Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228423--57209-3293568- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 entfaltet habe, und hob dann den edlen, reinen, festen Charakter, die hervorragenden Eigenschaften des Geistes und Herzens, die warme Menschenliebe und den Wohlthätigkeitssinu, sowie die persönliche Liebenswürdigkeit des Entschlafenen hervor. Nach Absingung des Liedes „Es ist bestimmt" beendete ein Orgelprälndium die einfache und doch erhebende Feier. 6. Rofenberg O.-Schl., 15. Januar. Am 10. d. M. fand wie alljährlich die Feier des Stiftungsfestes d er hi esigen „ Chewra Kadischa" statt, aus welchem Anlässe nach altjüdischer Sitte ein gemeinsames Abendessen veranstaltet wurde, welches in heiterster Stimmung seinen Verlauf nahm. Herr Hotelbesitzer Baginsky bot alles auf, nm das gut zubereitete Diner durch Zuvorkommenheit und prompte Bedienung als ein nichts zu wünschen übrig lassendes bezeichnen zu dürfen. Herr Herrmann Freund, Vorsitzender des Vereins, trug durch eine ergreifende Ansprache dazu bei, um dem Abende eine religiöse und sittliche Weihe zu geben; er betonte ganz besonders, daß der ehrwürdige Verein Zu seiner Erhaltung, Stärkung und Verjüngung einer stetigen Zunahme junger Kräfte bedürfe und bat die neu hinzugetretenen Mitglieder, in ihren Kreisen dahin zu wirken, daß der Verein, der die Nächstenliebe nicht nur in pietätvoller Weise an Verstorbenen, sondern auch an armen, kranken Lebenden im edelsten Sinne des Worte bethäligt, allezeit durch neue Mitglieder gestärkt und gefördert werde! Es sprach darin noch der um die hiesige Gemeinde hochverdiente erste Vorsteher Herr Meyer Landsberger über die Tendenzen der „Chewra", und Herr Adolf Mal) brachte dem Vorstande — den er mit einem guten Hausvater verglich — die vollste Anerkennung und Verehrung namens sämnrtlicher Vereinsmitglieder in der schönsten Weise zum Ausdruck. Der Kultnsbeamte Haase sprach nach dem Mahle noch das übliche Mischeberach, bei dem auch die Wohlthätigkeit zu ihrem Rechte kam. Der Vorstand dankte hierauf allen Gästen für ihre Theiluahme und sprach die Hoffnung ans, sämmtliche Anwesenden in voller Rüstigkeit nach Ablauf eirres Jahres beim nächsten Feste der „Chewra Kadischa" begrüßen zu können! N. Hamburg, 14. Januar. Dr. David Hannover, Rabbiner unserer Nachbargemeinde Wandsbek, ist nach längerer Krankheit im 65. Lebensjahre verschieden. Der Verblichene hat seit 87 Jahren als Rabbiner der Wandsbeker Gemeinde fungirt und sich weit über seinen Wirkungskreis hinaus hoher Werthschätznng erfreut. Die gestern Morgen stattgefundene Beerdigung fand unter sehr großer Betheiligung weiterer Kreise statt. Die Leiche war schon irr früher Morgenstunde von dem Sterbehause nach dem Schulhause, der Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit, überführt worden. Seitens der Behörden waren die Herren Landrath v. Bonitt, Oberbürgermeister Ranch, Bürgermeister Pnvogel, sonstige Mitglieder des Magistrats und der Behörden sowie eine größere Anzahl Wandsbeker Stadtverordneten erschienen. Die Nachbargemeinden Hamburg, Altona. Lübeck und Ahrensburg waren durch ihre Rabbiner, Vorsteher und Lehrer vertreten. Die Waudsbeker Gemeinde war wohl vollzählig erschienen, auch viele christliche Mitbürger hatten sich eingesnnden, nm dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen. Kurz vor Beginn der Trauerfeier erschien Hauptpastor Lange nud die übrigen evangelischen Geistlichen. Die Trauerrede hielt Oberrabbiner M. Hirsch, der, anknnpfend au die Sprüche der Väter, Kapitel 1. Vers 1, ein getreues Bild der 37 jährigen Thätigkeit des Dahiugeschiedenen als Seelsorger der Gemeinde entwickelte. Im Namen der auswärtigen Freunde nud Amtskollegen sprach Rabbiner Dr. Cartebach-Lübeck tief empfundene Worte des Nachrufes. Weitere Gedenkreden wurden noch von Rektor I. Feiner und dem Vorsitzenden der Henry-Jones-Loge Dr. S. Franck gehalten. Hamburg, 14. Januar. Vor dem Landgericht Altona hatte sich der Bürstenmacher Johann Erich aus Wandsbek zu verantworten, welcher angeklagt war, aus dem dortigen Friedhofe der israelitischen Gemeinde ca. 20 G r ci b e r und Grabdenkmäler demolirt nud zerstört zu habe in Der Angeklagte hatte eine Werkstatt inne, die unmittelbar an den jüdischen Friedhof grenzte, und au? Anordnung der Polizei hat er die Fenster mit Brettern vernageln müssen. Diese polizeiliche Maßregel führte der Angeklagte auf die Initiative der Inden zurück, weshalb er einen großen Haß auf die Juden geworfen und nach den Aussagen seiner Haushälterin gedroht hatte, daß er den Inden einen Streich spielen wolle. Unmittelbar hinterher erfolgte die Friedhofsschändung, so daß sich der Verdacht alsbald gegen den vielfach vorbestraften Erich wandte. Der Angeklagte leugnete die That, auch zog die Haushälterin ihre unter Eid in der Voruntersuchung gegebene Aussage wieder zurück, so daß sie in Verdacht kam, einen Meineid geleistet zu haben und in Haft genommen wurde. Die Verhandlung gegen Erich wurde schließlich zwecks Vorladung neuer Zeugen vertagt. Der Staatsanwalt beantragte neun Monate Gefängniß. a. Sondershartsen, 7. Januar. Am 30. v. M. feierte unser verehrter Kultusbeamter Schönlank in leiblicher und geistiger Frische seinen 70. Geburtstag. Unser Rabbiner Professor Heidenheim brachte ihm mit den Gemeindevorstehern Bedelmeier und Hoflieferanten Leser die herzlichsten Glückwünsche dar und überreichten ihm im Namen der Gemeinde Ehrengaben, wie dies auch von vielen Gemeindemitgliedern erfreuend und theilriehmend der Fall war. Am darauffolgenden Sabbath sprach beim Gottesdienste unser Rabbiner in warmen Worten über die pflichtgetreue Wirksamkeit des Jubilars Schönlank ist seit 36^ Jahren als Kantor, Schochet und Religionslehrer in lobenswerther und anerkannter Weise im Dienste unserer Gemeinde — und betete für sein ferneres Wohlergehen und die Verlängerung seines Lebens mit der gewürdigten Berufsfreudigkeit. — Unser Rabbiner Prof. Heidenheim, der im 87. Lebensjahre steht, wirkt in unserer Gemeinde fast 67 Jahre ununterbrochen, hat sich der allgemeinen Achtung und Liebe zu erfreuen, wird auch als Rabbiner zu allen größeren Hoffestlichkeiten geladen, mußte aber als Professor der fürstlichen Realschule sich wegen Angeuschwäche nach 46 jähriger Dienstzeit pensioniren lassen. Er unterrichtete in Prima und Sekunda, deren Ordinarius er war. in der Mathematik. Geographie und im Deutschen, zeitweilig auch in der Geschichte und im Lateinischen, war ehemals auch Vertreter des Direktors. — Da unsere fürstliche Residenz nicht auch Industriestadt ist, so ist leider die Zahl der Mitglieder unserer Gemeinde im Abnehmen begriffen, und es wäre sehr zu wünschen, daß auch jüdische Rentiers, wie das voll christlicher Seite vielfach der Fall ist, ihren Ausenthalt hier nehmen. Das Klima ist vorzüglich, für Kunst und Wissenschaft reichlich gesorgt. Wir haben vorzügliche Lehranstalten: Gymnasium. Realschule, höhere Töchterschule, LehrerundLelirerinnenseminar,Konservatorium für Musik u.s.w. Gute Wohnungen, nicht zu theuer, sind zu haben, die Steuern nicht zu hoch und die Lebensbedürfnisse billig. Oesterreich - Ungar«. lH Wien, 14. Januar. Ein überraschendes Resultat haben die letzten Wahle ll gebracht: die Christlich-Sozialen haben zehn Mandate und die Klerikalen sünf verloren, darunter die Führer der Partei: Baron Dipaull und Mr. Ebenhoch. — Die Krakauer KL o stera ffäre ist in ein nettes Stadium getreten dadurch, daß das Bezirksgericht Wieliczka nach Einvernahme des Marcus Weiß und dessen minderjähriger Tochter Nochme es neuerlich ablehnt hat. das Kind feinen Eltern zurückznstellen. In der Begründung dieses Bescheides wird hervorgehoben, daß der Vater keilte Thatsachen angeführt habe, ans denen hervorginge, daß der Aufenthalt außerhalb des elterlichen Hauses einen schlechten Einfluß auf sein Kind üben würde; daß ferner Nochme Weiß erklärt habe, sie wolle, nachdem sie getauft sei, nicht ins elterliche Haus znrückkehren und verlange vielmehr vom Gericht die Bewilligung zum Aufenthalte im Kloster bis zu der Zeit, wo sie einen Erwerb gesunden haben werde. Das Gericht glaubt sich aus Grund dieser Sachlage berechtigt, obwohl dem Marcus Weiß nach wie vor die väterliche Gewalt über sein Kind zusteht, nach § 148 A. B. B. B., der mündigen Kindern die Wahl eines Berufes gestattet,, der minderjährigen Rochme den einstweiligen Aufenthalt im Kloster der Felicianerinneu zu Krakau zu gestatten. Dr. Landau hat gegen diese Entscheidung den Rekurs an das Landgericht Krakau ergriffen.— Auch die Hilsner-Asfäre tritt wieder all die Oefsentlichkeit. Der Vertheidiger Hilsner^s, Dr. Aurednicek in Kuttenberg, hat nunmehr die Nichtigkeitsbeschwerde im Prozesse Hilsner dem Kreisgerichte zur Vorlage an den Obersten Gerichtshof übersendet. Die Beschwerde konnte erst nach der Zustellung des Verhandlungsprotokolls verfaßt werden, welches 534 eng beschriebene Bogen umfaßt. — Die erste öffentl iche Sitzung des Knltusvorstandes, an der bereits die neugewählten Vorstandsmitglieder aus der allgemeinen und aus der Kurie der Höchstbesteuerten theilnahmen, war blos der Wahl des Präsidiums und der Eintheilung der Vorstandsmitglieder in die einzelnen Sektionen gewidmet. In das Kultusgemeindepräsidinm wurden gewählt: Präsident kaiserlicher