Ministers ist bei der Wahl zum Offizier lediglich festzustellen, „ob der Aspirant ehrenhaste Gesinnung und eine entsprechende Lebensstellung besitzt." Es wäre doch höchst merkwürdig, wenn unter den vielen Juden, die ihrer Dienstpflicht genügen, und zum Theil mit Auszeichnung und unter Beförderung zum Vizefeldwebel genügen, sich in neuerer Zeit Niemand befunden haben sollte, der sowohl ehrenhafte Gesinnung als entsprechende Lebensstellung besitzt. Sollten diese Eigenschaften zum Beispiel den zahlreichen Rechtsanwälten, Aerzten, Kaufleuten und Fabrikanten jüdischer Konfession, ui» nur einige Berufe herauszugreifen, in den Augen der Osfizierwahlkörper fehlen? Nach der Verfassung sind Alle gleich, Unterschiede nach dem Stande und der Konfession werden nicht gemacht, auch nicht für die Armee. Das Offizierkorps aber hebt, soweit seine Macht reicht, die Verfassung ans. Dieser Zustand verträgt sich auf die Dauer nicht mit einem Berfassungsstaat. Die Wahlen in Oesterreich sind nunmehr beendet. Das Gesammtresultat ist aber keineswegs so erfreulich, als man nach den Jubelartikeln der österreichischen Blätter hätte annehmen dürfen. Zwar haben die Christlich-Sozialen els Sitze und viele Stimmen verloren, dafür aber haben die Deutschradikalen und die deutsche Volkspartei viele Sitze gewonnen. Die drei Parteien haben zusammen 88 Abgeordnete gewählt, denen der Antisemitismus ein Hauptpunkt ihres Programms ist. Die katholische Volkspartei, die 23 Abgeordnete zählt, wird dies Programm gern unterstützen, und von den Jungczechen ist auch mindestens die Hälfte antisemitisch. Wenn nun auch der Führer der Deutschradikalen mit seinem Jubelrnf: „Nunmehr kann die Judenfrage endlich gelöst werden" weit über das Ziel hinausgeschossen hat, so muß man doch befürchten, daß die Inden in Oesterreich ernsten Tagen entgegensetzen. Leider sind sie nicht ganz ohne Schuld an diesem Wahlausgang. Sie haben in Böhmen und Mähren Deutschradikale gegen Sozialdemokraten gewählt und sind in Galizien zum Theil unter Führung der Rabbiner und Gemeindevorsteher an die Wahlurne gegangen, um polnischen Antisemiten ihre Stimmen gegen jüdische Kandidaten zu geben. Solche Fehler müssen sich bitter räche». Der Mangel einer Gefammtorganisation der österreichischen Judenheit erweist sich auch bei diesem Anlasse, ja gerade hier, als ein großes Unglück für diese. * Die greise Herrscherin des britischen Weltreichs, Königin Victoria von England, ist am 2S. d. M. sanft entschlafen, und mit allen Würgern des Reiches, in dessen Grenzen die Sonne r einer Fr gierungs. 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