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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-12-21 · Heft 51 (21.12.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 diese wohlthätige Anstalt schließen sich noch ein Gebäude zpr Aufnahme von ambulanten Kranken au. das im Jahre 1861 aus den Mitteln der Erben des verstorbenen Abraham Moses Raffalovitz errichtet wurde, dann ein Gebäude mit einer Badeabtheilung, ein Operationssaal und dergleichen mehr, begründet im Jahre 1894 ans den Mitteln der Erben des verewigten Wohlthäters der hiesigen Gemeinde, des Kommerzienraths Leon Ephrussi. Das Hospital besitzt 12 Abtheilungen: eine Kinderabtheilung mit 25 Betten, drei chirurgische mit 64, drei für innere Krankheiten mit 90, eine gynäkologische mit 10, eine für Angenkranke mit 6. Chronische 30, für Ohren- und Halskranke 6. eine Isolation mit 12 und eine Abtheilung auf dem Liman (tni Laufe des Juni. Juli und August) mit 100 Betten. — Der erbliche Ehrenbürger Jakob Rabinovitz schenkte dem hiesigen jüdischen Hospitale, zum Gedächtniß seiner verstorbenen Mutter 10 000 Rubel. Großbritannirn. i\ London, 16. Dezember. Am 5. d. M. starb in ihrer Wohnung zu London nach kurzer Krankheit im Alter von 56 Jahren die bekannte Philantropin Fräulein Emily Harris, die in Eastwie in Westlondon als „Tante Emily sich einer großen Popularität erfreut hatte. Miß Harris entstannnt einer jüdischen Lehrerfamilie, die fast das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch in London jüdischen Religionsunterricht ertheilt hat. Auch Miß Harris war wie ihre Mutter Religionslehrerin und sie wußte ihre Schülerinnen derart an ihre Person zu fesseln, daß diese auch nach Verlassen der Schule und ihr ganzes Leben hindurch mit inniger Liebe au ihrer Lehrerin hingen. Andererseits besaß auch Tante Emily eine fast schwärmerische Vorliebe für junge Mädchen, die sie in Abendschulen und Klubs zu vrganisiren wußte. So entstanden in London die beiden jüdischen Mädchenklubs des West- und Easteuds und so hielt sie die Freitagabendschule sowie die Sabbathschule zusammen. Neben der Erziehung der jungen Mädchen zur Religiosität, Wohlthätigkeit und aktiven Theilnahme an den Leiden ihrer jüdischen Stammesgenossen opferte sie den Rest ihrer Zeit der werkthätigen Nächstenliebe. Sie begann damit schon zu einer Zeit, da die russischen Juden in London noch in geringer Anzahl vertreten und Noth und Elend unter den englischen Juden noch eine seltene Erscheinung waren. Sie stand mit allen jüdischen Wohlthätigkeitsvereinen in lebhafter Verbindung, und ihr Wohlthätigkeitssiml beschränkte sich nicht allein auf Inden. Auch schriftstellerisch hat sich Miß Harris hervorgethan. Nebst einer großen Anzahl von Novellen und Erzählungen für jüdische Töchter schrieb sie biblische Erzählungen und war eine fleißige Mitarbeiterin jüdischer Zeitschriften. Die Beerdigung, welche am 9. d. M. stattfand, gestaltete sich zu einergroßen Manifestation der Londoner Bevölkerung für die überaus populäre Frau, die mit ihrem schlichten schwarzen Kleide und dem glattanliegenden, in der Mitte gescheiteltem Haar in mehreren Vierteln Londons eine wohlbekannte Erscheinung war. Zu den Rothschilds und arideren Londoner Millionären, die dem Sarge der Verblichenen folgten, gesellten sich Tausende von Armen, die ihrer Wohlthäterin die letzte Ehre erweisen wollten, und als die Erdschollen klirrend ans den Sargdeckel fielen, weinten Männer, Frauen und Kinder ihr bittere Thränen nach. — Am 7. d. M. starb hier hochbetagt Mr. Henry Russell, Englands großer Liederdichter. Am 24. Dezember 1812 geboren, betrat er frühzeitig die Bühne und hatte als achtjähriger Knabe die Ehre, in einer Kinderoper vor Georg IV. auszutreten. der ihn nach der Vorstellung küßte und ihm eine glänzende Zukunft prophezeite. In Mailand besuchte er die Musikschule, um von da nach Kanada und ben Vereinigten Staaten zu gehen, wo er feine ersten Kompositionen schrieb und selbst ans der Bühne vortrug. Sein Aufenthalt in Amerika, welcher bis 1841 währte, hat ihm Stoff zu einer Reihe von Kompositionen geliefert, die später als „Answandererlieder" große Berühmtheit erlangten. Dieselben haben die Emigration der Irländer nach Amerika mächtig gefördert und vielen Tausenden von Irländern, welche in der Heimath unfehlbar verhungert wären, das Leben gerettet. Daneben suchte Russell diese Emigration aulE dadurch thatkräftig zu unterstützen, daß er zu Gunsten der Auswanderer Wohlthätigskonzerte gab, bei denen er seine selbstgödichteten Ausz Wandererlieder sang. Znm Dank dafür veranstalteten die Irländer eine Pennysammlung, um ihrem Wohlthäter ein Ehrengeschenk zu überreichen. Ferner schrieb Russell Soldaten- und patriotische Lieder: von denen „Cheer! Boys eheer!“ von der englischen Garde und ,.X life oi) llie oeeän Wave“ von den Marinetrnppen beim Ansmarfch heute noch gesungen werden. Im Ganzen hat Russell über 1000 Lieder komponirt, zu denen der Text von Männern wie Dickens, Thackerey. Lougfellow und Tennyson versaßt wurde. Ein großer Theil dieser Lieder hat sich im Sturm ganz England und Amerika erobert. Selbst „Clieer! Boys eheer!" zu dessen Drucklieferung 39 Pressen mehrere Tage hindurch Tag und Nacht gearbeitet haben, brachten Russell ein Honorar von 3 Pfund Sterling, das nachher um weitere 10 Pfund Sterling erhöht wurde. Mr. Russell, der gefeiertste Liederdichter Englands, hat auch seine Lieder öffentlich gesungen, bis er 1875 auf der Bühne von einem Schlaganfall getroffen wurde, der seinem öffentlichen Austreten ein jähes Ende bereitete. Seitdem lebte Mr. Russell in größter Zurückgezogenheit nur seiner Muse. Don Nah und Fern. — Herrn Direktor M. Schlesinger ist wegen seiner Verdienste auf dem Gebiete des Rettungswesens der Rothe Adlerordeu IV. Klasse verliehen worden. — Die „ Staatsbürgerz ei 1 un g" ist wegen des Berichts über die aufgelöste Pücklerversammsnug (§ 130 des Reichsstrafgesetzbuches. Aufreizung zum Klassenhaß) am 15. d. M. konfiszirt worden. — Der Maßlos f-Prozeß wird sich aller Voraussicht nach noch einmal in voller Breite in Könitz abspielen, denn es ist sehr wahrscheinlich, daß die von den Vertheidigern des Maßloff und der Frau Roß eingelegte Revision vom Reichsgericht als begründet anerkannt werden wird. Als formaler Fehler wird die Unterlassung einer anderen Fragestellung betrachtet, die nach Ansicht der Vertheidigung hätte vorgesehen sein müssen für den Fall, daß von den Geschworenen nicht wissentlicher. sondern nur fahrlässiger Meineid für vorliegend erachtet wurde. — Wegen Beleidigung des Fteischermeisters H offmann in Könitz waren. wie f. Z. mitgetheilt, die Frauen Lindemann und Soldin in Könitz zu 200, beziehungsweise 1000 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Wegen der Höhe der Strafe legten die Verurtheilten Berufung ein. Die Strafkammer hat jetzt diese Strafen aus 100 beziehungslveise 300 Mark herabgesetzt. — Die Versetzung des Ersten Staatsanwalts S et t e g a st von Könitz nach Limburg a. d. Lahn ist, wie die „Dauz. Ztg." mitzutheileu in der Lage ist, erfolgt, nachdem Herr Settegast selber ausdrücklich den Wunsch nach einer Versetzung an amtlicher Stelle knudgegeben hatte. — Wegen Theilnahme au de»n s. Z. gegen die Inden gerichteten Krawall iu Czersk wurde am 3. d. M. in Könitz der Arbeiter Theophil Czerwiuski zu einem Jahre Gefängnis; verurtheilt. — In Grünberg i. Schl, starb im Alter von 72 Jahren der dortige Rabbiner Dr. Leop o l d S a m t e r. — In Homburg v. d. H. ist am 15. d. M. Herr Louis Lehmann, eines der angesehensten Gemeindemitglieder, ein alter und treuer Mitarbeiter der „Allgemeinen Zeitung des Judeuthums", im 72. Lebensjahre nach langen Leiden gestorben. Nekrolog folgt. — Dem Leiter der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover, Rabbiner Dr. Kn oller, ist der Titel „Direktor" verliehen worden. — Ein neuer Blutmordprozeß soll nach der „Nowoje Wremja" am 1. Dezember in W i l n a gegen den jüdischen Barbier Blondes zur Verhandlung kommen. Wie das genannte Blatt mittheilt, verübte Blondes im März d. I. einen „rituellen Mordversuch" gegen das Mädchen Vicenta Grudsiuskaja. Blondes und sein Komplize, beide maskirt, konnten jedoch das Ziel nicht erreichen, da Viücenta, nachdem ihr ein Schnitt am Halse bejgebracht worden war, noch so viel Kraft hatte, sich durch Hilferufe aus den Händen der Mörder zu retten. Der.wahre Sachverhalt ist natürlich ein anderer und wird durch den Prozeß hoffentlich festgestellt werden. — Die Judenkrawalle, welche vom 30. Juni bis 2. Juli in Odessa gewüthet haben, werden am 29. Januar vor den Odessaer Geschworenen ihre endgiltige Sühne finden. Angeklagt sind im ganzen 35 Personen, und zwar 29 Bauern und 6 Bürger, darunter merkwürdigerweise auch ein Jude und eine Jüdin. Die Anklage lautet auf Auslaus. Sachbeschädigung, Raub und Hausfriedensbruch ausReligions- und Rassenhaß. Daneben wird Herr Bürden im Namen zahlreicher geschädigter Judeil als Privatkläger Ersatzansprüche im Betrage von 400000 Rubel erheben. Die Verhandlungen, welche unter Ausschluß der Oeffentlichkeit geführt werden und fünf bis sechs Tage dauern sollen, werden unter Vorsitz des Herrn Ch. Witte, dem Bruder des russischen Finanzministers, stattfinden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. " - Verantwortlich für die Redaktion:' Max Bairchwitz in Berlin..

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