Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1900)
- Date
- 1900-11-09
- Page
- Seite 535 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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535 salönngsvvllom Pathos, unterstützt von einem selten klangvollen, mächtigen Organ und einem packenden Vortrage, welcher durchweht ist von glühender Begeisterung für alle Ideale der Menschheit. Bei seiner strengen, traditionellen Lebensweise ist Leimdörfers Standpunkt doch ein entschieden liberaler, innige Religiosität, Toleranz und Frieden erstrebend zwischen den verschiedenen Glanbensrichtungen und Konfessionen. Von hinreißender Wirkung sind besonders seine patriotischen Reden, wie z. B. „National und religiös" zum 100. Geburtstage weil. Wilhelm I„ welche auch big Aufmerksamkeit hoher Persönlichkeiten, wie z. B. des Altreichskanzlers Fürsten Bismarck und des Generalfeldniarschalls Grafen Waldersee erregten. Diese ehrten Leinidörfer durch besondere Anerkennungsschreibe», und letzterer ließ die genannte Rede unter die israelitischen Soldaten des IX. Armeekorps vertheilen. Auch schon die Lektüre von Leimdörfers Predigtsainmlungen, wie z. B. die „Psalterklünge", „Das Leben ein Traum", „In schwerer Trübsalszeit" u. a. (es sind ca. 75 erschienen) giebt ein Bild von der Wahrheit unserer Charakteristik. Auch in der Gelehrtenwelt hat sich Leimdörfer als wissenjchastlicher Bibelforscher einen klangvollen Namen erworben. Seine Werke „Ecclesiastes in historischer Beleuchtung", „das Psalter-Ego" (mit einem Borivvrt des Professors Dr. H. C. Cornill von der theologischen Fakultät zu Breslau), „Zur Kritik des Buches Esther", „Die Lösung des Kohelethräthsels" (Oppert in Paris gewidmet) k. sind Gegenstand eingehender Studien der deutschen Gelehrtenwelt. Auf pädagogischem Gebiete ist Leimdörfer rastlos thätig. Seiner unermüdlichen Thätigkeit ist die Entstehung einer Religionsschule in Hamburg zu verdanken, für welche er auch zwei Lehrbücher für den Geschichts- und Religionsunterricht verfaßt hat, Schriften, die mehrere Austagen erlebt haben. Als Mensch haben ihm insbesondere seine Milde nnd Friedfertigkeit, seine Bescheidenheit und vor allem seine große Wohlthätigkeit in allen Schichten der Bevölkerung ohne Unterschied des Glaubens zahlreiche Freunde erworben. Um das letztere durch wenige Züge zu illustriren, darf man wohl daran erinnern, daß zur Zeit der Emigration der russischen Juden, denen der Hamburgische Staat derzeit den Exerzierschuppen zuin vorübergehenden Aufenthalt einräumte, Dr. Leimdörfer fast jeden Morgen mit seiner Frau, einer nahen Verwandten des Oxforder Bibliothekars Professor- Adolph Neubauer, sammt den Kindern, die Hände voll mit Trank, Speise. Kleidung und Geld bei den unglücklichen Opfern der Verfolgung erschienen. Ferner, daß znr Zeit der Choleraepidemie Leimdörfer sich vieler Familien in rührender Weise annahm und auch seitens der Stadtverwaltung als fürsorglicher Pfleger der hart heinigesuchten Familien thätiggewesenist. Aus feilte Allregung sind von Madame Fnrtado-Hcine (Paris) viele Arme mit Geldunterstützungen bedacht nnd manche humanitäre Institute von seiten seiner Gemeinde subventionirt ivorden, so z. B. u. a. auch die „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" in Berlin. Ihm verdankt der „Reichsverband der Deutsch-Israelitischen Lehrer" einen Fond von 75000 Mark, welchen eine reiche Hamburger Dame auf seine Fürsprache dem genannte» Verbände übergeben hat. Doch genug hiervon; es sollen ja nur einige dürftige Daten von der echt seelsorgerischen Wirksamkeit des geriannten Predigers hier einen bescheidenen Platz finden, dem wir aus vollem Herzen noch eine lange und gedeihliche Wirksamkeit wünschen. Aus dem amerikanischen Israel. Von Professor Dr. G. Deutsch. V. ie Herbeiführung einer engeren Verbindung zwischen Logen und Gemeinden scheint nicht viel Aussicht auf Verwirklichung zu haben. Die Logen, deren es, so viel ich weiß, fünf giebt. die Beile Berith, Berith Abraham, Free Sons of Israel, Sons of Benjamin und Kescher schel Barzel, sind im Niedergange. Sowohl die Zahl der Mitglieder als deren Theilnahme an dem Vereinsleben scheillt dahin zu deuten. Vor Jahren, als dem aus Polizeistaaten herüberkommenden Einwanderer das freie Vereinsleben fremd war, waren die Logen ein erziehlicher Faktor; heute sind ihre hunianitären Zwecke der einzige Faktor, der ihnen Leben giebt, und in dieser Richtung haben sie die Konkurrenz anderer Organisationen auszuhalten.') Voll allderen Geschäften der Konventioll dürfte die nochmalige Berathullg der Mittel zur Hebung des Sukkothfestes und die Aufstellung einer Prinzipiellerklärung des modernen Judenthums für weitere Kreise von Interesse sein. Herr Dr. Harris aus New-Iork, der die Frage angeregt hat, will ein lieues Ritual für das Fest ausarbeiten, um es als Kinderfest zu beleben. Mit dem Chanukkafeste ist es dem Reformjudenthum ohne Zweifel gelungen; der Erfolg eines anderen Experiments steht abzuwarten. Zur Verlesung des umfangreichen Berichtes des Kolnitees zur Ausarbeitung der Prinzipien des Judenthums kam es nicht wegen Kürze der Zeit. Derselbe wird gedruckt und soll die Grundlage der Berathung für die Sitzung des nächsten Jahres bilden. Ich kann so viel davorr mittheilen, daß er vor unjüdischen und unmoderneil Experimenten warnt und die Aufstellullg einer auf der Basis historischer Entwicklung des jüdischen Gedallkells beruhenden Erklärung fordert. Ein besonderes Jllteresse verliehen der diesjährigen Sitzung zlvei gründlich gearbeitete ulld interessante Vorträge. Herr Dr. Rudolf Großnlann aus New-Pork sprach über den Rabbiller als Gelehrten und vertheidigte die herkömmliche Anschauung,! daß der Rabbiller ein gründlich geschulter theologischer Fachnlann seiil solle. Das ist llicht so überflüssig, als es scheinen mag, deiln auch innerhalb des amerikanischen Judenthllms wie innerhalb der fashionabeln Kirche gilt die Fähigkeit, über die Lösung des Negerproblems, über Lohllkanlpf, Turnunterj rieht und städtische Verwaltung auf Grund von Zeitschriftell und ähnlichen Quellen zu sprechen, ulehr als solide theologische Bildung. Der Gelehrte ist heute in New-Hork ebenso diskredirt als der „Pne Jehoschua" in Berlin. Eine sehr tüchtige Leistung war der Vortrag des jungen Rabbiners Hymall G. Enelow ans Padueah, Kentucky, über die Synode. Er war interessallt als eine Probe des wissenschaftlichell Interesses in der jungen Rabbinergeneration mib als ein Spezimen der in diesell Kreisen sich verbreitenden konservativen Gesinllung. Während die neuere Forschung die große Synode als eine dogulatische Fiktioll späterer Zeit ansieht, bleibt Ellelow bei dem alten Schema stehell, welches Propheten, Sopherim, Synode xuib Sanhedrin in ununteri) Nach unseren zuverlässigen Informationen sind die Bne Brüh- Aogen in Amerika in letzter Zeit nicht nur nicht znrttckgegangen. sondern sie haben sich sogar wesentlich gehoben. Die Red.