Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1901)
- Date
- 1901-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228422--57188-3293540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Lübeck 1× ep/1048008
OCR text
3 nächster Zeit die Gemeinde ein Waisenhaus erhalten würde; denn das Simonsche Waisenhaus mußte wegen einer eigenthümlichen Klausel im Testamente-des Gründers — es wurde darüber zur Zeit berichtet — geschlossen werden. Die Erziehungsanstalt Ahlem ist aus verschiedenen schwerwiegenden Gründen, die hier nicht näher erörtert werden sollen, als Waisenhaus nicht zu verwenden, und so ist ein thatsächlicher Mangel vorhanden, der sich gerade in letzter Zeit in unangenehmster Weise bemerkbar machte. Hannover ist wohl auch außer Schleswig-Holstein und Westpreußen die einzige Provinz, die kein Waisenhaus besitzt. Zwar ist sür Mädchen das seit wenigen Jahren bestehende jüdische Mädchenheim ein kleiner Nothbehelf; dieses Mädchenheim erweist sich als sehr segensreich. Die Voraussetzung, daß Mädchen, die aller Wahrscheinlichkeit den Gefahren der Großstadt zum Opfer gefallen wären, ein Heim und durch dasselbe eine Möglichkeit, sich einem ehrbaren Berufe zu widmen, erhalten, hat sich nicht als irrig erwiesen. Es wäre nur zu wünschen, daß unsere gut sitnirten Gemeindemitglieder ihr Augenmerk mehr auf dieses wahrhaft nützliche Institut, das nicht wie manches andere mit großen Versprechungen und Anpreisungen alle Welt auf sich aufmerksam machte, richten würden; denn in der Stille wirkt es zum Segen für die Jugend und zeigte in wenigen Jahren mit geringen Mitteln große Erfolge. Meppen, 6. Januar. Am jüngsten Dienstag wurde hier die Wittwe Frau Amalie Alexander, Inhaberin der Firma I. Alexander Söhne, zu Grabe getragen. Die Verblichene, ausgezeichnet durch hohe Geistesgaben und Herzenstugenden, durch Frömmigkeit und Thatkraft, gehörte zu den bedeutendsten und geachtetsten Frauen der Provinz Hannover. Hiervoll legte auch die überaus große Betheiligung am Leichenbegängnisse Zeugniß ab. Am Grabe hielt der Schwiegersohn der Verstorbenen, D r. Hofmann, Rabbiner in Neichenberg in Böhmen, eine tiefempfundene Rede, worin er das Leben und Wirken der Dahingeschiedenen eindrucksvoll würdigte, deren Andenken unvergessen hier fortleben wird. N. Hamburg, 1. Januar. Herr Eduard Ludwig Benjamin, ein hochangesehenes Mitglied unserer Gemeinde, ist im 77. Lebensjahre dahingeschiedeu. Der Verblichene erfreute sich in weiteren Kreisen der Hamburger Bevölkerung hoher Wertschätzung. Er war der Inhaber einer der ältesten Hamburger Hausmaklerfirmen und genoß nicht nur bei der Kaufmannschaft, sondern namentlich auch bei den Behörde" das größte Vertrauen. Einen schweren Verlust erleidet durch sein Hinscheiden auch der Verein für Hamburgische Geschichte, dem er als eines der regsten Mitglieder angehörte; auf dem Gebiete des Hamburgischen Münzwesens war er als eine ganz besondere Autorität anerkannt. Zu der im Sterbehanse in der Schauenbnrgerstraße abgehaltenen Tranerfeier halten sich außer den vielen Familienmitgliedern sonst noch zahlreiche Leidtragende, darunter Vertreter von Hamburger Behörden. Korporationen und Vereinen, versammelt. Der einfache Sarg war von Hunderten kostbarer Blumenkränze, die Verehrung und Freundschaft gespendet, vollständig bedeckt. Die Trauerrede hielt Herr Prediger Dr. Leimdörfer, dem Dahingeschiedenen herzliche Worte widmend und seinen hervorragenden Charaktereigenschaften, namentlich der Lauterkeit seiner Gesinnung und seinem segensreichen Wirken nach jeder Richtung gerecht werdend. Der imposante Leicherlkondukt bewegte sich nach dem israelitischen Friedhöfe in Ohlsdorf, woselbst nach kurzen Segensworten des Geistlichen die Beisetzung stattfand. Ems, 4. Januar. Das Israeli tische Cen tra lw a ise n - und Mädchenheim zu Ems beschließt das dritte Jahr seines Bestehens mit 32 Zöglingen. Hiervon stammen: 1 aus Abterode (Hessen- > Nassau), 1 ans Berkach (Thüringen), I ausWerliu, 2 aus Köln, 1 aus Epe in Westfalen <geboren in Holland), 2 aus Erfurt, 1 aus Frank. - Crumbach (geboren in Baltimore), 2 aus Halle a. S.. 1 aus Hetzerath lRheinprovinz), 1 aus Holzhausen (Hessen-Nassau), 1 ans Jarotfchiu (Provinz Posen), 2 aus Leer (Ostfriesland), 3 aus Leipzig, 1 aus Linnich (Kreis Aachen), 1 aus Lübeck, 1 ans Meppen (Hannover), 1 aus Messingwerk bei Berlin, 1 aus Metz, 1 aus Moersdorf bei Trier. 1 aus Obbach (Bayern), 1 aus Reißkirchen bei Gießen, 1 aus Röhrenfurth bei Cassel. 1 ans Schwerte i. W.. 2 aus Weilburg und 1 ans Zawisna (Oberschlesien). 4 Zöglinge sind vollständig verwaist, 7 haben noch den Vater. 14 noch die Mutter und 7 noch beide Eltern, die aber entweder körperlich oder geistig krank und dadurch verhindert sind, für Erziehung und Unterhalt ihrer Kinder zu sorgen. In der Öffentlichen Volksschule haben sich die Zöglinge durch Fleiß und gutes Betragen die Zufriedenheit ihrer Lehrer erworben. Dell Religionsunterricht empfingen die Zöglinge wie bisher in der Anstalt durch Herrn Bezirksrabbiner Dr. Weingarten. Die laufenden Geschäfte wurden von den am Orte wohnenden Vorstandsmitgliedern, den Herren Dr. Aronsvhn- Kirchberger, Königsberger und Dr. Weingarten erledigt. Der Vorstand besteht ans den Herren: Dr. Aronsohn. prakt. Arzt, Ems-Nizza, 1. Vorsitzender, Dr. Horovitz. Rabbiner, Frankfurt a. M., 1. stellvertretender Vorsitzender. Joseph Kirchberger. Buchhändler, Ems. 2. stellvertretender Vorsitzender. Dr. Weingarten, Bezirksrabbiner. Ems. Schriftführer Heinrich Königsberger, Kaufmann, Ems. Kassirer. Dr. Cohn. Distriktsrabbiner, Jchenhausen. Max Ettinghausen, Mühlenbesitzer, Höchst a. M. Eduard Feist, Frankfurt a. M. Heinrich Frankel, Agent. Berlin. I. Goldschmidt, Hofjnwelier, Köln a. Rh. Sally Goldschmidt, Frankfurt a. M. Louis Grnmach. Berlin. Alphons Jacobson, Bankier. Leipzig. Dr. Landau, Bezirksrabbiner, Weilburg. G. Pinoff, Kaufmann, Görlitz. Die Einnahmen der Anstalt betrugen 27495 Mark, die Ausgaben 16417 Mark, das Gesammtvermögen 102 516 Mark. o. Köln, 4. Januar. Am 31 v? M. ist der Begründer und langjährige verantwortliche Leiter des „Indischen Gemeindeblattes" hier. Herr Carl Brisch. Neligionslehrer zu Mülheim a. Rh., nach längerer, mit Geduld ertragener Krankheit im 56. Jahre seines Lebens und im 31. Jahre seiner segensreichen Thätigkeit als Lehrer gestorben. Der Heimgegangene war ein vielseitig gebildeter, trefflicher Mann, ein tüchtiger Lehrer, ein hochachtbarer Charakter. Auch auf literarischem Gebiete war er mit Erfolg thätig. Jahrelang redigirte er die „Mülheimer Zeitung". Seine „Geschichte der Inden in Köln" ist eine tüchtige Arbeit, irr der das vorhandene Material geschickt zusammengefaßt und populär dargestellt wurde. Bisch genoß hier wie in seiner Gemeinde allgemeine Achtung, die sich auch in der Theilnahme an seinem Begräbniß in hohem Grade bekundete. Ehre seinem Andenken! - Der Rabbiner der hiesigen Synagogengenieinde. Dr. A. F r ank. wird am 30. d. M. sein 25 jähriges Jubiläum als Rabbiner von Köln begehen. Die Gemeinde will es sich nicht nehmen lassen, ihrem verehrten Seelsorger an diesem Ehrentage besondere Ovationen darznbringen. Es hat sich bereits vor kurzer Zeit ein Komitee gebildet, welches die Vorbereitungen zu der Feier leitet. Oesterreich - Ungar«. HI Wien, 7. Januar. In der abgelaufenett Woche haben bereits die Wahlen für den Reichsrath begonnen, und es ist als ein immerhin erfreuliches Zeichen für die endliche Aufklärung des Volkes zu betrachten, daß die antisemitische Partei bis jetzt drei Mandate verloren hat, die irr die Hände von Sozialdemokraten übergegangen sind — ja selbst der Herr von Wien in eigener Person ist in seinem Leibbezirk Margarethen gegen den Sozialisten Neunann in der Minderheit gewesen und wäre ohne die Hilfe des VI. Bezirkes unterlegen; statt des von Dr. Lueger warm befürworteten Bieloslawek wurde Dr. Ellenbogen gewählt. — Vor einigen Tagen hat der ehemalige Schützling der Christlich-Sozialen, der antisemitische Kellner und Neichsrathsabgeordnete Karl Mittermayer, seine über ihn verhängte Kerkerstrase angetreten. — Wie Budapester Blätter melden, soll die Ehe der Baronin Helene Matten cloit mit dem Arzt Dr. Jakob Feld mann nun doch Zn Stande kommen; die Baronin, eine Tochter des verstorbenen Ministerpräsidenten Grafen Taaffe, ist bereits um die ungarische Zugehörigkeit eingeschritten. — Am 26. v. M. hat hier der dritte Verbandstag der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen stattgefundeu. Die Debatten drehten sich hauptsächlich um den folgenden Antrag, der auch schließlich angenommen wurde: „Der Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen möge nach Fühlungnahme mit dem Vorstände des „Allgemeinen israelitischen Bundes" mit diesem gemeinsam dem Kuratorium der jüdisch-theologischen Lehranstalt die Ansicht aussprechen, es sei wünschenswerth. daß die Kandidaten der theologischen Lehranstalt eine erweiterte pädagogische Ausbildung erhalten mögen." — Am 31. v. M. wurde der Hauptmann I. Klasse i. P. David Geller mit allen seiner Charge gebührenden militärischen Pomp und Ehren zu Grabe getragen. Hauptmann Geller trat mit 17 Jahren in den Militärdienst und brachte es voll der Pike ans zum Kompagniechef. Infolge eines Nückeillnarkleidens wurde demselben