Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1901)
- Date
- 1901-01-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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65. Jahrgang. Ar. 3. Berlin» 18. Jannar 1601. Allgemeine eitung des Audenlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl-3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Begründet von Uadbirrer Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Crpedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin! 8^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Ein Gedenktag. — Tie Woche. — Protokoll des Vereins israelitischer Lehrer irr Schlesien und Posen am 6. Juni 1900. — Die Stellung der Rabbiner und die Reliktenkasse. — Brief aus Oesterreich. — Eine judenfreundliche päpstliche Bulle. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. — Barkochba in der Dichtung. II. Von Dr. M. Levin. — Feuilleton: Die Königsbraut. III. Historische Erzählung von Carola Buch heim. — Literarische Mittheilungen. Der Geweiridebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Konih, Posen, Pleschen, Breslau, Nosenberg O.-S., Hamburg, Sondershausen, Wien, Odessa. — Bo« Nav und Hern. — Sprechsaal. - Briefkasten der Redaktion. — Geschäftliche Notizen. Gin Gedenktag. Berlin. l7. Januar. ilHI^orgen wird in ganz Preußen ein großer und wichtiger Tag gefeiert werden: der Gedenktag der Erhebung Preußens znin Königreich. Es kann natürlich nicht unsere Aufgabe fein, die allgemeine Bedeutung dieses historischen Tages zn erörtern, aber ebenso versteht es sich von selbst, daß wir Juden bei einem solchen Feste nicht abseits stehen können oder »vollen. Wir drängen uns ja mit unserem Patriotismus nicht hervor und wir prahlen nicht mit unserer Ergebenheit; wir handeln nicht wie Die, die die Königstreue in Erbpacht genommen zu haben vorgeben und Jeden verdächtigen, der zu stolz ist, um mit Empfindungen, die jedem Deutschen theuer sind, laut auf dem Markte zu prunken. Mit der Treue, die die Juden zu allen Zeiten bethätigt haben, feiern auch wir den Gedenktag Preußens und des Hvherizolleriigeschlechts, dessen Fürsten auf den Höhen des Thrones stets den Gottesruf vernommen haben, daß der Herr sie so hoch erhoben hat, um ihres Volkes Führer zu sein. Wir haben schon vor einigen Jahren bei einem ähnlichen Altlaß den Ausspruch eines der angesehensten neueren Rechts- Historiker angeführt, daß kein Staat so viel für die Durchführung der Religionsfreiheit gethan hat, als der Hohenzollernstaat. „Der preußische Staat war geradezu der Bannerträger der religiösen Duldung in der Geschichte der Menschheit." Als ein besonderer Ruhmestitel wird von den Historikern die Thatsache angeführt, daß Brandenburg-Preußen schon seit Anfang des 17. Jahrhunderts in dem allgemeinen System des Religivnsrechts eine besondere, den allgemein herrschenden Prinzipien entgegengesetzte Stellung eingenommen habe. Einer der ersten Erlasse des Großen Kurfürsten enthielt das merkwürdige Wort, „daß Wir Uns über die Gewissen Unserer Unterthanen keines Jmperii anmaßen, sonder»! dasselbige Gott allein anheimstellen." Dieser Fürst war es auch, der zum ersten Mal in der Weltgeschichte das erhabene Beispiel religiöser Duldung eines evangelischen Staates gegen die Juden gegeben hat und, was noch wichtiger: „Größer als der Ruhm, daß die Hohenzollern Toleranz bewährten, ist der Rnhm, daß sie die Toleranz bewahrten." Auch die beiden ersten preußischen Könige hielten die Religionspolitik des großen Kurfürsten fest. Man kann sagen, daß Preußen unter der Herrschaft der Hohenzollern die erste Freistätte religiöser Duldung geworden, daß es ein volles Jahrhundert das einzige Land in Europa geblieben war, wo jener große Gedanke zur Ein- und Durchführung hatte gebracht werden können, und wo er durch alle kirchlichen und politischen Wirren späterer Zeiten hindurch unverkümmert aufrecht erhalten wurde. Auch Friedrich I. war ein Mann der Pflicht und Gerechtigkeit. Der englische Freidenker John Toland, der erste, der in Europa seine Stimme laut für die Emanzipation der Juden erhoben hat, rühmt an diesem Fürsten gerade seine Gerechtigkeit gegen Andersgläubige und außerdem rühmt Toland Friedrich I. auch Klugheit nach. Er wahrte die Größe und Unabhängigkeit Preußens, er erhöhte dessen Ansehen nach Außen und förderte Gewerbefleiß und Thätigkeit der Bewohner des Landes. Auch unter seiner Herrschaft hatten sich die Juden des Schutzes zn erfreuen, den ihnen der große Kurfürst zuerst gewährt hat und zwar trotz mancher gegen die Juden von Behörden, Kuusleuten und Theologen geltend gemachten geschäftlichen oderreligiöse»» Bedenken. Einige unter ihnen genossen besondere Vorrechte, aber die Bekehrungslust der christlichen Theologen nnd der fanatische Eifer einzelner Konvertiten waren geschäftig am Werke, den Juden zu schaden. Die Judenbekehrung wurde selbst von milden Geistlicher» empfohlen, und es ist hoch anzuerkennen, daß alle Versuche, weitere Unterdrückung und schärfere Maßregeln gegen die Juden zn erlangen, an dem gerechten Sin»» des Fürsten scheiterten. Ar»» Krönungstage des König Friedrich I. wurde in allen Kirchen des Reiches über den Psalmtext gepredigt: „Ich habe meinen Diener David gefunden und mit meinem heiligen Oele ihn gesalbt," und als Text der Leichenrede bei seiner Beisetzung hatte der König selbst die Worte des 71. Psalnrs gewählt: „Du warst meine Zuversicht, Herr, meine Hoffnung von meiner Jugend an." Gerechtigkeit und Gottvertrauen leiteten diesen Fürsten während seines ganzen Lebens. Mit besonderer Gnade nahm er, dem Geiste seiner Zeit entsprechend, die Huldigung zweier Rabbiner ans Berlin und Königsberg entgegen, die auf kabbalistischen» Wege aus einen» Bibelvers die nothwendige Erhebung des Landes Preußen zu einein Königreich verkündigt hatten. Als die erste Berliner Synagoge in der Heiderentergasse im Jahre 1714 eingeweiht wnrde, nahm das Königspaar per-