Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Komitee zur Hebung der wirthschaftlichen und sozialen Lage der deutsch - israelitischen Kultusbeamten, gez. Bähr, Prediger in Waldenburg i. Schl.; Brock. Kantor, Hirschberg; Friedmann, Oberkantor, Berlin; Goldberg, Oberkantor, Chemnitz; Helischkowski, Kantor, Schneidernühl; Loewenstein, Prediger, Glatz; Rawitscher, Kantor, Schweidnitz; Noseubaum, Kalltor, Konigshütte a. S.; Schloß, Kantor, Larldeshllt; Sillgermanll, Oberkantor, RatiborO.-S. (Diejenigen Herren Kollegen, benen diese Petiton zur Nllterschrift s. Z. nicht zugegangen, die aber mit bereu Inhalt einverstanden sind, lverden ersucht, ihre diesbezügliche Allsicht ullgesäuult dem Schriftführer mitzntheilem) II. Dessau, 27. Dezember. Bor wenigen Tagen lvnrde Landesrabbiller D r. Walter voll unserem Herzog mit einer Audienz beehrt. Der Fürst empsillg ihn aufs Wohlwollendste und zeichnete ihil durch eine längere Unterhaltung aus. Er kanl auch auf die Angelegenheit ill Könitz zll sprechen, lvobei er seinen Ullwillell über die aus diesen! Anlaß entfaltete Agitation gegen die Inden ausdrückte. — Anläßlich der C h a n u ka h fe i e r wurde durch Herrn Rabbiner Dr. W. ein Kinderfest in eiilem Saale veranstaltet. Das Fest, bei welchen! Sang, Spiel und Vorträge abwechselten, verlief stimmungsvoll und lnachte sowohl ans die Großen wie auch auf die Kleinen einen guten Eindruck. X. Bad Homburg, 14. Dezenlber. Nach filnszehnmonatlichem schweren Leiden ist heute unser allverehrtes Gemeindeulitglied Herr Louis Lehlnann im Alter von 7ü Jahren verschieden. Wir betrauern in ihm einen Mann von selteller Eharaktergröße. Trell in der Freundschaft, bieder und gerecht, fürsorglich gegen Andere und anspruchslos für sich selbst, so war Herr Louis Lehmann alle Zeit seines Lebens. Von Natur ideal angelegt, suchte er überall Uebles zu verbessern, das Gute zu Pflegen, namentlich aber den Sinn für Wohlthätigkeit und Milde zu erwecken. Allbekannt ist, mit welcher Hingebung er die feiner Verwaltung unterstellten Vereine, wir nennen nur den „Holzverein" und den „Verein zu Ausstattung israelitischer Mädchen" (letzterer seine eigene Schöpfung), förderte; wie seine schwachen Augen leuchteten, sein ganzes Angesicht sich verklärte, ivenn reiche Spenden es ermöglichten, die Bedürftigen kräftiger als bisher zu unterstützen. Aber auch anderen Gebieten war der Verstorbene in segensvoller Weise thätig. Nicht nur die israelitische Gemeinde, sondern auch unsere Stadt iin Allgemeinen verdalcken ihm manch' nützliche Einrichtung. Gelvandt mit der Feder, schrieb er in früheren Jahren viel Mustergiltiges, immer aber in versöhnender Form, durchweht von dem Geiste der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe. Ehre dem braven Manne, dein gottergebenen Dulder, dessen Lebensabend leider sich so hoffnungslos gestalten mußte! Sein Andenken wird nie bei uns erlöschen. 1-. Bad Nauheim, 16. Dezember. Inder hiesigen isra el it is chen Kinderheilstätte, die hauptsächlich durch den Wohlthätigkeitssinn mehrerer Frankfurter Familien entstanden ist, wurden in der Saison 1900 zusaunnen 201 Kinder, und zwar 109 Mädchen und 92 Knaben, verpflegt. Das in dem großen Garten gelegene Hintergebäude der Anstalt wurde in diesem Jahre zu«! ersten Male als „Erholungsheim für junge Mädchen der arbeitenden Klasse" eingerichtet, so daß die den! Kindesalter entwachsenen arnlen Mädchen, die durch angestrengte Arbeit als Näherinnen, Arbeiterinnen. Verkäuferinnen u. s. w. an ihrer Gesundheit gelitten hatten, der Wohlthat einer Badekur, verbunden mit Erholung theilhaftig werden konnten. Es waren meist bleichsüchtige Mädchen, die das Erholungsheim besuchten, und die außer von der Badekur auch von der Ruhe und guten Verpflegung in der vorzüglich geleiteten Anstalt Vortheil hatten. Die Erfolge der meist vierwöchigen Kur waren im Allgemeinen sehr befriedigend. Die Gewichtszunahme der Pfleglinge betrug im Durchschnitt 3—4 Pfund, jedoch waren in einzelnen Fällen auch 6—7 Pfund zu verzeichnen. Oesterreich-Ungarn. □ Wie«, 24. Dezember. Von den N e i ch s t a g s w a h l e n ist bisher nur wenig zu berichten. In Brodh wurde Dr. Eniil Byk wiedergewählt, in Kolomea Dr. Nathan Fein seid neugewählt. In Przemysl-Grodek ist Dr. Ko lisch er durchgefallen. Bei dieser Wahl kam es zu argen Exzessen. Man hatte verbreitet, ein Jude hätte einen Kaplan geschlagen. Verschiedene Kompagnien Militär konnten nur mit großer Mühe die Ruhe Herstellen. — Hier ist am 22. d. M. Ferdinand Groß, der Redakteur des „Fremdenblatt", der lang, jährige Präsident der „Concordia". einer der besten Journalisten Wiens, dessen geistvollem Talent die Leserwelt viel Genußreiches zu danken hatte. nach langem Siechthum im 52. Lebensjahre gestorben. — Der Kaiser hat dem Polizei-Oberkommissar Dr. Samuel Freund den Titel und Charakter eines Polizeirathes verliehen. — Vor einigen Tagen stattete der Kaiser dem österreichischen Museum einen Besuch ab, und bei dieser Gelegenheit hatten mehrere jüdische Industrielle die Ehre, von dem Kaiser durch längere, äußerst huldvolle Ansprachen ausgezeichnet zu werden. — Vor einigen Tagen fand hier eine Voerenfeier, arrangirt von eineru Antisemiten und nur zugänglich für Solche, statt. Ueber den Verlaus dieser Feier ist leider nichts in die Oeffentlichkeit gedrungen — die Thatsache jedoch, daß der antisemitische Arrangeur, ein strammer Gesinnungsgenosse der herrschenden Partei, Konstantin Kapuscha, wegen Betrugs und Herausschwindelns von Kautionen in der Höhe von 50000 Kronen verhaftet wurde, konnte, sicher zum Leidwesen seiner Partei, kein Geheimniß bleiben. — In Brünn, wurde der Ziegelarbeiter Josef Fluß zum Tode durch den Strang, und dessen Gattin zu zehn Jahren schweren Kerkers abgeurtheilt. Das entmenschte Paar hat im Sommer 1897 den Ziegeleibesitzer Moritz Feld mann in! Schreibwalde erschlagen und beraubt. — In Schüttenhofen ist im Alter von 47 Jahren Dr. Ludwig Fürth, Vorsteher der israelitischen Gemeinde, ein sehr begabter Advokat und wahrhaft edler Mann, gestorben. Don Nah und Fern. — Das Kriegsministerium hat das Jnunediatgesuch des Predigers L. Wolf um Anstellung eines jüdischen Feldpredigers bei dem ostasiatischen Expeditionskorps abgelehnt. — Den Titel eines Geheimen Sauitätsrathes hat Sanitätsrath Dr. Hermann Hirsch erhalten. — Den Titel eines Sauitätsrathes haben die praktischenAerzte Dr. Alexander- Auer b ach und Dr. Moritz Guttmann erhalten. — Dem Stadtrath N. Kantorowicz in Posen ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden. — Der Stadtverordnetenvorsteher Justizrath Orgler in Posen wird mit Rücksicht auf sein hohes Alter am 31. Dezember d. I. sein Vorsteheramt niederlegen. Im vergangenen Jahre feierte Herr Orgler sein 25 jähriges Jubiläum als Vorsteher dieser Körperschaft. Als Nachfolger des Herrn Justizraths Orgler sind Justizrath Dr. Lew ins k i beziehungsweise Dr. ined. Landsberger in Aussicht genommen worden. — In H a l l e a. S. ist der Landgerichtsrath Weißbein nach langen Leiden im 59. Lebensjahre verstorben. — Der Chemiker Professor Dr. R.u h N! a n n ist au die Universität Cambridge berufen worden. — In Brüssel fand am 13. d. M. unter Paul Jansons Vorsitz eine außerordentlich besuchte Volksversammlung statt, um gegen die Verurtheilung in Polna und überhaupt gegen das Umsichgreifen des Antiseuiitismus zu protestiren. Den größten Beifall fanden Abbö Daens, der Namens des Christenthums Toleranz forderte, und der Sozialist Fournemont, der dann für das jüdische Proletariat eintrat, das am meisten unter dem Antisemitisnuis litte. — Der franz ö si s che Senat hat den Aiunestievorschlag angenommen; dieser erstreckt sich auch über die Teilnehmer der antisemitischen Unruhen in Algier. — Ein Tischler Jean Fon t im Pariser Vorort Leva lloisperet, eifriger Leser der „Libre Parole", sah den jüdischen Schlächter- Fritsch mann zum Schlachthaus gehen, stürzte mit gezücktem Messer auf ihn los und suchte ihn unter dem Gebrüll: „Tod den Juden! Nieder mit Dir!" zu erstechen. Schlachthansarbeiter entwaffneten und verhafteten ihn. — Am 5. d. M. feierten Rabbiner Dr. W o l f f in G o t h e'n - bürg und seine Gernahlin das goldene Hochzeitsfest unter allgemeiner Theilnahme. — Am Namenstage des Königs von Sch w e d e n wurden folgende Juden dekorirt: Kommandeur des Wasaordens 1. Klasse wurden derGroßhändler F ü r st e n b e r g in G o t h e n bu r g, I. L n b l i n in St ockholm. Den Nordsternorden erhielten: Professor K. F. Marburg ebendaselbst, der Vorsteher der Gewerbeschule in N ä ä s O. S a l o m o n , der Großhändler M. Fraenkel. — Die Erfolge des englischen Fiskus haben seinen Kollegen in Frankreich nicht schlafen lassen. Auch der französische Fiskus möchte gern von den dev! Judenthnm hinterlassenen Millionen des BaronHirsch einige für sich pflücken. Auch er fordert von der 4. C. A. Erbschafts- und Vermögenssteuer, die auch in Frankreich eine enorlne Summe ausn!achen werden. Die «I. C. A. beschritt aber auch in Frankreich den Klageweg, um so zu versuchen, das Erbe des Baron Hirsch vor unberechtigten Ansprüchen zu schützen. — Die Auswanderung nach Argentinien scheint unter den russischen Juden wieder größere Dimensionen annehmen zu wollen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.