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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-01-11 · Heft 2 (11.1.1901) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 2 (11.1.1901)
Date
1901-01-11
Page
Seite 4 (sequence 3)
Language
German
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4 nach 41 jähriger Dienstzeit die Pension in gnädigster Weise verliehen. Er machte alle Feldzüge mit. die während seiner militärischen Laufbahn stattgesunden haben, nnd wurde wegen seines muthigen Verhaltens und seiner Tapferkeit im Kriege vielfach belobt nnd ausgezeichnet. Rußland. /. Wilna, 6. Januar. Der Prozest gegen den Perrückeumacher Blondes, welcher von antisemitischer Seite, namentlich aber von der „Nowoje Wremja". dem gewissenlosen Organ des geriebenen Geschästsantisemiten Suworin, zu einem „Ritnalmordprozetz" gestempelt wurde, begann am 29. Dezember vor den Wilnaer Geschworenen nnd dauerte volle 7 Tage. Die Verhandlungen wurden von Herrn Bnlatsel geleitet, als öffentlicher Ankläger fungirte Staatsanwaltsgehilfe Subowski. dem Rechtsanwalt Wrnblowski als Privatkläger zur Seite stand. Die Herren Antisemiten, welche diesen Prozeß zu einer enusa eelsbie machen zu können hofften, stifteten das Dienstmädchen Grudzinska. gegen die das Attentat des Blondes sich gerichtet hat, an, von dem Angeklagten Schadenersatz zu fordern und stellten ihr einen kundigen Advokaten zur Seite, damit dieser dann Gelegenheit findet, eine fulminante* Rede zum Fenster hinaus zu halten. Aber der Vorsitzende hat alle diese schönen Pläne durchkreuzt, indem er während der ganzen Dauer der Verhandlung die Oeffentlichkeit ausschloß. Die Voruntersuchung ergab nämlich nicht den geringsten Anhalt dafür, daß der lose Bursche Blondes, welcher sich um sein Judenthnm nie einen Pfifferling gekümmert und ans Leichtsinn und Genußsucht sämmtliche Gebote der Thora und des Talmuds leichten Herzens überschritten hat, sich in große Gefahr begeben könnte, um zum Passahseste, an dem er flott Chomez aß. sich Christelchlut zn verschaffen. Dagegen ergab die Untersuchung, daß die Grudzinska Blondes Geliebte war. mit welcher er sich aber entzweit hat, und der er nun einen bösen Streich spielen wollte. Es handelte sich also um eine ziemlich schmutzige Geschichte, bei deren Erledigung zum großen Aerger unserer Antisemiten die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden mußte. Zu der Verhandlung selbst wurden nicht weniger als sechzig Zeugen nebst drei ärztlichen Sachverständigen zugezogen. Am zweiten Verhandlungstage stellte sich die Nothwendigkeit einer Lokalinspektion heraus, und der ganze Gerichtshof zog unter kolossalem Zulauf der Wilnaer Bevölkerung durch die von Polizisten und Gendarmen abgesperrten Straßen nach der in der Tatarskajastraße belegenen früheren Wohnung des Angeklagten. Die Besichtigung des Thalorts währte volle zwei Stunden, worauf der Gerichtshof durch die immer noch abgesperrten Straßen zum Sitzungslokal zurückkehrte. Diese Lokal. Lnspektion war das Einzige, was man in Wilna von dem allseitig mit großer Spannung entgegengesehenen „Prozeß Blondes" zu sehen bekam. Alles Uebrige spielte sich hinter hermetisch verschlossenen Thüren ab. Am 4. Januar jedoch ging die Thür des Verhandlungs. saals auf, die Oeffentlichkeit wurde wieder hergestellt und der Vorsitzende verkündete das Urtheil. Danach wurde Blondes für schuldig befunden, das Dienstmädchen Grudzinska mit Absicht verwundet zu haben, ohne sie jedoch tödten zu wollen. Für diesen bösen Spaß erhielt Blondes ein Jahr und vier Monate Gefängniß. Der kreisende Berg hat ein kleines Mäuschen geboren. Von Nah und Fern. — Den Professoren an der tierärztlichen Hochschule in Berlin, ordentlichen Honorar-Professor Dr. Munk und außerordentlichen Professor der Universität Dr. Pin ne r, ist der Charakter als Geheimer Regierungsrath verliehen worden. — Das Reichsgericht hat die Revision des verantwortlichen Redakteurs der hiesigen „Germania", Contzen, verworfen, der wegen Beleidigung der Behörden durch zwei Artikel über den Konitzer Mord vom Landgericht I in Berlin zu einem Monat Gefängniß verurtheilt war. — Unter dem Pseudonym „Benediktus Levita" verbirgt sich, wie die „Jüdische Presse" mittheilt, der aus Leobschütz stammende Rechtsanwalt Weisler in Halle, der selber Jude geblieben ist. aber seine Kinder zum Taufbecken geführt hat und in seinen Mußestunden juristische Schriften verfaßt. — Die Schwurgerichtsperiode in Könitz, in der gegen MoritzLewy verhandelt werden wird, dürfte Anfang März d. I. beginnen. — In der Synagoge zu Schneidemühl Wurden in der Neujahrsnacht die Fensterscheiben eingeschlagen. Es ist dies nicht das erste Mal, doch sind bisher die Thäter stets u»entdeckt geblieben. — Dem Geheimen Jnstizrath Wilhelm Freund, dem langjährigen Vorsteher der Breslauer Stadtverordnetenversammlung, ist das Ehrenbürgerrecht der Stadt Breslau verliehen worden. Geheimer Justizrath Freund war in den Jahren 1879—1881 als Mitglied der Fortschrittspartei Vertreter für Breslau-West im Reichstag. — Dem Privatdozenten und Assistenten am meteorologischen Institut Dr. Mi l ch an der Universität Breslau ist der Titel als Professor verliehen worden. — In Czarnikau ist Dr. Heinrich Weil aus Filehne einstimmig zum Rabbiner gewählt worden. — Der in letzter Zeit viel genannte antisemitische Apostel, Stadtverordnetenvizevorsteher Baumeister Hartwig in Dresden, hat auf seine Wiederwahl verzichtet, er bleibt also nur noch schlichter Stadtverordneter. Bezeichnend ist. daß seine eigenen Freunde ihn zn diesem Verzicht gebracht haben. — In Posen wurde Dr.med. Landsberger. in JnowrazlawKommerzienrathLevy zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. — Der Kaiser hat dem Generaldirektor Balliir in Hamburg von der „Hamburg-Amerika-Linie". der eine Reise nach Ostasien angetreten, den Kronenorden II. Klasse mit Brillanten verliehen. — Bei der Bürge rschaftswahl in Hamburg wurde mit überwiegender Mehrheit der dritte Antisemit, Rechtsanwalt Jakob sen, in die Bürgerschaft gewählt. — Bei den diesjährigen Neujahrsanszeichnnngen in Bayern haben den Titel eines Kommerzienraths erhalten die Fabrikbesitzer Dr. Grünzweig - Ludwigshafen. Dessaue r - Bamberg, Lippman Bendit - Fürth. Heimann-Schiveinsurth, Bankier Hei m - W ü rzb urg , Geschäftsführer des deutschen Hopsenbauvereins Faist-Nürn b erg; die Titel eitles Justizraths: Rechtsanwalt Frank-Hof. Rechtsanwalt Dr. Stern und Dr. Fre u d e n t hal-Würz b urg, Rechtsanwalt Dr. Wittelshöf er-Fürth; den Titel und Rang eines Medizinalrath: Dr. Hirsch-Fürth. — Der Landrath (Kreisvertretung) von Unterfranken genehmigte ans Kreismitteln als Unterstützung zum Schul- und Synagogenbau der israelitischen Kultnsgemeinde Willmars den namhaften Betrag von 2207 Mark. — InParis kursirt das Gerücht voll einem Betrug, dessen Opfer der Baron Edmundv. Rothschild. resp. dessen Nechtsnachfolgerin in Palästina, die 4.0.^4.., geworden ist. Es handelt sich um die ungeheuren Terrains, die Baron Rothschild vor mehreren Jahren in einem Umfange von 100 000 Hektaren jenseits des Jordans erworben hat. Durch die Ungeschicklichkeit seiner Beamten wurde der ganze Kauf auf den Namen eines Anderen vollzogen. Dieser vorgeschobene Mann soll sich nun als Gauner erwiesen und den ganzen sauer genug erworbenen Komplex, der für die Kolonisation bestimmt war, für nur 500 000 Francs an die Ottomanische Bank verschleudert haben. Bestätigung bleibt abzuwarten. — Professor Ad. Prins ist zum Rektor der Universität Brüssel für das Studienjahr 1900—1901 gewählt worden. — E. Fribourg ist zum Bürgermeister in Arlon gewählt worden. — Dr. Spire, Auditeur im Staatsrath, ist zum zweiten Direktor des französischen Ackerbaumrnisteriums ernannt worden. — Einer der sehr wenigen Juden welche ill Rußland das Richteramt bekleiden, Jacob L. Teitel in Samara, hat sein 25 jähriges Jubiläum als Richter gefeiert. T., welcher 1875 sein juristisches Examen gemacht, erhielt sofort ans Verwendung seiner Professoren das Amt eines Untersuchungsrichters, das er noch jetzt bekleidet. Aber auch in dieser Stellung wußte er sich, überaus beliebt zu machen. Der jüdische Untersuchungsrichter gehört zu den einflußreichsten Persönlichkeiten von Samara und steht deshalb all der Spitze aller kommunalen und wohlthätigen, aber auch aller jüdischen Angelegenheiten. — Die erste Frau, die in Utah ins Parlament gewählt wurde, war Mrs. Elizabeth Cohen— Nach der in der argentinischen Republik im Jahre 1895 vorgenommeuen und vor kurzem veröffentlichten Volkszählung gab es am 10. Mai 1895 im Gebiete der Republik 6085 Israeliten, von denen 195 argentinische Bürger <113 männlichen, 82 werblichen Geschlechts) und 5890 Fremde (meist Russen) waren. Das männliche Geschlecht (3225) überwog bei diesen stark das weibliche (2665). Die Juden befanden sich fast ausschließlich irr der Landeshauptstadt (Buenos-Aires) sowie in den Provinzen Buenos-Aires, Eutre-rios und Santa-Fe; über den Berns fehlen leider Angaben; doch ist es bekannt, daß dieselbell in der Mehrzahl sich mit Laudwirthschast beschäftigten. Die israelitische Bevölkerung betrug 1895 2 pro Mitte der Einwohner Argentiniens; eine neue Volkszählung ist seit dieser Zeit nicht vorgeuommen; doch ist es wahrscheinlich, daß in den letzten 5 Jähreu die Zahl der Juden durch natürliche- Vermehrung und durch Einwanderung sich mindestens verdoppelt hat.. Druck und Verlag von Rudolf Mossein Berlin. Verantwortlich für die Redaktion : Max Bauchwitz in Berlin.

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