Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1901)
- Date
- 1901-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Nr. 4. Kerlin, 25. Januar l El. eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Lndrvig Philippson-Konn. Verlays-Erpedition: Gerlin, Jernsalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redaeteur: Gustav Karpeles. Ältlsült. Leitartikel: Mission. — Die Woche. — Bericht über die Versammlung israelitischer Lehrer und Kultusbeamten der Provinz Pommern.— Aus den Niederlanden. — Wilhelm Herzberg und David Kaufmann. — Barkochba in der Dichtung. III. Von Dr. M. Lev in. — Feuilleton Die! Königsbraut. IV. Historische Erzählung von Carola Buchheim. — Kronele. IX. Eine Erzählung von Alexander Weill. — Lied des Paria. Von Alfred Fried mann. — Litlerarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten? Berlin, Könitz, Kattowitz, Hannover, Hamburg, Frankfurt a. M., Bonn, München, Wien. — Bon Nab und Fern. Misston. Berlin, 23. Januar. eit Jahren und Tagen werden die geistigen Führer der jüdischen Gemeinden und die Redaktionen jüdischer Blätter mit den verschiedensteil Missionsschristen bedacht. Immer nach Monaten — man könnte sagen in regelmäßigen Perioden — erfolgen solche Zusendungen, für die wohl Jedem die nöthige Erklärung fehlt. Was wird denn damit beabsichtigt? Meinen etwa die Absender wirklich, mit ihren Schriften sich an die rechte Adresse zrt wenden? Sie sollten doch nun schon aus Erfahrung wissen, daß es ganz andere Kreise sind, aus denen heraus es ihnen dann und wann auch einmal für sehr schweres Geld gelingt, eine „schöne" Seele zu „retten". Man könnte, so man den rechten Ausdruck nicht scheute, solches Vorgehen einfachZudringlichkeit nennen. DieseBezeichnung wäre auch dann vollauf berechtigt, wennjene „Seelenärzte", was wir zu ihrer Ehre ja gern annehmen, zunächst ihre Staudesgenossen von der anderen Fakultät zu religiösen Disputen veranlassen wollten. Wer wird denn aber eine solche Herausforderung wiederholen, wenn so viele frühere absolut erfolglos geblieben? Es ist Wohl von jener Seite auch die Verwunderung darüber ausgesprochen worden, daß aus den Kreisen der jüdischen Theologen alle jene Schriften einfach mit Stillschweigen übergangen werden. Das ist unserer Meinung nach aber auch das einzig Richtige, was hierbei geschehen kann. Wer in aller Welt würde in irgend einer Frage mit einein Zweiten diskutiren, sobald ihm mit seinem Gegner die gemeinsame Grundlage absolut fehlt? Die jüngste Schrift, mit der zahlreiche jüdische Kreise in Deutschland freundlich beschenkt wurden, war das „Evangelium des Matthäus". Was sollen wir nun damit? Sollte etwa nur beabsichtigt sein, uns mit dem Inhalte dieses Werkes bekannt zu machen, so wäre fein Zweck durchaus verfehlt; es käme doch wohl ein nzerzig FMt kestnw. Den jüdischen Theologen ist das neue Testamspt an und für sich kein versiegeltes Buch, und Mdem. ist jhnen sein wesentlichster Inhalt auch schon ans anderen Quellen, ans unserer Bibel und der talmudischen Litteratnr bekannt. Freilich sind in dieser Ausgabe (Stuttgart, Privilegirte Württembergische Bibelanstalt 1892) aufs genaueste die Parallelstellen aus dem alten Testamente angegeben. Diese sollen jedenfalls die Glaubwürdigkeit des Evangeliums erhärten und - das dürfte wohl die eigentliche Absicht des Absenders sei» - die Adressaten überzeugen. Für beweiskräftig halten wir allerdings alle jene Stellen aus den erhabenen Prophetien des Jesajas nicht minder als aus de» Psalmen wie überhaupt aus allen biblischen Büchern, — nur vermögen wir nicht, da uns der Glaube fehlt, einzusehen, inwiefern mit all den angeführten Stellen der gewünschte Beweis erbracht sei. Wir möchten hierbei nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß auch hervorragende christliche Theologen von Namen nicht alle jene Stellen christologisch bellten, daß z. B. der selige Professor August Dillmann in seinem Jesajaskommentar die Stelle Jesaj. 7. 14, keineswegs in jener bekannten Weise verwerthete. (Vgl. Dillmann, Der Prophet Jesaja. Leipzig 1890, Seite 73 ff.) Wollen jene Kreise durchaus Mission treiben, so dächten wir, könnten sie eigentlich gerade heute gar nicht in Verlegenheit kommen. Sie würden sich zweifellos einer anerkennenswerthen Aufgabe unterziehen, wenn sie eben jenes „Evangelium des Matthäus" den Heiden in aller Herren Ländern zum ernsten Nachdenken und zur weisen Nachfolge empsehlen wollten. Hier könnte ihr Erfolg unter Umständen ein sicherer sein — ihre Arbeit wäre ganz gewiß keine unbegründete und dem Namen des Instituts entsprechendere als die, welche z. B. die verschiedenen Missionen in China und anderen Ländern zu treiben pflegen. Nicht darauf, meinen wir aber in jedem Falle, sollte es ankommen, welcher Glaube der edlere und bessere sei, nicht in einer kontroverse uni die Wahrheit dieser oder jener Idee sollte der Wettstreit der Konfessionen und Religionen bestehen, als vielmehr in der Art der Lebensführung, des Verkehrs mit den Nebenmenschen, in allen häuslichen und bürgerlichen Tugenden und Vorzügen. Ist das nicht ein mehr reales Gebiet? Wir denken da auch an das Wort eines großen jüdischen Denkers in Deutschland; „In welcher glückseligen Welt würden wir leben, wenn alle Menschen die Wahrheiten annähmen und ausübten, die die besten Christen und die besten Juden gemeinsam haben." Gilt es diese Wahrheiten zu verbreiten, für sie immer weitere Kreise zu gewinnen, dann soll es an unserer. Mitarbeit nicht fehlen — wir glauben damit das Werk unserer