Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
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4 Jubiläum ihrer Lehrtätigkeit im Wiener Schulbezirke. Aus diesem Anlaß gingen der Jubilarin, die sich im Kreise ihrer Kollegen großer Beliebtheit erfreut, zahlreiche Kundgebungen der Werthschätzung zu. — Aul 5. November feiert Herr Albert S. Fischer, Direktor der Privat- Bildungsanstalt in Wien, einer der ersten Vorkämpfer für die Fröbelsache in Oesterreich, dessen Verdienste um das Kindergartenwesen durch Verleihung des goldenen Verdienstkrenzes mit der Krone und der großen goldenen Salvator-Medaille anerkannt wurden, seinen 70. Geburtstag. — Die Krakauer Staatsanwaltschaft hat die mit Genehmigung des Fürstbischofs Puzyna veröffentlichte Broschüre „Katholische Stimmen" wegen Aufreizung gegen die jüdische Religion mit Beschlag belegt. Die antisemitischen polnischen Blätter ziehen heftig gegen den Staatsanwalt Dolinski los, weil er ein Censurrecht gegenüber dem sürstbischöflichen Ordinariate, das also den Antisemitismus unter feine Schutzflügel genommeil, ausübe. — Hier ist Frau Anga v. Lieben, geb. Baron in Todeseo, im 54. Lebensjahre gestorben. Großbritannien. 1. London, 5. November. Der Board os Guardians hielt Ende v. M. llllter dem Vorsitze des Mr. Leonard L. Cohen eine Sitzung ab. Vom 1. Juili bis zum 24. September wurden vom Board 455 rumällische und 416 russische Juden in die eben verlassene Heimath zurückbefördert gegen 188 russische Inden in dem korrespondireilden Zeitrallln des Vorjahres. Eineil plansibeln Grlind für die verstärkte Einwanderung russischer Juden in London vermag Redller llicht zil erkellnen. Nebst der ökononlischeli Krise und der Hnngersnoth in Bessarabien inag vielleicht noch das ansteckende Beispiel der rumänischen Inden dazu beigetragen baben. Gegenwärtig hat die Einwanderullg rumänischer Juden in Loildon ausgehört, allein der Board hat noch mit den Nachwehen der Eniigration zil kämpfen, da lloch 200 Seelen aus Rußland und Rnmällien ihrer Repatriirung harreil. Durch die großell an ben Board gestellten Ansprüche ist das Defizit, welches schon im Juli die Höhe von 2400 Pflind Sterling erreicht hat, auf ca. 4200 Pfund Sterling gestiegen und lvird bis Ellde des Jahres vermuthlich noch lveiter steigell. Er richtet daher an die Mitglieder des Boards, welche mit der Besörderllllg der Flüchtlinge zu thull haben, die ernstliche Mahllung, sehr streng mit diesen zu verfahren und einen Th eil der Reisekosten ihnell selbst aufzuerlegeu. Die Einllahmen des Board betrugen für die 9 Monate 11 500 Pfund Sterling gegen 10 027 Pfnild Sterling für den gleichen Zeitrauni des Vorjahres und 8227 Pfund Sterliilg der ersten 9 Monate des Jahres 1898. Die Ausgaben betrugen 11028 Pfund Sterling gegell 8997 resp. 9074 Pfund Sterling der beiden Vorjahre. Dazu kommeil lloch die Verwaltnngskosten mit 2226 Pfund Sterling gegen 2122 nub 2071 Pfund Sterling der Jahre 1898 und 1899, so daß der Board im nächsten Jahre vorallssichtlich mit großen Geldschwierigkeiten zu känlpfeil haben wird. — Die Anglo Jewish Association hielt Ende v. M. ihre erste Moilatssitzullg llach ben Ferien ab. Zunächst erstattete Mr. Morris Cohen, Direktor der jüdischen Schllle zu Bagdad, Bericht über die Einwirkullg der von ihnl geleiteten Schule auf die dortigen Judell. Bei dieser Gelegenheit gab Mr. Cohen die Zahl der ill Bagdad wohllenden Juden auf 30 000 an und fügte hinzu, daß die jüdische Bevölkeruilg Bagdads dllrch beställdigen Znzllg aus Persien im raschen Wachsen begriffen ist. Daraus berichtete das Exekutivkomitee. daß es für die runlänischell und bessarabischen Juden 1800 Pfund Sterling gesammelt habe. Die Sammlungen für Bessarabien sind dalln auf Jllformation der Alliance als llicht mehr erforderlich eingestellt »vorden, lvährelld für Rnmällien weiter gesanluielt lvird. Mr. Henriques stellte darauf den Antrag, der Vorstalld der Allgto Jewish Associatioil möge dem englischen Auswärtigen Amte über die traurige Lage der Judeil in Rumäniell Bericht erstattell und dasselbe gleichzeitig ersuchen, bei der runlänischell Regierung dahin vorstellig zu lverden. daß allell Juden Rumäniells eildlich das Bürgerrecht verliehen werde. In Begründung seines Antrages erinnert Mr. Henriques zunächst an einen Ausspruch des Vorsitzenden Mr. Claride Montefiore, wonach die Lösling der rumänischen Judenfrage in Rnmällien selbst erfolgen müsse. Redner theilt zwar keilieswegs diese Ansicht, wenn aber das Schicksal der rumänischen Juden nicht außerhalb Rumäniens entschieden werdeil soll, so müßte doch in erster Reihe versucht werden, den rurnänischen Juden in Rnmällien das Bürgerrecht zu verschaffen. Im Unterhaufe hat Mr. Brodrick auf eine betreffende Anfrage erklärt, die Regierung Ihrer Majestät habe keine Beschwerde über Judenverfolgungell in Ruulänien erhalten und könne daher der rumällischen Negierung keine Vorstellungen machen. Die Anglo Jewish Association ist daher verpflichtet, die englische Regierung aufzuklären, widrigen Falls noch Jahre vergehen könnten, ohne daß Mr. Brodrick von den Mißhandlungen der Juden in Rumänien etwas erfährt. Mr. Schloß meinte, daß die Antwort Mr. Brodricks auf die Uuthätigkeit der englischen Juden ein trauriges Licht werfe. Mr. Nathan: Es gab eine Zeit, wo Bescheidenheit eine Zier war. heute heißt es aber männlich auszutreten ulld fest zuzngreifen! Die englischen Inden, welche volle Gleichberechtigung genießen, müssen zeigen, daß sie im Glücke auch ihrer minder glücklichen Brüder llicht vergessen. Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Von Nah und Fern. — Dem leitenden Arzte der innerell Abtheilnng des hiesigen jüdischen Krankenhauses, Sanitätsrath Dr. Julius Lazarus, ist der Professorentitel verliehell worden. — Der Kaiser hat dem frühereil Rabbiner der israelitischen Gemeinde Stargard i. P., Dr. W ol ss ohll jetzt in Berlin wohnend, ben Rothen Adlerorden 4. Klasse verliehen. — In Ca men ist der Neubau der Synagoge, der bis zur Kuppel fertig war, eillgestürzt. Meilschen wurden nicht verletzt. — In Bromberg wurde der Glasermeister Simon aus Bartschin wegeil Störullg des Gottesdienstes zll zwei Wochell Gesällgniß verurtheilt. — In Weil bürg läuten die Todtenglocken der evangelischen Kirche bei jeder Beerdigllng eines jüdischen Mitbürgers. Außerdem besitzen alle Kollfessionen gemeillsanl einen Leichenwagen. — Das erledigte Bezirksrabbinat Braun sbach wurde dem Verweser desselben. Dr. Jakob Berlillger. Sohn des bisherigen Rabbiners daselbst, übertragen. — In Nürnberg wurde ein in geheimer Magistrats" sitzung gefaßter Beschluß bekanllt gegebell. wonach die Allgelegenheit des Hilfsgeistlichen Wirth, der in der bekallnten Weise sich in der Volksschule über den Konitzer Mord allsgelassell hatte, allf sich berllhen bleiben soll. Wirth hat allerkannt. daß er Unrecht gethan hat uild sein Bedauern darüber ausgesprochen. —!Der Vorstand der Königlichen Israelitischen Oberkirchenbehörde, Ministerialrath v. Kern, wurde dieser Stelle enthoben und dieselbe dem Ministerialrath Dr. Habermaß übertragen. — Für die bevorstehende La n d t a g s w a h l in Württemberg hat die Volkspartei zwei jüdische Kalldidaten ausgestellt, in Cannstatt Rechtsanwalt Elsaß und in Göppillgell ben Fabrikanten Bernhard Gutman n. — Das berüchtigte ungarische Hetzblatt „Alkotmüny", das würdige Organ der „Schwarzen", verbreitete nlllängst schon zum zweitenlnal die Nachricht, daß in Erlau das Kreuz an einem Heiligellbilde wieder wahrscheinlich durch Juden verstümmelt wurde. Wie es sich null — was ganz natürlich ist — wieder herausgestellt hat, hat das saubere Blatt abermals ganz schamlos gelogen! — Der Oberstleutnant Salonlvn Gabriel Steiner in Debrezin ist zum Korpskommandanten in Trencsin ernannt worden. — Auf dem Rennplätze in Auteuil kam es während des Offiziersrennens, an welchem der jüdische Hauptmanll Coblentz theilnahm, zu lärmenden Kundgebungen mehrerer Hundert Nationalistell und Royalisten. Sie nnlringten Coblentz. als er sein Pferd bestieg - und stießen höhnische Rufe gegen ihll aus, die erst ein Ende nahmen, als der Offizier die Veranstalter der Kundgebungen zum Zweikampfe forderte. Die nationalistischen Blätter greifen den Kriegsminister an. weil er Coblelltz die Theilnahme all dem Rennen erlaubte, obwohl er habe wiffeil tonnen, daß dies Aergeruiß erregen werde. Es sei dies um so bedauerlicher, als der König der Belgier und die Großfürsten Wladimir und Alexis Zeugen dieser für die Armee peinlichen Szene gewesen seien.— III Dijon ist der Rabbiner M. A r o n, genannt Gerson, im 65. Lebellsjahre gestorben. Er hat mehrere historische Schristell, darunter auch eine Geschichte der Juden ill der Chanlpaglle, geschrieben und war Ritter der Ehrenlegioil. Ehre seinem Andenken! — Das englische Kolonialamt veröffentlicht die kölligliche Bestätigllllg der Erilennnng des Major Matthew Nathan vom Königlichen Jllgenieurregilnent zum Gouverneur der Goldküste als Nachfolger Frederic Mitchell Hodgsons. Nathail ist der erste jüdische Gouverneur. — Wegen der letzten Unruhen in Algier wurde der Redakteur des „Nntijuif", Mayence, zu drei Monaten Gefängniß verurtheilt. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.